Masern – Ein paar Fakten

3 04 2008

Das Thema Masern ist im Moment wieder mal hochaktuell. Deshalb an dieser Stelle mal ein paar sachliche Fakten, quasi eine nicht-CME-zertifizierte Online-Fortbildung.

Das einzige Reservoir für das Masernvirus ist der Mensch. Das heißt, sie werden nur von Menschen auf Menschen übertragen, Pfiffi, Miezi oder Goldi kommen dafür nicht in Frage.

Wenn Masern-Erkrankungen auftreten, wird in der Regel geschaut, zu welchem Genotyp das Virus gehört. Auf diese Weise ist es möglich zwischen Wildvirus und Impfvirus zu unterscheiden. Seit 2000 sind fast alle Masernviren in Deutschland dem Genotyp D7 zuzuordnen, zuvor waren es C2 und D6.

Masern werden über Tröpfcheninfektion übertragen. In der Luft befindliche Mikrotröpfchen, die masernvirushaltiges Atemwegssekret enthalten, haben lange Zeit ansteckungsfähige Viren in sich. Masernviren sind hochansteckend. 98% der ungeimpften mit Kontakt zu Masernerkrankten werden vom Virus befallen. Das heißt, wenn 100 ungeimpfte Kinder in einem Kindergarten sind und ein Kind mit Masern wird von Masern-Mutti trotz Erkrankung hingebracht und hustet ein paar Mal dort, dann werden 98 der ungeimpften Kinder in diesem Kindergarten krank. Auch ohne Masernparty. Ja, das kann einem ein gewisses Gefühl von Macht verleihen, oder? Die Masernviren werden von den feinsten Aerosoltröpfchen in der Luft über die Schleimhäute beim Atmen aufgenommen (also Mund, Rachen, Bronchialwege) und auch über die Bindehäute der Augen.

In Ländern mit hohen Durchimpfungsraten wie USA und Skandinavien gibt es keine einheimischen Masern mehr, nur noch importierte Erkrankungen, z.B. aus Bayern oder sonstwo in Deutschland. Deswegen wird amerikanischen Touristen unbedingt dazu geraten sich und ihre Kinder mit einem kompletten Impfschutz zu versehen, bevor sie in unsere verseuchten Breiten einreisen. Besonders hoch ist die Masernrate in BAY, BW, NRW mit 30 Fällen / 100000 Einwohner, in den neuen BL dagegen nur 1 Fall / 100000 Einwohner. Die WHO möchte die Masern auch in Europa gerne bis 2010 ausgerottet haben, was aber die ungeimpften Masernkinder bzw. die in der Regel noch selbst geimpften Masern-Muttis wohl verhindern werden. Früher waren die Masern vorwiegend bei Kleinkindern aufgetreten, heute eher im Schulkindalter und bei Jugendlichen. Letzteres hat negative Konsequenzen für die Todesrate.

Das Masernvirus steht auf Zellen des Nervensystems und des Lymphsystems. Diese fällt es nach Eindringen in den Körper zuerst an. Nach dem Eindringen in den Körper über die Schleimhäute der Atemwege und der Augen, also der Infektion, folgt die Inkubationszeit von 8 – 10 Tagen. Inkubationszeit = Träger des Virus ohne Krankheitszeichen. Dann beginnt das katarrhalische Stadium. Heißt, es geht los wie bei einer Erkältung, nur schärfer. Plötzliches hohes Fieber (Minimum 38,5°C), gerne auch mit Fieberkrämpfen und Bindehautentzündung. Die Kinder schreien vor Schmerzen, weil sie extrem lichtempfindlich sind durch die Bindehautentzündung. Dabei dann natürlich auch Husten, trockener Husten, Heiserkeit, Entzündung der Luftröhre und Bronchialwege (Tracheobronchitis). Bei vielen Kindern finden sich innen an der Wangenschleimhäut weißliche Flecken in dieser Phase. Das Fieber geht dann nach 1-2 Tagen erstmal runter. Achtung: In dieser Phase sind die Kinder bereits ansteckend. Masern-Mutti geht dann mit Junior vielleicht noch in den Supermarkt oder bringt ihn noch in den Kindergarten mit ein paar Fieberzäpfchen zuvor. Dieses katarrhalische Stadium dauert 3-4 Tage. Am 3. bis 4. Tag schießt das Fieber wieder hoch und beginnt das Exanthem, also der Hautausschlag. In der Regel fängt das ganze retroaurikulär an = hinter den Ohren und breitet sich nach unten über den ganzen Körper aus. Auch in dieser Phase kommt es häufig zu Fieberkrämpfen. Die Kinder mögen nicht essen, kaum trinken, haben hohes Fieber, quälenden Husten.  Das Exanthem breitet sich nun aus in den nächsten Tagen. Das Kind hat immer noch hohes Fieber. Wenn es die unteren Extremitäten erreicht hat, dann sinkt auch das Fieber nach etwa 3-4 weiteren Tagen. Einige Stellen dieses Exanthems, also Hautausschlags, können auch unterbluten. Das kommt durch eine Störung der kleinsten Gefäße zustande. Etwa 1 von 1000 erkrankten Schulkinder bzw. Jugendlichen stirbt, meist infolge einer Hirnentzündung oder Lungenentzündung.

