Geschenketipps

13 12 2018

Was schenkt ein Arzt zu Weihnachten?! Naja jedenfalls keine Pillen, Abnehm-Abos oder sowas. Wir sind eben auch nur normale Leute…
Ich lese gerne und verschenke gerne Bücher. Das erinnert mich gerade an einen meiner Lieblingspatienten, der bei unserer ellenlangen Wartezeit seine Bücher liest. Wir tauschen uns gerne über unsere aktuelle Lektüre aus. Einer der liebenswerten Momente im Arztleben…

Also wer noch was brauchbares sucht:

David Baldacci „Das Geschenk“ – ein weihnachtlicher Krimi im verschneiten Amerika in einem Zug, fast schon eine Hommage an Agatha Christies Mord im Orientexpress, den ich versuche jedes Jahr zu dieser Zeit zu lesen. Manchmal klappts. Man kann ihn schwer zur Seite legen, meine kürzeste Zeit waren zwei Tage bis zur letzten Seite… aber ich musste ja noch Geschenke einpacken und so was.

Lagom. Die schwedische Art der Achtsamkeit. Von Göran Everdahl. Mal einfach runter kommen auf schwedische Art.

Eine kurze Geschichte der Menschheit. Von Yuval Noah Harari. Woher wir kommen wird auf eine sehr interessante Art erklärt und vielleicht verstehen wir, wo unsere Wege als Menschheit uns hinführen werden.

It’s teatime, my dear. Von Bill Bryson. Ein Amerikaner wandert nach England aus. Geht zurück, kommt wieder und bleibt. Welche skurrilen und liebevollen Einblicke er bekommt, schildert er zum Beispiel in diesem Buch. Preisgekrönter Autor, aber trotzdem 🙂 gut zu lesen. Und zu lachen.

Einen Scheiß muss ich. Tommy Jaud. Ein Klassiker, aber immer gut für alle, die im Alltag allmählich merken, dass ihnen die Distanz zu den A… und B-Schlöchern verloren geht und die einen Motivationsschub brauchen, um sich au s den Fängen eben solcher zu lösen.

Ach ja, und ich finde Thalias Aktion gut: Mittwoch ist Lesetag! Lasst uns echte Bücher lesen, jedenfalls wenn ihr mit dem Blog fertig seid und geht zu den Buchläden hin, die vor Ort sind und sagt denen das, was ich auch immer sage: wenn sie das Buch hätten, hätte ich es hier gekauft, machen sie doch mal mehr als nur die Bestseller Liste, die inzwischen jeder Supermarkt und Rossmann stehen hat, seien Sie einfach mal wieder ein echter Buchladen! (Ach ja und wenn das Buch da ist, was ich suche, dann kaufe ich es auch immer…)

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„Psychiatrie“ von Martin Kleen

26 10 2007

Tja, da war ich nun Bücher shoppen für den leider zurückliegenden Urlaub. Das ganze gestaltete sich schwierig. Ich bin wählerisch. Doch was sahen meine müden Augen? Martin Kleen hatte einen neuen Krimi herausgebracht. Nachdem ich Anästhesie gelesen hatte, scheute ich davor zurück, „10 Stunden“ zu lesen, weil mir die Story in der Kurzzusammenfassung des Verlags doch etwas… realitätsfern schien. Auch die „Superherta“ hab ich nicht gelesen. Ich wollte einfach einen zweiten Krimi, der sich so real und authentisch liest, wie „Anästhesie“. Dann sah ich „Psychiatrie“ und mit einigen Klicks landete das Buch in meinem Warenkorb und eine Woche später endlich bei mir.

