Gefundene Fragen

14 02 2008

Und mal wieder habe ich die Ehre, einige Suchanfragen die auf dieses Blog führten, herauszufischen:

„rezept assistenzarzt“ – Tja, wenns Assistenzärzte auf Rezept gäbe… also dann würde ich mir einen 1,90m großen, gut gebauten Assistenzarzt, humorvoll und bodenständig, aber nicht diesen Metro-Sex-Man-Beckham-Verschnitt, verschreiben lassen. Man braucht ja hin und wieder was fürs Auge.

„was macht ein arzt“ – das frage ich mich manchmal auch… zunehmend Schwesterntätigkeiten, denn die weigern sich zunehmend bestimmte Dinge zu tun wie i.v.-Sachen aufziehen etc. „Das ist keine pflegerische Tätigkeit.“ Nun ja, wenns nur noch um pflegerische Tätigkeiten ginge, könnten die Kliniken einen Haufen Geld sparen und Pflegerinnen einstellen, die weniger als die Gruppe 7 nach TVÖD kriegen… oder halt einfach mal die Stellenbeschreibung anpassen und eine Neugruppierung vornehmen. 

„famulanten gesucht apotheke berlin“ – Gegenfrage: Nennt sich das Praktikum in der Apotheke auch Famulatur?

„gomer injektion“ – Die Gomer Injektion. Ein bislang geheimgehaltenes Präparat, dass von einer noch geheimeren Stelle entwickelt wurde, um aus Gegnern durch einmaliges Applizieren einen Gomer zu machen.

„flurbetten krankenhäuser“ – Ja, willkommen in der heutigen Zeit. Für ein Flurbett braucht man keinen Einzelzimmervertrag abzuschließen, auch wenn man der einzige Patient ist, der auf dem Flur steht. Manchmal befindet man sich jedoch in guter Gesellschaft und es stehen noch mehr auf dem Flur rum. Allabendlich findet ein Dankesgebet der Flurpatienten an die Gesundheitsministerin statt, der wir die Rückkehr dieser Zustände zu verdanken haben. Ulla, die du bist in Berlin, geheiligt sei dein Name, dein Wille geschehe…





Homo sapiens tratschensis

12 02 2008

Ich habe eine Entdeckung gemacht. Sie wird mir eines Tages den Nobelpreis einbringen. Worüber viele Evolutionsbiologen bisher nie nachgedacht haben: Es gibt nicht nur den Homo sapiens sapiens, der auf diesem Planeten sein Unwesen treibt. Ich hatte da so eine Theorie und ich bin dabei nach Beweisen zu suchen. Ich denke es gibt 2 Species, die sich parallel nebeneinander fortentwickeln. Das eine ist der Homo sapiens sapiens und das andere ist ER. Er ist der Homo sapiens tratschensis. Die Evolution hat vor einigen tausenden Jahren eine neue Gabel in den Stammbaum der Primaten eingefügt. Nein, wir sind wirklich nicht allein. Und ER lebt mitten unter uns. Exemplare dieser Species erkennt der Homo sapiens sapiens unbewußt an der Art der Kommunikation. Im Gegensatz zum H.s. sapiens sucht der H.s. tratschensis gezielt den Moment der Unbeobachtetheit. Er redet gerne mit Artgenossen über andere, meist H.s. sapiens. Dabei nimmt er es mit dem Wahrheitsgehalt nicht so genau. Wichtig ist nicht, was er redet, sondern dass er redet. Dies sichert das Finden eines Fortpflanzungspartners innerhalb der eigenen Species und trägt damit im Sinne der Evolution zum Erhalt der Art bei. Selten kommt es zur Kreuzung zwischen sapiens und tratschensis. Die Nachkömmlinge sind selten in der Lage sich weiter fortzupflanzen, denn aufgrund ihres wechselvollen Verhaltens fällt ihnen die Wahl zwischen sapiens und tratschensis – Partner schwer und letztlich werden sie Rockstar und sterben an einer Überdosis Btm-pflichtiger Substanzen. Der H.s. tratschensis gleicht in seinem Körperbau äußerlich dem H.s. sapiens, jedoch in der genauen Analyse der intracerebralen Anatomie zeigt sich, dass hier mehr als eine Schraube an einem anderen Platz ist. Das Ernährungsverhalten gleich auf den ersten Blick auch dem des Homo sapiens sapiens, was jedoch nicht gleich so offensichtlich ist: Das über andere reden sichert dem Homo sapiens tratschensis nicht nur einen passenden Partner für die Fortpflanzung sondern nährt den H.s. tratschensis auch zum Teil. Je hungriger der H.s. tratschensis ist, um so länger und ausgedehnter und aggressiver ist das reden über andere. Wie oben schon erwähnt, geschieht das Erkennen der beiden Arten untereinander auf einer unbewußten Ebene. Man kann sogar annehmen, dass sich der H.s. sapiens und der H.s. tratschensis der Existenz der anderen Species nicht bewußt sind, denn sie leben in Kolonien und Stämmen über alle Kontinente verteilt, wobei es hier zu einer relativ gleichmäßigen Vermischung kommt. Die Symbiose beider Species trägt zum Überleben bei, denn bei der Nahrungsbeschaffung, Kindererziehung und Verteidigung wirken beide Species zusammen. Es gibt Theoretiker, die bezweifeln, dass sich die Trennung bereits vollständig vollzogen hat. Ich bin aber der Ansicht, dass dem bereits so ist, denn wer bei der Fortpflanzung getrennte Wege geht, stammt eigentlich nicht mehr vom gleichen Affen ab. Was mir hierfür fehlt, sind natürlich eindeutige – und kostspielige – genetische Analysen, die meine Theorie beweisen. Natürlich wäre es an dieser Stelle spannend zu wissen, ob Ötzi ein H.s. sapiens oder ein tratschensis war, denn immerhin gelang es Paläoanthropologen und Genetikern zu beweisen, dass Ötzis Gene in vielen Regionen nördlich der Alpen verbreitet sind. Möglicherweise kann Ötzi gar zu einer Schlüsselfigur im Krimi um die beiden gerade entstandenen Species werden? 

Die weitere Evolution wird in den nächsten tausenden Jahren zeigen, wie weit sich die beiden Species voneinander entfernen werden und ob sich neue Unterarten entwickeln. Leider wird von mir in einigen tausend Jahren lediglich die Erfassung in der Nobel-Datenbank und ein oder zwei Standardwerke auf einem hyperdigitalen Speichermedium existieren…





Wieviel schuldet ein Arzt dem Staat?

