It’s Time For A Revolution…

14 01 2018

Ich erlebe derzeit durch Kollegenkinder vieles quasi noch einmal, was ich in meinem Leben längst hinter mir ließ. Zum Beispiel Sportunterricht.
Bevor ihr weiterlest: ich möchte niemandem zu nahe treten, der im Lehramt steht. Wer empfindlich für Kritik ist, liest besser nicht weiter.
Was war Sportunterricht früher in der DDR? Förderung der Sportskanonen, Regelmäßige Sichtung durch Jugendtrainer, auslachen und (wie man heute sagt) dissen durch den Lehrer oder auch gerne mal der Lächerlichkeit preisgeben. Gelogen? Nee, eigene Erfahrung. Ich war eins von den Looserkindern. Ich beherrschte nur eins gut: alles mit Bällen und werfen, besser als die meisten Jungs. Was machten wir? Leichtathletik und Geräteturnen. Wie lief Leichtathletik ab? 30 Kinder warteten am Anlauf für die weitsprunggrube und kamen genau 2x zum Springen in der ganzen Stunde, der zweite Sprung war dann die Note. Versaut? Pech gehabt. 60 oder 100 m Lauf das gleiche. Wenn die Lehrer im Hochsommer bei 30 grad keinen Bock hatten, dann ließen sie uns mittags um zwei in der größten Hitze 1000 m Lauf machen. Wenn in der Turnhalle 3 Klassen waren, weil es so geplant war, dann musste eine rausgehen. Im Regen. Oder bei Frost. Egal. Gelobt sei was hart macht. Geräteturnen habe ich auch noch böse Erinnerungen… ein Lehrer kann nicht überall sein und sicherungsstellung machen. Es machten Kinder gleichen Alters aus der Klasse. Ja es gab Unfälle und Verletzungen.
Wie lief Sport nach der Wende ab? Genauso. Es hatte sich nichts geändert. Ich erinnere mich an zwei engagierte Lehrerinnen, eine hatte ich in der zweiten, die an mich glaubte und plötzlich hatte das Looserkind ein Sportabzeichen geschafft und das ohne Probleme. Leider wurde sie schwanger. Im nächsten Jahr hatte ich wieder jemanden, der mich auslachte. Die andere Lehrerin begleitete mich in manchen Klassenstufen auf dem Gymnasium, leider nicht immer. Das war die einzige, die über den Tellerrand hinaussah. Die es als Auftrag verstand. Die sich hinstellte und was über Physiologie erzählte oder Hebel in den Gelenken. Oder auch die erste, die sich mit einem Haufen Teenager hinsetzte und statt Sport Aufklärungsunterricht machte am Lehrplan vorbei. Ansonsten endete vieles in Rumstehen, frieren, Hitzekollaps diverser Jugendlicher in praller Sonne, kopfplatzwunden, Knochenbrüchen, Prellungen, auch ich musste was einstecken davon, und einer Notenbewertung, die ich ungerecht empfand. Beim Geräteturnen zum Beispiel. Zusammengefasst bleibt unterm Strich eine Menge Frustration und die Erkenntnis das Sport keinen Spaß macht.
So wie bei Hunderttausenden anderen Menschen in diesem Kand auch. Die AG Sport der DDG sagte auf einem Kongress mal, dass dies die Grundlage ist, warum man viele Menschen ihr Leben lang nicht mehr für Sport begeistern kann – diese frühen und tief sitzenden frustrationserlebnisse.
Als ich hörte, wie der Sportunterricht heute abläuft – ungefähr 20 Jahre später – stellte ich fest: alles beim Alten. Nix ist anders. Was ist das Resultat? Generationen, mit Hunderttausenden Menschen, die keine Freude am Sport empfinden können. Generationen, die nicht wissen was rückengerechtes Verhalten ist, die keine Ahnung von gesunder Ernährung haben und Teenager, die immer noch darauf angewiesen sind, dass aufklärungsunterricht etc. von Vereinen ehrenamtlich gemacht wird an Schulen wie z.B. Projekten von Medizinstudenten (an meiner Uni hieß es „Mit Sicherheit Verliebt“.) und wir haben Millionen im Land, die sich nicht trauen erste Hilfe zu leisten zum Beispiel bei Sportunfällen, weil sie einmalig in ihrem Leben einen Nachmittag für den Führerschein abgesessen haben und das war es.
Wozu also diesen falschen Weg weitergehen? Es ist Zeit für eine Revolution. Lasst uns diesen unsinnigen Sportunterricht in der herkömmlichen Form abschaffen, denn er bringt nichts für die Kinder und Jugendlichen. Und was schlägt Assistenzarzt stattdessen vor? Einen Sport- und Gesundheitsunterricht. Inhalte: Rückenschule und zwar jede Woche mit 30 min. Würde uns langfristig Milliarden im Gesundheitswesen sparen. Gesunde Ernährung mit Kochen, erklärt von Profis, die für Kinder ausgebildet sind. Gesundheitslehre mit Erste Hilfe Kurs in der 8. Klasse parallel zum Biounterricht und Aufklärungsunterricht beginnend ab der ersten Klasse, um Themen wie Sexuelle Identität, Respekt vor dem anderen, Missbrauchsprävention etc. von Anfang an altersgerecht zu vermitteln. Und Sport mit der Möglichkeit etliche verschiedene Sportarten auszuprobieren und dem Ziel Kindern Spaß an der Bewegung zu vermitteln, Teamfähigkeit aufzubauen, Regeln einzuhalten und sich darauf zu freuen, etwas zu tun, was man kann und das Selbstbewusstsein zu stärken, Selbstwirksamkeit zu erfahren und zu erleben, wie gut es tut, aktiv zu sein. Das geht aber nicht mit Noten für etwas, das man einen Tag im Jahr zweimal in 45 min macht und nicht mal eine Anleitung bekommt.

