Ach Frau Doktor, ich nehme dann auch noch…

25 01 2013

„… das und das… ist rein pflanzlich. Wegen der Gesundheit, wissen’se. Man muss ja auch selbst was machen.“

Wenn ich den Satz höre, schwanke ich zwischen „oh bitte nicht“, „Geldschneiderei“ und „och mensch, hättst mal gefragt, was Sinn macht“. Nun ja, letzteres ist ja Ansichtssache. Manchmal möchte ich einfach diese Hersteller anbrüllen so laut ich kann, weil ich es so ungerecht finde, was da abgeht. Es wird was zusammengestellt, eine hübsche seriöse Verpackung gemacht, etwas ins Marketing investiert und dann die Lage der Patienten ausgenutzt. Wer schon irgendeine Krankheit hat, will gesund werden und tut meist alles dafür. Außer mit dem Rauchen aufhören 🙂 Wer jemanden kennt, den er mag und der ist krank, der will ihm was gutes tun. Wer irgendwann gesehen hat, wie schlecht es einem anderen ging, der will gar nicht erst krank werden. Und mit diesen Intentionen der Menschen, da kann man was machen.

Über das Thema könnte man Bücher schreiben… Das einzige Fazit kann nur lauten: Der einfachste Weg, Geld für die Gesundheit zu sparen ist, keine unnötigen Nahrungsergänzungsmittel und pflanzliche Mixturen zu kaufen, und mit dem Rauchen aufzuhören.
Wer glaubt, dass alles was pflanzlich ist, harmlos ist, der ist einer großen Lüge aufgesessen. Medikamente werden oft auch aus Pflanzen entwickelt. Ein Medikament hat Wirkungen und Nebenwirkungen. Pflanzliche Präparate sind in der Regel nicht weniger wirkungsvoll. Es kommt nur auf die Dosis an. Und die wird von solchen Herstellern von Nahrungsergänzungsmitteln, gerne auch diätetisches Lebensmittel oder ähnlich tituliert, pro Pille gerne so klein gehalten, dass man nicht als Medikament läuft, also kein Medizinprodukt ist. Heißt, man muss keine Studie vorlegen, dass es wirkt. Man muss aber auch nicht gucken, wem man schaden könnte. Oder ob es Wechselwirkungen gibt mit anderen Sachen. Und man kann in jedem Laden verkaufen und ist nicht auf die Apotheken angewiesen. ABER (es ist immer ein Aber dabei) auf den Packungen steht die Empfehlung, wieviel man pro Tag nehmen soll und da kommt man manchmal schon in den Bereich, die man bei „echten“ Medikamenten erreicht. Man muss auch damit rechnen, dass viele etwas mehr nehmen, damits besser hilft oder schneller. Das passiert glaub ich bei vom Arzt verschriebenen Sachen selten, denn das ist ja Chemie und zuviel Chemie ist ja nicht gut für den Körper (einfach mal auf die Inhaltsstoffe schauen… zum Pillen bauen werden die gleichen Hilfsstoffe genommen – Chemie ist auch Chemie, wenn sie aus der Drogerie kommt!). Die Werbung ist oft sehr … zweideutig. Sie arbeitet mit viel Psychologie. Nüchtern betrachtet, sagt man eigentlich nix, aber das was ein Mensch im Laden dort reininterpretiert, ist oftmals was ganz anderes.

Was bleibt objektiv vom schönen Schein der Gesunderhaltung mittels diverser Pillen… man forscht jetzt. Ab und an wird mal was publiziert.
Hier mal ein paar Beispiele (Liste ist natürlich sehr kurz und nicht vollständig)

Cava cava
Als ich studierte, da gabs Todesfälle und Notfall-Lebertransplantationen, weil Leute Cava cava Produkte gekauft haben. Eine Klinik publizierte ihren Fall, plötzlich meldeten sich noch mehrere und ein paar Monate später gabs das Verbot. Und ich bin mir sicher, es hat so einigen das Leben gerettet.

Johanniskraut
Inzwischen weiß man, dass auch in den frei verkäuflichen Dosierungen Interaktionen mit Herzmedikamenten möglich sind.

Vitamin E
Überraschenderweise tendiert die aktuelle Studienlage dazu, dass zuviel Vitamin E schadet und nicht mehr schützt.

Vitamin C
Ist für mich das einzige, was relativ ungefährlich erscheint, besser ist aber, es natürlich zu nehmen – in Früchten. Pillen haben wieder Hilfsstoffe, aber ansonsten scheidet man ein zuviel an Vitamin C aus.

Vitamin D
hier läuft die spannendste Forschung. Abschließende Beurteilung derzeit noch nicht möglich. Eigentlich ist es ja schon ein Hormon. Aber egal, es ist in 20% der Stoffwechselvorgänge beteiligt. Überdosierungen sind möglich, allerdings hat man die notwendige Tagesdosis in der letzten Zeit deutlch nach oben korrigiert. Was man in der Medizin nicht mehr macht: es mit Calcium kombinieren, denn das macht vermehrt Arteriosklerose, zu deutsch: man verkalkt schneller. Geht man in den Laden, wird man es eigentlich nur in Kombination kriegen. Da ist diese Erkenntnis noch nicht angekommen.

Magnesium
Das zweite, was ich als brauchbar ansehe. Hilft gegen Wadenkrämpfe und bei Muskelverspannungen als Unterstützung, aber ist kein Allheilmittel. Und zuviel nimmt kaum einer, weils dann nen flotten Otto gibt.

