Ist es die da nachts um halb drei?

2 08 2008

Doc Blog brachte mich durch einen Beitrag auf das Reizthema „Patienten die sich nachts mit Bagatellen vorstellen, um sich Wartezeit zu ersparen.“ Was könnte ich  mich darüber aufregen… Ist es die da, nachts um halb drei, die dich zum Wahnsinn treibt… ja, die gehören mit dazu.

Zur Erklärung: Es gibt 3 Sorten Patienten in einem 24h-Dienst.

Sorte 1

– die wirklich krankenhausreifen Kranken. Sie kommen zu jeder Tages- und Nachtzeit. Aber das ist auch egal. Da weiß man, wofür man arbeitet. Es fällt einem nicht schwer, einem zyanotischen älteren Herren mit dicken Beinen und dicken Halsvenen, nachts einen iv-Zugang zu legen und Furesis zu spritzen. Da braucht man keine besondere Motivation für. Selbst hoch fiebernde Pflegepatienten mit der x-ten Pneumonie und besorgten Kindern dabei machen einen vielleicht depressiv, weil eh schon genug Waschpatienten da sind und man sowieso keine Betten mehr hat, aber auch da weiß man, dass das nächtliche Aufstehen bzw. wachbleiben einen Sinn macht und man einen Zielauftrag hat (finde raus, was es ist und gib ne anständige Antibiose, damit er bald wieder zur Family nach Hause kann). Ich springe auch, wenn der RD kommt und eine Allergische Reaktion auf unbekannt bringt und jemand mit hochrotem Körper und dicker Zunge auf der Trage liegt. Keine Frage, das gehört in eine Notaufnahme.

Sorte 2

– die leicht Kranken oder gar nicht Kranken mit nur Angst davor schwer krank zu sein. In jeder Notaufnahme tummeln sich Infarktausschlüsse aller Art – Menschen die jemanden in der Familie haben der gerade herzkrank geworden ist, junge Leute die Angst haben vor Herzinfarkten, gestresste Mütter die ihr Herz pochen hören usw. Auch da ist es berechtigt nachzusehen und das schlimmste auszuschließen, auch wenns zuweilen nervt. Die jüngste Infarktpatientin, die ich jemals erlebt habe, war knapp über 20 und wäre fast gestorben. Es gibt also nichts, was es nicht gibt. Aber merke: Die wirklich einen Infarkt haben, werden meist vom Hausarzt geschickt, kommen zu Fuß, mit eigenem PKW oder per ÖPNV, sitzen artig mit ihren Schmerzen im Wartezimmer bis sie dran sind (was auch mal ne ganze Weile… 3 h dauern kann), dann steht auf dem EW-Schein etwas wie „V.a. Pneumonie“ oder „V.a. Schulter-Arm-Syndrom“ und wenn man sie dann befragt und untersucht (und später das Labor und EKG sieht), dann kriegt man große Augen und es muss alles sehr schnell gehen.  Also wie gesagt: LE oder aMI ausschließen ist ok auch wenns nervt.

Sorte 3

– die mit einfachen Dingen, die der Hausarzt behandeln kann und / oder die nachts kommen, weil dann die Wartezeit kurz ist. Diese Leute machen mich wahnsinnig und aggressiv. Meistens gehören sie den Baujahren zwischen 1975 und 1990 an. Gerade die Leute unter 25 haben so gut wie keine Kenntnisse über Hausmittel, über ich sag mal „das was normal ist“ oder über höfliches Verhalten. Beispiele:

1. Schnupfen seit 2 Tagen, die Nase ist zu, man kann nicht schlafen. Also geht man in die Krankenhaus-Notaufnahme so gegen Mitternacht. Folgende Antworten kamen: „Beim Hausarzt hätts so lange gedauert“ „So kann mir gleich was aus der Apotheke holen heute nacht“ (Häää? Und was war an den zwei Tagen vorher? Waren Apotheken da noch nicht erfunden?) „Ich brauch nen Krankenschein.“ „Wie, sie dürfen keine Krankenscheine ausstellen? Wieso schreiben Sie das nicht vorne dran? Dann hätte ich mir die 10 Euro auch sparen können! Dann will ich mein Geld wieder haben. Ich krieg ja nichtmal ein Rezept von ihnen!“