Bei Kindern, die eine angeborene Störung des Abwehrsystems haben, wie zB. Defekte im T-Zell-System oder die Immunsuppressiva nehmen, z.B. nach Transplantationen oder bei Autoimmunerkrankungen kann der Verlauf auch mal völlig untypisch sein.  Diese Kinder kriegen sehr häufig Lungenentzündungen und eine Enzephalitis (also Hirnentzündung). Daran können sie auch sterben.

Wenn Schwangere erkranken, sprich wenn die Kinder der Impfgegner selbst Kinder bekommen, dann besteht die Gefahr von Fehl- und Frühgeburten. Die Schwangeren bekommen auch sehr häufig Lungenentzündungen.

Eine Masernerkrankung führt fast immer zu einer vorübergehenden Abwehrschwäche von mindestens 6 Wochen. Das Immunsystem des Kindes ist also für mindestens 6 Wochen platt, egal ob nun Homöopathische Wässerchen oder nicht. Das beruht darauf, weil das Virus wie oben schon gesagt, scharf auf Zellen des Lymphsystems ist und sie schädigt. Kann man vielleicht vergleichen mit Leuten, die Immunsuppressiva nehmen müssen, Krebs oder HIV haben, denn die haben allesamt eine Abwehrschwäche. Die Kinder kriegen in der Folge häufig Erkrankungen durch Bakterien, weil der Körper durch das Maserngeschädigte Immunsystem nicht in der Lage ist, sich dagegen zu wehren. Dazu zählen Mittelohrentzündungen, Durchfallerkrankungen, Laryngotracheobronchitis (=Masern-Krupp), Lungenentzündungen (weil das Masernvirus zuvor die Zellen der Atemwegsschleimhaut geschädigt hat), … Bei einem Teil der Kinder hält diese Abwehrschwäche auch für längere Zeit an. Naja, bleibt Masern-Mutti halt mal länger zuhause und riskiert nebenbei ihren Job. Achso, naja, dass Junior so oft krank ist… Masern-Mutti pflegt ihn schon. Das festigt die Mutter-Kind-Beziehung.

Weitere Komplikationen gefällig?

Bei etwa 10% der Kinder (= eins von zehn erkrankten Kindern) treten Fieberkrämpfe auf. Die müssen dann nicht unbedingt mehr auf die Masernerkrankung beschränkt bleiben. 50% der Kinder mit einem komplikationslosen Verlauf haben anschließend EEG-Veränderungen, soll heißen dass sie potentiell gefährdet sind, Krampfanfälle zu bekommen. Dazu kann z.B. das nächste Fieber führen oder Stress etc. Bei den meisten gehen die EEG-Veränderungen wieder weg, bei einigen nicht. Die werden dann halt auch mal Epileptiker. Übrigens führt jeder Epileptische Anfall zu einer passageren Sauerstoffunterversorgung des Gehirns und kann damit zum Zelltod einiger Hirnzellen führen. Je häufiger die Anfälle, desto schlechter fürs Gehirn.

Bei 1 von 500 Schulkindern / Jugendlichen Erkrankten kommt es zu einer Enzephalitis, also Gehirnentzündung. Masern-Mutti kann also schon mal mit dem Abzählen beginnen. Bei Kleinkindern liegt die Rate etwas niedriger mit 1 / 10000. Die Erkrankten haben dann nach Abklingen der Akutsymptomatik der Masernerkrankung wieder Fieber, bekommen Übelkeit und Erbrechen, weiterhin eine Nackensteife, sind benommen, stehen neben sich und kriegen Krampfanfälle. Eines von 5 Kindern und Jugendlichen, die eine Masernenzephalitis bekommen, stirbt daran. Kapiert? Von 2500 masernerkrankten  Schulkindern oder Jugendlichen wird einer an einer Enzephalitis sterben. Die anderen haben in der Regel psychische Veränderungen, was aber nicht gleichzusetzen ist mit dem Erwerb einer inneren Reifung durch die Erkrankung. Es handelt sich dabei um Persönlichkeitsveränderungen, Lernschwierigkeiten, Verhaltensauffälligkeiten und kann bis zu einer geistigen Retardierung mit lebenslanger Betreuungsbedürftigkeit führen. Ein Teil der Kinder behält auch Lähmungen zurück. Ok, sie können dann immer noch in einer Behindertenwerkstatt arbeiten und sich einen schicken Rollstuhl aussuchen.

