Wie man sich für eine Fachrichtung entscheidet

15 11 2007

Aus dem aktuellen Newsletter „Via medici online Newsletter 23/07“

„…wie planen Sie Ihren ärztlichen Berufsweg? Wenn die Chemie mit den Kollegen oder den Vorgesetzten im PJ stimmt, reicht das aus für Ihre Entscheidung, wo Sie als Assistenzärztin oder -arzt anfangen möchten?“

Meine klare Antwort: JAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA. Wenn das hinhaut, dann hat man viel gewonnen. Man weiß, wie es langläuft, man kennt die Befindlichkeiten so halbwegs, weiß wie lange die Assistenten abends bleiben müssen, wie es mit den Weiterbildungen, der Rotation und der Ausbildung klappt… Man ist quasi ein Insider und kennt Informationen, die man woanders nicht hat, wenn man sich an einer anderen Klinik bewirbt. Da wird einem sowieso nur die rosarote Brille aufgesetzt wenn man rumgeführt wird und einem Dinge erzählt, die sich später als utopisch herausstellen.

„Dr. Parwis Fotuhi, Internist und Leiter der Helios-Akademie warnt davor: „Bleiben Sie nicht am ersten netten Oberarzt hängen, der Sie einigermaßen normal behandelt!“, sagte er auf dem Kongress „Perspektiven und Karriere“ des deutschen Ärzteverlags. Sich auf eine Facharztrichtung festzulegen, sei eine Lebensentscheidung.“

Sagen wir es mal so. Ich bin bei meiner Entscheidung für eine Fachrichtung maßgeblich von Kollegen beeinflusst worden (die das aber nicht wußten), die ich in den Famulaturen, im Nebenjob und im Rahmen meiner immer noch unvollendeten Dissertation kennengelernt habe.  Ich bin an dem ersten netten Oberarzt nicht hängengeblieben, nein, er hat mich nur ein paar mal zusammengeniest und mir gezeigt, wie man eine Leber richtig tastet und war anschließend sichtlich stolz, als ich es richtig machte. Ich bin auch nicht an dem ersten netten Stationsarzt hängen geblieben, der mir erklärt hat, wie ich 1. und 2. Herzton voneinander unterscheide (er schickt mir aber auch nach all der Zeit noch Postkarten aus dem Ausland, wo er inzwischen hin ausgewandert ist…). Es hat mich aber geprägt. Die Akribie, mit der einige der von mir geschätzten Kollegen mich ausbildeten, als ich ein unbekannter Student war, ihre Kollegialität und ihr Respekt vor mir etwas später als kleine unbedeutende AIPlerin und ihre Auffassung zum Beruf und zur Ausbildung haben mich maßgeblich beeinflusst. Ja, ich habe mich bemüht in selbiger Klinik anzufangen, als ich mit dem Studium fertig war und habe dort auch eine Weile gearbeitet. Ich hatte zwar Pech mit der Station, auf der ich die Hälfte der Zeit war, aber die Rotationen und die Dienste (ich hätte nie gedacht, dass ich sowas mal sagen würde…) haben mir eine fachliche Grundlage gegeben, von der ich heute noch zehre, wo ich in der Regel auf mich allein gestellt bin, obwohl ich erst mitten in der FA-Ausbildung bin. Mit Sicherheit bleibe ich nicht an den Leuten hängen, die mich – ich betrachte es als nicht-normal – als Laufburschen, Fußabtreter, Röntgentütenträger oder Aktenkopierer benutzen oder mir permanent auf die Region 10-20 cm unterhalb meines Kinns starren während sie mit mir reden.

Lebensentscheidung… wer erzählt denn solchen Quatsch. Man fängt an einen Facharzt zu machen, stellt evtl. fest, es liegt einem doch nicht und wechselt. Das geht vielen so. Aber es werden auch Zeiten aus anderen Fachrichtungen anerkannt. Ehrlich gesagt, werden aus den Leuten, die auch mal ein paar Monate in einer anderen Fachrichtung waren, manchmal die besseren Ärzte, oft sogar. Warum? Sie können über den eigenen Tellerrand schauen, etwas das reine Subspezialisierungs-Ärzte vergessen haben. Manchmal klappt es auch nicht mit den Stellen und man muss mal woanders was machen. Man kann auch Töpfer werden, Künstler, Filmregisseur, Journalist, LKW-Fahrer (siehe Stern-TV)… Es gibt auch Kollegen, die einen zweiten Facharzt machen. Nach dem Chirurgen den Urologen oder umgekehrt, nach dem Radiologen den Internisten oder nach dem Psychiater den Radiologen oder nach dem Internisten den Labormediziner. Alles Beispiele von Leuten, die in meinem größeren beruflichen Umfeld leben und keine Freaks oder Verrückte sind, sondern vermutlich die besseren Ärzte.

Die Wahl einer Facharztrichtung ist KEINE Lebensentscheidung. Wer so einen Blödsinn erzählt, verfolgt damit Interessen, die er nicht offen zur Schau stellt. Warum muss man für einen großen Klinikkonzern arbeiten und gleichzeitig den Leuten was zur Entscheidung über den beruflichen Werdegang erzählen? Vielleicht weil selbiger Klinikkonzern permanent offene Stellen hat? Hmmm… ein Schelm wer böses dabei denkt?

Man, Via medici, wie könnt ihr nur solchen Quatsch zitieren? Das ist doch nicht euer Niveau.