2. 30 Grad, blauer Himmel, Supersonnensommerwetter. Tagsüber grillen am Strand oder Badesee. Abends nach dem Grillen feststellen, die Schultern schlagen Blasen und tun weh. Also geht man in die Notaufnahme, aber erst nach Mitternacht. Antworten: „Wieso dauert das denn solang hier bei Ihnen, ich warte schon ne halbe Stunde.“ – „Wir hatten einen Schockraumpatienten, der ist doch an Ihnen vorbeigefahren, haben Sie doch gesehen.“ – „Eh echt, muss man sich hier mit nem Rettungswagen herfahren lassen, damit man nich im Wartezimmer verhungert?“. „Ich dachte, wenn man Sonnencreme nimmt, dann reicht das den Tag lang.“ „Können Sie mir nicht irgendwas spritzen, damit das weggeht?“ „Ich brauch aber ein starkes Schmerzmittel, ich bin sehr empfindlich.“ „Krieg ich kein Rezept oder sowas?“ „War das jetzt alles, das sie mir sagen, viel trinken, Quark und kalte Umschläge drauftun und Paracetamol nehmen? Dafür hab ich jetzt 10 Euro gezahlt?“ Ja, und für den Hinweis morgen zum Hausarzt zu gehen, falls es schlimmer wird und sich gefälligst an die Empfehlungen auf der Sonnencremepackung zu halten und nach Ablauf der Eigenschutz+LSF-ZEit ein T-Shirt anzuziehen.

3. Jung, grad um die zwanzig, bauchfrei sowohl T-Shirt als auch Jacke kommt mit Brennen beim Wasserlassen und dauerndem Harndrang. Seit dem Morgen. Jetzt ist es schon weit nach Mitternacht. Hausarzt? – ich hab keinen. Tagsüber zum Arzt – ging nicht weil Schule / Arbeit / Konzertkarten / äh, wie man kann auch tagsüber zum Arzt gehen? Was gibts da für 10 Euro? Nen U-Status, ein paar Ratschläge  – viel trinken, warm halten, mal was ordentliches anziehen, wo man nicht die halbe Welt südlich des Bauchnabels sieht, und eine Tbl. Cipro plus die Anweisung einige Stunden später zum Hausarzt zu gehen bzw. sich einen zu suchen und ein Rezept für selbiges Antibiotikum zu holen. Rezepte gibts nicht im Krankenhaus. Und beim nächsten mal gleich zum Hausarzt oder halt zum KÄND. Also das was Mutti auch gesagt hätte, wenn man sie mal gefragt hätte… wozu haben die alle Handy?

4. „Ich kann nicht schlucken. Seit gestern. Es tut weh. Und das Penicillin was ich seit heute nehme hat auch noch nicht geholfen. Ich will ein anderes Antibiotikum.“ – „Haben Sie es mal mit Paracetamol oder Novalgin versucht?“ – „Hä?“ – „Na gegen die Schmerzen ein Schmerzmittel nehmen.“ – „Auf’m Rezept stand nur Penicillin.“ Wieso fragt der dann nicht noch mal nach? Das tut man doch, wenn man wegen Schmerzen zum Arzt geht. Ich bin mir sicher, dass der Hausarzt ein Schmerzmittel empfohlen hat. Das machen sie alle. Aber man muss es selbst kaufen. Millionen Deutsche konsumieren Schmerzmittel in rauen Mengen. Ich treffe auf den einen, der es nicht tut… Mitten in der Nacht wohlgemerkt. Es bleibt mir nichts anderes übrig als Apotheken-Umschau oder Gesundheitsbeilage der Regionalpostille zu spielen und  über die Wirkungsweise von Antibiotika und Schmerzmitteln aufklären – eins gegen Bakterien, eins gegen den Schmerz. Zwischendurch muss ich allerdings noch zwei zyanotische Patienten vom RD übernehmen, was den jungen Herrn fast irre macht. Damit er mir nicht anfängt rumzuschreien kriegt er ne Paracetamol eingeholfen und einen großen Zettel auf dem Paracetamol steht und mit dem er 4 Stunden später zur Apotheke gehen soll um sich ne Packung zu holen. Achso und den Hinweis, dass er das Penicillin auch weiternehmen muss. Man weiß ja nie, manche Dinge scheinen sich doch nicht von alleine zu erklären.

