Impflücken so groß wie ein Fjord

16 02 2017

Manchmal wundere ich mich über Dinge in der Welt, weil sie so sind wie sie sind. In MV haben wir deutschlandweit mit die besten Impfquoten, was sich auch in Erkrankungszahlen für impfpräventable Erkrankungen zeigt.
Und doch, es gibt sie zuhauf (und wenn ich das viel finde, dann muss es in anderen Bundesländern ja noch schlimmer sein…) – Leute mit Impflücken so groß wie Canyons. Und das wo wir derzeit so Probleme mit der Lieferbarkeit der Impfstoffe haben.

Am schlimmsten sind gefühlt… Nee, nicht die Alten, auch nicht die Kinder, die Mütter auch nicht… Es sind die jungen Leute, die nicht mehr zur Bundeswehr oder Zivildienst müssen, wo sie ihre Auffrischimpfung erhielten. Also impft sie keiner mehr. Und es sind die Azubis für Erzieher, die Lehramtsstudenten und Sozialpädagogik-Studenten. Und junge Leute, die über Bildungsträger Ausbildungen zum Altenpfleger oder Pflegehelfer machen. Sie gehen in Praktika und haben gefühlt zu 90% keine Tetanus Auffrischung. Und etliche können keinen ausreichenden Masern-Schutz nachweisen. Das scheint aber in den Schulen, auch in Eliteschulen mit Schulgeld, Kindergärten und anderen Einrichtungen niemanden zu interessieren…
Wenn es sich um Umschüler handelt, die vorher was anderes gemacht haben und älter als da 30 sind – die haben als Kinder keine Hepatitis B Grundimmunisierung erhalten- die laufen völlig ungeschützt bzgl. Hepatitis B durch ihre Praktika, wo sie natürlich dicht am Patienten sind und auch mit Blut, Wunden etc Kontakt haben. Ich kann diese Nachlässigkeit der Bildungsträger nicht verstehen, die haben doch irgendwo auch eine Verantwortung für die Leute, die sie ausbilden – wenigstens mal drauf hinzuweisen, dass sie eine Hep B Impfung brauchen und denen zu sagen, wer die Kosten trägt. Und damit geht das Problem los… Die Bildungsträger sagen nö wir nicht, die Praktikumsbetriebe auch, die Krankenkassen sagen das ist Arbeitgebersache und die Betroffenen können sich die Impfungen gegen Hepatitis B in ihrer Situation gar nicht leisten.

Ihr seid aus einer der genannten Gruppen? Impfausweis suchen, nachgucken oder beim Hausarzt checken lassen – auf Chipkarte, ja echt, ist inklusive. Nur weil die Praktikumsbetriebe nicht nachfragen, heißt das nicht, das es nicht wichtig ist. Aber hej, eure Gesundheit ist euer Ding und ein Pieks schützt euch vor Tetanus und anderen bösen Sachen.

Was bezahlt die Kasse?
Tetanus, Diphterie, Keuchhusten, Kinderlähmung, Mumps-Masern-Röteln, Influenza

Wo sollte der Arbeitgeber zahlen bei Pflegeberufen etc?
Hepatitis B und ggf. Auch Hepatitis A





Ich kann nicht ins MRT, Frau Doktor…

13 02 2017

„Nein, ich kann nicht ins MRT, Frau Doktor. Das geht nicht. Ich krieg das nicht hin. Ich hab solche ANGST… wenn ich das schön höre. Wie die Bomben damals. Und man konnte nichts sehen, nur den Rauch und den Feuerschein.“ Tränen rollen über ihr Gesicht, ihre Lippen zittern. „Verstehen Sie, ich seh das alles wieder vor mir. Und immer wenn das im Fernsehen kommt, ich kann mir sowas nicht ansehen, ich hab das dann alles wieder vor Augen. Und das ist doch eng, oder?“
„ja, das ist es.“
„Ich war eingeschlossen, ich weiß nicht wie lange, bis sie uns rausgeholt haben.“
„Sie waren verschüttet?“
„Ja. Ich war vierzehn. Ein Flüchtlingskind. Es waren so viele…“

„Sie müssen nicht ins MRT. Wir versuchen, das anders herauszubekommen.“
„Oh da bin ich so froh.“ Sie lächelt das erste Mal in unserem Gespräch. Die Augen schimmern noch von den Tränen.

Sie schläft nachts nur, wenn irgendwo ein Licht an ist oder die Tür zum Stationsflur auf. Sie schaltet die Nachrichten weg, wenn es um Krieg, Verschüttete oder Flüchtlinge geht, weil sie es nicht aushält. Jetzt wo sie älter geworden ist und so viel in den Medien kommt, erinnert sie sich öfter daran. Daran wie es war als vierzehnjähriges Mädchen während der Bombennächte in Dresden auf dem Weg zu Verwandten irgendwo in Deutschland.

