Der Held

15 12 2007

Wenn er losfährt mit dem Blaulicht auf dem Dach, dann machen alle Platz. Er schneidet Menschen aus Autos, rettet Kätzchen von Bäumen, kriecht durch verqualmte Häuser. Zumindest ist er dafür ausgebildet. Ja, die Frauen sehen zu ihm auf, die Männer beneiden ihn. Er ist ein Held.  Er gehört zu den Vorbildern unserer Gesellschaft, jemand der andere rettet und im Einsatz für die Allgemeinheit ist. Kinder bewundern ihn und wollen so werden wie er. Er liegt auf der Trage und die Schulterstücken seiner Dienstuniform glänzen im fahlen Licht der Notaufnahme. Er wurde von einem Kollegen gebracht irgendwann nach Mitternacht. Jetzt fängt er auch noch an zu kotzen, der Held der Weihnachtsfeier der Berufsfeuerwehr mit 2,2 Promille im Blut, der beim Komasaufen so gnadenlos auf die Fresse fiel und zu voll ist, um noch sprechen zu können. Alkoholspiegelbestimmung sponsored by Berufsgenossenschaft.





Wie man mit nichts einen Dienst macht

19 10 2007

Es ist immer so ein erhebendes tiefgehendes Gefühl, wenn man bei Dienstantritt die Zahl der freien Betten im Computer sieht und feststellt, dass einem für die nächsten 16 h ganze 8 Betten zur Verfügung stehen und bei der Dienstübergabe der Patienten in der Notaufnahme schon 3 dabei sind, die definitiv stationär bleiben müssen. So eine Ausgangssituation ist meist der Auftakt zu einem nervigen, kräftezehrenden Dienst. Wenn man Pech hat, kommen innerhalb von 24 h (= 1 Aufnahmetag) 50 Patienten oder mehr (hatte ich auch schon…) in die Aufnahme, die von 2 Ärzten behandelt werden müssen. Selbige sind aber auch für die Bettenstationen zuständig. Wir sollten alle geklont werden. Wenn man Glück hat, dann kommen nur 20 oder 25. Das ist dann schon sehr wenig. Vor einigen Jahren war das noch die Durchschnittszahl. Heute liegen wir meistens bei 30 – 35 im Mittel und immer häufiger gibt es auch Tage mit 40, 45 oder auch mal 55 Patienten. Bei letzteren kriecht man anschließend auf dem Zahnfleisch. Ja, und wenn dann an so einem Tag keine Betten vorhanden sind… da möchte man einfach aufstehen, rausgehen und nicht wiederkommen. Man bettelt die anderen Abteilungen an, versucht andere Kliniken von der Notwendigkeit einer Übernahme zu überzeugen und beginnt irgendwann gegen 2.00 Uhr morgens den Rettungsdienst anzuflirten, anzumaulen oder mit Kaffee zu bestechen, damit auch mal extra-internistische Diagnosen gestellt werden und fachüberlappende Diagnosen gleich in eine andere Klinik gefahren werden. Ja, man kommt sich manchmal vor wie ein Versicherungsvertreter, der andere davon überzeugen muss, dass seine eigenen Probleme auch die ihren sind. Manche Kollegen nennen das gar „Verhandeln“ oder noch schlimmer „Verkaufsverhandlungen führen“. Ich verweise an dieser Stelle auf den Beitrag in meinem Blog1.de-Blog über das sogenannte „Turfen“. Sarkasmus ist eine Form der Bewältigung einer psychischen Belastungssituation, wie z.B. chronische Überforderung von Ärzten durch extreme Arbeitsbelastung in den Diensten. Letztendlich steht hinter all dem Verhandeln, Verkaufen und Turfen der Wille, einen Patienten versorgen zu lassen und ihn nicht auf den Flur stellen zu müssen oder schlechten Gewissens nach Hause zu schicken, wo der Hausarzt mit dem Problem überfordert ist und sich oft nicht anders zu helfen weiß, als 2 oder 3 Tage später erneut eine Einweisung über die Notaufnahme zu versuchen. Ja, liebe Zweifler, soweit sind wir im deutschen Gesundheitssystem schon gekommen und es wird noch schlimmer werden. 

