It’s Time For A Revolution…

14 01 2018

Ich erlebe derzeit durch Kollegenkinder vieles quasi noch einmal, was ich in meinem Leben längst hinter mir ließ. Zum Beispiel Sportunterricht.
Bevor ihr weiterlest: ich möchte niemandem zu nahe treten, der im Lehramt steht. Wer empfindlich für Kritik ist, liest besser nicht weiter.
Was war Sportunterricht früher in der DDR? Förderung der Sportskanonen, Regelmäßige Sichtung durch Jugendtrainer, auslachen und (wie man heute sagt) dissen durch den Lehrer oder auch gerne mal der Lächerlichkeit preisgeben. Gelogen? Nee, eigene Erfahrung. Ich war eins von den Looserkindern. Ich beherrschte nur eins gut: alles mit Bällen und werfen, besser als die meisten Jungs. Was machten wir? Leichtathletik und Geräteturnen. Wie lief Leichtathletik ab? 30 Kinder warteten am Anlauf für die weitsprunggrube und kamen genau 2x zum Springen in der ganzen Stunde, der zweite Sprung war dann die Note. Versaut? Pech gehabt. 60 oder 100 m Lauf das gleiche. Wenn die Lehrer im Hochsommer bei 30 grad keinen Bock hatten, dann ließen sie uns mittags um zwei in der größten Hitze 1000 m Lauf machen. Wenn in der Turnhalle 3 Klassen waren, weil es so geplant war, dann musste eine rausgehen. Im Regen. Oder bei Frost. Egal. Gelobt sei was hart macht. Geräteturnen habe ich auch noch böse Erinnerungen… ein Lehrer kann nicht überall sein und sicherungsstellung machen. Es machten Kinder gleichen Alters aus der Klasse. Ja es gab Unfälle und Verletzungen.
Wie lief Sport nach der Wende ab? Genauso. Es hatte sich nichts geändert. Ich erinnere mich an zwei engagierte Lehrerinnen, eine hatte ich in der zweiten, die an mich glaubte und plötzlich hatte das Looserkind ein Sportabzeichen geschafft und das ohne Probleme. Leider wurde sie schwanger. Im nächsten Jahr hatte ich wieder jemanden, der mich auslachte. Die andere Lehrerin begleitete mich in manchen Klassenstufen auf dem Gymnasium, leider nicht immer. Das war die einzige, die über den Tellerrand hinaussah. Die es als Auftrag verstand. Die sich hinstellte und was über Physiologie erzählte oder Hebel in den Gelenken. Oder auch die erste, die sich mit einem Haufen Teenager hinsetzte und statt Sport Aufklärungsunterricht machte am Lehrplan vorbei. Ansonsten endete vieles in Rumstehen, frieren, Hitzekollaps diverser Jugendlicher in praller Sonne, kopfplatzwunden, Knochenbrüchen, Prellungen, auch ich musste was einstecken davon, und einer Notenbewertung, die ich ungerecht empfand. Beim Geräteturnen zum Beispiel. Zusammengefasst bleibt unterm Strich eine Menge Frustration und die Erkenntnis das Sport keinen Spaß macht.
So wie bei Hunderttausenden anderen Menschen in diesem Kand auch. Die AG Sport der DDG sagte auf einem Kongress mal, dass dies die Grundlage ist, warum man viele Menschen ihr Leben lang nicht mehr für Sport begeistern kann – diese frühen und tief sitzenden frustrationserlebnisse.
Als ich hörte, wie der Sportunterricht heute abläuft – ungefähr 20 Jahre später – stellte ich fest: alles beim Alten. Nix ist anders. Was ist das Resultat? Generationen, mit Hunderttausenden Menschen, die keine Freude am Sport empfinden können. Generationen, die nicht wissen was rückengerechtes Verhalten ist, die keine Ahnung von gesunder Ernährung haben und Teenager, die immer noch darauf angewiesen sind, dass aufklärungsunterricht etc. von Vereinen ehrenamtlich gemacht wird an Schulen wie z.B. Projekten von Medizinstudenten (an meiner Uni hieß es „Mit Sicherheit Verliebt“.) und wir haben Millionen im Land, die sich nicht trauen erste Hilfe zu leisten zum Beispiel bei Sportunfällen, weil sie einmalig in ihrem Leben einen Nachmittag für den Führerschein abgesessen haben und das war es.
Wozu also diesen falschen Weg weitergehen? Es ist Zeit für eine Revolution. Lasst uns diesen unsinnigen Sportunterricht in der herkömmlichen Form abschaffen, denn er bringt nichts für die Kinder und Jugendlichen. Und was schlägt Assistenzarzt stattdessen vor? Einen Sport- und Gesundheitsunterricht. Inhalte: Rückenschule und zwar jede Woche mit 30 min. Würde uns langfristig Milliarden im Gesundheitswesen sparen. Gesunde Ernährung mit Kochen, erklärt von Profis, die für Kinder ausgebildet sind. Gesundheitslehre mit Erste Hilfe Kurs in der 8. Klasse parallel zum Biounterricht und Aufklärungsunterricht beginnend ab der ersten Klasse, um Themen wie Sexuelle Identität, Respekt vor dem anderen, Missbrauchsprävention etc. von Anfang an altersgerecht zu vermitteln. Und Sport mit der Möglichkeit etliche verschiedene Sportarten auszuprobieren und dem Ziel Kindern Spaß an der Bewegung zu vermitteln, Teamfähigkeit aufzubauen, Regeln einzuhalten und sich darauf zu freuen, etwas zu tun, was man kann und das Selbstbewusstsein zu stärken, Selbstwirksamkeit zu erfahren und zu erleben, wie gut es tut, aktiv zu sein. Das geht aber nicht mit Noten für etwas, das man einen Tag im Jahr zweimal in 45 min macht und nicht mal eine Anleitung bekommt.