Außerdem gibt es da noch die subakute sklerosierende Panenzephalitis, die bei 1 von 500000 Erkrankten auftritt. Ok, jetzt mögen viele sagen, die Chance ist nicht so sonderlich hoch. Zum Glück kann ich da nur antworten, denn diese Spätkomplikation führt definitiv zum Tod. Diese Spätkomplikation tritt etwa 2 bis 8 Jahre nach der Masernerkrankung auf, insbesondere bei denen, die die Erkrankung im frühen Kindesalter durchgemacht haben. Es beginnt mit Verhaltensauffälligkeiten, führt über Muskelstörungen und Krampfanfälle letztlich zur Dezerebrationsstarre = Koma oder Wachkoma, Apalliker, wie auch immer man dazu sagen mag. Die Erkrankung führt wie gesagt immer zum Tod.

Tja, was kann man machen als Arzt? Wenig. Symptomatisch nennen wir das. Heißt, im Notfall kommen die Kinder ins Krankenhaus oder gar auf die Intensivstation zur Überwachung. Bei bakteriellen Infektionen werden Antibiotika gegeben. Man hat bereits versucht bei Kindern mit einer angeborenen oder erworbenen Immunschwäche (also T-Zell-Defekte, Autoimmunerkrankungen, Transplantationen, Krebs etc.) Ribavirin zu geben, aber darüber gibt es keine Studien und ein Beweis für die Wirksamkeit gibt es bisher noch nicht.

Ansteckungsfähig sind Masernerkrankte 4 Tage vor bis 4 Tage nach Auftreten des Exanthems, also des Hautausschlags.

Bei Kindern mit Immunschwäche, bei denen aus verschiedenen medizinischen Gründen keine Impfung erfolgen konnte, muss bei Kontakt zu Masern-Muttis Liebling innerhalb der ersten drei Tage nach Kontakt geimpft werden. Zusätzlich erhalten diese Kinder Immunglobuline. Dieses Verfahren ist durchaus mit Komplikationen wie allergischen Reaktionen verknüpft und wird nur im Notfall gemacht. Aber es ist eben selbst den vorsorglichsten Eltern nicht immer möglich, ihr Kind vor einem Masern-Spreader zu schützen. Bliebe das Auswandern nach Skandinavien oder USA mit besseren Impfraten…

Eltern der masernkranken Kinder haben nicht nur das Recht auf Selbstbestimmung bezüglich der Impfung. Sie haben auch die Pflicht, ihre Kinder dann zuhause zu isolieren, damit keine anderen angesteckt werden – z.B. Kinder unter 15 Monaten, immungeschwächte oder Kinder die medizinische Kontraindikationen für eine Lebendimpfung haben. Aus meiner Sicht ist jedes Mal, wenn ein ansteckungsfähiges Kind in die Öffentlichkeit kommt, also Bus, Bahn, Supermarkt, Kindergarten, Sparkasse etc… ein fahrlässiges Verhalten der Erziehungsberechtigten. Steckt sich ein anderes an z.B. weil Masern-Muttis Junior in den Kindergarten kommt und mit den kleinsten spielt obwohl krank, würde ich als Mutter glatt eine Anzeige wegen fahrlässiger Körperverletzung erstatten. Es wäre interessant zu wissen, was dabei rauskommt, denn letztlich kriegen die Eltern der Erkrankten Auflagen vom Gesundheitsamt. Eine Wiederzulassung zu Gemeinschaftseinrichtungen ist erst ab dem 5 Tag nach dem Exanthem wieder möglich, bei Kontaktpersonen frühestens nach 14 Tagen. Heißt, dass alle anderen Kinder aus der Kindergartengruppe 14 Tage nicht in die Einrichtung dürfen sofern sie nicht geimpft sind. Da wird sich Masern-Muttis oder Masern-Papis Arbeitgeber aber freuen.

Jeder Arzt, der nur den Verdacht auf eine Masernerkrankung hat, ist verpflichtet dies dem Gesundheitsamt zu melden.