Wenn von den 40 oder noch mehr vorstelligen Patienten 6, 8 oder 10 aus einem Altersheim kommen mit fragwürdigen Diagnosen auf Einweisungsscheinen, die ein durch das Personal im Pflegeheim unter Druck gesetzter oder gar anamnestisch nicht korrekt informierter Hausarzt oder KV-Notdienst geschrieben hat, dann kennt die Freude keine Grenzen mehr. Die Tatsache, dass es sich um pflegebedürftige Menschen handelt, ist nicht der Grund. Das Problem oder das Ärgerliche ist, dass häufig kleinste Probleme im Heim ausreichen, um einen Arzt zu holen. Dieser kennt als KV-Notdienst die Patienten nicht. Sowohl KV-Dienst als auch Hausarzt müssen sich in der Regel auf die Angaben des Personals verlassen. In Anbetracht der Statistiken über die Häufigkeit und Dauer der pflegerischen Kontakte des Personals in Pflegeheimen zu den Bewohnern, neige ich dazu, diese Angaben grundsätzlich anzuzweifeln. Ja, lustig wirds, wenn Familienangehörige, die täglich zu Besuch kommen, diesen Angaben sogar widersprechen. Da steht dann so ein armer Hausarzt und kriegt z.B. was von Bluterbrechen erzählt und weiß nicht, dass es Rote Beete zum Mittag gab, die dem alten Menschen im Schnellverfahren eingeholfen wurde, damit man ihn schnell wieder hinlegen kann. Prompt erfolgt die Einweisung – was soll er auch anderes tun? Das Dumme ist, Mitarbeiter der Pflegeheime haben das inzwischen gelernt. Auffällig ist, dass die Anzahl der eingewiesenen Patienten am Freitag, Samstag und Sonntag rapide zunimmt. Ändert sich zu dieser Zeit die Luft in den Pflegeheimen? Unebenheiten im Raum-Zeit-Kontinuum? Ich will nicht zu sehr auf Details eingehen, aber der Pflegebericht, der in letzter Zeit durch die Presse ging, entspricht durchaus der Realität. Wutanfälle kriege ich immer, wenn auf dem Einweisungsschein Exsikkose steht. Warum kam es denn dazu? Nein, es liegt nicht immer an der störrischen Natur von Heimbewohnern, die das Trinken verweigern. Da erzählen mir alte Leutchen, dass sie eine Flasche hingestellt bekommen, aber sie kriegen sie nicht auf wegen fehlender Kraft oder Rheumatikerhänden und wenn sie was sagen, kommt keiner. Durstig vor einer Flasche Wasser sitzen… oder Angehörige erzählen mir, dass ein Schnabelbecher Tee morgens auf dem Patiententischchen stand und als sie nachmittags nochmal kamen, stand er noch am selben Fleck, war aber kalt… Pech, wenn man auf Hilfe beim Essen und Trinken angewiesen ist. Und warum fällt sowas immer am Freitagabend oder Sonntagfrüh auf? Meine böswillige Natur nimmt an, dass dann die Besetzung der Wohnbereiche in den Pflegeheimen so niedrig ist, dass man halt nicht genug Leute zum morgendlichen Waschen hat. Es ist anscheinend nicht möglich, dass Infusionen bei Bedarf auch mal im Heim verabreicht werden. Der Notdienst kriegts nicht abgerechnet, die Pflegeheimmitarbeiter drängen massiv auf stationäre Einweisung und der Patient ist nicht in der Lage mit ner schönen Exsikkose und ihren Folgen seine Meinung dazu zu sagen. So wird aus einem Pflegeproblem ein medizinisches. Tja, die Kosten im Gesundheitswesen steigen. Ich frage mich, warum. Achso: Und genügend Betten für „wirklich“ kranke Akutpatienten gibts halt auch nicht. Womit wir wieder beim Thema wären.

Nachdem ich in Anbetracht des erhebenden Gefühls von fast nichts an Betten zu Dienstbeginn schon tief luftholend an vergangene Dienste dachte, in denen ich kurz davor war, den Rettungsdienst anzumaulen, wenn sie schon wieder kamen, war ich dann heute morgen doch sehr zufrieden und angenehm überrascht von der Bilanz. 23 stellten sich vor, wir nahmen 13 oder so auf. Ok, wir mussten zwar andere Abteilungen 4x um Hilfe bitten wegen der fehlenden Betten, aber letztendlich schien es, als hätten die Leute gewusst, dass wir eh bald die Luftmatratzen auf die Flure hätten legen müssen. Einige waren dabei, die wollten partout nicht bleiben, obwohl es aus medizischer Sicht erforderlich gewesen wäre. Aber naja, mir ist es letztlich egal, es ist die Entscheidung der Leute und es ist deren Gesundheit als mündiger Bürger. Das entspannte die Lage natürlich jedes Mal etwas. Ich frage mich heute, womit ich dieses kleine Wunder verdient habe. Wer auch immer dafür verantwortlich ist: Vielen Dank. Das waren mindestens 17 Adrenalinschübe weniger als bei einigen früheren knochenharten Diensten.