Das ist jetzt zwei drei Jahre her als ich dieses Gespräch mit der netten kleinen älteren Dame führte. Ich sehe sie noch vor mir in ihrem langen Nachthemd mit den Spitzenabsätzen und dem Morgenmantel darüber. Ihren Mann, der ebenfalls sehr nett war. Ich musste vorhin daran denken, als ich die Menschenkette in der Tagesschau sah zu den Gedenkfeiern in Dresden.
Sie ist nicht allein. Solche biographischen Erinnerungen habe ich bereits von vielen Patienten gehört. Es macht mich betroffen, erschüttert mich, es lässt mich an meine eigenen Großeltern denken. Sie erinnern sich alle, manche mehr, manche wollen es auch nicht. Aber es hat bei allen Spuren hinterlassen. Die Frage ist nicht, wer Schuld an allem war. Die Frage ist, wie wir alle verhindern können, dass so etwas noch einmal passiert.

Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen.
Ein Satz, den ich als DDR-Kind lernte. Ein Satz der niemals als Wahrheit, Aktualität und Wichtigkeit verlieren wird.





Gafferwand gegen Gaffer bei Unfällen

12 02 2017

Ich habe es in diesem Blog irgendwann schon einmal erwähnt: bei Unfällen nerven die Gaffer – sensationsgeile, egozentrische, empathielose Intelligenzallergiker.

Einen Ludwigsluster hat es ebenfalls gestört. Und er tut etwas dagegen. Er hat eine Gafferwand erfunden, innerhalb von Minuten aufblasbar, weitgehend sturmfest und für die Opfer ein Segen. Das THW Ludwigslust setzt sie jetzt ein. Berichtet haben NNN und Nordmagazin. Und weil ich es gut finde und die Idee unterstütze, schreibe ich hier darüber und bitte alle aus Rettungsdienst, THW, FFW etc. diese Idee zu verbreiten. Der Erfinder hat zwar das Patent angemeldet, aber keinen finanziellen Background um eine Produktion aufzubauen. wenn sich Bundesländer oder größere Organisationen dafür interessieren, dann kann er aus der Idee und dem Prototypen was machen und wir alle haben etwas davon: die Retter, die Opfer und die Menschen, die das Verhalten der Gaffer missbilligen.

Hier der Link zur NNN.
http://www.nnn.de/lokales/ludwigsluster-tageblatt/ein-erfinder-gegen-viele-gaffer-id16028961.html

Edit am 15.07.17:
Jetzt gibt’s nen Link zum Hersteller: http://www.gafferwand.de
Dank an D. Mohn für die Info und weiterhin viel Erfolg mit dieser Super-Idee!





„Die Ärzte…“

15 03 2016

„Das waren die Ärzte…“
„Das müssen Sie die Ärzte fragen…“
„Das sagen Ihnen die Ärzte…“
„Also ich kann Ihnen am Telefon nichts sagen, ich stelle Sie mal zu den Ärzten durch…“ – „Ja hier Dr. Arzt.“ […] „das tut mir leid, nach der deutschen Gesetzgebung ist es mir nicht gestattet, am Telefon Auskunft zu geben, ich dürfte Ihnen nicht mal sagen, dass Patient XY hier ist…“ – „aber die Schwester hat gesagt…“ Hmm… Jaja, so ist das.
„Die Ärzte haben schon wieder…“
„Die Ärzte brauchen heute aber wieder lange…“
„Die Ärzte nehmen sich immer vom Kaffee…“

Es sind immer „die Ärzte“. Irgendwann nervt es. Die Ärzte haben Namen, sind nicht alle gleich, machen nicht alle das gleiche und nicht die gleichen Dummheiten. Und… Ich sag ja auch nicht ständig „die Schwestern“, die haben schließlich Namen, sind verschieden, machen nicht alle das gleiche…





Therapiefreiheit adieu

29 09 2015

Mal wieder hat es der gemeinsame Bundesausschuss (GBA) es geschafft, eines der Grundrechte eines jeden Arztes mit Füßen zu treten: Therapiefreiheit.
Das ist nichts Neues. Leider.
Dem GBA ist es egal.
Für den GBA und die Krankenkassen zählt nur, dass die Therapie möglichst billig ist. Was an Folgekosten später kommt, ist ihnen egal. Kann man nur auf Omas Weisheit verweisen: wer billig kauft, zahlt doppelt….