Was brauchen wir dafür? Sportlehrer, die auch rückenschule beherrschen, statt nur Zeiten stoppen oder die Sprunglatte rauflegen. Ernährungsberater, Rettungsdienstler und Ärzte, die an Schulen Unterricht geben dürfen, Profis, die Aufklärungsunterricht gestalten. Es funktioniert nur, wenn der Staat bzw. die Länder bereit sind, in die Zukunft zu investieren und Geld auszugeben, damit wir später im Gesundheitswesen Milliarden einsparen können und wenn Lehrer und Gesetzgeber bereit sind, so einen Weg mitzugehen und niemand schreit, weil er glaubt, es wird an seinem Stuhl gesägt. Das Leben ist nicht so wie der Sportunterricht. Hat mal jemand die Jugendlichen in der Praxis gesehen? Wenn sie nicht gerade im Sportverein trainieren (und oftmals selbst dann) haben sie keine vernünftige Haltemuskulatur mehr, sie wissen kaum etwas über erste Hilfe im Notfall oder gesunde Ernährung. Sie wirken hilflos bei diesen Themen, wenn sie mit Rückenschmerzen kommen oder übergewichtig sind oder Eisenmangel haben, weil Veggie hip ist, aber sie keine Ahnung von Hintergrundwissen haben. Es ist nicht so, dass es sie nicht interessiert, sie hatten nur niemanden der ihnen sowas erklärt. Sollte die Schule nicht eigentlich fit für das Leben machen? Die Dinosaurier hat die Evolution aussterben lassen, weil es bessere Modelle gibt, beim Sportunterricht sollte das gleiche passieren. It’s Time For A Revolution…





Moderne (Buch-)Zeiten

29 09 2015

Assistenzarzt war neulich zur Fortbildung in der großen Stadt. Und weil dort ein großer Buchladen mit Fachbüchern immer schon war, dachte Assistenzarzt: gehen wir mal hin nach der Veranstaltung und gucken mal alle Bücher durch, so wie früher! Das waren Zeiten, wo man alle Bücher live vergleichen konnte. Ein Paradies…
Gesagt, getan. Aber die Schwierigkeiten fingen schon an, als Assistenzarzt die große Medizinbuchabteilung suchte… da wo sie früher war, da war sie nicht. Also weiter gesucht… ganz hinten, hinter all den Kalendern, Geschenken, Weltbessermachen-Büchern und so da stand oben dran „Medizin“. Die einst so 18 m Gesamtlänge Medizinbücher für alle „Altersgruppen“ war zusammengeschrumpft auf 4 m. Innere Medizin eine halbe Regalreihe. „Herold“, das Standardbuch, nicht vorhanden. Facharztprüfungsbücher, nicht vorhanden. Eigentlich standen da nur ein paar Bücher, mit denen kaum jemand arbeitet, zu alt, zu unpraktisch. Da kam dann noch ein Kollege vorbei. Der traute sich, die Verkäuferin zu fragen, wo all die Bücher geblieben sind. Ob die Studenten denn nicht bald kämen, weil doch das Semester losgeht und die brauchen die Bücher doch gleich und sofort. Und ob man nicht mal hier und mal da schmökern kann, um sich eines mitzunehmen. Nein, war die Antwort. Die Studenten würden alle online bestellen und die meisten Ärzte auch. Oder eben im Laden bei ihr bestellen. Hmmm, sagten da der Kollege und Assistenzarzt. Bestellen können wir auch… angucken und kaufen wollten wir. Und zwar mehr als eins. Aber wo kein Angebot, da kein Käufer. Naja, wir könnten doch bei ihr bestellen und dann in den Laden kommen und das abholen, dann kaufen wir ja auch im Laden. Macht wenig Sinn… extra nochmal in die große Stadt fahren… Benzingeld, Parkgebühren, Zeit… Soviel zur Förderung der lokalen Buchläden. Wenn keiner Bücher anbietet, kann keiner kaufen, dann bestellen die Leute mehr im Internet und es kommen noch weniger in den Laden. Klar, aus nem Medizinbuch kann man kein Event machen wie aus einem Krimi oder Kinderbuch. Heute Lesung „Herold, Innere Medizin“: „Ich beginne mit einem Auszug aus Kapitel 10… die Pneumonie. Definition…“ Kommt irgendwie uncool, wenn ich das als Dinosaurier mal so nennen darf. Früher haben die einen wahnsinnigen Umsatz mit uns Studenten gemacht dort. 100 mal das gleiche Buch verkauft. Heute kann man nicht mal mehr vor Ort reingucken, weil die Dauerbrenner nicht mal mehr im Laden sind. Selbst wenn man kaufen will, man kann es nicht mehr tun, weil sie einen nicht lassen. Naja, hab ich wenigstens nen Kalender für 2,99 mitgenommen statt Fachbuch für 79,99 und 59 Euro. Sie hätten es anders haben können. Sie wollten wohl nicht. Moderne Zeiten halt. Irgendwie anders.





Dauerthema Interessenkonflikt

28 10 2010

Ein Dauerbrenner-Thema in der Medizin ist das Wort „Interessenkonflikt“.

Für die Medizin-Laien: Ein Interessenkonflikt ist zum Beispiel, wenn der hochdotierte Professor XY, von Patienten geliebt, von seinen Lakaien Studienknechten   Mitarbeitern verehrt, in einem Journal – egal ob MMW, DMW, Internist, Orthopäde, Zentralblatt für sonstwas oder Lancet – einen tollen Artikel zur Therapie von der Krankheit ABC  veröffentlicht und darin zum Beispiel das Medikament Z richtig gut findet und das auch dort schreibt, das Medikament Q aber gar nicht erwähnt, obwohl es in der Therapie etabliert ist. Für alle, die sich bilden wollen mit so einem Artikel, ist klar: Medikament Z ist das, was die eigenen Patienten kriegen, denn es das richtige und beste, schließlich hat es ja die Arbeitsgruppe um Professor XY so gesagt. Unerwähnt oder vergessen bleibt manchmal, dass der Hersteller des Medikaments Z Professor XY kürzlich auf Vorträge in schicken Städten eingeladen hat mit Übernachtung, schönem Salär und Abendprogramm und ihm nebenbei für die Durchführung einer Studie eine Drittmittelstelle finanziert. Das ist dann ein Interessenkonflikt: Schreib was schickes, aber bevorteile niemanden vs. kriege Vorteile von jemandem über den du schreibst. Weil manchmal selbst der edelste Mediziner solchen Einflüssen gegenüber seine Objektivität höher einschätzt als sie tatsächlich ist, haben die Journals die Regel, dass derartige Interessenkonflikte veröffentlicht werden müssen, damit der bildungswillige Leser in seiner Meinungsbildung nicht entmündigt wird und sich seinen Reim drauf machen kann, wenn Medikament XY über den Klee gelobt wird.