Was brauchen wir dafür? Sportlehrer, die auch rückenschule beherrschen, statt nur Zeiten stoppen oder die Sprunglatte rauflegen. Ernährungsberater, Rettungsdienstler und Ärzte, die an Schulen Unterricht geben dürfen, Profis, die Aufklärungsunterricht gestalten. Es funktioniert nur, wenn der Staat bzw. die Länder bereit sind, in die Zukunft zu investieren und Geld auszugeben, damit wir später im Gesundheitswesen Milliarden einsparen können und wenn Lehrer und Gesetzgeber bereit sind, so einen Weg mitzugehen und niemand schreit, weil er glaubt, es wird an seinem Stuhl gesägt. Das Leben ist nicht so wie der Sportunterricht. Hat mal jemand die Jugendlichen in der Praxis gesehen? Wenn sie nicht gerade im Sportverein trainieren (und oftmals selbst dann) haben sie keine vernünftige Haltemuskulatur mehr, sie wissen kaum etwas über erste Hilfe im Notfall oder gesunde Ernährung. Sie wirken hilflos bei diesen Themen, wenn sie mit Rückenschmerzen kommen oder übergewichtig sind oder Eisenmangel haben, weil Veggie hip ist, aber sie keine Ahnung von Hintergrundwissen haben. Es ist nicht so, dass es sie nicht interessiert, sie hatten nur niemanden der ihnen sowas erklärt. Sollte die Schule nicht eigentlich fit für das Leben machen? Die Dinosaurier hat die Evolution aussterben lassen, weil es bessere Modelle gibt, beim Sportunterricht sollte das gleiche passieren. It’s Time For A Revolution…

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5 responses

14 01 2018
Peter

Mensch, Du sprichst mir voll aus der Seele! Mich (mittlerweile Ü50) hat – sehr lang ist es her – der Sportunterricht geradezu traumatisiert. Übrigens im Westen. Ich war als Kind – und bin es heute noch – übergewichtig und wurde dann gerne vor allen lächerlich gemacht und bloß gestellt. Das hat mir gar nicht geholfen, hat mich höchstens zum Frustfressen gebracht und es schwer gemacht, Freunde zu finden (ich habe allerdings damals durchaus (sehr wenige) echte Freunde gefunden, die heute noch Freunde sind). Mein einziges Glück war, dass ich in der Schule in anderen Fächern sehr gut war. Wäre das nicht gewesen, wäre ich heute möglicherweise ein Psycho. Praktische Dinge – beispielsweise wie ich richtig und rückenschonend schwere Sachen hebe – habe ich erst mit 25 oder so gelernt, nicht in der Schule. Ich bin froh, dass ich von meinen Eltern sehr viel in Sachen Erste Hilfe/Umgang mit einfachen Krankheiten gelernt habe und daher nicht gleich in die Notaufnahme rennen muss, wenn die Nase läuft oder ich eine einfache, oberflächliche Verletzung habe. Eine Art Gesundheitsunterricht in der Schule wäre wirklich wichtig!