Fassen wir also zusammen: Von 1000 an Masern erkrankten Schulkindern und Jugendlichen stirbt 1 Kind, in der Regel an einer Enzephalitis oder Lungenentzündung. Von 500 Masernkranken Schulkindern und Jugendlichen kriegt 1 eine Enzephalitis. Eines von 5 Kindern mit einer Enzephalitis stirbt. Sofern die Kinder die Enzephalitis überleben, haben sie in der Regel psychiatrische oder neurologische Störungen zurückbehalten. Die Hälfte aller Kinder mit einem „Normalverlauf“ der Masern, haben Veränderungen im EEG, aus denen sich eine Epilepsie entwickeln kann wenn andere Risikofaktoren hinzukommen. 10% der Kinder kriegen Fieberkrämpfe, die sich nicht auf die Masernerkrankung beschränken müssen. Bei einem von 500000 Masernerkrankten beginnt nach 2 bis 8 Jahren die SSPE, die immer zum Tod führt. Für mindestens 6 Wochen haben alle Masern-Kinder eine Schwäche des Immunsystems, die zu weiteren Folgeinfektionen aller Art führt, unter Umständen auch mit schweren Folgen wie Tod durch Lungenentzündung.

Es gibt eine Impfung ab dem 10. Lebensmonat, Lebendimpfung, Kombination mit Mumps und Röteln, neuerdings auch Windpocken, die nach zweimaliger Impfung zu einem 99% igen Schutz gegen alle Erkrankungen führt. Es ist empfohlen Kinder vor Aufnahme in eine Gemeinschaftseinrichtung zu impfen, da Masern-Muttis überall sind. Impfviren sind nicht auf gesunde Kontaktpersonen übertragbar. Eine Testung auf Antikörper vorher und nachher macht nach derzeitigen Erkenntnissen keinen Sinn. 50% der Eltern, die behaupten, ihr Kind habe die Masern bereits gehabt und brauchen nicht geimpft werden, lügen oder liegen falsch mit ihrer Aussage. Eine bereits durchgemachte Erkrankung oder bereits erfolgte Impfung führt bei Impfung nicht zu Schäden, da die Impfviren durch die vorhandenen Antikörper sofort neutralisiert werden. Und: Es zählen nur DOKUMENTIERTE Impfungen.

Quelle: „Infektionskrankheiten“ von Suttorp, Mielke, Kiehl, Stück aus dem Georg-Thieme-Verlag und RKI-Homepage Seite zu Masern

Links:

Wikipedia

Robert-Koch-Institut (RKI)





Dr. Haus‘ und seine Fälle

25 03 2008

Ab sofort können reale Dr. House-Docs richtig reale Fälle vorstellen, diskutieren oder ungelöste Fälle online beratschlagen, um auf neue Ideen zu kommen oder auch mal Beinahe-Crashs vorstellen, aus denen man lernen kann. Angeregt von diesem Blog und zahlreichen House-Fans unter Ärzten hat klinikdirekt mal was neues probiert. Ihr seid alle aufgefordert da mitzumachen – Famulanten, PJs, Docs, Retter,… Moderiert wird das ganze von einem Profi, einem echten (anonymen) Doc mit FA-Titel.

 http://www.klinikdirekt.de/blog/





Wie man Nasenspray sprayen tut

19 03 2008

oder so ähnlich…

Liebe Mitgeplagten,

für uns Heuschnupfen-Opfer gibts hier die richtige Anleitung, wie man einen Nasenspray benutzt.

http://www.medical-tribune.de/patienten/news/22208/

Auf die Idee, einen Patienten mit Nasenbluten zu fragen, ob er Nasenspray benutzt, bin ich noch nie gekommen. Ich stopfe immer nur Gelaspon* rein und das macht sogar oft Spaß, sofern Patient keinen Mundgeruch hat und vorsichtig ist, dass man sich als Helfer nicht einsaut.

PS an die Studis: Immer Blutdruck messen bei Nasenbluten und nach Blutverdünnern fragen.

* Ich hätte hier gerne den Link zum Hersteller gesetzt, aber dieses Intro läuft Endlosschleife bei denen und man kommt nicht weiter auf die Homepage.





Mikrokosmos OP

17 03 2008

Den beiden Beiträgen von Hypnosekröte gibt es nichts mehr hinzuzufügen… außer 🙂

http://www.hypnose-kroete.de/?p=64#more-64

http://www.hypnose-kroete.de/?p=63





Ich sehe was du denkst

8 03 2008

… und du denkst grad  „hää, was is los?“

An der kalifornischen Uni Berkeley haben sich zwei Wissenschaftler gefragt, wie man rauskriegen könnte, was der andere denkt. Keine Ahnung, vielleicht hatten sie Streit mit ihren Frauen und stellten fest, dass sie nie wissen, was in denen vorgeht und schwupps war die Idee geboren, wir gucken ob wir rausfinden wie andere denken. Wie das genau ablief, wird in den nächsten Tagen die Zeitschrift „Nature“ bringen (oh, das gibt feine Impact-Punkte für die beiden). Fakt ist: es geht. Durch Analyse, welche Hirnregion was tun während der Proband ein Bildmotiv betrachtete, konnten die Wissenschaftler vorhersagen, was auf einem Bild drauf war, wenn sie dessen Inhalt nicht kannten sondern nur den MRT-Scan des Probanden sahen.