Als exemplarisches Beispiel nehmen wir mal, weil ich Internist bin, die Diabetestherapie. In den letzten Jahren kamen etliche neue Medikamente auf den Markt. Und sie verschwanden wieder. Nicht weil sie schädlich waren, dafür gab es bisher keinen Beleg. Nein, sie brachten in den Augen des GBA keinen Zusatznutzen. Ok, man muss zugeben, dass einige Hersteller sich mit den Studien etwas dämlich angestellt haben und das war natürlich ein Zuspiel für den GBA. In anderen Ländern, in denen Diabetes ein ebenso geoßes Problem ist wie hier oder noch mehr, war das kein Problem. Merkwürdig ist auch, dass der GBA gerne mit den uralten Medikamenten vergleicht, den sulfonylharnstoffen. Würde man sie heute selbst in eine GBA Prüfung schicken – ich bin überzeugt, sie würden nicht durchkommen, wegen der Nebenwirkungen, Risikopotential und er Tatsache, dass die Leute eher am Insulin sind, was für die Kassen teurer wird. Aber die sulfonylharnstoffe werden nie in eine Prüfung kommen. Weil sie schon da sind. Neue Medikamente dagegen müssen wesentlich sicherer sein, wenn sie auf den Markt wollen und wenn die Hersteller wollen, dass sie von den Kassen bezahlt werden.
Ja und was ist denn Zusatznutzen? Das wüsste ich auch gerne… Genau wie viele meiner Kollegen.
So sind wir in der Diabetestherapie bei den neuen Medikamenten inzwischen auf teils ein bis zwei Medikamente pro Gruppe beschränkt. Man könnte meinen, da spielt Lobbyismus eine Rolle. In anderen Ländern ist das nicht so.
Jetzt trifft es ein neues Insulin, Tresiba, eines das für allem für junge Diabetiker das Leben leichter machte. Es ermöglichte flexible Zeitpunkte, wann man es spritzt, so dass viele Diabetiker beruflich besser integriert waren. Es machte weniger unterzuckerungen, was besser ist und das Risiko für Demenz und Herzinfarkt senkte. Und viele Diabetiker brauchten nur einmal am Tag ein langzeitunsulin spritzen, was sie aufgrund von Lücken bei bisherigen langzeitinsulinen manchmal nicht konnten, sondern 2x täglich ran mussten. Dazu kommen ja noch die insulingaben zum Essen. Natürlich ist es kein Insulin für alle. Man muss schon gucken dass es passt. Aber dafür lernt man als Internist seinen Job.
Aber nun ist es vorbei. Der GBA sagte wiede einmal, nö kein Zusatznutzen. Ohne auf Patientenverband und fachgesellschaft zu hören. Sitzen ja auch so viele diabetologen und Patienten im GBA… Und jetzt zahlen die Kassen nicht mehr, obwohl Medizinisch keine Bedenken bestehen bisher, die Kassen verlangte. Vom Hersteller mach es billig, der Hersteller sagte, naja, wir sind schon niedriger mit dem Preis. Die sagten, nö noch niedriger, und der Hersteller sagte, geht nicht, dann versaue ich mir weltweit den Preis, herrscht ja Marktwirtschaft, und so fehlt demnächst wieder etwas in der Therapiefreiheit. Und andere als Unternehmen stellen kein Insulin her, das ist und bleibt Marktwirtschaft und zwar global.
Mich wundert nur, dass niemand meckert, dass für rheumapatienten locker monatstherapiekosten von 2000 Euro hingenommen werden, geht ja auch an Pharmaindustrie, und für Diabetiker ein Zehntel davon schon zu viel ist. Diabetiker haben offenbar weniger Lobby, denn beide Krankheiten machen chronisch krank und nicht heilbar, nur kontrollierbar.
Wer für ärztliche Therapiefreiheit ist, kann sich gern dem Aufruf einer Zeitschrift anschließen, für das Insulin zu kämpfen. Mich nervt dieser GBA und ich hoffe, dass mal einer von denen unter seinen eigenen Entscheidungen leiden muss so wie die Patienten.
http://www.diabetologie-online.de/a/1717874





