Sag doch was du denkst

21 08 2008

Durch einen Beitrag in der Marburger Bund Zeitung (ja, Mitgliedsbeiträge lohnen sich doch dann und wann) kam ich auf folgende Seite

www.pj-ranking.de

und in der Folge auf

www.famulaturranking.de

Nachdem Spiegel und Focus seit mehreren Jahren erfolgreich, auch mit Hilfe der Unis (Versand der Fragebögen der Meinungsforschungsinstitute), Ranking-Listen der Unis zu verschiedenen Studienrichtungen erstellen, hält jetzt auch in den praktischen Abschnitt des Medizinstudiums ein Ranking Einzug. Unterstützt wird das ganze vom Marburger Bund. Und das find ich gut. Bisher war es nur in Foren bei Medilearn oder mittels Famulatur und PJ-Berichten Via medici möglich, einem größeren Publikum seine positiven oder auch negativen Erfahrungen zu berichten. Mundpropaganda erfährt im Zeitalter des Web 2.0 (wenn ich mich mal dieses landläufigen Zitates bedienen darf) eine neue Qualität, quasi Online-Mundpropaganda. Für mich kommt das ganze einige Jahre zu spät. Ich glaube kaum, dass meine PJ-Bewertungen heute noch stimmen würden, weil die Leute von damals gar nicht mehr in den Kliniken sind. Allerdings erschrecke ich, wenn ich manche aktuelle Berichte lese, weil sich eigentlich kaum was geändert hat im Umgang mit den Studenten. Dabei sind doch die heutigen Assistenzärzte (also meine Ass-Arztgeneration) die PJler von gestern, oder? Hatten wir uns damals nicht alle geschworen, wir werden anders? Oja, das hatten wir. Machen wir es auch anders? Die Frage muss jeder für sich selbst beantworten. Oder eben mal bei genannten Seiten reinschauen und ggf. anschließend in sich gehen…

Ihr da draußen, die ihr PJ und Famulatur macht: Sagt eure Meinung! Macht beim Ranking mit, schreibt Famulatur- und PJ-Berichte, egal ob bei Medilearn oder Via medici oder sonstwo! Aber denkt daran: nur sachliche und konstruktive Kritik hilft, etwas zu verändern. Ein „es war alles scheiße“  oder „die waren einfach nur blöd“ mag zwar stimmen, aber hilft anderen nicht weiter – weder den Studis, die das Lesen noch den PJ-Verantwortlichen der Unis und Lehrkrankenhäuser und auch nicht den wenigen selbstkritischen Ärzten, die vielleicht ihre Station mit Note 3 oder 4 oder gar 5 bewertet sehen und tatsächlich etwas ändern wollen. Nennt die Punkte, die nicht stimmen wie z.B. Kommunikation und Umgang mit Studenten, Organisation, Lehrveranstaltungen etc… Ich halte rein gar nichts von den Diffamierungen, die Schüler in einem gewissen spickmich-Portal gegen ihre Lehrer loslassen. Das ist unter Garantie der falsche Weg und ein Auswuchs des „Ranking-Trends“. Aber durch das Internet habt ihr die Chance euer Lob für eine tolle Famulatur oder PJ-Tertial loszuwerden oder eben auch sachliche und begründete Kritik. Die Entscheidung mit den Füssen, wie es sich inzwischen bei Ärzten mit der Abwanderung ins Ausland und Klinikfremde Bereiche gibt, hat eine gewisse Macht und kann die Verantwortlichen in Handlungszwang bringen, denn ansonsten scheint das ganze eine typisch deutsch zähe Angelegenheit zu sein.  Auch wenn ihr glaubt, ihr allein könnt nichts bewegen, aber wenn jeder auch nur einen Bericht schreibt oder eine seiner Famulaturen bewertet, dann ergibt sich schon ein aussagekräftiges Bild und die Kliniken müssen anfangen, darüber nachzudenken, was ihnen Ausbildung und Nachwuchs wert ist. Zu meinen PJ-Zeiten haben wir als x-te Generation für Studientage und Bezahlung gekämpft, jetzt endlich wird es in einem Teil der Kliniken wenigsten ansatzweise umgesetzt. Aber es hat sich gezeigt, dass Tropfen für Tropfen ein Fluss entstand, der dann doch etwas bewegt hat.





Was macht eine Ärztin / ein Arzt so den lieben langen Tag?