Tja, ich war heute im Laden und stand plötzlich vor diesem Regal mit den ganzen Pillen. Es war länger als das für Babywindeln oder Shampoo. Am krassesten fand ich, dass ein Hersteller außen draufdruckte, was da alles gutes drin sein soll. Zum Beispiel Curcumaextrakt. Hätte man gesagt E100 (Kurkumin), wäre das attraktiv? In der Liste die so gelb unterlegt auf die Packung gedruckt war, stand unter allem was toll sein sollte auch Chrom. Soweit ich gelernt habe, nehmen wir als Menschen genug davon auf mit normaler Ernährung. Soviel brauchen wir auch nicht davon. Bei den Inhaltsstoffen fand ich das dann an letzter Stelle… bei den Hilfsstoffen. Wird ja eigentlich bei Pillen auch als Hilfs- und Farbstoff eingesetzt. Aber was für ein Marketing, einen Hilfsstoff als was gutes erscheinen zu lassen, oder hab ich mich getäuscht in meiner Wahrnehmung? Ihr dürft gerne ergänzen… die Liste dürfte so dick werden wie das Telefonbuch.

Wer sich wirklich so etwas aus dem Laden holt:
1. guckt bei seriösen Portalen wie Warentest oder Ökotest nach, was die sagen, die gucken bei Tests auch nach Sinnhaftigkeit von KOmbinationen.
2. seid euch bewußt, dass es nichts anderes ist als Babywindeln oder Shampoo – ein Produkt, das ein Hersteller verkauft, weil er damit sein Geld verdient.
3. seht auf die Zusatzstoffe, bunte Pillen sind bunt, weil Farbstoffe drin sind, manche sind in anderen Ländern nicht zugelassen. Und Brausetabletten haben oft Sachen wie Sorbitol drin oder ähnliches. Das vertragen viele nicht, vom Darm her, das kann durchhauen.
4. Wenn ihr schon Tabletten nehmt, dann fragt euren Arzt! Und nehmt die Packung mit, denn der Name nützt nichts, wenn man den Inhalt nicht kennt.
5. Denkt dran: Wer ein Medikament rausbringt, muss jetzt Studien nachweisen, wer ein diätetisches Lebensmittel oder wie auch immer rausbringt, braucht das nicht.
6. Homöopathie und „was pflanzliches“ ist nicht das gleiche. Homoöpathie tötet in der Regel keine Patienten.
7. Einer der Grundsätze der Pharmakologie: Ein Medikament, das keine Nebenwirkungen haben soll, steht in großem Verdacht, auch keine Hauptwirkung zu machen.

PS: Wer hier kommentiert zum Thema, beachte bitte: Werbung fliegt raus, alles was unseriös wirkt, sortier ich auch raus. Links zu Firmen bitte auch nicht, Links zu Publikationen gerne. Und bitte nicht verbal aufeinander einprügeln





Schlecker und die Apotheke

5 03 2008

Zwiespältige Gefühle überkamen mich heute, als ich die Anzeige von Schlecker las, die heute ihre Versandapotheke gestartet haben. Jede Menge Schmerzmittel, freiverkäufliche NSAR waren da zu sehen. Einerseits ist es ok, Versandapotheke und Infrastruktur eines Discounters treffen sich – das ist letztlich eine logische Folge der derzeitigen Marktentwicklung. Andererseits mache ich mir Gedanken. Die Leute sehen, dass es Paracetamol, Diclo, Ibuprofen etc. im Schlecker-Versand gibt. Legt das nicht den Schluss nahe, was es beim Schlecker gibt, ist nicht so gefährlich? Wird es dazu führen, dass Patienten Medikamente unterschätzen und sie eher als „Nahrungsergänzungsmittel“ ansehen wie Magnesiumtabletten? In der Apotheke ist jemand, der beim Kauf auf Nierenprobleme und Magengeschwüre hinweist und wenn jemand öfter kommt auch mal den Gang zum Arzt empfiehlt (jedenfalls meine Stammapotheke ist so veranlagt). Bei Schlecker können die Leute eine Hotline anrufen und fragen. Aber wer kommt von alleine drauf, zu fragen ob das nicht Löcher in die Magenwand brennt oder einem nach 5 Jahren Eigentherapie von Kopfschmerzen oder Rückenbeschwerden irgendwann die Nephrone lebewohl sagen? Ein guter Teil der heutigen Dialysepatienten hat ihre Niereninsuffizienz als Endstation diverser Nierenschädigungen unter anderem dem Langzeitgebrauch von NSAR zu verdanken. Wie wird es in ein paar Jahren sein? Können Patienten die Risiken und Nebenwirkungen von freiverkäuflichen Medikamenten wirklich sicher einschätzen und verantwortungsvoll handeln auch ohne einen Apotheker, den man mal fragen kann beim nächsten Kauf oder der einem Hinweise gibt, weil er dazu verpflichtet ist? Unterschätze ich die Eigenständigkeit von Patienten?

Ich kann nur jedem raten, auch bei freiverkäuflichen Dingen die Ratschläge auf der Beilage zu lesen und bei Ende einer Packung Schmerzmittel wenigstens mal einen richtigen Apotheker zu fragen oder mal einen Arzt aufzusuchen, naja, notfalls auch ein Patientenportal im Internet anzuklicken. Schmerzen haben eine Ursache und Schmerzmittel machen auch mal Nebenwirkungen.