Oberarzt in Wurstpelle

23 06 2020

Sehe gerade Ladys Night… als die Rede von Männern in Radlerfunktionskleidung ist, da war es wieder. FLASHBACKS. An meine Klinikzeit… einer der Oberärzte, der mir das Leben schwer machte, hatte auch die Krankheit, die sie alle kriegen in Führungspositionen… Midlifecrisis auf Akademisch. Der normale Mensch lässt sich dann beim Hausarzt durchchecken, ernährt sich eine zeitlang gesund und kehrt dann zum üblichen Vorgehen zurück. Entweder lässt er sich scheiden oder macht mit seiner Frau endlich alle Reisen, die man wegen der Kinder, die endlich (!) aus dem Haus sind, nicht machen konnte… wäre sonst zu teuer geworden mit vier Mann nach Bali oder auf die Seychellen…
Akademiker dagegen schaffen das nicht. Meistens jedenfalls. Sie gehen andere Wege, zum Beispiel zum Yoga für Männer, Tango oder Salsa Kurs mit der Gattin, kaufen sich eine 50000 Euro teure Maschine von Harley Davidson, das Kind kann ja endlich mal jobben neben dem Studium, oder noch schlimmer: sie beginnen Ausdauersport. Laufen und Radfahren.

WARUM???

Klares Statement von welchen, die ich mal vorsichtig gefragt hab: Fußball ist zu banal, das ist was für Normale oder die Assistenzärzte… Tennis sind die Regeln zu kompliziert und um gut zu sein, muss man früher anfangen. Golf… da hat man wohl Angst sich zu blamieren und das wäre zu versnobt und für alte Leute… aber Ausdauersport… das ist was für Helden. Helden die sich durchbeißen, hart sind auch bei 30 Grad, die ihren Körper quälen können und die diese Tugenden auch mit in den Alltag nehmen. Dazu gehört Askese. Vegane Ernährung, Fastenzeit, Disziplin, Härte gegen sich selbst. Auch alles Sachen, mit denen man in den Visiten angibt, die man vehement von seinen Untergebenen verlangt, wenn sie nach 24 Stunden Dienst tatsächlich anfangen zu schwächeln und nach Hause wollen statt den Bericht des Wochenendes mit sämtlichen Trainingszeiten oder Beschreibungen der einzelnen Kilometer des Stadtmarathons oder der Seenplattenrundfahrt zu hören… Wobei man selbst als Oberarzt ja nur noch Hintergrunddienste in der Oberarztdienstgruppe macht, wo bei den Internisten sowieso nur einer anruft, wenn die Klinik kurz vor dem Einsturz steht oder ein VIP des Stadtparlaments oder der lokalen Wirtschaft eingeliefert wird. Was selten passiert.
Und eins gehört noch zwingend dazu: das passende Styling. Eine Jogginghose ist was für Assis. Unter Niveau. Da muss diese hautenge Funktionslaufkleidung her… mit Markennamen und Handyhalterung für den Oberarm und eingebautem Navi… kann ja sein, das man sich in der Nachbarschaft verirrt… oder diese maximal eng anliegenden Radlerhosen mit Polsterung für den männlichen Dammbereich zur Verhinderung von Dysfunktion sowieso kaum noch genutzter Körperteile…
… wenn du dann diesen maximal mageren Veganer in Synthetikpelle gesehen hast, die so schonungslos ehrlich ist, wie sein Besitzer nie war und nie sein wird… und das so früh morgens noch gerade so im Dienst und hundemüde und kurz vor der Phase mit den Wahrnehmungsstörungen… und dem sein Dammpolster in der Radler größer ist, als das was es eigentlich schützen soll… und du schon denkst, schade, dass ich das Handy nicht draußen hatte… und dieser alternde hagere Körper gefühlt 10 Jahre älter wirkt als er sein sollte, weil nichts an Kittel mehr da ist, was es kaschiert… ja, dann fällt es einem nachher wesentlich leichter, das Gesülze über Disziplin, Askese, Training und maximal gesundes Leben in der Visite zu ertragen, das ein ewig gut ausgeruhter Vorgesetzer ohne Verpflichtung zu 24 Stunden Diensten da von sich gibt… und du denkst dann immer nur wie Sch… das im Fahrstuhl morgens ausgesehen hat und wie das wohl klappert wenn er mit dem Rad über Kopfsteinpflaster einheimischer Straßen holpert…

Und jetzt einige Jahre später… immer wenn ich diese radfahrenden Midlifecrisis Männer sehe, dann hoffe ich dass nicht plötzlich neben mir einer HALLÖCHEN ruft und mir die Streckenkilometer beschreibt… und ich diese Flashback-Bilder irgendwann wieder verdrängen kann…


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23 06 2020
itayiriki

Naiverweise hätte ich gedacht, dass all die Herren ab 40+, die man Draußen in ihrer Funktionskleidung so rumlaufen oder rumfahren sieht, ihre Sportarten aus ähnlichen Gründen wie ich selbst mache: Weil es viele positive Effekte auf den Körper hat, u.a. hilft abzuschalten und irgendwie Spaß aus sich heraus macht.

Den Typus, den du da beschreibst, finde ich auch reichlich unsympathisch und (zu) perfekt-verbissen.

Möglicherweise steckt bei mir aber auch einfach ein gutes Stück Neid dahinter, da ich deren sportliche Disziplin und Energie durchaus bewundernswert finde und mir wünschte, ich hätte mehr davon.
Das gilt ganz besonders, wenn ich mal wieder mit Ach und Krach und vielen Pausen meine übliche „Intervall-Laufrunde“ in den Feldern und Wäldern hier unternehme.
(IdR mag ich mich dabei eher nicht so körperbetont anziehen und ziehe eher weite Sporthosen an oder über die Tights noch eine weitere Hose, wenn es nicht gerade sehr warm ist. … Das liegt auch daran, dass ich ein sehr wechselndes Temperaturempfinden habe und lieber etwas schwitze, als zu frieren.)

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