Adipositaschirurgie

27 07 2008

Ich habe vor einigen Tagen einen Beitrag im TV gesehen, bei dem es um schwerst-Adipöse ging. Die Therapiemöglichkeiten nehmen in letzter Zeit zu, ähnlich wie auch das Problem Adipositas auf USA-Verhältnisse zustrebt. Eigentlich könnte man ein Buch davon schreiben, aber ich will es auf wenige Dinge beschränken, die wie ich finde, zum Nachdenken für den Alltag und weiterforschen nach neuen Therapieansätzen anregen bzw. meiner Ansicht nach zu blauäugig hochgelobt werden.

Anreger:

Einige Studien stellten bei BMI über 35 ein Suchtverhalten wie bei Alkohol und Nikotin fest, dass beim BMI über 45 fast in 100% vorhanden war.

Eine gute Betreuung inkl. Psyche sorgt für besseren Erfolg.

Unsere guten Medikamente sind nicht immer gut – Betablocker, HCT, Insulin… all das kann abnehmen erschweren oder zu einer Gewichtszunahme führen. Neueste Studien zeigten, dass eine Gewichtsabnahme das Leben eher verlängert als hightech Pharmazie.

Durch einen Adipositaschirurgischen Eingriff kann die Lebenserwartung erhöht werden, weil die Leute dann abnehmen, ein Diabetes mit Folgekomplikationen verhindert wird oder verschwindet etc.

 

Blauäugigkeit:

Aufgrund der zuletzt genannten Tatsache empfehlen inzwischen immer mehr Internisten, Diabetologen etc. ihren Patienten einen Magenbypass oder Magenband. Patienten kämpfen dann in der Regel ein Jahr mit ihrer Krankenkasse um die Genehmigung oder zahlen selbst. Die Kassen zahlen erst ab BMI 45. Was Patienten häufig nicht wissen: aufgrund ihrer Körperfülle haben sie ein hohes OP-Risiko und Narkose-Risiko. Die Beatmungszeiten sind wesentlich länger, es müssen höhere Beatmungsdrücke gewählt werden. Es treten häufiger Komplikationen im Wundbereich auf. Sie haben ein höheres Thromboserisiko und damit Lungenembolierisiko. Ein Magenband führt bei etwa 80% der Leute zur Gewichtsabnahme. Es ist aber möglich, das Gewicht zu halten wenn viel Süßes und Kalorienhaltiges gefuttert wird, weil man denkt, jetzt darf ich ja. Magenbypass – das ist eine Technik, die aus der Tumor- und Magenchirurgie stammt, quasi ein veränderter Roux-Y-Eingriff. Es wird eine Kurzschlussverbindung zwischen oberem Magenteil und Dünndarm (Jejunum) geschaffen und der Rest vom Magen mit Duodenum kommt mit dem Duodenumende End-zu-Seit an das Jejunum. Letzteres ist notwendig für den Abfluss von Galle und Pankreas. Folge davon ist ein künstliches „Malabsorptionssyndrom“ bzw. eine verminderte Aufspaltungsfähigkeit und Aufnahmefähigkeit, weil die Magen und Duodenumfunktion ausfallen. Damit treten aber andere Probleme auf, z.B. das ein Dumping-Syndrom auftreten kann. Zuckerhaltiges können die Leute kaum noch essen, z.B. Obst (Durchfall). Auch Milchprodukte sind nicht gut, usw. Das heißt, dass die Patienten lebenslang mit Vit. B1, B6, B12, Folsäure und Spurenelementen substitutiert werden müssen, will man sie vor Schäden und Folgeerkrankungen bewahren. Beim Magenband ist es nicht ganz so schlimm, aber auch hier muss substituiert werden. Wer das vorher nicht weiß, könnte hinterher ein böses Erwachen finden. Man kann eben nicht so weiteressen wie bisher bloß weniger, auch wenn ich das häufig so irgendwo lese oder höre von Patienten. Sicherlich mag diese Art von Therapie eine Ultima ratio sein für extrem Adipöse mit Therapiewunsch und dafür ist es auch ok. Aber zunehmend erlebe ich Patienten, die danach fragen, wie andere nach Botox oder Lifting und noch nichtmal versucht haben, Wasser statt 2 Liter Cola und Fanta am Tag zu trinken und die selbst zur Kaufhalle gegenüber mit Auto fahren.

Die Chirurgie ist das eine. Die Innere Medizin das andere. Am wichtigsten ist aber, dass die Adipositas-Patienten in ein Gesamtkonzept eingebunden werden und nicht nach der OP in ein Loch von Do-it-yourself fallen. Es benötigt Ernährungsberatung, psychologische Betreuung (Stichwort Suchtverhalten, Essen als Liebesersatz, Tröster, Frust,…) und eine qualifizierte Sportmedizinische und physiotherapeutische Begleitung um die Muskeln zu trainieren, die stark belasteten Gelenke zu schonen, die kardiovaskulären Risiken zu beachten etc…. Stichwort Muskel: Häufig bewegen sich gerade die Menschen über 150 kg sehr wenig. Manche können kaum noch stehen, weil ihnen die Kraft fehlt, ihr Gewicht auf die eigenen Füße zu stellen bzw. sie gehen nur kurze Strecken, weil dann einfach Erschöpfung eintritt.

Neben Euren Meinungen wäre hier eine Gelegenheit auf Angebote mit einem Gesamtkonzept hinzuweisen wie sie Spezialkliniken oder Netzwerke anbieten, wenn ihr davon wisst…