20 01 2008

Durch den Kommentar von Wolf auf mein Nokia-Posting war ich angeregt, mal über die Frage nachzudenken, was eigentlich der fertige Facharzt dem Staat schuldet. Weil ich als Kommentar schon vieles gepostet habe, werdet ihr hier einige Passagen aus dem Kommentar wiederfinden.

Kosten des Medizinstudiums

Ich habe bei Google gesucht und Angaben gefunden, die zwischen 100000 Mark (also 50000 Euro) und 40000 Euro pro Jahr schwanken. Am häufigsten umkreisten sie 28000 Euro pro Jahr. Medizinstudenten verursachen die meisten Kosten an Universitäten. Ehrlich gesagt, frage ich mich WARUM? 

Pflegepraktikanten, Famulanten und PJler werden als reguläre Arbeitskräfte eingesetzt. Aber sie bekommen kein Geld dafür, also entstehen keine Personalkosten. Tatsache ist außerdem, dass viele kein Bafög kriegen sondern nebenbei arbeiten gehen. Vorlesungen sind für einen Teil der Profs lästige Aufgaben, die sie neben der Forschung und der Leitung der Kliniken auch noch absolvieren müssen und vielfach an Untergebene weiterdeligieren. Dass Profs also nur für die Studentenausbildung bezahlt werden und nur wegen der Studenten hohe Personalkosten verursachen, stimmt nicht. (Und wenn sie tatsächlich aus diesem Grund so viel Geld bekommen, dann muss man sagen, halten viele von ihnen zu wenig Vorlesungen und machen zu wenig Kurse.) Diese Stellen müsste es auch ohne Studenten geben, denn einer muss ja eine Abteilung leiten und die Forschung. Auch die Skripte werden in der Regel verkauft und nicht kostenlos abgegeben. Die Kurse in den Kliniken werden von den Assistenten nebenbei beim Tagesgeschäft mit abgewickelt. Auch diese werden also nicht extra wegen der Studenten bezahlt. Es müsste auch sie ohne Studenten trotzdem geben. Einen Teil der Kosten, die immer angeführt werden, kann man also relativieren. Für Hörsäle und Bibliotheken entstehen ganz sicher Kosten, auch für die theoretischen Institute. Für Kursräume ist es wieder relativ: Die meisten klinischen Kurse werden irgendwo im Arztzimmer auf Station oder im Besprechungsraum der Abteilung abgehalten und die sind sicherlich nicht extra wegen der Studenten gemacht worden. Kleidung bringen Studenten selbst mit, also haben die Unis auch hier keine Kosten. Für einen PJler erhält eine Uni etwa 400 Euro Kopfgeld (schwankt zwischen den Unis). 

Wenn immer diese 28000 Euro pro Jahr (= 140000 Euro für ein Studium) als Kostenkeule argumentativ geschwungen wird, dann möchte ich diejenigen, die das publizieren einfach mal auffordern, die Aufschlüsselung der einzelnen Posten darzulegen!

Was ein Medizinstudent und Arzt zurückgibt

Fangen wir bei den Studenten an. Als Pflegepraktikant, Famulant und PJler wird man zur vollen Arbeitskraft. Viele Kliniken, gerade die Unikliniken, könnten ohne diese kostenlosen Arbeitskräfte nicht mehr existieren. Genau: Kostenlos. Als Student sieht man keinen Pfennig.
Pflegepraktikum. Dauert inzwischen 4 Monate. Legen wir einen Monatslohn von 1200 Euro zugrunde (soviel war mein erstes AIP-Gehalt und die Schwestern hatten mehr), bei dem keine Zuschläge für Nachtarbeit und Wochenende enthalten sind (obwohl auch das geleistet wird), kommen wir auf 4800 Euro.

Famulatur. Dauert auch 4 Monate. Famulanten machen etwas mehr, schon halbe oder ganze ärztliche Tätigkeiten. Da ich als AIP o.g. Summe erhalten habe und das schon eine Weile her ist, die Gehälter gestiegen sind auch für die Anfänger, nehmen wir mal einen fiktiven Lohn von 1500 Euro. Macht zusammen 6000 Euro.

PJ. Dauert 1 Jahr. Da PJler inzwischen eigentlich fast das gleiche machen wie Ärzte, inklusive Punktionen, OP-Assistenz, Patientengespräche, Arztbriefe etc. legen wir das Einstiegsgehalt eines Assistenzarztes im TV Ärzte der Unis zugrunde (West 3600 Euro, Ost 3200 Euro). Macht 43200 Euro für das Jahr. Die er nicht bekommt. Da PJler auch häufig Überstunden leisten, die nicht dokumentiert werden, dürfte die Summe noch höher liegen.

Arzt.

Die Überstunden, die jeder einzelne von uns jeden Tag schiebt, kriegen wir nicht im Geringsten bezahlt. Bei mir sind es aus dem letzten Jahr geschätzt über 150 nicht offiziell dokumentierte, nicht bezahlte Überstunden, wo ich mal dran gedacht habe, mir die zuhause in den Kalender zu schreiben (die anderen sind meiner privaten Dokumentation entgangen). Wenn man das mal 22 Euro Stundenlohn nimmt, sind das schon 3300 Euro pro Jahr. Auf 6 Jahre Facharztausbildung gerechnet bekommt die Gemeinschaft / die Kliniken / der Staat – das Land – die Kommune als öffentlicher Arbeitgeber so ca 20000 Euro von jedem Arzt geschenkt – nur durch die “regulären” nicht dokumentierten Überstunden. Und ich schätze, dass ich am unteren Ende des Durchschnitts liege, bei anderen sind es weitaus mehr. Ich habe übrigens nicht die Pausenzeiten berechnet, die uns per Gesetz zustehen, die wir aber kaum einhalten können, da wir häufig ohne Essen durcharbeiten.

Kommen wir zu den Diensten. Auch hier arbeiten wir meist komplett durch, in der Regel auch ohne die gesetzlich vorgeschriebenen Pausenzeiten einzuhalten (die schieben wir zusammen, um 1,5 h schlafen zu können). Laut EU-Gerichtshof ist Bereitschaftsdienst gleich Arbeitszeit. Bedauerlicherweise hält sich nichtmal der MB-Tarifvertrag dran. In meinen Diensten habe ich eine Arbeitsauslastung von über 90%, meist 100%. Laut Tarifvertrag sollte meine Arbeitsauslastung maximal 90% betragen, theoretisch. Für mehr bekomme ich kein Bereitschaftsentgelt. Bei durchschnittlich 5 Diensten eines Arztes pro Monat (geschätzter Deutschland-Durchschnitt) sind das bei 16 Bereitschaftsdienststunden (24 Dienst – 8 reguläre Arbeitszeit = 16)*, die wir offiziell nur zu 90% bezahlt bekommen, 8 Stunden pro Monat an Dienststunden, die wir gar nicht bezahlt bekommen, obwohl wir arbeiten. Auf 6 Jahre FA-Ausbildung gerechnet sind das 12700 Euro.