5. Der Pickel. Nach dem Duschen bemerkte man auf exponierter Stelle (jedenfalls wenn man so einen riesigen Ausschnitt hat) einen roten Punkt, der sich offensichtlich daran machte, ein echter Pickel werden zu wollen. Was tut man da? Falsch, keinen Abdeckstift oder sowas. Man geht in die Notaufnahme so gegen halb eins. „Nee, also bis morgen früh der Hausarzt aufmacht wollte ich nicht warten. Da muss ich dann auch immer so lange warten, nur um mir sagen zu lassen, das ist nichts. Hier gehts schneller.“ Aufklärung, dass wir ein KRANKENHAUS sind und keine Ambulanz, dass die Notaufnahme da ist um die Patienten für die Stationen aufzunehmen und nicht nachts ein billiger und schneller Hausarztersatz zu sein. Das folgende Zucken der Schultern ließ meinen Blutdruck gefährlich steigen. Der Busen wird aufreizend nach vorne gestreckt, der BH lasziv entfernt. Unser RD-Praktikant kriegt rote Ohren und verschwindet schnell.  „Is denn kein zweiter Doktor da, der auch noch mal gucken kann zur Sicherheit?“ Enttäuschung, dass ich weiblich bin oder was schwingt da jetzt im Dialog mit rüber? Mich beeindruckt Cup C mit PushUp nicht im Geringsten. Schon gar nicht, wenn es zwei Etagen drüber so hohl klingt. Ich kann auch noch unseren Chirurgen holen, aber der steht auf Jungs. 🙂  Falscher Abend um mit weiblichen Reizen Doktoren beeindrucken zu wollen… Nach langer Suche finde ich dann auch den roten Punkt. Wie niedlich, so klein und will schon ein Pickel werden. Ausführliche Aufklärung, dass aus Pickeln und auch solchen, die gerade noch erst ein richtiger Pickel werden wollen, nur äußerst selten Blutvergiftungen werden, außer man drückt wild darauf herum. Sie soll beobachten und wenns schlimm wird zum Hausarzt und Hautarzt gehen. Sorry, liebe Kollegen, aber irgendwer wird als Mann mal auf den Busen gucken müssen, damit die liebe Seele ruh hat…

Was einen aber auf die Palme treibt sind Thromboseausschlüsse… Wieso geht das nicht, dass man erstmal zum Hausarzt geht, sich das Bein wickeln lässt und ein NIMH spritzen. Und am nächsten Tag, wenn der Hausarzt das D-Dimer hat, ggf. die Überweisung zum Angiologen oder Duplexkundigen Facharzt erfolgt? Und wieso wartet man mit schmerzenden Beinen aller Art immer bis abends 19.00 oder 20.00 Uhr? Weil man da vom KÄND automatisch den Transportschein kriegt egal wie jung man ist? In jedem Dienst könnte man eine Schwester alleine damit beschäftigen, nur D-Dimere abzunehmen und Beinumfänge zu messen. 90% sind unauffällig. Bei den 10% der auffälligen findet sich eine Thrombose nur in wenigen Fällen… i.d.R. sind es Zerrungen, Prellungen, Überlastungen, Angstzustände (ich bin geflogen, habe ich jetzt eine Thrombose, weil mein Sockengummi zu sehen ist in der Haut?), mal ne Bakerzyste die geplatzt ist.

Ja, und wenn man sich das alles so anguckt und erlebt und dann auf der anderen Seite sieht, wie sehr Gesundheitspostillen boomen und auch das Internet überfrachtet ist mit Ratgebern und Hausmitteltipps, dann fragt man sich, wieso manche Leute eigentlich nix, aber auch gar nix über so banale Dinge wie einen Sonnenbrand wissen. Dem Trend, aufgrund der geringen Wartezeiten mitten in der Nacht Ärzte im 24 (oder mehr) Stunden Dienst um ein paar Minuten Schlaf zu bringen, kann man aber begegnen… Triage eben, das wichtigste / die kränkesten zuerst…





Woran erkenne ich, ob ich einen Zivi vor mir habe?

7 12 2007

Ich glaube,  so allmählich wird es doch eine Ratgeber-Serie. Nun ja… Manche Dinge kommen halt einfach und setzen sich in der Tastatur fest und wollen dann einfach auf den Bildschirm, nicht?

Die folgende Frage ist eminent wichtig, vor allem für diejenigen, die das erste Mal ins Krankenhaus kommen. Es gibt Stations-, Transport- und Haustechnik-Zivis.  Letztere habens glaub ich am besten…
Woran erkenne ich, ob ich einen Zivi vor mir habe?