7 02 2008

Morgens in hunderten deutscher Kliniken… die Dämmerung graut, den Kollegen grauts auch, und den PJlern erst. Man eh, schon wieder einer dieser normalen Tage. Was fängt man da als Ärztin /Arzt nur mit seiner Zeit an? Das Briefe schreiben, Patienten aufnehmen, Interventionen durchführen, Visite, Funktionsdiagnostik… all das kann einen doch so gar nicht auslasten, wenn die Kollegen schon mit dem meisten davon befasst sind… Wer viel Zeit hat, sucht sich Alternativen. 

Vor der Frühbesprechung: Über den Kollegen herziehen, der Dienst hatte, was der denn nun schon wieder alles falsch gemacht hätte.

In der Frühbesprechung: Tuscheln über die Schwangere. Ab und an mal zuhören, was gesagt wird.

Nach der Frühbesprechung: Herziehen über die kranke Kollegin „Na wo die denn schon wieder ist, krank natürlich.“ Anfangen zu sabbern vor Begeisterung.

Vor der Visite: Weiteres Herziehen über die kranke Kollegin. Vergessen der eigenen seltsamen Dienstabrechnung bei der einige Dinge einfach nicht auftauchten. Beginn der üblen Nachrede über die Sekretärin. Der Schaum tritt vor.

In der Visite: Mobben einer nichtanwesenden Schwester. Die ist so schrecklich, so böse, so unfair, die sagt einfach mal die Wahrheit zwischendurch und lacht nicht über die Witze und macht schon gar nicht mit, wenn man über andere herzieht. Böse diese Schwester, böse, böse.

Nach der Visite: Fortsetzen des Herziehens über die Sekretärin.

Vor dem Mittag: Gerücht in die Welt setzen, einer der ehemaligen PJler sei schwul, das sehe man doch an den Haaren, dem Ohrring und wie er rumläuft. Eh und der duscht jeden Tag. Der muss einfach schwul sein. Vergessen, dass man selbigem beim Umziehen im Arztzimmer (ja, diese Zeiten sind noch längst nicht vorbei) immer in die wertvollsten Regionen starrte. (Andersrum gehts auch – Gerücht in die Welt setzen, dass die PJlerin mit dem Oberarzt… dieses Flittchen… also nee… und dabei vergessen, dass man ihr beim Umziehen im Arztzimmer JLo-Vergleichsnoten gegeben hat und die Hose enger wurde.)

Beim Mittag: Über die nicht anwesenden Kollegen tratschen. Anwesende über deren Meinung zu diversen Vorgesetzten aushorchen und sie zu Statements peitschen. Wer weiß, vielleicht kann man da noch mal was von gebrauchen. Naja, und wenn nicht, dann wird halt was erfunden. Das Leben kann so einfach sein.

Nach dem Mittag: Boah eh, erstmal ne Pause. Nachzählen der verbrauchten Wörter. 15000 darf man ja als Frau. Gott sei Dank, noch nicht alle benutzt. Dann kanns ja weitergehen.

Schichtwechsel bei den Schwestern: Man, wie gut dass die Frühschicht weg ist. Jetzt kann man erstmal ordentlich mit der Spätschicht auswerten, was die sich alles geleistet haben. Erneutes Herziehen über eine kranke Kollegin und die Schwangere, die überall Extrawürste gebraten kriegt und ja nur schwanger geworden ist, um keine Dienste mehr machen zu müssen. Während die Kollegen auf Station wie die Duracell-Häschen rackern, ist noch etwas Zeit beim 3. oder 4. Käffchen über die Sekretärin ein paar Sachen loszuwerden. Sabber tritt vor den Klatschbasenmund. Jetzt ist man kurz vor dem Gerüchte-Orgasmus. Wer hätte gedacht, dass das heute noch so ein schöner Tag wird. Uff, bei der Zigarette danach kann man sich dann gleich mal über die Kollegen der ITS informieren, denn das schöne is ja: Man trifft auch mal auf Gleichgesinnte.

3 Minuten nach Dienstschluss: Boah, war das heute ein anstrengender Tag. Soviel gearbeitet. Eh also wirklich. Überstunden sind heute nicht drin. Nee, das macht ihr mal alle fertig. Jetzt ist Feierabend. Und tschüss.

Und täglich grüßt das Murmeltier an jeder deutschen Klinik. Ein blökendes Schaf gibts immer.





Wie bewege ich mich unter leitenden Ärzten?

