Olfaktorische Herausforderungen

2 02 2018

Die Nase ist, sofern nicht verstopft, eines der Dinge, das die Natur erfunden hat, um uns vor Gefahren zu warnen oder schöne Gerüche genießen zu lassen.
Jetzt kommen wir mal auf den täglichen Einsatz in der Arztpraxis… ich war schon in den Vorlesungen kein Fan davon, wenn die alten Hochschullehrer, die noch alles mit Händen könnten statt Technik, davon schwärmten, wie man am Geruch die Krankheit erkennen kann. Ich ahnte wohl damals schon, dass nicht nur Gutes damit verbunden ist. Jedem in der Branche fallen wohl sofort Momente ein, in denen er sich wünschte, eine Nasenklammer zu haben oder einen Schalter mit dem man den Geruchssinn mal kurz abschalten kann…gefühlt mir spontan tausende Geschichten…
Ich kann und will einfach nicht verstehen, was manche Patienten uns zumuten, also Schwestern, Ärzten und MFAs. Ich mein hier ganz klar nicht diejenigen, die verschwitzt von der Arbeit kommen oder von Arbeit, Garten, sonstwo in die Notaufnahme gebracht werden. Ich meine die, die geplant zum Arzt gehen. Die wissen, dass sie untersucht werden. Ich für meinen Teil wasche mich, benutze Deo vom Drogeriediscounter und ziehe gewaschene Sachen an. Viele unserer Patienten auch. Viele aber auch nicht…
Da soll man Köpfe untersuchen und fragt sich, wann überhaupt mal die letzte Zeit die Haare gewaschen wurden. An gelbe ungepflegte Bärte, Atemluft nach frisch konsumierten Zigaretten, kaltem Rauch und Alkohol, Knoblauch, Kräuterlikör etc. kann ich mich als normalzustand nicht gewöhnen. Denn ich finde es nicht normal, dass man bevor man in die Praxis kommt, nochmal kräftig eine Zigarette durchzieht und dann an der Anmeldung erstmal die MFA fast mit der Ausatemluft des letzten Zuges beim Wort „Guten Tag…“ (auch noch ein A-Laut mit besonders viel Aroma) zum kotzen bringt und anschließend im Arztzimmer so ein Klima verbreitet, dass umgehend gelüftet werden muss, weil die Luft dem nachfolgenden Patienten nicht zugemutet werden kann.
Es bleibt bei der Untersuchung auch nicht verborgen, wenn man Zähneputzen für eine Erfindung der Industrie hält, um Geld zu verdienen und man sich diesem konsequent widersetzt. Wenn man das ein paar mal am Tag erlebt, fragt man sich, warum es so viele sind und freut sich, dass man weder Zahnarzt noch Anästhesist geworden ist.
Wenn ich dann Pullover oder Hemden sehe, die eingetrocknete Flecken haben, denke ich oft, oh armer Pechvogel. Kann einem selbst passieren. Aber wenn die unterschiedliche Farben haben und derjenige auch noch nach altem Schweiß riecht, dann weiß man, dass die Sachen nicht gewaschen werden.
Auch Unterhemden mit Kaffeeflecken oder Bierflecken auf der Brust, riesigen Löchern drin oder Flecken weiter unten, sind nicht besonders schön.
Unangenehm wird es wenn man die Schulter untersucht oder sich der Patient auszieht und die Arme anhebt und es kommen Wolken von Schweiß, altem Schweiß hervor, dass es einen würgt. Ich finde, selbst wenn man arm ist oder in sozial schlechten Verhältnissen lebt oder aber jung ist und von zuhause ausgezogen, dann sind Seife und Wasser und ne Flasche Deo für nen Euro das Stück zu haben und billiger als ne Packung Zigaretten. Und hält länger. Also meine Eltern haben mir beigebracht, nicht ungewaschen zum Arzt zu gehen. Ich kenne das noch von den Großeltern, da wurde gewaschen und die guten Sachen rausgeholt wenns in die Stadt ging zum Doktor, was sollten sonst die Leute sagen?! Erinnert ihr euch an Michel in der Suppenschüssel? Was machte Michels Mutter bevor man zum Doktor nach Marielund aufbrach?
Das Kapitel um die Lendenregion spare ich mal aus, sonst kriegen einige empfindliche Herpes wenn sie das lesen. Aber Gyn und Urologie sind auch keine leichten Fächer.
Oft riechen sie auch nach Tieren, meist Hund, haben die Hundehaare überall, muss unangenehm sein im Wartezimmer, wenn der daneben auch gleich Fifis Haare auf der Hose hat. Und irgendwo klebt dann oft auch Hundesabber, also getrocknete.
Und das Thema Füße… naja, viele leiden unter Fußschweiß. Kann man nix machen. Aber gegen Socken, die so dreckig und getragen sind, dass man sich für die Untersuchung fast einen Trennschleifer vom Hausmeister holen muss, damit sie vom Fuß kommen. Und ungewaschene Füße wenn man mit Problemen an den Beinen zum Doktor geht sind für den Arzt eine Zumutung. Ich habe neulich einen Befund bekommen aus der Gastroenterologie von einer endoskopischen Untersuchung. Selbige fand nicht statt, man brach ab, weil das Personal den massiven Geruch der Füße nicht aushielt und unter aufkommendem Würgereiz litt. Der Patient darf gerne wieder kommen, wenn er gewaschen ist und saubere Socken anhat. Als er neulich bei mir war, tja wie sollte man das Thema höflich besprechen? Irgendwie habe ich es geschafft.
Ich leide ja immer unter fremdschämen, mir ist es peinlich jemand anderem zu sagen, Wasch dich! wenn er Patient ist und behandelt werden möchte. Meine Schwestern sind da nicht so zimperlich. O-Ton z.B. „Beim nächsten mal aber frisch gewaschen und geschniegelt und gebügelt.“ (Höfliche Version) oder „Sie brauchen erst wiederkommen, wenn Sie gelernt haben, wozu Wasser und Seife da sind!“ (Die etwas härtere Version) oder „Sie riechen ziemlich stark, finden Sie das nicht eine Zumutung für alle anderen?“ (Die direkte Version) etc.
Und welche Leute sind das, die so bei uns ankommen in der Praxis? man glaubt es kaum – junge Leute Anfang 20, männlich und weiblich (ja echt), unter 40, über 40, unterer sozialer Status, mittlerer sozialer Status, leider auch Klischeehaft Menschen mit Alkoholproblem, alte Leute, die niemanden haben, der sich kümmert (was mir dann immer leid tut, aber nicht jeder will sich helfen lassen).
Was ich mir wünsche? – Die Rückkehr zu ein paar alten Werten, wie die Sitte gewaschen und mit sauberen Sachen zum Arzt zu gehen. Egal wieviel Geld man hat, aber das sollte jeder sich selbst doch Wert sein, Seife, Deo und ein Satz gute Unterwäsche und ein sauberes T Shirt wenn man zum Doktor muss. Und irgendwo ist es auch der Respekt gegenüber den Behandlern, egal ob Schwestern, Pfleger, Ärzte, Physiotherapeuten, Zahnärzte etc., dass man ihnen nicht zumutet, ihnen mit einer Mischung aus Schweiß, Tiergeruch und Zigaretten gegenüber zu treten.

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