Ich kann nicht ins MRT, Frau Doktor…

13 02 2017

„Nein, ich kann nicht ins MRT, Frau Doktor. Das geht nicht. Ich krieg das nicht hin. Ich hab solche ANGST… wenn ich das schön höre. Wie die Bomben damals. Und man konnte nichts sehen, nur den Rauch und den Feuerschein.“ Tränen rollen über ihr Gesicht, ihre Lippen zittern. „Verstehen Sie, ich seh das alles wieder vor mir. Und immer wenn das im Fernsehen kommt, ich kann mir sowas nicht ansehen, ich hab das dann alles wieder vor Augen. Und das ist doch eng, oder?“
„ja, das ist es.“
„Ich war eingeschlossen, ich weiß nicht wie lange, bis sie uns rausgeholt haben.“
„Sie waren verschüttet?“
„Ja. Ich war vierzehn. Ein Flüchtlingskind. Es waren so viele…“

„Sie müssen nicht ins MRT. Wir versuchen, das anders herauszubekommen.“
„Oh da bin ich so froh.“ Sie lächelt das erste Mal in unserem Gespräch. Die Augen schimmern noch von den Tränen.

Sie schläft nachts nur, wenn irgendwo ein Licht an ist oder die Tür zum Stationsflur auf. Sie schaltet die Nachrichten weg, wenn es um Krieg, Verschüttete oder Flüchtlinge geht, weil sie es nicht aushält. Jetzt wo sie älter geworden ist und so viel in den Medien kommt, erinnert sie sich öfter daran. Daran wie es war als vierzehnjähriges Mädchen während der Bombennächte in Dresden auf dem Weg zu Verwandten irgendwo in Deutschland.

Das ist jetzt zwei drei Jahre her als ich dieses Gespräch mit der netten kleinen älteren Dame führte. Ich sehe sie noch vor mir in ihrem langen Nachthemd mit den Spitzenabsätzen und dem Morgenmantel darüber. Ihren Mann, der ebenfalls sehr nett war. Ich musste vorhin daran denken, als ich die Menschenkette in der Tagesschau sah zu den Gedenkfeiern in Dresden.
Sie ist nicht allein. Solche biographischen Erinnerungen habe ich bereits von vielen Patienten gehört. Es macht mich betroffen, erschüttert mich, es lässt mich an meine eigenen Großeltern denken. Sie erinnern sich alle, manche mehr, manche wollen es auch nicht. Aber es hat bei allen Spuren hinterlassen. Die Frage ist nicht, wer Schuld an allem war. Die Frage ist, wie wir alle verhindern können, dass so etwas noch einmal passiert.

Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen.
Ein Satz, den ich als DDR-Kind lernte. Ein Satz der niemals als Wahrheit, Aktualität und Wichtigkeit verlieren wird.

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3 responses

14 02 2017
Peter

Ja, Wahnsinn. Mein Vater ist Jahrgang 1930, hat den 2. Weltkrieg also ähnlich wie deine Patientin als Kind/Jugendlicher miterlebt. Und ganz ähnlich – er braucht nachts ein Nachtlicht im Zimmer, und seine Zimmertür (er ist im Pflegeheim) muss (zumindest wenn er alleine ist) stets geöffnet sein, sonst dreht er durch. Und immer wieder kommen seine Kriegserinnerungen hoch, und dann hat er furchtbar Angst und es geht ihm schlecht.
Bis vor einigen Jahren dachte ich eigentlich so unter dem Motto „Zeit heilt alle Wunden“, dass seine Kriegserlebnisse nach Jahrzehnten längst verarbeitet waren. Er konnte sachlich über seine Kriegserlebnisse berichten. Er hatte nach dem Krieg ein schönes, glückliches Leben. Aber nein, die Kriegserlebnisse müssen sich ganz furchtbar tief in seine kleine Seele eingebrannt haben und geben da keine Ruhe.
Fragt man meinen Vater nach seinen Wünschen, dann sagt er, er habe genau einen Wunsch, und er wisse leider, dass der kaum unerfüllbar ist – er wünscht sich einfach nur Frieden für die gesamte Menschheit.

15 02 2017
Caddy

ich kenne es etwas anders, bei einer inzwischen verstorbene Bewohnerin.. Über Nacht ist ganz viel Schnee gefallen… alles Weiß und knie hoch… Sie kommt morgens zum Frühstück und sieht den Schnee… Schlagartig Panik in den Augen und die schreit „die Russen kommen, die Russen kommen…“ Sie hat dann den ganzen Tag in ihrem Zimmer verbracht… Ich habe so etwas noch nie gesehen und ich wusste dann ganz genau, was ihr alles passiert sein musste… Diese Generation stirbt langsam aber sicher aus… und damit diese Erinnerung… die kaum erzählt wurden….

16 02 2017
stuttgarterapothekerin

Ich bin nicht in der DDR aufgewachsen, aber meine Eltern haben mir auch den Satz bzw. die dazugehörige Haltung/Meinung vermittelt.

Ich unterschreibe Deinen Satz voll und ganz und ergänze: Es gibt nichts wichtigeres als Frieden!

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