1. Die Frisur verhängt eines seiner Augen und lässt sich wie eine Gardine hin und herziehen.

2. Um den Hals trägt er ein Lederbändchen mit einem silbernen Anhänger.

3. Er wird rot, wenn er die Schwesternschülerinnen anguckt.

4. Er zwingt mich in einen Rollstuhl und vergisst die Trittbretter runterzumachen. Das Bauchmuskeltraining durch das „Sie müssen die Beine hochhalten sonst kann ich nicht schieben“ kann durch keine Physiotherapie ersetzt werden.

5. Die Schwestern schreien über den ganzen Flur seinen Namen, ergänzt durch den Satz „Wo steckt der Blödmann denn nun schon wieder?“

6. Er hört beim Transport stundenlang den alten Herren zu wie sie von früher erzählen und nickt dabei. iPod-Kabel kann man ganz unauffällig plazieren, wenn man längere Haare hat.

7. Er ist der einzige vom ganzen Stationspersonal, der noch menschliche Züge hat. Die anderen Zombies sind emotional schon zu sehr von den Patienten distanziert und kümmern sich um so und soviel Patienten, nicht um Herrn X, Frau Y und Herrn Z.

8. Nach 3 Monaten beginnt der kleine auch den Morgengruß zu sprechen.

9. Die Omis würden ihn am liebsten alle knuddeln, weil er so süß ist, wie ihr Enkelsohn.

10. Keiner fährt heimlich so schön illegale Betten- und Rollstuhlrennen… 🙂





Das Turfen

26 10 2007

Ich hab Tränen gelacht als ich, auf dem Blog von Hypnose Kröte den Beitrag zum Turfen gelesen hab.

http://www.hypnose-kroete.de/?p=18#comments

Es gibt einen Beitrag von mir in meinem „alten“ Blog1 – Blog zum Turfen.

http://blog1.de/assistenzarzt/66944/Inoffizielles+Fachw%F6rterbuch+Medizin.html

 Wegen der langen Ladezeiten bei Blog1 kopiere ich ihn hier mal Original rein.

Inoffizielles Fachwörterbuch Medizin

Posted on 30.11.2006 at 11:57 PM

Der „Turf“

 

Der Turf (gesprochen der „Töärf“), oder als Tätigkeit das Turfen, bezeichnet den genialen Akt einer Verlegung eines Patienten.

Immer gut: Turf home – Entlassung in die Häuslichkeit.

Auch gut: Turf Heim – eine gute, aber oft befristete Lösung, da sich das Heim gerne Vorfälle und Diagnosen einfallen lässt, um rechtzeitig vor dem Wochenende „Waschpatienten“ loszuwerden und so weniger Personal zu brauchen.

Absolute Kunst: Turf back – die Verlegung zurück zur zuweisenden Einrichtung (Klinik oder Heim) wegen rechtzeitiger Aufdeckung einer vorgeschobenen „Loswerde-Diagnose“ oder clever bemerkter Weiterleitung ans falsche Fachgebiet („Wie? Schlaganfall is keine internistische Erkrankung?“)

Selten: Turf ITS – muss schnell gehen, damit der kleine Assi-Arzt nicht in Problemen ertrinkt, die drei Nummern zu groß sind

Der „normale“ Turf, eine Verlegung zu einer anderen Abteilung oder Klinik, muss eine strategisch gut durchdachte Aktion sein, damit er 1. gelingt und man 2. nicht zum Opfer eines Turf back wird. Turfs bringen manchmal Benefit für den Patienten, manchmal für den Doktor. Idealerweise trifft beides zusammen, is aber selten. Schwestern freuen sich über jeden Turf, weil sie dann die Hoffnung haben, einen Waschpatienten weniger zu haben.

 

Gomers sind im übrigen die Gefahrguttransporte unter den Turfs. Gerade bei ihnen droht immer ein Turf back. Extremfälle von Double Turf backs sind vorkommen: Schlaganfall von Neuro in Innere, Wie? Schlaganfall is gar keine internistische Diagnose? NÖ! Zurück von Innere in Neuro. Erneuter Versuch von Neuro in Innere: Patient isst nicht mehr richtig, er braucht ne PEG. Ätsch! Weiterer Turf back zur Neuro am gleichen Tag nicht möglich. Extremstfall wäre der Triple oder Quad Turf back oder auch Turf Ping Pong, den ich aber noch nie gesehen oder Berichte davon gehört habe.“