Noch interessanter wird die Sachlage, wenn Professor XY in die Leitlinienkommission seiner Fachgesellschaft gewählt wird und plötzlich das Medikament Z viel weiter oben erscheint als vorher. Die Ärzte aus dem Fachgebiet lesen diese Leitlinien und sind verpflichtet danach zu handeln, ja man kann sogar Ärger kriegen, wenn man es nicht tut. Weil eben alle solche Leitlinien lesen, sollten sie (hach, der Konjunktiv) unabhängig sein, von unabhängigen Experten nach bestem Fachwissen zusammengestellt. Wann ist man unabhängig? Wenn man nichts mit der Pharmaindustrie zu tun hat. Und deswegen steht das auch immer da, so wie Professor XY selbstverständlich auch hinschreibt, er habe mit keinem Pharmariesen was zu tun. Aber Moment mal, er hat doch aber… das mit den Vorträgen und so… Richtig verstanden: Ein Interessenkonflikt.  Natürlich kann es sein, dass Medikament Z einfach überzeugend gut ist. Aber dann bräuchte Professor XY sich ja nicht zu schämen und könnte schreiben, dass er vom Hersteller des Medikaments Z Vortragshonorare und Studienzuwendungen erhält.

Für die Pharmaindustrie ist so jemand wie Professor XY hoch interessant. Er ist das, was in diesen Kreisen Multiplikator oder Meinungsbildner genannt wird. Das heißt, was er sagt, glauben viele, weil er seinen Ruf bisher noch nicht beschmutzt hat durch unethisches Verhalten oder es die Leute zumindest glauben, dass es so wäre. Da kann man ihn gut Vorträge und Studien machen lassen. Besonders gut funktioniert das natürlich, wenn er bei Publikationen zum Medikament Z plötzlich Amnesie bekommt, was die Vortragshonorare angeht oder die Studien, für deren Durchführung er finanzielle Unterstützung in gehobenem Rahmen erhält.  

Ein reales Beispiel hat strappato in seinem Blog erwähnt: Demenzleitlinien, oder lieber Leid-Linien?

Ich krieg grad sich aufdrängende Gedankenschübe mit Worten wie Avandia, Rimonabant oder alte Hochdruckleitlinien der WHO.

Es gibt übrigens auch ein sehr lesenswertes Buch zum Thema von Hans Weiss. Es heißt „Korrupte Medizin“.
Die abgeklärten Blogger, die hier ab und an mitlesen, wissen dass ich in manchen Punkten etwas naiv bin bzw. ich noch nicht einen generalisierten Hass auf die Medizinbranche entwickelt habe, wie andere. Ich versuche immer noch irgendwie ein anständiger Arzt zu werden, was auch immer das bedeutet. Ich habe auch keine Lust, mich meine noch verbliebenen Ideale, es werden immer weniger, durch noch mehr Befassen mit der Gesundheitswesen-Talfahrt, zu zerstören. Von manchen Schweinereien Pannen und Fehlentwicklungen möchte ich am besten gar nichts wissen, weil ich sonst wohl zu dem Schluss kommen würde, dass wir Ärzte zum großen Teil keine halben Götter sind sondern eher halbe Portionen aus der überheizten Kelleretage.  Aber als mir jemand dieses Buch empfahl, wollte ich eigentlich nur wissen, was denn nun eigentlich die Wahrheit ist und hatte mich getraut, die Frage öffentlich in einer Chefvisite zu stellen. Kann ich dem, was in den Leitlinien steht trauen oder dem was in den Journals steht? Wenn öfter mal Medikamente nach einigen Jahren vom Markt verschwinden, ist dann nicht irgendwas falsch gelaufen und wieso ging das eigentlich?

Nun ja, die Wahrheit gefunden habe ich nicht. Nur die Erkenntnis gewonnen, dass ich mich noch mehr frage als zuvor, wem und was ich denn nun trauen kann. Ich will nach bestem Wissen und Gewissen handeln für meine Patienten. Aber kann ich das, wenn ich mich an die Leitlinien halte tatsächlich? Sind Leitlinien das, wofür sie stehen?

Beispiel Diabetes: Avandia fliegt in den USA vom Markt demnächst. Und die europäische Zulassungsbehörde erwägt ähnliches. Der Hersteller hatte Amnesie was Studiendaten anging. Er wurde aufgrund einer völlig anderen Klage gezwungen, Studiendaten online zu stellen. Ein paar Leute sahen sich das an und begannen eine Studie zu machen, die bestätigte, dass eine drastisch höhere Rate an Herzinfarkten unter Avandia zu erwarten ist und auch eine auffällig höhere Raten an Herzinsuffizienzen. Das Thema ging durch die Fachpresse und durch die Ärzte-Postillen, durch den Spiegel und Focus und man sollte meinen, es hätte jeder mitbekommen. Wieso stellt sich dann die Deutsche Diabetes Gesellschaft hin und tönt, sie hält es immer noch für ein brauchbares Medikament? Wofür brauchbar frag ich mich – für „sozialverträgliches Frühableben“? Klar senkt es den Zucker, dann kann man zumindest sagen: „Schade, so früh ein Herzinfarkt, aber wenigstens hatte er einen Top-HbA1c!“   Wenn es in der Presse so gut wie überall zu lesen war, wieso gibt es Hausärzte die gerade jetzt noch Patienten neu darauf einstellen? Das bittere ist, das war kein Einzelfall in den letzten Wochen.