 http://www.medical-tribune.de/patienten/news/22170/

Ob Männern das weiterhilft, um Frauen zu verstehen? Eher nicht… 🙂 Ob Wissenschaftlern das weiterhilft um Gehirnfunktionen zu verstehen? Vielleicht. Ob Schreiberlingen das hilft um absurde SciFi und Horrorfilme zu schreiben? Sicher… Ob es mir hilft, meine Nachbarn zu verstehen, die gestern abend Schlagermusik lautstark hörten? Nein.





Schlecker und die Apotheke

5 03 2008

Zwiespältige Gefühle überkamen mich heute, als ich die Anzeige von Schlecker las, die heute ihre Versandapotheke gestartet haben. Jede Menge Schmerzmittel, freiverkäufliche NSAR waren da zu sehen. Einerseits ist es ok, Versandapotheke und Infrastruktur eines Discounters treffen sich – das ist letztlich eine logische Folge der derzeitigen Marktentwicklung. Andererseits mache ich mir Gedanken. Die Leute sehen, dass es Paracetamol, Diclo, Ibuprofen etc. im Schlecker-Versand gibt. Legt das nicht den Schluss nahe, was es beim Schlecker gibt, ist nicht so gefährlich? Wird es dazu führen, dass Patienten Medikamente unterschätzen und sie eher als „Nahrungsergänzungsmittel“ ansehen wie Magnesiumtabletten? In der Apotheke ist jemand, der beim Kauf auf Nierenprobleme und Magengeschwüre hinweist und wenn jemand öfter kommt auch mal den Gang zum Arzt empfiehlt (jedenfalls meine Stammapotheke ist so veranlagt). Bei Schlecker können die Leute eine Hotline anrufen und fragen. Aber wer kommt von alleine drauf, zu fragen ob das nicht Löcher in die Magenwand brennt oder einem nach 5 Jahren Eigentherapie von Kopfschmerzen oder Rückenbeschwerden irgendwann die Nephrone lebewohl sagen? Ein guter Teil der heutigen Dialysepatienten hat ihre Niereninsuffizienz als Endstation diverser Nierenschädigungen unter anderem dem Langzeitgebrauch von NSAR zu verdanken. Wie wird es in ein paar Jahren sein? Können Patienten die Risiken und Nebenwirkungen von freiverkäuflichen Medikamenten wirklich sicher einschätzen und verantwortungsvoll handeln auch ohne einen Apotheker, den man mal fragen kann beim nächsten Kauf oder der einem Hinweise gibt, weil er dazu verpflichtet ist? Unterschätze ich die Eigenständigkeit von Patienten?

Ich kann nur jedem raten, auch bei freiverkäuflichen Dingen die Ratschläge auf der Beilage zu lesen und bei Ende einer Packung Schmerzmittel wenigstens mal einen richtigen Apotheker zu fragen oder mal einen Arzt aufzusuchen, naja, notfalls auch ein Patientenportal im Internet anzuklicken. Schmerzen haben eine Ursache und Schmerzmittel machen auch mal Nebenwirkungen.





Auch Mäuse können krank machen

3 03 2008

Bevor ich jetzt über kleine süße Nager mit Kulleraugen herziehe, die ich persönlich – sofern sie in einem eingegrenzten Bereich sind, in dem sie keinen Schaden anrichten – herzallerliebst finde, suche ich mir lieber etwas, das von den meisten Menschen geliebt wird: Die Computermaus. Ärzte stellten jetzt fest, dass das Benutzen zu akuten Nackenproblemen führen kann. Je länger die Maus benutzt wird, desto höher ist das Risiko für akute Schulter- oder Nackenprobleme. Und wie lange sitzt du jetzt schon vor dem Monitor?

http://www.medical-tribune.de/patienten/news/22147/

Schön zu lesen ist auch die Teilüberschrift der Medical Tribune „Symptome erstmals blind geprüft“. Wieso erstmals? Machen Chirurgen das nicht dauernd? 😛

Zu akuten Nackenproblemen führen außerdem auch Schläge in den Nacken (vor allem mit der Bratpfanne), zu langes Kinder auf den Schultern tragen (ein Hoch auf die Kleinsten), langes in der Sonne arbeiten ohne Sonnenschutz für den Nacken (wie lange dauerts noch bis zur Erdbeerernte?), zu langes Buckeln und Treten…





Auto-Infusion

2 03 2008

In  … (na jetzt ratet mal welches Land)* hat die Polizei einen Mann gestoppt, der mit einer Infusion am linken Arm Auto gefahren ist. Der Mann hatte sich zuvor in einem Krankenhaus behandeln lassen und die Nase wegen der langen Wartezeiten voll gehabt – also ging / fuhr er eben mit Infusion nach Hause. 5 Euro hats ihn an Bußgeld gekostet.