Hinzu kommen die Stunden, die uns von dem 90%igen Dienstgeld zu 100% abgezogen werden, weil wir nach dem Dienst nicht mehr arbeiten dürfen laut Gesetz (es inoffiziell aber tun). Das heißt für die Berechnung, dass wir quasi die 8 Stunden des Folgetages (wo sie 100% wert sind) in der Nacht vorgearbeitet haben (wo sie nur 90% wert sind). Und die Stunden tagsüber haben einen Wert von 100%… also 16 x 0,9 – 8 x 1,0… Pro Dienst entgehen uns durch den Abzug etwa 0,8 h, was im Monat 4 Stunden macht, im Jahr 48 Stunden, was auch wieder 1056 Euro pro Jahr sind. Auf 6 Jahre FA-Ausbildung gerechnet knapp 6400 Euro.

Eingerechnet habe ich noch nicht die Fortbildungen und Kurse, die Ärzte aus eigener Tasche bezahlen, die aber nur dem Arbeitgeber zugute kommen: Sonografie, Röntgen, OP-Kurse… Auch die Anträge bei der Ärztekammer und die Zertifikate kosten Geld. Da dürften in 6 Jahren je nach Fachrichtung zwischen 2000 und 10000 Euro zusammenkommen.

Weiterhin füllen Ärzte Reha-Anträge aus, deren Extra-Vergütung in den meisten Kliniken nicht der Arzt bekommt (wie es wohl eigentlich sein sollte) sondern die Klinik. Bei 3 Reha-Anträgen pro Monat macht das auf 6 Jahre gerechnet etwa 6400 Euro.

Als nächstes kommt das Kapitel „Privatpatient“. Abrechnen dürfen Privatpatienten nur Chefärzte und ermächtigte Oberärzte. Kümmern tun sich aber die Assistenzärzte. Die Liquidationsberechtigten sehen einmal am Tag vorbei, reden ein paar Worte und verschwinden. Blutabnehmen, Aufklärungen, Untersuchungen, Befunde auswerten, Medikamente an- und umsetzen, Arztbrief schreiben, mit Angehörigen reden etc. machen die Ärzte auf Station. Es gibt aber nur wenige Häuser, an denen es eine Poolbeteiligung gibt, wo also auch Otto-Normal-Arzt etwas von dem Geld sieht. Ansonsten kriegens die Chefs und die Kliniken.

Thema Promotion. Die wissenschaftliche Sklavenarbeitskraft arbeitet in der Regel umsonst. In seltenen Fällen gibts mal eine Drittmittelstelle dafür. Nehmen wir als minimale Dauer einer Doktorarbeit 2 Jahre Vollzeittätigkeit an wie in den anderen Naturwissenschaften, wo es in der Regel am laufenden Band Doktorandenstellen gibt (ok, es ist da die Regel, aber die Stellen sind nicht wie Sand am Meer). Diese 2 Jahre verteilen sich bei Medizinern wegen eben nicht Vollzeitdoktorand sein auf mehrere Jahre. Nehmen wir die 2 Jahre Vollzeittätigkeit zu einem Einsteiger-Gehalt an Unis für Ärzte (was die dann auch bekommen, wenn sie das seltene Glück einer Drittmittelstelle haben, um ihre Promotion zu schreiben und es nicht nach dem Dienst machen müssen wie all die anderen), dann kommen 86000 Euro zusammen, die ein durchschnittlicher Medizin-Doktorand nicht erhält. Plus Forschungsergebnisse, mit denen die Profs weitere Drittmittel einwerben, die Unis Publikationen machen etc…

Hab ich noch was vergessen?

Rechnen wir zusammen:

Ohne Promotion und Privatliquidationspool geschätzte 101700 bis 108700 Euro, die ein Arzt dem Staat / Land / Kommune / der Gemeinschaft schenkt, weil nicht bezahlt bekommen.

Mit Promotion und ohne Privatliquidationspool 187700 Euro

Diese Rechnungen sind Überschlagsrechnungen, die nicht repräsentativ sind und meine eigenen Erfahrungen zugrunde legen. Aber ich denke, ein Funken Wahrheit ist dran. Relativieren wir die so hoch geschwungenen Kosten für einen Medizinstudenten pro Monat, die ich für überzogen und bewußt hochgetrieben halte (bzw. der Studi kriegt einfach bloß nicht die entsprechende „Leistung“ dafür geboten), dann hält es sich wohl die Waage. Kein Arzt schuldet dem Staat nach Ende der FA-Ausbildung was. Im Gegenteil. Die ruinierte Gesundheit, kaputte Ehen, die verminderte Lebenserwartung etc. kann kein Mensch und kein Staat dieser Welt bezahlen.

* Es gibt diverse Rechenmodelle, bei denen am Ende rauskommt, dass der Arzt keinen 24h-Dienst macht, obwohl er 24 h arbeitet. Das machen die Kliniken, weil das Gesetz sowas verbietet bzw. weil so gut wie keiner eine Opt-Out-Regelung unterschrieben hat, wo er sich freiwillig bereit erklärt dafür. Quasi : Wie mache ich etwas unsichtbar, was doch eigentlich da ist…?





Arzt, du bist keine 50 ct wert… Oder: Wie baut man sich eine Epidemie?

15 01 2008

Das RKI hat eine Liste der geprüften und anerkannten Desinfektionsmittel und – verfahren. Da gibt es verschiedene Wirkungsbereiche, die mit großen Buchstaben bezeichnet werden. Auf den Verpackungen der Hersteller steht dann geschrieben: Wirkungsbereich A oder A und B etc. Oder aber bakterizid, fungizid, begrenzt viruzid oder viruzid… Die gebräuchlichsten Händedesinfektionsmittel wie z.B. Sterillium oder AHD 2000 sind begrenzt viruzid. Ok, das stört keinen. Gut für OP-Bereich, gut für eigentlich fast alles. Deswegen bei uns in der Klinik auch grundsätzlich eingesetzt.  Begrenzt viruzid heißt, dass diese Mittel nicht gegen unbehüllte Viren wirken.  Und nicht jeder weiß, was unbehüllte Viren sind. Unbehüllte Viren sind z.B. Noroviren. Ergo dieser Faktenkette: Die standardmäßig eingesetzten begrenzt viruziden Händedesinfektionsmittel wie z.B. Sterillium oder AHD 2000 wirken nicht gegen Noroviren, egal wie lange man sich damit die Hände desinfiziert. Das wissen viele Ärzte und Schwestern aber nicht, manchmal nichtmal die Hygienebeauftragten oder die Hygieneschwester, obwohl dieser Fakt seit Jahren bekannt ist.