Was soll ich sagen?! Ich hatte meinen Krimi, den ich wollte. Japp. So real, dass einem die Haare zu Berge stehen. Ein Chef, dessen Anweisungen oftmals seltsam sind und der exzellente Kontakte zur Pharmaindustrie hat. Ein Held, der so richtig keiner ist, weil er als Ausgleich zu seiner engagierten Psychiater-Tätigkeiten an der Uniklinik an keiner hübschen Frau vorbeikommt und sein Junggesellenleben genießt. Bis… ja, bis eines Tages was daneben geht bei dem Studienmedikament, das so hochgelobt wird und von dem sich der Hersteller ungeahnte Gewinne erhofft. Zwei Selbstmorde, die selbst dem gestandenen Psychiater Wolf Schauer über den Rücken jagen. Und beide hängen mit dem Medikament zusammen. Oder nicht? Da Wolf seine Zweifel nicht lassen kann und auch den Mund nicht halten will, handelt er sich zunächst Ärger mit seinem Chef ein. Als sei das nicht genug, sieht er sich plötzlich mit einer seiner Ex-Liebschaften konfrontiert, einer inzwischen Fenta-süchtigen Anästhesistin, die im Entzug von ihrem Sohn auf seine Station geschleppt wird. Vor 15 Jahren sah er sie das letzte Mal, 15 Jahre alt ist auch ihr Sohn. Wolf kann rechnen und lernt von nun an kennen, wie es ist Verantwortung für jemanden zu übernehmen. Das erweist sich ziemlich schwierig, vor allem wenn merkwürdige Dinge passieren, seltsame Typen auftauchen und so ziemlich alles daneben läuft. Stück für Stück bröckelt die Welt um ihn herum und von Tag zu Tag und mit jeder Äußerung befindet er sich mehr in Gefahr. Wenn es da nicht diesen cleveren Jungen gäbe, der ihm so ähnlich sieht…

Man muss sich echt zwingen, das Buch aus der Hand zu legen, um nicht die halbe Nacht zu lesen. Es wirkt so verdammt real mit diesem Pharmakonzern, dessen Einfluss bis in die Klinik reicht und der keine Skrupel kennt, wenn es um das Geschäft geht. Kleen zeichnet seinen Helden markant, machohaft, teils naiv und im Laufe des Buches mehr und mehr liebenswert. Zum Finale läuft es auf den Kampf David gegen Goliath zu, dem Wolf nie alleine standgehalten hätte, so dass man sich fragt, wer da wen beschützt. Exzellent sind die medizinischen Details – der Autor ist Arzt in der Anästhesie und weiß wovon er schreibt – , was für alle Insider eine Wohltat ist – im Gegensatz zu dem Pseudomedizinkrimi-Zeug, was nur in den Bestsellerlisten kursiert, weil es mit der Angst der Menschen vor Themen der Zeit spielt (Biohazard, Bioterrorismus, Öko-Katastrophe, ausbrechende Viren etc) und in der Regel kaum die Realität in der Medizin widerspiegelt.  Ich pfeife auf Ken Follett und wie sie alle heißen. Es gibt nur wenige Schwachstellen im Plot, die man aber verschmerzen kann. Es bleiben daher einige Fragen offen: Woher kennen sich Jasmin und Dorothea? Was passiert mit seinem Chef und welche Rolle spielt er im Netz des Pharmariesen und bei der Aquirierung neuer Mitarbeiter?

Alles in allem ein Krimi, dessen Story von vorn bis hinten so herrlich schön real ist und der dafür sorgt, dass man sich auf der Arbeit freut, dass man sich abends auf die Couch flegeln kann und weiterlesen, Figuren die menschlich und nicht übermenschlich sind, medizinische Details, die stimmen und kein falsches Bild im Leser entstehen lassen. Den Autor Martin Kleen sollte man sich merken, denn es wird Spaß machen, seine nächsten Bücher zu verfolgen und zu erleben, wie da ein richtig guter Krimiautor heranwächst. Als Leser bleibt zu hoffen, dass er nicht so viele Dienste machen muss und ihm Zeit bleibt neben dem Arztberuf zum Schreiben.

Martin Kleen

„Psychiatrie“

erschienen im Leda-Verlag im September 2007

ISBN 978-3934927926

8,90 Euro (D)

PS: Rettet die kleinen Buchläden vor dem Knock out durch die großen Ketten mit ihrer Einheits-Geschenke-Ware und kauft beim Buchhändler um die Ecke. Das Buch ist gelistet im Verzeichnis lieferbarer Bücher und von jedem Buchhändler bestellbar.