Ich will nicht behaupten, dass andere Antidiabetika besser sind, das kann ich schlichtweg nicht, weil ich mich frage, welche Überraschungen uns möglicherweise in den nächsten Jahren noch erwarten. Ich habe ein- oder zwei Kandidaten, die mein Misstrauen erwecken, weil sie so massiv beworben werden. Ich will aber niemanden zu unrecht unter einen Generalverdacht stellen, nur weil die PR-Abteilung des Herstellers MediaMarkt-Strategen blass aussehen lässt.

Nach der Lektüre des genannten Buches von Hans Weiss habe ich es selbst ausprobiert. Ich war bei Pharma-gesponsorten Veranstaltungen und auf Kongressen des gleichen Fachgebiets. Und siehe da, ich traf teils die gleichen Leute. Aber in den Vorträgen ohne Pharma-Sponsoring erwähnte keiner von denen, nicht mal in einer 6Punkte hohen Fußzeile, dass sie auch zum gleichen Thema auf Veranstaltungen der Pharmas sprachen. Eigentlich sagen die Richtlinien, dass derartige Interessenkonflikte anzugeben sind, egal ob auf einer Veranstaltung oder bei einer Publikation. Aber wenn man nicht mal Leitlinien mehr Glauben schenken kann, wieso sollte sich jemand noch an irgendwelche Richtlinien halten… Begriffen habe ich bei der Lektüre des Buches auch, wie die Summen in den Gehältertabellen in der Spalte Ärzte zustande kommen. Was da angegeben ist als Durchschnitt, kriegt bei uns nur ein leitender Oberarzt. Aber wenn man überlegt, dass es wahre Vortrags-Touristen gibt und die pro Vortrag kassieren (Meinungsbildner sind was wert…) und Leute, die gerne unheimlich viele Studien durchführen und sich damit brüsten, aber keinem sagen, wers bezahlt… dann ist mir klar, dass die die Statistik nach oben ziehen. Und den Ruf der Branche demolieren.

Es gibt eine Menge Anti-Ärzte oder Ärztehasser-Bücher auf dem Markt. Die meisten bedienen sich Pauschalisierungen und Klischees.  „Korrupte Medizin“ kann aber für sich in Anspruch nehmen, dass jede Behauptung durch Fakten belegt wird und bisher noch keiner der erwähnten Ärzte eine Klage eingereicht hat, was wohl dafür spricht, dass es stimmt, was da drinsteht.

Und ja, korumpieren lassen wir uns alle, bereits als Studenten, wenn wir den ersten Kugelschreiber von einem Pharmareferenten annehmen, der uns als Famulanten im Arztzimmer sitzen sieht. Untersuchungen zeigen, dass wir uns durch sowas tatsächlich beeinflussen lassen, selbst wenn wir felsenfest davon überzeugt sind, dass es nicht so ist. Ohne das jetzt als Rechtfertigung oder Rausreden verstanden zu wissen zu wollen, aber ich finde, zwischen Kulis, EKG-Linealen und Post-Its anzunehmen einerseits und gesponsorten Vorträgen als „Meinungsbildner“, Studienpublikation mit „Ghost-Statistikern“ die ihr Gehalt von der Industrie beziehen und Leitlinien schreiben ohne seine Vortragshonorare und ähnliches anzugeben andererseits liegt ein großer Unterschied. Das eine können wir bewußt als Werbung wahrnehmen, wie die von Autohäusern, Stromanbietern oder Versicherungen, das andere kann man nicht mal mehr mit Schleichwerbung vergleichen…

Tja, und als kleiner Arzt irgendwo in einer Klinik steckt man so drin in diesem großen Etwas und fragt sich so Fragen wie die, was denn nun eigentlich die Wahrheit ist und letztlich das beste für den Patienten… vielleicht ein Schamane, der macht wenigstens nur Werbung für seine Kräutertinkturen… oder Großmutters Hausrezept: An apple a day keeps the doctor away!*

*Erklärung des Autors: Im Sinne der Pflicht zur Offenlegung von Interessenskonflikten versichert der Autor nie in seinem Leben Honorare eines Apfelbauern oder anderen Apfelherstellers erhalten zu haben und die Äpfel aus seinem Garten nur für den Eigenbedarf zu nutzen.





Assistenzarzt bei den Gasmännern – Teil 5

7 02 2010

Heute: Kaffeekochen mit Assistenzarzt

Assistenzarzt hat viele Fehler. Zwei davon sind das Assistenzarzt kein Kaffee trinkt und das Nett-sein-Gen. Also das mit dem Kaffee weiß ich auch nicht wieso und das mit dem Nett-sein-Gen hab ich geerbt. An einem Morgen trafen sie beide aufeinander… Assistenzarzt wollte nett sein zu den Kollegen, weil das Azubi-Volk nicht da war und somit die einfachsten Funktionen sozialen Krankenhauszusammenlebens nicht funktionierten. Kaffee ist für Gasmänner sowas wie für Autos das Benzin oder … für Junkies die Drogen? Egal, welche Metapher man nimmt, es geht nicht ohne Kaffee. Bevor den Supermännern also der Treibstoff aus Krypton ausging, musste neuer her. Assistenzarzt hat sehr wohl schon mal Kaffee gekocht, kommt mit der Bedienung der technischen Kaffeekocheinheit super klar. Nach dem Wasser einfüllen bis zum letzten Strich kam der Griff zur Dose mit dem Kaffee. An diesem Tag war es eine Dose ohne Kaffee. Der war nämlich alle. Also zur Vorratskammer für Supermänner-Treibstoff gegangen und neuen geholt. Hübsche Verpackung. Harmonie stand drauf. Wow, das war doch genau das richtige. Assistenzarzt füllte Inhalt in Dose und wollte Verpackung ordnungsgemäß mülltrennen. Da fiel der Blick auf das Wort, das sich über dem assistenzärztlichen Daumen befand: entkoffeiniert. Ähhemm… Assistenzarzt hielt für Sekunden inne. *grübel* Das hieß doch ohne Power? Schmecken tuts doch gleich, oder?  Nur merken tun sie es nicht gleich… Aber der Tag dürfte dann sehr entspannt werden. Eine zweite Dose war nicht da, sonst hätte man ja umfüllen und anderen Treibstoff… nee, das ging nicht. Wo sollte Assistenzarzt jetzt mit dem falschen Kaffee hin?  Hmmm… dafür war es jetzt zu spät. Ooooops… *Blick nach links* *Blick nach rechts* Keiner da, der es gesehen hat. Die beste Möglichkeit, nicht aufzufallen, ist sich unauffällig zu verhalten. Also wir kochen jetzt erstmal Kaffee. Assistenzarzt schaufelte Kaffee in den Filter und ließ die Maschine schnorcheln. Dose weggestellt, leere Packung ganz tief im Müll vergraben. Nochmals umgesehen. Immer noch unbeobachtet.