Die Arschkarte gezogen haben alle die Mitarbeiter, die z.B. in einem Klinikum arbeiten, das konsequent auf begrenzt viruzide Händedesinfektionsmittel setzt und das viruzide nur auf Sonderantrag mit spezieller Genehmigung der Apotheke einsetzt und auch nur, wenns zwingend nötig ist. So z.B. irgendwo in Deutschlands Norden. Da steht auf dem Hygieneplan, dass viruzide Händedesinfektion mit Sterillium virugard nur in entsprechenden epidemiologischen Situationen erfolgt.

Was ist eine solche Situation? Die Zunahme der Infektionen in der Bevölkerung? – Nicht für die Apotheke dieser Klinik. Die gehäufte Inanspruchnahme der Notaufnahme durch derartig erkrankte Personen? – Nicht für die Apotheke dieser Klinik. Die Warnmeldungen des RKI? – Nicht für die Apotheke dieser Klinik. Das gehäufte Auftreten von Kotzen und Scheißen unter Patienten und Personal auf einer Station? – Nun ja, vielleicht… Aber erstmal wird die Hygieneschwester hingeschickt. Die erzählt dem Personal, dass sie sich alle ordentlich die Hände desinfizieren sollen (Anmerkung: mit den standardmäßig begrenzt viruziden Mitteln) und dass das wohl vorher nicht ordentlich war, denn sonst wäre es nicht zu diesem Noro-Ausbruch gekommen. Das war letztes Jahr so und ratet mal wann noch… the same procedure as every year, Miss Sophie. Nun ja, inzwischen gibt es Leute, die dem so gescholtenen und gebeuteltem Personal die Wahrheit erzählen. Dass sie sich tausendmal richtig die Hände desinfizieren können und es mit Sterillium oder AHD trotzdem dazu kommt, dass alle krank werden, weil nämlich diese Mittel nur begrenzt viruzid sind und alles das nichts nützt gegen Noroviren. Da wäre es in dem Fall vom Prinzip egal, ob man sich überhaupt die Hände desinfiziert, Noro klebt mit oder ohne AHD an den Pfoten.

Aber viruzide Händedesinfektionsmittel sind laut Hygieneschwester sehr sehr schlimm zum Personal: 1. machen sie die Haut trocken. 2. mögen nicht alle Mitarbeiter das Mittel, weil es nicht so gut riecht und 3. kostet es so viel mehr dass am Ende alle dafür bezahlen müssen, z.B. mit Arbeitsplätzen. Ja, diese Diskussion hatten wir vor einem Jahr schonmal hinter uns gebracht, nachdem Stationen geschlossen wurden wegen Noroviren. Aber wir wären ja nicht in Deutschland, wenn wir was daraus gelernt hätten für unsere Klinik.

Was sagen die Mitarbeiter dazu? Eine kurze nicht repräsentative Umfrage brachte folgendes Ergebnis: 1. Ist es uns völlig egal, ob die Haut trocken wird, das wird sie mit den anderen auch, Hauptsache wir stecken uns nicht an. 2. Es ist uns völlig egal, wie das Zeug riecht, auf jeden Fall riecht es besser als Kotzen und Scheißen. 3. Ein kurzer Klick auf diverse online-Versandhändler zeigt, dass Sterillium und Sterillium virugard (nur als Beispiel) lediglich 50 ct Preisunterschied bei der 500 ml Flasche haben. Eine Klinik kauft aber in größeren Mengen, Euro-Palettenweise, so dass sich der Preisunterschied minimieren dürfte. Liebe Mitarbeiter, ihr seid der Klinik nicht mal 50 ct wert. Liebe Patienten, eure Gesundheit ist der Klinik nicht mal 50 ct wert. Liebe Angehörige der Mitarbeiter, eure Gesundheit ist der Klinik nicht mal 50 ct wert.

Und so stellt sich die Frage: Was ist teurer? A: für 6 Monate im Jahr die Desinfekt-Spender mit einem viruziden Mittel auszurüsten in den Notaufnahmen, Ambulanzen, Funktionsabteilungen und internistischen Stationen (die ja hauptsächlich für derartige Katastrophen zuständig sind) und so jede Infektionskette von Anfang an unterbinden. Oder B: Es jedes Jahr mindestens einmal drauf ankommen zu lassen, dass 75% der Mitarbeiter um die Wette kotzen und Durchfall haben und krank werden und 75% der Patienten ebenfalls erkrankt sind, es zur Verlängerung der Liegedauer durch Infektion selbst, Exsikkose, Nierenversagen, Hypoglykämien / entgleister BZ, Herzrhythmusstörungen etc. kommt, OPs verschoben werden, die Presse davon Wind bekommt und man sich auf Seite 1 wiederfindet, zuweisende Kollegen andere Kliniken wählen, Stationen geschlossen werden müssen, geplante Aufnahmen abgesagt etc. etc. etc.

RKI Desinfektion

Sterillium virugard

Manusept viruzid

Softa-Man acute

Diese Mittel haben alle eine viruzide Wirkung. Der Hersteller von Softa-Man acute wirbt sogar damit, dass nach 15 sec kein Noro mehr lebt, wogegen es bei Sterillium virugard 2 Minuten dauert. Letzteres wird aber offiziell vom RKI in der Liste geführt, bei den anderen laufen die Anträge noch um in die Liste zu kommen, und vom RKI in Outbreaks verwendet.