31 01 2008

Nach der überaus erfolgreichen Patientenratgeber-Mini-Serie in diesem Blog, wollen wir uns nun den motivierten Jung-Ärzten zuwenden, die eine Karriere in der leitenden Ebene der Weißkittelhierarchie anstreben. Das Wichtigste sind die Verhaltensregeln dieses Standes. Also wie man trendy, „in“ oder was auch immer ist… wie man kurz gesagt ein gewisses Understatement repräsentiert.

Hier ein Crash-Kurs:

  • Die Kleidung. Immer zivil tragen und nur einen Kittel drüber ziehen. Egal wie saumäßig die Schlammschlacht an was auch immer abläuft, die Kleidung eines OA oder CA wird nie, ich betone NIE schmutzig, egal welche mistigen Wunden er mit einem Liter NaCl spült oder in was auch immer er mit einer 10 cm langen Nadel hineinbohrt.
  • Das Klinikhandy. Ein Piepser ist für das Fußvolk. Die leitenden tragen ein Handy der Klinik bei sich. Alles andere wäre  nicht standesgemäß. Aber wichtig ist, dass es auch immer klingelt. In jedem Meeting, jeder Stationsbesprechung, jedem Gespräch mit wem auch immer, in der Visite, in Weiterbildungen bei denen andere Vorträge halten. Nichts kommt so gut vor Patienten, wie „Ja, ich bin hier in der Visite. Geht es später oder ist es wichtig? Jaja, ich verstehe… Herr XY, entschuldigen Sie bitte, wir kommen gleich nochmal rein.“ und das anschließende Verlassen der Visite mit dem halbnackten Patienten an dem gerade Demonstrationsunterricht für die PJs abläuft. Hier begreift auch der Patient mit einem MMST-Wert unter 12, wer das Sagen hat.
  • Das Auto. Alles was unterhalb der oberen Mittelklasse ist, gehört nicht auf den Parkplatz. Außer es ist der Leihwagen des Autohauses, auf dem groß der Name des Herstellers prangt. Japaner sowieso nicht, erst recht keine Koreaner. Für die Geschiedenen kommen eigentlich nur Sportwagen in Frage, um gewissen Körperteilen prothetisch zu helfen, denn bei OA oder CA über 45 ist die Gruppe der U25 weiblich eher schwer kontaktfreudig, sofern dieser nicht den Kittel anhat, auf dem CHEFARZT oder OBERARZT steht. Für die Verheirateten sind derzeit die Geländewagen angesagt. Verheiratet mit Kindern und noch kein Wort von Scheidung fährt Kombi, mit Stern oder aus Bayern, die ärmeren aus Schweden (das klassische Oberlehrerauto nannte man es früher) oder alternativ einen familientauglichen Großgeländewagen a’la Seal und Heidi. Naja, dass man 5 Jahre Raten zahlt oder einen günstigen Leasing-Vertrag hat, braucht ja keiner zu wissen…
  • Die Unterkunft. Standesgemäß in bester Innenstadt- oder VIP-Viertel-Lage. Auf jeden Fall mit eigenem Stellplatz. Am besten eigenes Haus. Nicht zu klein. Aber pssst… Mieten geht auch, vor allem weiß man in den oberen Regionen ja nie so genau, wie lange man tatsächlich an einem Ort bleibt oder bleiben will…
  • Die Körperhaltung als Zuhörer auf einem Kongress. Definitiv ist das Beine übereinanderschlagen und das Kopf in die Hand stützen bei gespreitzter Daumen und Zeigefinger-Haltung standesgemäß. Es wirkt jederzeit akademisch, aristokratisch und zeugt von Kultierviertheit.
  • Der Stift. Auf keinen Fall ein simpler Kuli eines Pharmareferenten. Die sind für die Kinder und die Assistenzärzte. Wer wirklich was auf sich hält schreibt mit dem Füllfederhalter. Empfehlenswert sind die mit einer Drehkappe. Ansonsten gilt Punkt 1: Die OA- oder CA-Kleidung wird nie schmutzig.
  • Die Kindererziehung. Die eigenen Kinder einfach zum Fußball gehen zu lassen, also das geht schonmal gar nicht. Ein OA oder CA-Kind muss das gewisse Understatement lernen und das geht nur beim Tennis, Golf, Segeln, Ballett und / oder Klavierunterricht. Das wahre Leben wäre für so zarte Seelen eine zu harte Belastungsprobe. „Und Mutti zwingt Euch auch nicht dazu, oder?“ (sag jetzt ja nicht ja, sonst wirst du enterbt oder kommst aufs Internat zu den katholischen Schwestern…)
  • Die Namensgebung für den Nachwuchs. Vor einigen Jahren galt es in OA- und CA-Kreisen als angemessen, ausgefallene Namen für den Nachwuchs zu wählen. Seitdem aber jemand publiziert hat, dass ausgefallene Namen häufiger bei karrieremäßigen Überfliegern zu finden sind (ob das wohl eher was mit elterlicher Hilfe und Ausbildungsstand zu tun hat als mit Muttis Namenswahl?), seitdem hat sich die Zahl von Schantall, Shanize, Leon, Lara-Marie, Michelle, Auwen, Aragorn, Fynn, Noah, Aaron, Luca, Elias, Nele, Lili, Emily, Justin, Thore  etc. rasant erhöht, weil auch sehr einfache Menschen wollen, dass der Name bei ihrem Kind macht, dass es erfolgreich wird. Inzwischen ist man in den CA- und OA-Kreisen dazu übergegangen, sich der Mehrheit anzuschließen und Teil der deutschen Ranglisten zu sein oder aber einfach die alten deutschen Vornamen zu wählen. Wichtig ist, dass der 2. Vorname so ist wie der des Großvaters, damit die akademische Geschichte der Familie jedem unter die Nase gerieben werden kann, sobald die Frage nach der Namenswahl für den Sprößling kommt. Auf Verirrungen wie Angelina Julie Schmidt wird man in diesen Kreisen eher nicht stoßen.
  • Kultur. Man geht selten ins Kino, erzählt allen, man habe keine Zeit zum Fernsehen und trifft sich mit der High Society des gewählten Wohn oder Arbeitsortes im Theater. Dort hält man eisern durch, egal wie grottenschlecht die unterbezahlten Schauspieler sind oder wie neuzeitlich auch immer die Faust-Inszenierung sein mag. Es geht nicht um das sehen, sondern um das Gesehenwerden. Sekunderär Gewinn ist dabei die Tatsache, dass man in der nächsten Visite alle damit unterhalten kann, wie gut / schlecht  die Vorstellung war und wen man dort gesehen hat.