Nach einigen Minuten war der Kaffee dann umfüllreif für die Thermoskanne und landete in selbiger auf dem Tisch. Psychologisch vorgebildet, was tägliche Gewohnheiten angeht, wurde der Griff der Kanne elegant zur Wand plaziert, dass erst die andere Kanne, die bereits fertig mit koffeiniertem Kaffee auf dem Tisch stand, getrunken würde, weil leichter zu erreichen. Der Kaffeekonsum an diesem Tag ließ zu wünschen übrig und lag eindeutig unter dem Supermänner-Durchschnitt. So war dann am Nachmittag auch erst die erste Kanne (mit Koffein) leer als eine wilde Meute von Gasmännern nach den Heldentaten im OP auf den Tisch zustürmte und gierig nach einem Feierabend-Kaffee lechzte. Voll des Lobes war man angesichts des Duftes, des Aromas,… Harmonie eben. Die Selbstbeherrschung bei Assistenzarzt war immer noch perfekt. Dennoch entschloss sich Assistenzarzt auch aufgrund mangelndem Arbeitsaufkommens zu einem kurzfristigen Ende seiner Anwesenheit pünktlich zu Dienstschluss um die kaffeetrinkende Nation alleine zu lassen. Die Vorstellung davon, wie man allmählich merken würde, dass der so duftende Kaffee irgendwie nicht so richtig fit macht, geisterte durch die Synapsen… aber dann wären die Supermänner alle zuhause… und müssten mit ihren Frauen klären, warum sie an diesem Tag keine Superman-Leistungen vollbrachten. Gespannt war Assistenzarzt nur auf die folgenden Tage, an denen sämtliche Kannen aus der Dose rekrutiert würden und somit frei jeden Koffeins wären… Also ich weiß nicht, wer die Dose aufgefüllt hat, ihr etwa?! *unschuldig die Schultern zuckend*





Irgendwo im Arztzimmer

30 10 2009

der andere: Scheißtag.

Assistenzarzt: Hmmm. Ich hab mir heute morgen als wir anfingen, vorgenommen, mich nicht zu ärgern.

der andere: Echt?

Assistenzarzt: Hmmm.

der andere: Und, wie lange hast durchgehalten?

Assistenzarzt: Bis um 7.50 Uhr.





Gewalt gegen Rettungskräfte

26 09 2009

Da hier auch viele Rettungsleutchen mitlesen verlinke ich mal auf einen Beitrag zu einer interessanten Studie aus der Fachhochschule Neubrandenburg, die auf dem Notärztetag MV vorgestellt wurde. Es geht um Gewalt gegen Rettungskräfte. Da es eine dpa-Meldung war, haben es viele Medien aufgenommen. Hier mal exemplarisch der Focus.

http://www.focus.de/panorama/welt/gesundheit-immer-haeufiger-gewalt-gegen-rettungskraefte_aid_439322.html

 

Fazit: wir brauchen Wege, um die Rettungskräfte (meiner Ansicht nach auch Personal in Notaufnahmen)  zu schulen, wie man mit bekloppten Besoffenen umgeht, um nicht selbst verletzt zu werden…





Spielt keiner mit?

14 07 2008

Hej Leute, wie ich vor einigen Tagen bereits aufrief, ist in Dr. Haus‘ Whiteboard wieder ein Fall, der sehr skuril scheint. Will denn keiner mitspielen? Dann seid ihr alle Spielverderber… ich find das da ganz lustig, aber es braucht mehr als einen, der Kommentare schreibt… Also an alle verfügbaren Docs, Studis und RDler: auf ins Dr. Haus Whiteboard und mitspielen sonst schieb ich hier noch richtig Frust!

http://klinikdirekt.de/blog/?p=19





Assistenzarzt fragt – Teil 4

11 07 2008

Wer sich mal mit seiner persönlichen Sommertraumfigur befasst hat, kommt zwangsläufig dahin, verschiedene Aktivitäten auf deren Kalorienverbrauchswert zu checken. Und schon kurvt man auf verschiedenen Internetseiten zum Thema abnehmen, von denen es abertausende zu geben scheint. (Grundsätzlich sollte ich vielleicht sagen, dass es verschiedene Wege gibt, den Grundumsatz zu berechnen und auch etliche verschiedene Angaben, wieviel man wobei verbrennt. Und es ist eh jeder unterschiedlich in seiner persönlichen Fett-Muskel-Restgewebe-Zusammensetzung… also vom Prinzip könnte man sagen: Zahlen sind das eine, Realität das andere…)