Tja, was kann man außer einem unwirksamen Händedesinfektionsmittel noch alles tun, damit es in der Klinik zu einem Ausbruch kommt und alle Mitarbeiter krank werden – Ärzte im Dienst, Schwestern in der Schicht etc., kotzen, sch… andere anstecken? Hier ein paar Vorschläge: Sich nicht an das vom Dienstarzt angewiesene Besuchsverbot für Angehörige halten, trotzdem auf die betreffende Station neu aufnehmen, bei betroffenen Patienten unbedingt während der Akutphase Röntgen oder CT oder EKG oder sonstwas machen, Patienten von der betroffenen Station auf andere verlegen ohne die Inkubationszeit zu beachten, Mitarbeiter von anderen Stationen zum Aushelfen auf die betroffene Station schicken (denn da herrscht ja wegen hohem Krankenstand und überfüllten Klos akuter Personalmangel), damit diese es auf die eigene mitbringen, kranke Mitarbeiter nicht nach Hause schicken,… Und die kleinen Ärzte, die so halbwegs verstanden haben, was in den CME-Fortbildungen und beim RKI steht, sagen zwar dass man das nicht machen soll, aber die weise Obrigkeit ignoriert das  (die Betten müssen belegt sein, stört den Ablauf, so geht das nicht, bringt alles durcheinander, habt euch nicht so, … ) und die Hygieneschwester hat deswegen auch kein Problem damit. Mal abgesehen von der immensen Kostenersparnis von 50 ct pro Halbliterflasche Händedesinfektionsmittel, für die man das Klinikverdienstkreuz kriegt. Ist doch egal, ob die Pfleger in der Notaufnahme im Dienst schlimmer dran sind, als die Patienten oder der einzige Dienstarzt der Klinik, der die ganze Nacht nicht vom Klo kommt (lieber Gott, bitte erspare mir so etwas. Amen.). Naja, egal für die Betroffenen nicht. Nein, die dürfen sich noch einen Anschiss (welche Ironie der deutschen Sprache) abholen, weil sie nicht richtig gearbeitet haben. Deswegen traut sich keiner, damit krank zu machen und geht hin und steckt alle anderen an – Patienten wie Personal, was besonders in der Akutphase besser funktioniert als Schumis Ferrari. Ja, und dann schließen Kliniken in Sachsen, Sachsen-Anhalt, England, woanders nur Stationen… und alle wundern sich, wie das dazu kommen konnte. Bestimmt, weil das Personal sich wieder nicht die Hände desinfiziert hat… Womit wir wieder am Anfang wären beim Thema wollen (das richtige Mittel) und nicht können (is ja zu teuer, stört den Ablauf, bringt alles durcheinander)… Hilflos steht das Personal an der Front, während die „Entscheider“ in sicherem Terrain agieren und irgendwie beim Thema Krankenhaushygiene nicht den besten Tag hatten.

PS: Kennt jemand eine Studie über Kliniken, die viruzide Händedesinfektion generell saisonal einsetzen und welche, die es erst tun, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist?





Die Alkoholintox-Gedächtnis-Liste

11 01 2008

So, ich hatte dann mal wieder die Faxen dicke, nachdem Mr. C2 um 3.30 Uhr lallend ins Waschbecken der Notaufnahme pinkelte. Es is mir auch nicht so ganz klar, warum die Ehefrau den KV-Dienst rief, wo sie das Phänomen „saufen bis man nicht mehr sprechen kann“ bereits kannte und er ständig unter Stoff stehen muss, weils ohne nicht mehr geht. Doch eigentlich ist es mir klar: sowas neben sich im Bett liegen zu haben, nein, das muss man echt nicht haben. Ja, da lag Mr. C2 dann auf der Trage, Gitter hoch, Ente (ich meine die Pinkelente) im Arm, in ruhigen Atemzügen schlafend, als Assistenzarzt wenigstens 3 Worte mit ihm wechseln musste. Fazit: Ansprechbar, antwortet, hat vor lauter Sorgen gesoffen, aber die sind gute Schwimmer und ließen sich nicht im Schnaps ertränken (er versuchts trotzdem jeden Tag), wollte schlafen, kardiopulmonal stabil, stinkt. Also lassen wir Mr. C2 schlafend stinken mit der Drohung ihn auf die nächste Parkbank zu verfrachten falls er nochmal die Sanitärkeramik zweckentfremdet. Eine Stunde später wollte er lallend und schlaftrunken Distraneurin haben. Gibbet nich bei 2,9 Promille und schlafen, aber ich kann gerne die Ehefrau anrufen zum abholen und zuhause weiterschlafen / – saufen? Nö, die Olle will er jez nich sehn.

Zu Ehren aller Mr.C2 dieser Welt – sponsored by Anheuser Busch, Becks und all den anderen cervisierenden Herstellern sowie den meisternden Jägern, Feiglingen, Kornen, Klaren und anderen spirituellen Geisterproduzenten – schlage ich vor, eine Alkoholintox-Gedächtnis-Liste zu beginnen, weil ich weiß, dass in etlichen Rettungswachen bereits eine Top-Scorer-Liste geführt wird. Maßgebend sind hier aber nicht nur die schnöden Zahlen sondern auch „Begleitumstände“.

Waschbeckenpinkeln plus 10 Zusatzpunkte,

aus der Blumenvase trinken 15 Zusatzpunkte,

alles vollkotzen macht 10 Punkte Abzug,

das Desinfektionsmittel aus dem Spender trinken wollen plus 5 Punkte,

rumheulen über den Weltschmerz minus 5 Punkte,

stinken nach Katzenpipi minus 10 Punkte,

stinken nach Katzenpipi und Kamelpups minus 20 Punkte,

das Personal um „nen kleinen Schnäppi“ anbetteln plus 10 Punkte,

unter 20 Jahren sein plus 10 Punkte,

sich von Mutti abholen lassen müssen plus 20 Punkte,

sich anschließend über die nasse Hose zwischen den Beinen beschweren minus 5 Punkte,

auf dem Flur an bestimmten Dingen südlich des Bauchnabels manipulieren minus 10 Punkte,

ständig dem Pfleger auf den Hintern langen wollen plus 10 Punkte,

staunend erkennen dass es gar keine Schwester ist plus 20 Punkte…

Somit hätten wir bei Mr. C2 des Tages 2,9 Promille plus 10 Zusatzpunkte. Durchschnitt würde ich sagen.

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14.01.08 – Ergänzung der Liste:

das Personal permanent versuchen anzufassen minus 5 Punkte,

das Personal konsequent duzen und mit Kumpel anreden plus 5 Punkte,

den Sicherheitsmann mit Boxeinlagen beglücken minus 10 Punkte,

überall leicht wankend umherlaufen und zu jedem sagen „Eh duhu, komma heher“ plus 5 Punkte

sich über jede Anweisung des Personals hinwegsetzen minus 15 Punkte

in den Aufenthaltsraum des Personals gehen minus 20 Punkte

auf Anregung von Hypnosekröte:

sich im Untersuchungszimmer eine Kippe anstecken minus 5 Punkte

sich im Untersuchungszimmer einen Joint anstecken minus 15 Punkte

Aufgrund zahlreicher weiterer Vorschläge von rettungsblogger.de und Hypnosekröte und eigener Erfahrungen erfolgt am 17.01.08 eine erneute Erweiterung der Liste:

mit offenen Verletzungen durch die Notaufnahme toben und alles vollbluten minus 20 Punkte

an den Reanimationswagen pinkeln minus 20 Punkte

IN den Reanimationswagen pinkeln minus 50 Punkte (und eine Defi-Entladung gratis)

dem PJ einen Underberg anbieten plus 1 Punkt

der Schwester einen Underberg anbieten plus 5 Punkte

dem Arzt / Ärztin einen Underberg anbieten plus 10 Punkte

dem zufällig reinschauenden Chefarzt einen Underberg anbieten plus 30 Punkte

die Welt jeden Tag neu entdecken, negatives einfach vergessen und Sympathien neu erobern dank Korsakow-Syndrom plus 20 Punkte

für die Entgiftung die exakt notwendige Dosis des Distraneurins vorhersagen plus 15 Punkte

den Pfleger anbetteln „och Süßer gib mir doch nen Kuss oder magst du mich nicht“ minus 10 Punkte