Ihr kleinen Nervtöter

29 09 2015

Wie im Beitrag zuvor beschrieben, war Assistenzarzt neulich mal wieder auf einer Fortbildung. Nun ja, ich glaube, ich habe mich schon einmal drüber aufgeregt: Kollegen die bei einer Fortbildung ewig zu spät kommen und anstatt sich still in die hintere Ecke zu stellen oder auf eine Treppe, Hocker, Fußboden zu setzen, drängeln sie lautstark durch die Reihen, alles steht auf, damit Herr oder Frau XY-Zuspätkommer durch kann. Alles steht auf, Geschurre, Gemurmel, hintere Reihe „Ich kann nix sehen“, vordere Reihe „Eh, pass mit der Tasche auf“, Referent gestört. Oder sie fragen laut nach, ob man nicht durchrutschen kann und seinen guten Platz (gute Sicht, Platz für die Beine, die Tasche, netter Nachbar) aufgeben, damit Madame oder Monsieur sich platzieren können, wo es ihnen beliebt und wann es ihnen beliebt. Liebe Madames und Monsieurs XY-Zuspätkommer: IHR SEID NERVTÖTER!!! Stellt euch den Wecker früher oder hört im Foyer 10 min eher auf zu quatschen, damit ihr nicht zu spät in den Saal kommt oder aber haltet die Klappe, seid still und setzt oder stellt euch still irgendwo hin, wo ihr niemanden stört und wartet bis zur Diskussion nach dem Vortrag und Referentenwechsel, dann stört es weder Publikum noch Referent.
Liebe Referenten: Ich finde die von Euch gut, die Madame und Monsieur XY-Zuspätkommer persönlich begrüßt und ihnen bei Beginn der Lärmphase mit „Ach können sie mal…“ einen Platz in der ersten Reihe anbietet und sie persönlich begrüßt mit den Worten „Ach, wie schön Herr Kollege, dass sie auch die Zeit gefunden haben, heute hierher zu kommen! Hier vorne ist noch genug Platz frei, vielleicht neben Prof. ABC, dem Schirmherr der Veranstaltung?“ – Das ist cool, weils alle anderen amüsiert… und vielleicht die Kollegen erzieht…





Moderne (Buch-)Zeiten

29 09 2015

Assistenzarzt war neulich zur Fortbildung in der großen Stadt. Und weil dort ein großer Buchladen mit Fachbüchern immer schon war, dachte Assistenzarzt: gehen wir mal hin nach der Veranstaltung und gucken mal alle Bücher durch, so wie früher! Das waren Zeiten, wo man alle Bücher live vergleichen konnte. Ein Paradies…
Gesagt, getan. Aber die Schwierigkeiten fingen schon an, als Assistenzarzt die große Medizinbuchabteilung suchte… da wo sie früher war, da war sie nicht. Also weiter gesucht… ganz hinten, hinter all den Kalendern, Geschenken, Weltbessermachen-Büchern und so da stand oben dran „Medizin“. Die einst so 18 m Gesamtlänge Medizinbücher für alle „Altersgruppen“ war zusammengeschrumpft auf 4 m. Innere Medizin eine halbe Regalreihe. „Herold“, das Standardbuch, nicht vorhanden. Facharztprüfungsbücher, nicht vorhanden. Eigentlich standen da nur ein paar Bücher, mit denen kaum jemand arbeitet, zu alt, zu unpraktisch. Da kam dann noch ein Kollege vorbei. Der traute sich, die Verkäuferin zu fragen, wo all die Bücher geblieben sind. Ob die Studenten denn nicht bald kämen, weil doch das Semester losgeht und die brauchen die Bücher doch gleich und sofort. Und ob man nicht mal hier und mal da schmökern kann, um sich eines mitzunehmen. Nein, war die Antwort. Die Studenten würden alle online bestellen und die meisten Ärzte auch. Oder eben im Laden bei ihr bestellen. Hmmm, sagten da der Kollege und Assistenzarzt. Bestellen können wir auch… angucken und kaufen wollten wir. Und zwar mehr als eins. Aber wo kein Angebot, da kein Käufer. Naja, wir könnten doch bei ihr bestellen und dann in den Laden kommen und das abholen, dann kaufen wir ja auch im Laden. Macht wenig Sinn… extra nochmal in die große Stadt fahren… Benzingeld, Parkgebühren, Zeit… Soviel zur Förderung der lokalen Buchläden. Wenn keiner Bücher anbietet, kann keiner kaufen, dann bestellen die Leute mehr im Internet und es kommen noch weniger in den Laden. Klar, aus nem Medizinbuch kann man kein Event machen wie aus einem Krimi oder Kinderbuch. Heute Lesung „Herold, Innere Medizin“: „Ich beginne mit einem Auszug aus Kapitel 10… die Pneumonie. Definition…“ Kommt irgendwie uncool, wenn ich das als Dinosaurier mal so nennen darf. Früher haben die einen wahnsinnigen Umsatz mit uns Studenten gemacht dort. 100 mal das gleiche Buch verkauft. Heute kann man nicht mal mehr vor Ort reingucken, weil die Dauerbrenner nicht mal mehr im Laden sind. Selbst wenn man kaufen will, man kann es nicht mehr tun, weil sie einen nicht lassen. Naja, hab ich wenigstens nen Kalender für 2,99 mitgenommen statt Fachbuch für 79,99 und 59 Euro. Sie hätten es anders haben können. Sie wollten wohl nicht. Moderne Zeiten halt. Irgendwie anders.