14 01 2018
N. Aunyn

Mit dem gleichen Tenor hat Christine vom Mama-arbeitet-Blog zu den Bundesjugendspielen geschrieben und seinerzeit eine Petition gestartet:
https://mama-arbeitet.de/standpunkt/bundesjugendspiele-abschaffen-petition-gestartet

Im Westen war es auch nicht besser mit dem Sportunterricht – nur daß wir nicht bei Wind und Wetter raus mußten, weil drei Klassen zu viel für die Turnhalle waren.

14 01 2018
Assistenzarzt

Danke für den Hinweis. In mir keimen gerade verschüttete = verdrängte Erinnerungen an die schulsportfeste auf. Prinzip das gleiche wie bei den Bundesjugendspielen. Leider waren die Ergebnisse nicht nur Demütigung für Looserkinder wie mich sondern auch Noten. Unvorstellbar war für mich damals je besser zu sein als Versager. Dann kam die Abistufe, wählbare Sportarten, ich hatte nur Einsen und Zweien, galt als Wunder für meine Sportlehrer wegen der grandiosen Zensurensprünge, was ich mit einem: „Endlich darf ich mal machen, was ich kann und wo mein Körper für gebaut ist.“ Kommentierte. Nein, ich würde nie freiwillig in ein Fitnessstudio gehen, jedenfalls nicht allein. Freizeitsport kann ich mir vorstellen im Verein, sofern keine Wettkämpfe oder Vergleiche anstehen. Ich finde Kollegen, die ständig laufen gehen oder Triathlon machen oder sowas irgendwie kaputt im Kopf und behandlungsbedürftig in meinem Weltbild, die mich andersrum wohl auch.

15 01 2018
stuttgarterapothekerin

Meine Rede seit achtzehndrölfzig, jeder Euro für Gesundheitsunterricht spart sich später zigmal!

8 02 2018
Jan

Hey alle miteinander!
Hab gerade deinen Text gelesen und ich erkenne vieles wieder. Ich hab während der Schulzeit Boxen , Skaten und Motocross gemacht. Ich gehörte während der Schulzeit auch zu den stärksten und kräftigsten in der Klasse. Ich war nur ziemlich langsam und gerade wenn es uns laufen ging auch einer derer die dann meistens recht weit hinten waren. Dafür hab ich mir immer allerhand Blödsinn und alberne Namen für geben lassen müssen. Auch vom Lehrer. Ich hätte einen Sportlehrer der wirklich in Ordnung war und sich zumindest bemühte den Sport etwas attraktiver zu machen aber ich merke heute das dass vieles verdorben hat. Ich hatte mich mal in einem Fittnessstudio angemeldet allerdings stellte ich schnell fest das mir das nichts ist.
Der Lehrer als ich 14 war war auch schlimm. Das war ein richtiger Widerling. Flog später auch raus weil er seine Griffel nicht von einer Schülerin gelassen hat.
Er hatte einen Kasernenhofton drauf das einem nach ner Doppelstunde die Ohren geblutet haben.
Er hatte auch die nervige Angewohnheit einmal halbjährig den Coopertest zu machen. Für mich als passionierter Läufer *Haha* also genau mein Ding. Ich versagte jedes mal gnadenlos und kam immer als letzter ins Ziel. Erstens stellte er die schlechtesten 3 bloß (was ausserdem zur Folge hatte das ein übergewichtiges Mädchen aus unserer Klasse in Zukunft sich ein Attest hat geben lassen weil sie ohnehin schon kein leichtes Leben in unserer Klasse hatte) und zweitens floss die Leistung beim Coopertest zu 50 Prozent in die Halbjahresnote mit ein. Echt toll…. Ich fand es unfair für diejenigen die sich mit laufen und Leichtathletik schwer taten zumal mal man dann meistens auch keine Chance mehr hatte seine Note noch zu verbessern. Ich kam regelmäßig zu Hause in Erklärungsnot und musste mich auch immer rechtfertigen für schlechte Noten in Sport. Als ich mit 15 dann eine schwere Verletzung am Bein hatte hatte sich das dann aber zum Glück erledigt und ich musste bis zum Abschluss nicht mehr wirklich am Unterricht teilnehmen. Sogar nen kaputtes Bein hat manchmal sein gutes 😉
Und wenn ich mir heute die Sportskanonen von damals angucke…. offenbar hatten sie nichts anderes denn keiner von denen hat es wirklich weit gebracht

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