Quelle:

http://www.aerztezeitung.de/panorama/auch_das_noch/default.aspx?sid=484863

 PS: Ich habe bisher immer nur Leute erlebt, die sich umnachtet, aus Wut oder alkoholisiert die Infusionen gezogen haben (und Blutbäder anrichteten), aber leider keinen der so sorgsam war wie der erwähnte Mann.

* China, nicht Deutschland.





„Supersize me!“ zum zweiten

27 02 2008

Die besten Reportagen etc. bringt das Fernsehen erst, wenn der Großteil der deutschen Bevölkerung seelig in den Kissen schnarcht oder TV Total guckt. Ich hatte gestern das Vergnügen, mal gaaaanz lange aufbleiben zu dürfen ohne dabei arbeiten zu müssen bzw. am nächsten Tag früh raus zu müssen. Auf N3 lief „Supersize me“ allerdings erst ab ca elf Uhr abends. Ich habe den Film bereits einmal gesehen, aber es hat mich gereizt, ihn noch einmal anzugucken. Meistens nimmt man beim zweiten Mal die Infos besser auf als beim ersten Mal. Für alle, die nicht wissen, worum es geht, eine kurze Schilderung. Der Autor Morgan Spurlock lebt normalerweise von dem Essen, was ihm seine Freundin kocht. Die ist Gesundheitsberaterin und Veganerin. Morgan selbst ist aber kein Veganer. Beide wohnen in New York und legen die meisten Wege zu Fuß zurück, so ca 7-8 km /d. Morgan beschließt den Gründen für ein immer fetteres Amerika auf die Spur zu kommen und führt einen Selbstversuch durch: einen Monat lang nur von McDonalds Menüs leben und sich nur soviel bewegen wie die meisten Amerikaner, häufig das Auto nutzen etc. Dreimal am Tag gibt es daher McIrgendwas – Menüs. Morgen bewegt sich nur noch ca 800 m am Tag und reist mit Flugzeug und Auto nach Illinois, Texas, L.A. etc., besucht Schulküchen, interviewt Menschen. Außerdem wird er regelmäßig von Ärzten gecheckt. Herausgekommen ist ein Film, der einem zeitweise die Haare zu Berge stehen lässt und bereits während des Films zu angeregten Diskussionen führt. Ich war zeitweise noch schockierter als beim ersten Ansehen des Films, zu dem es auch irgendwo in meinem Blog ein Posting geben müsste vor ca einem Jahr oder so. Aus meiner Sicht ist der Film Pflichtprogramm für alle Schulen und sollte in Wartezimmern von Krankenhäusern und Arztpraxen laufen!

Ein paar Facts gefällig?

Morgan Spurlock hat innerhalb dieses McMonats von 84 auf 95 kg zugenommen. Sein Cholesterinspiegel ist vom Normalbereich um ca 2/3 gestiegen. Seine Harnsäure-Werte sind massiv gestiegen. Das schlimmste war jedoch ein Anstieg seiner Leberwerte innerhalb von kurzer Zeit auf das Zehnfache, was einer akuten Hepatitis gleichkommt. Er war schlapp und erschöpft, müde, unausgeglichen, depressiv, litt an Schlafstörungen, entwickelte einen gelegentlichen Druck auf der Brust. Seine behandelnden Ärzte rieten ihm nach drei Wochen eindringlich dazu, das Experiment zu beenden, da sie ein akutes Leberversagen befürchteten bei den stark erhöhten Werten. Nach Ende der „McDiät“ aß Morgan wieder das Essen seiner Freundin, die eine spezielle Diät für ihn entwickelt hatte. Nach ca 8 Wochen waren seine Leberwerte wieder im Normbereich. Er brauchte 5 Monate um wieder abzunehmen. 2 kg aber hat er bis heute mehr als vorher.