Gemeinschaftssinn entwickeln und zuhause nicht alleine saufen dank gleichgeartetem Lebenspartner plus 5 Punkte

sich vom Lebenspartner mit Nachschub versorgen lassen im Krankenhaus (spart Distraneurin, Halo und Haemiton) plus 15 Punkte

die leeren Piccolo-Flaschen im Treppenhaus stehen lassen minus 5 Punkte

Alkoholabusus in der Schwangerschaft minus 50 Punkte

stinken nach Aschenbecher und Köhlerhof minus 5 Punkte

stinken nach saurem Mageninhalt minus 30 Punkte

im Krankenhaus im Doppelzimmer auf der / dem C2-abhängigen Lebensgefährten/in liegen und Tätigkeiten zur Arterhaltung nachgehen minus 20 Punkte

nichtmal aufhören wenn das Personal reinkommt minus 30 Punkte

den Arzt warnen, dass im Entzug stets epileptische Anfälle auftreten plus 10 Punkte

den Leitsatz „Bier ist kein Alkohol“ zur Beantwortung der Frage „Sie haben also sehr viel Alkohol getrunken heute abend?“ wählen plus 2 Punkte

ein T-Shirt mit der Aufschrift „Bier formte diesen Körper“ tragen plus 20 Punkte





Spannung beim Spannungspneumothorax

11 01 2008

Derzeit häufen sich bei uns die COPD-Patienten mit einem Spontanpneumothorax. Duplizität der Fälle?

Kurz erklärt: Die COPD – Endstrecke einiger Lungenerkrankungen – führt dazu, dass es mehr funktionsloses Lungengewebe gibt, es wird dünner und morsch. Wenn es zu akuten Luftnotanfällen – also wie Asthmaanfall – kommt, dann erhöht sich der Druck in der Lunge, weil die Luft nicht mehr so gut raus kann. Folge kann ein Mini-Riss in der Lunge sein (wie bei einer alten Plastetüte), durch den dann Luft in den Pleuraspalt strömt (also zwischen Pleura viszeralis und Pleura parietalis), wo sie nicht hingehört. Die Lunge kann sich nicht mehr ausdehnen, es kann vom Zwerchfell kein ausreichender Unterdruck zum Entfalten aufgebaut werden, Lunge verliert an Funktion, Luftnot wird schlimmer. Die gefährlichere Form eines Pneumothorax ist ein Spannungspneumothorax. Der funktioniert so, dass dieses Loch eine Ventilwirkung hat – Luft geht in den Pleuraspalt, aber nicht wieder raus. Mit jedem Atemzug kommt mehr Luft rein, aber sie geht nicht wieder raus. Als wenn man einen Fußball aufpumpt. Folge: die Lunge fällt zusammen, wird zusammengedrückt, das Mediastinum kann sich verlagern und es kann zu einer Einflussstauung mit Herzversagen kommen.

Im letzten Dienst hatte ich das zweifelhafte Vergnügen zu erleben, wie ein Spontanpneu ein Spannungspneu wurde. Also das ging schon ziemlich zügig mit der Zyanose und so… Bei uns legen die Chirurgen die Thoraxsaugdrainagen (Marke Gartenschlauch). Der Chirurg hat aber nicht so wirklich kapiert, was da gerade auf Station ablief und warum ich so gedrängelt habe. Schwebte noch so in Tibiakopffrakturen oder sowas umher. Letztlich war ich dann soweit, mich emotional darauf vorzubereiten, selbst ist die Frau zu spielen oder die ITS zu holen bis er soweit ist. Adrenalin lässt einen ungeduldig werden. Der Patient wurde irgendwann blau, die Sättigung ging auf 80%. Ich hatte aber nicht sonderlich Ambitionen irgendwelche Aktionen auf Station zu machen. Das gibt nur Scherereien. Eigentlich wollte ich ihn so schnell wie möglich in den OP kriegen. Stichwort fachgerechte Versorgung. Mit etwas Nachdruck kapierte der Herr Chirurg dann auch, dass es irgendwie doch etwas drängte. Die OP-Schwestern, die mir den Patienten abnahmen holten auf meine Bitte dann auch sofort einen Anästhesisten, obwohl der nicht geplant war. Der Patient hatte schon seine Mediastinalverlagerung und ne 80er Sättigung. Das berechtigt zu der Annahme, dass es möglicherweise Komplikationen geben könnte und beides kann ein Chirurg dann auch nicht. Alles wurde gut, dem Patienten gehts auch wieder besser. Naja, ich bin nicht so der Mensch, der auf Adrenalinkicks steht.

Alles in allem hätte ich mich auch zu einem heroischen „ich steche da jetzt mal einfach eine Pleurapunktionsnadel rein und baue mir selbst ein Ventil“ durchringen können. Wenn man das noch nie gemacht hat, dann ist das schon von hohem Anspruch. (Pleurapunktionen mit Wasserförderung sind was anderes). Aber Heldentaten haben oft den Nachteil, dass sie daneben gehen, wenn man sie plant. Die wahren Heldentaten sieht man erst hinterher als solche. Die Indikationsprüfung, die geplanten Heldentaten folgt, ist in der Regel zu ungunsten des potentiellen Helden. In diesem Falle: Herr Chirurg war informiert, auf dem Weg und die Zielsetzung war klar. Nur die Zwischenzeit galt es zu überbrücken und ungünstige Entwicklungen zu vermeiden. Zwischenzeit kann lang werden… das geht dann immer auf den Blutdruck des internistischen Assistenzarztes. 