So, da findet man z.B. dass man beim normalen gehen in 10 min 46 Kcal verbrennt, beim Shopping 43 kcal und beim tippen am PC nur 17… Leute, ich opfere gerade meine Traumfigur für Euch…! Hier z.B. gibts ne tolle Tabelle für Sportbegeisterte. In der Auswertung bleibt mir nur zu sagen, dass man beim Sex mehr Kalorien verbrennt als beim Treppensteigen – berechnet auf 15 min. Wer also meint, er geht im Hochhaus lieber zu Fuß bis in die oberste Etage um abzunehmen, tut gut daran, seine zwischenmenschlichen Beziehungen und Hormone in die richtigen Bahnen zu lenken. Auch Aerobic, Aquafitness, Basketball, Bowling, Fußball, Frisbee, Golf, Gymnastik, Radfahren, Skaten, Snowboarden, Segeln, Spazierengehen, Tennis, Volleyball, Surfen und Yoga bringen nicht so viel verbrannte Kalorien. Einzig schnelles Jogging, Mountainbiking, Schwimmen, Spinning  und Squash können da beim Kalorienverbrennen gegenüber Sex mithalten…

Aber nirgends steht, wieviel kcal man beim Visite machen verbrennt oder beim Arztbrief diktieren, beim Patientenuntersuchen, beim Gespräch mit dem Chefarzt, beim Punktieren irgendwelcher Körperhöhlen, beim Reanimieren, beim Flirten mit dem Chirurgen… Also fragt Assistenzarzt jetzt: Wieviel kcal verbrennt man bei diesen Tätigkeiten??? Und ändert sich das vom PJ zum Assistenzarzt und dann zum Facharzt? Verbrennen OÄ noch mehr?





Kranke Ärzte durch kranke Arbeitszeiten

3 04 2008

Hier mal ein Beitrag des Portals Via medici online zu kranken Ärzten durch kranke Arbeitszeiten. Es hat ein Symposium in BaWü gegeben zum Thema.

http://www.thieme.de/viamedici/medizin/aerztliches_handeln/gesundheitsschutz.html?newsid=030-03042008

Prädikat: Unbedingt lesenswert.
Mecker-Blogger-Count: Beitrag Nr. 372993250720549454 der jammernden Ärztefraktion 😉





Masern – Ein paar Fakten

3 04 2008

Das Thema Masern ist im Moment wieder mal hochaktuell. Deshalb an dieser Stelle mal ein paar sachliche Fakten, quasi eine nicht-CME-zertifizierte Online-Fortbildung.

Das einzige Reservoir für das Masernvirus ist der Mensch. Das heißt, sie werden nur von Menschen auf Menschen übertragen, Pfiffi, Miezi oder Goldi kommen dafür nicht in Frage.

Wenn Masern-Erkrankungen auftreten, wird in der Regel geschaut, zu welchem Genotyp das Virus gehört. Auf diese Weise ist es möglich zwischen Wildvirus und Impfvirus zu unterscheiden. Seit 2000 sind fast alle Masernviren in Deutschland dem Genotyp D7 zuzuordnen, zuvor waren es C2 und D6.

Masern werden über Tröpfcheninfektion übertragen. In der Luft befindliche Mikrotröpfchen, die masernvirushaltiges Atemwegssekret enthalten, haben lange Zeit ansteckungsfähige Viren in sich. Masernviren sind hochansteckend. 98% der ungeimpften mit Kontakt zu Masernerkrankten werden vom Virus befallen. Das heißt, wenn 100 ungeimpfte Kinder in einem Kindergarten sind und ein Kind mit Masern wird von Masern-Mutti trotz Erkrankung hingebracht und hustet ein paar Mal dort, dann werden 98 der ungeimpften Kinder in diesem Kindergarten krank. Auch ohne Masernparty. Ja, das kann einem ein gewisses Gefühl von Macht verleihen, oder? Die Masernviren werden von den feinsten Aerosoltröpfchen in der Luft über die Schleimhäute beim Atmen aufgenommen (also Mund, Rachen, Bronchialwege) und auch über die Bindehäute der Augen.

In Ländern mit hohen Durchimpfungsraten wie USA und Skandinavien gibt es keine einheimischen Masern mehr, nur noch importierte Erkrankungen, z.B. aus Bayern oder sonstwo in Deutschland. Deswegen wird amerikanischen Touristen unbedingt dazu geraten sich und ihre Kinder mit einem kompletten Impfschutz zu versehen, bevor sie in unsere verseuchten Breiten einreisen. Besonders hoch ist die Masernrate in BAY, BW, NRW mit 30 Fällen / 100000 Einwohner, in den neuen BL dagegen nur 1 Fall / 100000 Einwohner. Die WHO möchte die Masern auch in Europa gerne bis 2010 ausgerottet haben, was aber die ungeimpften Masernkinder bzw. die in der Regel noch selbst geimpften Masern-Muttis wohl verhindern werden. Früher waren die Masern vorwiegend bei Kleinkindern aufgetreten, heute eher im Schulkindalter und bei Jugendlichen. Letzteres hat negative Konsequenzen für die Todesrate.

Das Masernvirus steht auf Zellen des Nervensystems und des Lymphsystems. Diese fällt es nach Eindringen in den Körper zuerst an. Nach dem Eindringen in den Körper über die Schleimhäute der Atemwege und der Augen, also der Infektion, folgt die Inkubationszeit von 8 – 10 Tagen. Inkubationszeit = Träger des Virus ohne Krankheitszeichen. Dann beginnt das katarrhalische Stadium. Heißt, es geht los wie bei einer Erkältung, nur schärfer. Plötzliches hohes Fieber (Minimum 38,5°C), gerne auch mit Fieberkrämpfen und Bindehautentzündung. Die Kinder schreien vor Schmerzen, weil sie extrem lichtempfindlich sind durch die Bindehautentzündung. Dabei dann natürlich auch Husten, trockener Husten, Heiserkeit, Entzündung der Luftröhre und Bronchialwege (Tracheobronchitis). Bei vielen Kindern finden sich innen an der Wangenschleimhäut weißliche Flecken in dieser Phase. Das Fieber geht dann nach 1-2 Tagen erstmal runter. Achtung: In dieser Phase sind die Kinder bereits ansteckend. Masern-Mutti geht dann mit Junior vielleicht noch in den Supermarkt oder bringt ihn noch in den Kindergarten mit ein paar Fieberzäpfchen zuvor. Dieses katarrhalische Stadium dauert 3-4 Tage. Am 3. bis 4. Tag schießt das Fieber wieder hoch und beginnt das Exanthem, also der Hautausschlag. In der Regel fängt das ganze retroaurikulär an = hinter den Ohren und breitet sich nach unten über den ganzen Körper aus. Auch in dieser Phase kommt es häufig zu Fieberkrämpfen. Die Kinder mögen nicht essen, kaum trinken, haben hohes Fieber, quälenden Husten.  Das Exanthem breitet sich nun aus in den nächsten Tagen. Das Kind hat immer noch hohes Fieber. Wenn es die unteren Extremitäten erreicht hat, dann sinkt auch das Fieber nach etwa 3-4 weiteren Tagen. Einige Stellen dieses Exanthems, also Hautausschlags, können auch unterbluten. Das kommt durch eine Störung der kleinsten Gefäße zustande. Etwa 1 von 1000 erkrankten Schulkinder bzw. Jugendlichen stirbt, meist infolge einer Hirnentzündung oder Lungenentzündung.