Morgan nahm statt seiner benötigten 2500 kcal mehr als das doppelte zu sich. Außerdem den mehrfachen Bedarf an Fett, Proteinen, Kohlenhydraten… Dafür allerdings kaum Vitamine. Das erschreckende war: selbst im Joghurt mit Früchten steckten in der mittleren Packung bereits soviel Kalorien wie im kleinen Eis. Auch die Salate kamen auf eine ordentliche Kalorienzahl – durch paniertes Fleisch und Dressing. Ernährungsexperten berichteten, dass es früher nur eine Größe Pommes, Cola etc. gegeben hat. Heute sind es 5, wobei die frühere Größe heute lediglich die „Kindergröße“ ist. Erklär mir mal einer, wie man einen Liter Cola schaffen kann und das dreimal am Tag? Ich würde eingehen… Sie hatten einen Mann, der trank täglich 8 Liter Limonade, weil er dachte, das sei gesünder als Cola. Der muss ja permanent aufs Klo gelaufen sein, irgendwo muss das Volumen doch hin… Er war inzwischen Diabetiker und Hypertoniker, mal abgesehen von seiner Adipositas. Nach Ende der Dreharbeiten nahm McDonalds USA die Supersize Größen aus dem Programm und führten eine „GoActive“ Größe ein – die Kindergröße wurde einfach umbenannt. Außerdem gab es nach Ende der Dreharbeiten einen Erlass, dass die Nahrungsmittelhersteller nicht mehr verklagt werden können wegen Adipositas, Diabetes etc. Der Film zeigt auch, wie stark die Lobby dort ist. Die Firmen finanzieren Bildungsprogramme u.a. zur Ernährung mit. Bock und Gärtner… jaja. Bei manchen Szenen fragte ich mich, ob ich es lustig fand oder tragisch: Schulkindern wurden Bilder gezeigt. Sie kannten Ronald McDonald aber nicht ihren Präsidenten.  Amerikaner sollten vor dem Weißen Haus einfach mal den Schwur auf die Nation aufsagen. Sie schafften es nicht. Aber den superlangen Werbeslogan für den BigMac, denn konnten sie problemlos. Die 15 Dicksten Städte der USA zählen 5 „Mitglieder“ allein in Texas, dem dicksten Bundesstaat (hier wurde Morgan 5x gefragt, ob er ein Supersize Menu haben will, insgesamt aber nur 9x). Man rechnet übrigens damit, dass in 20 Jahren etwa 1/3 der US-Amerikaner Diabetes haben könnte. Die höchste McDonalds-Dichte weist übrigens Manhattan auf. Ich hab die Anzahl der Filialen vergessen, aber rein rechnerisch war es glaube ich alle 100 m. Aber New York zählt lustigerweise nicht zu den dicksten Städten.

Also ich kann nur jedem empfehlen, sich den Film einmal anzusehen. Ich verteufel das FastFood nicht, aber es sollte sich jeder überlegen, wie oft er solche Läden besucht und sich im klaren drüber sein, wie stark die Lobby und der Einfluss auf „seriöse“ Informationsgeber tatsächlich ist. Ein Salatblatt auf dem Burger macht halt noch keine Vitaminbombe draus. Letztlich ist es Eure Gesundheit, über die ihr selbst entscheidet. Ich denke, alle paar Wochen schadet es nicht. Aber mehrmals die Woche… das geht nicht gut.
Um das Experiment zu wiederholen bzw. zu überprüfen, haben die Schweden eine kleine Studie aufgelegt. Bei landarzt.wordpress.com ist ein schöner Beitrag dazu drin:

http://landarzt.wordpress.com/2008/02/14/schon-4-wochen-zu-viel-essen-schadet-der-leber/

Die Probanden brauchten aber zum Glück nur 2 x täglich ein McMenü essen. Letztlich steht am Ende das gleiche Ergebnis: Gewicht stieg an, Leberwerte auch. Damit wären die bösen Stimmen seitens der FastFood-Hersteller wohl widerlegt, die Morgan Spurlock vorgeworfen hatten, er würde betrügen.

http://gut.bmj.com/cgi/content/abstract/gut.2007.131797v1?maxtoshow=&HITS=10&hits=10&RESULTFORMAT=&author1=Stergios+Kechagias&andorexactfulltext=and&searchid=1&FIRSTINDEX=0&sortspec=relevance&resourcetype=HWCIT