Im Nachhinein sank mein Adrenalinspiegel innerhalb einer Stunde auf normales Dienstniveau. Alles wurde gut. Ich musste an eine Vorlesung denken… die alten Dozenten haben ja eine Menge zu erzählen. Je älter, desto mehr Heldentaten. Häufig kommen darin Kugelschreiber und Schweizer Taschenmesser vor. Das sind die Utensilien, die jeder gute Arzt immer dabei haben sollte. Man kann damit Tracheotomieren, wenn man es denn je auch ohne diese Überlebenswaffen gemacht hat. Appendektomieren soll auch gehen, allerdings braucht man dazu als Ergänzung zum Basis-gute-Arzt-Set eine Taschenlampe, Nähnadel und Zwirnsfaden. Und man kann mit dem Basis-gute-Arzt-Set und mit einem Stück Gummihandschuh eine MacGyver-Selbstbau-Thoraxdrainage basteln. Ich hatte im Dienst zwar einen Kuli, Handschuh auch, aber es fehlte mir das Schweizer Taschenmesser. Ergo: Mir fehlt noch ein Stück am wirklich tollen Arzt / Ärztin. Zum nächsten Geburtstag wünsche ich mir dann wohl mal lieber ein Schweizer Taschenmesser.





Assistenzarzt und die Doktorarbeit

8 01 2008

Liebe Gemeinde,

wir haben uns heute hier versammelt um den Bund zweier Dinge – zwischen Assistenzarzt und der Doktorarbeit – zu erneuern. Nachdem Assistenzarzt 5 Monate keinen Buchstaben an der Doktorarbeit getan hat und fremdgegangen ist, fanden die beiden heute durch die Wege des Herren wieder zueinander. Ein Engel der Motivation wurde auf die Erde zu Assistenzarzt gesandt und, liebe Gemeinde, es geschah ein Wunder. Assistenzarzt tippte wieder einige Buchstaben und noch mehr und noch mehr. Am Ende hatte Assistenzarzt gar 3 Kapitel überarbeitet und zeigt noch immer den Willen, auch in schwierigen Zeiten und bei komplizierten Passagen zur Doktorarbeit zu halten. Willst Du, Assistenzarzt, die noch ausstehenden Fragen und Überarbeitungen an der Doktorarbeit vornehmen, so antworte mit Ja. – Ja, ich will. – Und willst Du, Doktorarbeit, Assistenzarzt nach Kräften unterstützen, motivieren und auch in schlechten Zeiten für einen Sonnenstrahl sorgen, so antworte mit Ja. – Ja, ich will auch, damit ich endlich mal fertig werde.

*Tosender Applaus der Gemeinde*

So lasst uns beten, dass die beiden auch die nächsten Monate wieder enger zusammenrücken, sich vielleicht nicht lieben, aber dennoch eine Gemeinschaft bilden und irgendwann auch der Nachwuchs in Form des Titels Dr.med. zu ihnen kommt. Amen.





Und sie fielen wie die Heuschrecken ein

7 01 2008

Es war einer dieser Tage, da wusste sie: es hat sich was geändert. Früher, vor wenigen Jahren, als sie anfing, ja, da hatten die Menschen noch Respekt vor dem Sklaven in weiß. Heute fallen sie ein wie die Heuschrecken, fressen dir die letzte Energie aus dem Körper und drohen in allen Variationen. Es werden immer mehr. Wenn sie zurückblickt, dann hatte sie zu Beginn ihrer Laufbahn die Hälfte der Patienten im Dienst. Heute kommen Schwärme. Jedes vorbeifahrende Auto, Bus, Bahn scheint neue Ströme in Gang zu setzen. Und es hört nicht auf. Früher, da gab es Stunden in der Nacht, wo niemand kam. Das letzte Mal, dass sie sowas erlebt hat, ist Monate her.

Und sie stellte noch etwas fest: Entweder sie sind richtig krank, also wirklich richtig krank oder sie kommen mit Banalitäten oder haben eine kleine Meise. Das Problem ist nur, wenn sie sich um die Banalitäten und kleinen Meisen kümmert, die sehr zu Theatralität und Lauthalserei neigen, dann hat sie keine Zeit für die wirklich wirklich kranken Menschen. Deswegen hat sie sich angewöhnt, konsequent nach dem ersten Blick in wirklich-wirklich-krank-Patient, da-könnte-was-im-Busch-sein-Patient, Krakeler-weil-keine-ahnung-warum-Patient und armer-Mensch-mit-kleiner-Meise-Patient einzuteilen. Das hilft. Meistens jedenfalls.

Die Rekordwartezeiten im Wartezimmer möchte sie lieber nicht nennen. Die Wartezeiten durch Röntgenabteilung, Labor oder mangelnde Arztkapazität auch nicht. Aber in England hätte sie letzte Woche Ärger bekommen, weil sie es in den dort vorgegebenen 6 Stunden nicht geschafft hätte. Sie träumt von einem oder besser zwei Allgemeinmedizinern. Die könnten sich um Krakeler-weil-keine-Ahnung-warum-Patienten oder armer-Mensch-mit-kleiner-Meise-Patienten kümmern und die wären glücklich. Der KV-Dienst ist viel zu weit weg.

Eine Kehlkopfentzündung gehört nicht in die Innere, schon gar nicht stationär, erst recht nicht auf ITS, sondern in die HNO. Sie wundert sich, wieso die Leute so garstig sind, wenn sie es ihnen erklärt, bevor diejenigen die 10 Euro bezahlen müssen. Wieso kann so jemand nicht verstehen, dass ein Internist keinen Kehlkopfspiegel hat?

Antibiotika werden verordnet, weil jemand krank ist, vereiterte Kieferknochen hat. Warum kommt jemand, der am Tag zuvor im höchstspezialisierten Zentrum in 100 km Umkreis war, am nächsten Tag in ihr Krankenhaus, weil ihm das 3. Antibiotikum, was er am Vortag erhalten hat, auch wieder nicht gefällt? Wieso kann so jemand nicht verstehen, dass ein Feld-Wald-Wiesen-Internist-Assistent keine Ahnung von eitrigen Zähnen und Kieferknochen hat? „Ich vertrag das nicht.“ Wenn sie nachfragt, warum nicht, was  derjenige denn an Symptomen bemerkt habe, kriegt sie -auf dumme Fragen gibts dumme Antworten – „ja weil ich das nicht vertrage“ zurück. Reden will man nicht mit ihr. Da sie es essentiell findet, in derartigen Fällen Informationen zwischen Arzt und potientiellem Patient auszutauschen, kann sie kein Arzt-Patienten-Verhältnis aufbauen und verweist konsequent an den richtigen – den Spezialisten. Solche Leute wollen eine Behandlung mit Goldbordüre und Handkuss, wieso gehen die dann zu jemandem, der von tuten und blasen keine Ahnung hat – also zu einem Feld-Wald-Wiesen-Internist-Assistent wie ihr? Wieso sind die nicht dankbar, wenn sie ihnen sagt, sowas gehört zu einem Spezialisten, nur da werden sie richtig behandelt? Schlechte Ärzte sind diejenigen, die ihre Grenzen nicht kennen.

