Das Konsil

6 02 2008

Die offizielle Version entnehme man der Wikipedia-Enzyklopädie:

„Als Konsil (sächlich) bezeichnet man in der Medizin die patientenbezogene Beratung eines Arztes durch einen anderen ärztlichen Kollegen, meist einen Facharzt.“

Die Wahrheit ist in Wahrheit… nun ja, wie die Wahrheit nun mal ist.

Ein Konsil wird immer dann angefordert, wenn ein Arzt nicht weiter weiß. Also zum Beispiel wenn der Internist feststellt, er hat von Ohren nicht so viel Ahnung, dann holt er einen HNO-Arzt. Wenn der Gynäkologe feststellt, er hat von Dermatologie keinen Schimmer, holt er den Dermatologen. Wenn der Neurologe feststellt, er hat keine Ahnung vom Wasserlassen, holt er den Urologen.

Und wenn der Chirurg feststellt, der Patient hat irgendwas, aber man kann nicht reinschneiden, dann holt er… erstmal den Internisten… egal was es ist. Ähnlich wie der Tarzanschrei tönt es dann „Das ist nichts chirurgisches. Das ist für den Internisten.“ Wie gesagt, egal was es ist. Hauptsache, da guckt erstmal ein Arzt rauf. Also jemand, der von Medizin mal was gehört hat. Wenn Tarzan dann geschrien hat, vergisst er in der Regel, seinen Schrei auch schriftlich zu fixieren. Blätter und Kulis gabs halt im Dschungel sonst nicht. Da hat Dschungelkönig Ross noch mit einem selbstgeschnitzten Bleistift auf Packpapier gekritzelt.

Das merkwürdige an Tarzanschreien ist, dass sie häufig erst dann ertönen, wenn schon Dienstschluss war und der konsiliarisch unterwegs-seiende Oberarzt das Haus gen Heimat verlassen hat. Die Erklärung dafür ist eigentlich ganz einfach. Da die Tarzans den ganzen Tag im OP von Skalpell zu Schere schwingen, gucken in der Regel die PJler die Patienten an, oder auch mal gar keiner. Wenn dann das erste mal jemand auf Station kommt, der von Medizin was gehört hat, nämlich der Anästhesist, dann fällt dem beim Prämed (= prämedizieren) auf, dass der Patient pfeift wie eine Dampflok, dicke Beine hat wie ein Nilpferd oder eine nicht existente Gerinnung hat. Logische Konsequenz: runter vom OP-Plan. Nächste logische Konsequenz: Da jemand weg ist, der von Medizin was versteht, muss ein anderer her, der das kann. Es folgt der Tarzanschrei. Also kommen tausende internistische Assistenten während eines Dienstes in den Genuss, chirurgische Patienten zu anamnestizieren und zu untersuchen, neben sich einen extrem verwunderten Chirurgen stehend, der staunt, was man so alles machen kann, wenn man zum Äußersten schreitet und Patientenkontakt sucht. Das mit dem Chirurgen der daneben steht, ist eher eine Seltenheit. Meistens steht der Chirurg im OP neben sich. Der internistische Assistenzarzt stellt dann eine Verdachtsdiagnose und fängt an, den Patienten zu behandeln und Diagnostik anzuordnen oder er sagt dem Chirurgen per Telefon (denn der steht ja meist im OP), welchen anderen Konsiliarius er denn bestellen soll. Das alles hält er in umfangreichen Aufzeichnungen auf einem DIN-a4 großen Stück Papier fest: Dem Konsilschein. Dieser wird dann des Nachts auf einen Schrein im chirurgischen Schwesternzimmer gelegt und die Gebote von den chirurgischen Schwestern umgesetzt. Kommt Tarzan dann zurück in den Dschungel, dann hat Jane schon alles erledigt.

Wer dann am nächsten Morgen heimlich einen chirurgischen Morgenkreis belauscht, wird feststellen, dass Tarzan heldenhaft die Lianen geschwungen hat und den Diagnoseschatz gefunden hat. Vom internistischen Dorftrottel ist dann nicht mehr die Rede.

Anders rum gehts auch. Tarzan kommt ins Dorf der Internisten. Dort fragen die Chirurgen erstmal „Wer hat denn den Konsilschein ausgefüllt?“ Ich suche immer noch nach der Antwort, warum das denn relevant ist. Wenn sie dann beim Patienten waren, gibt es zwei Varianten. Variante 1 „Das ist nichts chirurgisches.“. Variante 2 „Das muss ich erstmal mit dem Oberarzt besprechen. Ich melde mich.“ „Wann?“ „Sie werden von mir hören.“ In der Regel schreiben sie auch einen Text auf. Dieser wird von den internistischen Schwestern nicht auf einen Schrein gelegt sondern in die Ablage. Kommt der Internist vorbei, wird erstmal gemeinsam versucht, die Hiroglyphen zu entziffern. Manchmal kommen da auch Übersetzer aus Ägypten oder Archäologen zum Einsatz. Bei Variante 2 obliegt es einem internistischen Assistenten in den nächsten Tagen, dem Pilgerweg zu folgen, um an den heiligen Ort der Chirurgen zu gelangen und den zu finden, der die Botschaft verkündet. Andere Fachrichtungen sind da anders. Konsil durchführen, aufschreiben, drei nette Worte sagen und Tschüss. Einfach, pragmatisch, effizient.

Aber es gibt auch nette Chirurgen. Wirklich. Ich kenne sogar einige davon. Die sind nicht wie Tarzan. Naja, nur manchmal. Aber die haben tatsächlich schonmal was von Medizin gehört, erkennen ein Lungenödem und wissen wie man ein EKG richtig rum hält. Aber ich glaube, ich habe einfach nur Glück, dass ich nette Chirurgen kenne. Und manchmal freue ich mich sogar, wenn man mit diesen netten ein wenig herumschäkern kann im Dienst, auch wenn der Tarzan in jedem von ihnen steckt.