Bei Kindern, die eine angeborene Störung des Abwehrsystems haben, wie zB. Defekte im T-Zell-System oder die Immunsuppressiva nehmen, z.B. nach Transplantationen oder bei Autoimmunerkrankungen kann der Verlauf auch mal völlig untypisch sein.  Diese Kinder kriegen sehr häufig Lungenentzündungen und eine Enzephalitis (also Hirnentzündung). Daran können sie auch sterben.

Wenn Schwangere erkranken, sprich wenn die Kinder der Impfgegner selbst Kinder bekommen, dann besteht die Gefahr von Fehl- und Frühgeburten. Die Schwangeren bekommen auch sehr häufig Lungenentzündungen.

Eine Masernerkrankung führt fast immer zu einer vorübergehenden Abwehrschwäche von mindestens 6 Wochen. Das Immunsystem des Kindes ist also für mindestens 6 Wochen platt, egal ob nun Homöopathische Wässerchen oder nicht. Das beruht darauf, weil das Virus wie oben schon gesagt, scharf auf Zellen des Lymphsystems ist und sie schädigt. Kann man vielleicht vergleichen mit Leuten, die Immunsuppressiva nehmen müssen, Krebs oder HIV haben, denn die haben allesamt eine Abwehrschwäche. Die Kinder kriegen in der Folge häufig Erkrankungen durch Bakterien, weil der Körper durch das Maserngeschädigte Immunsystem nicht in der Lage ist, sich dagegen zu wehren. Dazu zählen Mittelohrentzündungen, Durchfallerkrankungen, Laryngotracheobronchitis (=Masern-Krupp), Lungenentzündungen (weil das Masernvirus zuvor die Zellen der Atemwegsschleimhaut geschädigt hat), … Bei einem Teil der Kinder hält diese Abwehrschwäche auch für längere Zeit an. Naja, bleibt Masern-Mutti halt mal länger zuhause und riskiert nebenbei ihren Job. Achso, naja, dass Junior so oft krank ist… Masern-Mutti pflegt ihn schon. Das festigt die Mutter-Kind-Beziehung.

Weitere Komplikationen gefällig?

Bei etwa 10% der Kinder (= eins von zehn erkrankten Kindern) treten Fieberkrämpfe auf. Die müssen dann nicht unbedingt mehr auf die Masernerkrankung beschränkt bleiben. 50% der Kinder mit einem komplikationslosen Verlauf haben anschließend EEG-Veränderungen, soll heißen dass sie potentiell gefährdet sind, Krampfanfälle zu bekommen. Dazu kann z.B. das nächste Fieber führen oder Stress etc. Bei den meisten gehen die EEG-Veränderungen wieder weg, bei einigen nicht. Die werden dann halt auch mal Epileptiker. Übrigens führt jeder Epileptische Anfall zu einer passageren Sauerstoffunterversorgung des Gehirns und kann damit zum Zelltod einiger Hirnzellen führen. Je häufiger die Anfälle, desto schlechter fürs Gehirn.

Bei 1 von 500 Schulkindern / Jugendlichen Erkrankten kommt es zu einer Enzephalitis, also Gehirnentzündung. Masern-Mutti kann also schon mal mit dem Abzählen beginnen. Bei Kleinkindern liegt die Rate etwas niedriger mit 1 / 10000. Die Erkrankten haben dann nach Abklingen der Akutsymptomatik der Masernerkrankung wieder Fieber, bekommen Übelkeit und Erbrechen, weiterhin eine Nackensteife, sind benommen, stehen neben sich und kriegen Krampfanfälle. Eines von 5 Kindern und Jugendlichen, die eine Masernenzephalitis bekommen, stirbt daran. Kapiert? Von 2500 masernerkrankten  Schulkindern oder Jugendlichen wird einer an einer Enzephalitis sterben. Die anderen haben in der Regel psychische Veränderungen, was aber nicht gleichzusetzen ist mit dem Erwerb einer inneren Reifung durch die Erkrankung. Es handelt sich dabei um Persönlichkeitsveränderungen, Lernschwierigkeiten, Verhaltensauffälligkeiten und kann bis zu einer geistigen Retardierung mit lebenslanger Betreuungsbedürftigkeit führen. Ein Teil der Kinder behält auch Lähmungen zurück. Ok, sie können dann immer noch in einer Behindertenwerkstatt arbeiten und sich einen schicken Rollstuhl aussuchen.

Außerdem gibt es da noch die subakute sklerosierende Panenzephalitis, die bei 1 von 500000 Erkrankten auftritt. Ok, jetzt mögen viele sagen, die Chance ist nicht so sonderlich hoch. Zum Glück kann ich da nur antworten, denn diese Spätkomplikation führt definitiv zum Tod. Diese Spätkomplikation tritt etwa 2 bis 8 Jahre nach der Masernerkrankung auf, insbesondere bei denen, die die Erkrankung im frühen Kindesalter durchgemacht haben. Es beginnt mit Verhaltensauffälligkeiten, führt über Muskelstörungen und Krampfanfälle letztlich zur Dezerebrationsstarre = Koma oder Wachkoma, Apalliker, wie auch immer man dazu sagen mag. Die Erkrankung führt wie gesagt immer zum Tod.