Erklär mich mal jemand für Dumme, wieso grad an den Abenden zwischen Freitag und Sonntag überdurchschnittlich häufig junge Leute kommen. Studenten aller Fachrichtungen. Mit Hausarzt-Krankheiten wie Husten, Schnupfen, Halsweh. Abends um zehn. Nichtmal diejenigen wie sonst, klassischerweise Cindy mit gerade-noch-am-Schulabschluss-vorbeigerettet und mit 2 kleinen Kinderchens von 3 verschiedenen Männern, die wegen Brennen beim Wasserlassen mal eben so viel gekifft hat, dass es sie von den Beinen geholt hat.

 Ja, sie erinnerte sich an einen der kürzlich geschafften Dienste. Da rief so ein Typ an und wollte unbedingt einen Arzt sprechen. Er wollte Auskunft über seine Schwester andernfalls zeigt er die Schwester und das Krankenhaus an. Drohungen über Drohungen. Sie blieb cool. Kommt uns jemand so komisch, therapieren wir mit Dienst nach Vorschrift. Cool bleiben, liebe Schwestää, das schaffen wir schon. Ääääärsmal ne Undäschrift vonne Patientin, wer denn da wat wissen darf. Und am Telefon sowieso erstmal gleich gar nicht mit irgendwelchen Auskünften- steht so im Gesetz und Schweigepflicht. Hohoho, da gings voll ab, die Patientin hatte ihren Bruder seit Jahren nicht gesehen, ja er galt quasi als verschollen. Und wundert sich jetzt woher er denn weiß, dass sie im Krankenhaus liegt. Dann rief der Typ nochmal an. Lieblings-Schwestä jetzt cool ging hin mit mobilem Telefon und oh Wunder, der wollt gar nicht persönlich mit seine Schwester reden. Wat secht man dor tau? Nix. Als er die Patientin im Hintergrund hörte, wurde er erst böse, dann folgte die Beichte. Das Hallo sucht seines gleichen. War er dann doch ein Nachbar, der im Saufgelage mit den missratenen Nachfahren der Patientin meinte, mal so „einen Scherz mit der Schwester und dem Arzt“ machen zu müssen. Ja, solche Kinder und deren Nachbarn braucht, wer keine Feinde hat. Da muss die Liebe zu Muddern ja immens sein, wenn man sowas treibt und sich der Straftat des Betruges und der Nötigung strafbar macht und das ohne drüber nachzudenken, was mit Mudderns Pschyche is. Die brauchte erstmal ne Tavor und konnte sich nicht mehr beruhigen, war sie doch so aufgeregt, endlich was vom verschollenen Bruder zu hören wo es ihr nicht gut geht. Oder war da doch Nachdenken am Werk? Ein Schelm wer böses dabei denkt?

Und wie sie so über einiges nachdenkt und reflektiert, fragt sie sich „Ist das eigentlich das, für das ich ausgebildet wurde?“ Dereinst an der Universität lehrte man sie von den Menschen und der Pathologie, der Pharmazie und Anatomie, der Physiologie und Seelenklempnerei, der Schrauber- und Näherei, der Pillendoktorei und in alle-Höhlen-Guckerei. Medizin schien wunderbar. Doch was hatte das alles mit dem seltsamen Dasein zu tun, was sie heute führt?





Ärzte – Weihnachts-Wunschzettel

15 12 2007

Was wünscht ein Arzt sich vom Weihnachtsmann? Nicht viel würd ich sagen. Also ich fang mal an mit einem Weihnachts-Wunschzettel von Ärzten an den Weihnachtsmann.

  1. nur 40 Stunden Wochenarbeitszeit
  2. ein Zeiterfassungssystem für die Klinik
  3. ein Formular, wo ich meine Überstunden dokumentieren kann und sie bezahlt bekomme
  4. einen Chef, der es nicht nötig hat, seine Assistenzärzte in der Visite vorzuführen und zu blamieren
  5. einen Chef, der gerecht zu seinen Assis ist und nicht gerade die Unfähigste wie einen VIP behandelt und allen anderen die Schuld für Dinge zuschiebt, die VIP-Assi verbockt hat
  6. eine andere Gesundheitspolitik
  7. Zwangsverrentung von Ulla Schmidt
  8. Psychotherapie für Staatssekretäre im Gesundheitsministerium
  9. weniger Hierarchie-Strukturen
  10. weniger Papierkram
  11. dass den Klinikverwaltungen ein Kronleuchter aufgeht
  12. einen Tarifvertrag, der endlich das erfüllt, was wir fordern
  13. dass alle freien Arztstellen besetzt werden und nicht frei bleiben, weil man dann ja auch keinen bezahlen muss




Woran erkenne ich, ob ich einen Zivi vor mir habe?

7 12 2007

Ich glaube,  so allmählich wird es doch eine Ratgeber-Serie. Nun ja… Manche Dinge kommen halt einfach und setzen sich in der Tastatur fest und wollen dann einfach auf den Bildschirm, nicht?

Die folgende Frage ist eminent wichtig, vor allem für diejenigen, die das erste Mal ins Krankenhaus kommen. Es gibt Stations-, Transport- und Haustechnik-Zivis.  Letztere habens glaub ich am besten…
Woran erkenne ich, ob ich einen Zivi vor mir habe?

1. Die Frisur verhängt eines seiner Augen und lässt sich wie eine Gardine hin und herziehen.

2. Um den Hals trägt er ein Lederbändchen mit einem silbernen Anhänger.

3. Er wird rot, wenn er die Schwesternschülerinnen anguckt.

4. Er zwingt mich in einen Rollstuhl und vergisst die Trittbretter runterzumachen. Das Bauchmuskeltraining durch das „Sie müssen die Beine hochhalten sonst kann ich nicht schieben“ kann durch keine Physiotherapie ersetzt werden.

5. Die Schwestern schreien über den ganzen Flur seinen Namen, ergänzt durch den Satz „Wo steckt der Blödmann denn nun schon wieder?“

6. Er hört beim Transport stundenlang den alten Herren zu wie sie von früher erzählen und nickt dabei. iPod-Kabel kann man ganz unauffällig plazieren, wenn man längere Haare hat.

7. Er ist der einzige vom ganzen Stationspersonal, der noch menschliche Züge hat. Die anderen Zombies sind emotional schon zu sehr von den Patienten distanziert und kümmern sich um so und soviel Patienten, nicht um Herrn X, Frau Y und Herrn Z.

8. Nach 3 Monaten beginnt der kleine auch den Morgengruß zu sprechen.

9. Die Omis würden ihn am liebsten alle knuddeln, weil er so süß ist, wie ihr Enkelsohn.

10. Keiner fährt heimlich so schön illegale Betten- und Rollstuhlrennen… 🙂