Achso… da war noch was… in Bochum hat jetzt die zweite Filiale einer amerikanischen FastFood-Kette aufgemacht: Hooters. Zur Bedeutung des Namens siehe Wikipedia. Das Konzept zielt aber nicht auf Kinder und Jugendliche ab wie bei McDonalds sondern auf Männer. Zusätzlich zum eigentlich nebensächlichen Essen gibt es eine rein weibliche Kellner-Besetzung in hautengen viel zu kleinen Klamotten, die zu dümmlichen Lieder noch dümmlicher tanzen müssen. Bsp: Ententanz zu dem Text „I don’t wanna be a chicken, I don’t wanna be a duck, I just wanna be a Hooters Girl…“ Sex sells… die Mädels müssen ein Casting machen, ob sie denn auch geeignet sind, sich auf das amerikanische Niveau herunterzulassen. Dazu sind eigens amerikanische Hooters-Girls eingeflogen worden, die den deutschen Kellnerinnen die dümmlichen Tänze, das aufgesetzte amerikanische Dauergrinsen und die kreischende Stimmlage amerikanischer Ex-Teenies wie Paris Hilton beibringen sollten. Mal ehrlich: Haben wir das noch gebraucht? Die Mädels, die im Fernsehen gezeigt wurden, fanden das ganze befremdlich und ziemlich niveaulos, aber was sollten sie machen, sie brauchen das Geld. Für 6 Euro Stundenlohn halbnackt Cheerleader spielen und sich von fetten sabbernden Kerlen anglotzen lassen… Dann doch lieber als Clown im Ronald McDonald-Kostüm… Die Kellnerin degradiert zur singenden Sex-Hupfdohle. Aber die Ami-Girls findens klasse… Hauptsache hübsch und ordentlich Silikon… Seltsames Frauenbild in dieser ach so freien Nation… Ich weiß jetzt auch, warum die Amis soviel Glücklichmacher-Pillchen in sich reinwerfen. Anders kann man so nen Quatsch doch nicht ertragen. Was Wikipedia dazu noch erwähnt: In Hamburg klappte es mit der Eröffnung gleich gar nicht, in Wien hat man inzwischen wieder dicht gemacht. Hmmm, Wal Mart gings ja auch nicht besser.





Wie macht man sich einen Ärztemangel?

24 02 2008

Diese Frage bräuchte ein Buch, um sie ausreichend zu beantworten. So viel Zeit haben wir aber nicht. Daher hier nur mal ein Beispiel, wie es funktioniert.

Man nehme schlechte Vergütungen für niedergelassene Ärzte, teure Therapien nach Leitlinien, eine immer älter werdende Bevölkerung mit immer mehr Krankheiten und fertig ist schon mal der Grundteig für den Ärztemangel.

In einem mittelgroßen Ort hat eine neue Augenarztpraxis aufgemacht. Die Leute standen 3 Stunden vor Praxisöffnung in Dreierreihen auf der Straße an, um überhaupt einen Termin zu kriegen. Warum? Nein, es handelt sich nicht um einen namhaften hochdotierten Spezialisten. Nein, wir sind auch nicht in Afrika. Nein, auch nicht in einem Ort wo nur Augenkranke und Blinde leben.

Es handelt sich um Aschersleben in Sachsen-Anhalt. Dort gibt es keinen Augenarzt mehr, der Kassenpatienten behandelt. Nur eine Praxis, die aus wirtschaftlichen Gründen (um nicht pleite zu gehen!) nur noch Privatpatienten rannehmen oder Kassenpatienten die zuzahlen. Und liebe Leute: Das ist nur der Anfang. So wird es sich von Fachrichtung zu Fachrichtung bewegen und vom Osten auch in den Westen kommen (dort halt nur etwas später). Irgendwann haben wir dann Verhältnisse wie in Entwicklungsländern: Die Leute zahlen teure KV-Gebühren, kriegen aber keine Leistungen sondern müssen selbst zahlen und stehen vor den Praxen wenn ein neuer Arzt in die Stadt kommt. Afrika lässt grüßen?

Hier mal zwei Links zum Thema „Augenarzt in Aschersleben“ aus Tageszeitung und Med. Tribune:

http://www.volksstimme.de/vsm/nachrichten/sachsen_anhalt/?em_cnt=730532&sid=9d7441b22a8ac6cdf32ee5e10a2ddc49

http://www.medical-tribune.de/patienten/news/22114/

Besonders krass finde ich, dass der Kollege nach begleichen aller Rechnungen nur noch etwa 1000,- Euro übrig hat für sich selbst und seine Sprechstundenhilfen auf 400,- Euro -Basis anstellen muss, weil er ihnen nicht mehr bezahlen kann. Da fragt man sich, wofür er das Risiko auf sich nimmt, in Privatinsolvenz gehen zu müssen, wenn er mit der Praxis pleite geht? Und wieso er trotz sparsamen wirtschaftens nur so wenig Geld übrig behält, wenn die Terminbücher innerhalb kurzer Zeit über 6 Monate ausgebucht waren? An mangelnden Patienten liegt das weiß Gott nicht, denn er arbeitet ohne Pause durch, um überhaupt alle Patienten drannehmen zu können. Eher an der Vergütung pro Leistung. Was mal wieder zeigt, dass in unserem Gesundheitssystem irgendwas nicht stimmt, liebe Ulla Schmidt.