Tja, was kann man machen als Arzt? Wenig. Symptomatisch nennen wir das. Heißt, im Notfall kommen die Kinder ins Krankenhaus oder gar auf die Intensivstation zur Überwachung. Bei bakteriellen Infektionen werden Antibiotika gegeben. Man hat bereits versucht bei Kindern mit einer angeborenen oder erworbenen Immunschwäche (also T-Zell-Defekte, Autoimmunerkrankungen, Transplantationen, Krebs etc.) Ribavirin zu geben, aber darüber gibt es keine Studien und ein Beweis für die Wirksamkeit gibt es bisher noch nicht.

Ansteckungsfähig sind Masernerkrankte 4 Tage vor bis 4 Tage nach Auftreten des Exanthems, also des Hautausschlags.

Bei Kindern mit Immunschwäche, bei denen aus verschiedenen medizinischen Gründen keine Impfung erfolgen konnte, muss bei Kontakt zu Masern-Muttis Liebling innerhalb der ersten drei Tage nach Kontakt geimpft werden. Zusätzlich erhalten diese Kinder Immunglobuline. Dieses Verfahren ist durchaus mit Komplikationen wie allergischen Reaktionen verknüpft und wird nur im Notfall gemacht. Aber es ist eben selbst den vorsorglichsten Eltern nicht immer möglich, ihr Kind vor einem Masern-Spreader zu schützen. Bliebe das Auswandern nach Skandinavien oder USA mit besseren Impfraten…

Eltern der masernkranken Kinder haben nicht nur das Recht auf Selbstbestimmung bezüglich der Impfung. Sie haben auch die Pflicht, ihre Kinder dann zuhause zu isolieren, damit keine anderen angesteckt werden – z.B. Kinder unter 15 Monaten, immungeschwächte oder Kinder die medizinische Kontraindikationen für eine Lebendimpfung haben. Aus meiner Sicht ist jedes Mal, wenn ein ansteckungsfähiges Kind in die Öffentlichkeit kommt, also Bus, Bahn, Supermarkt, Kindergarten, Sparkasse etc… ein fahrlässiges Verhalten der Erziehungsberechtigten. Steckt sich ein anderes an z.B. weil Masern-Muttis Junior in den Kindergarten kommt und mit den kleinsten spielt obwohl krank, würde ich als Mutter glatt eine Anzeige wegen fahrlässiger Körperverletzung erstatten. Es wäre interessant zu wissen, was dabei rauskommt, denn letztlich kriegen die Eltern der Erkrankten Auflagen vom Gesundheitsamt. Eine Wiederzulassung zu Gemeinschaftseinrichtungen ist erst ab dem 5 Tag nach dem Exanthem wieder möglich, bei Kontaktpersonen frühestens nach 14 Tagen. Heißt, dass alle anderen Kinder aus der Kindergartengruppe 14 Tage nicht in die Einrichtung dürfen sofern sie nicht geimpft sind. Da wird sich Masern-Muttis oder Masern-Papis Arbeitgeber aber freuen.

Jeder Arzt, der nur den Verdacht auf eine Masernerkrankung hat, ist verpflichtet dies dem Gesundheitsamt zu melden.

Fassen wir also zusammen: Von 1000 an Masern erkrankten Schulkindern und Jugendlichen stirbt 1 Kind, in der Regel an einer Enzephalitis oder Lungenentzündung. Von 500 Masernkranken Schulkindern und Jugendlichen kriegt 1 eine Enzephalitis. Eines von 5 Kindern mit einer Enzephalitis stirbt. Sofern die Kinder die Enzephalitis überleben, haben sie in der Regel psychiatrische oder neurologische Störungen zurückbehalten. Die Hälfte aller Kinder mit einem „Normalverlauf“ der Masern, haben Veränderungen im EEG, aus denen sich eine Epilepsie entwickeln kann wenn andere Risikofaktoren hinzukommen. 10% der Kinder kriegen Fieberkrämpfe, die sich nicht auf die Masernerkrankung beschränken müssen. Bei einem von 500000 Masernerkrankten beginnt nach 2 bis 8 Jahren die SSPE, die immer zum Tod führt. Für mindestens 6 Wochen haben alle Masern-Kinder eine Schwäche des Immunsystems, die zu weiteren Folgeinfektionen aller Art führt, unter Umständen auch mit schweren Folgen wie Tod durch Lungenentzündung.

Es gibt eine Impfung ab dem 10. Lebensmonat, Lebendimpfung, Kombination mit Mumps und Röteln, neuerdings auch Windpocken, die nach zweimaliger Impfung zu einem 99% igen Schutz gegen alle Erkrankungen führt. Es ist empfohlen Kinder vor Aufnahme in eine Gemeinschaftseinrichtung zu impfen, da Masern-Muttis überall sind. Impfviren sind nicht auf gesunde Kontaktpersonen übertragbar. Eine Testung auf Antikörper vorher und nachher macht nach derzeitigen Erkenntnissen keinen Sinn. 50% der Eltern, die behaupten, ihr Kind habe die Masern bereits gehabt und brauchen nicht geimpft werden, lügen oder liegen falsch mit ihrer Aussage. Eine bereits durchgemachte Erkrankung oder bereits erfolgte Impfung führt bei Impfung nicht zu Schäden, da die Impfviren durch die vorhandenen Antikörper sofort neutralisiert werden. Und: Es zählen nur DOKUMENTIERTE Impfungen.

Quelle: „Infektionskrankheiten“ von Suttorp, Mielke, Kiehl, Stück aus dem Georg-Thieme-Verlag und RKI-Homepage Seite zu Masern

Links:

Wikipedia

Robert-Koch-Institut (RKI)