Das war jetzt sicherlich nicht vollständig, aber eben auch nur ein Crash-Kurs. Wer also in die höheren akademischen Sphären will, der sollte sich beizeiten informieren, wie er zu diesem gewissen Understatement kommt. Von Vorteil ist es dabei, von Beruf einfach Sohn eines Chefarztes zu sein. Der Rest ergibt sich von allein.

Auf Fragen wie „Wie halte ich als Oberarzt das Besteck im Restaurant?“ „Darf ich als Oberarzt auf Behindertenparkplätzen parken?“ „Kriegt man immer die besten Plätze im Kino / Restaurant / Theater, wenn man im Kittel kommt?“ gehe ich auf Wunsch gerne ein anderes Mal ein.





Berufliche Alternativen für Ärzte, die keine Ärzte mehr sein wollen oder Medizinstudenten, die keine Ärzte mehr werden wollen

28 01 2008

Töpfer*

Filmregisseur oder Filmproduzent*

Drehbuchautor*

Opernsängerin*

Musiker*

IT-Mensch in der Systemadministration

Auswanderer

Dr.Bob im Dschungelcamp

Tagesschau-Sprecherin*

Gesundheitssendungs-Moderator*

Comedian*

Buchautor*

Politiker*

Verwaltungsdirektor im Krankenhaus

LKW-Fahrer*

Tauchlehrer

Taxifahrer

Schauspieler**

Tulpenzüchter in Holland***

Weitere Vorschläge?

* gibts wirklich, kann ich durch Beispiele / Namen belegen

** Vorschlag von F.

*** Vorschlag von M.M.





Wieviel schuldet ein Arzt dem Staat?

20 01 2008

Durch den Kommentar von Wolf auf mein Nokia-Posting war ich angeregt, mal über die Frage nachzudenken, was eigentlich der fertige Facharzt dem Staat schuldet. Weil ich als Kommentar schon vieles gepostet habe, werdet ihr hier einige Passagen aus dem Kommentar wiederfinden.

Kosten des Medizinstudiums

Ich habe bei Google gesucht und Angaben gefunden, die zwischen 100000 Mark (also 50000 Euro) und 40000 Euro pro Jahr schwanken. Am häufigsten umkreisten sie 28000 Euro pro Jahr. Medizinstudenten verursachen die meisten Kosten an Universitäten. Ehrlich gesagt, frage ich mich WARUM? 

Pflegepraktikanten, Famulanten und PJler werden als reguläre Arbeitskräfte eingesetzt. Aber sie bekommen kein Geld dafür, also entstehen keine Personalkosten. Tatsache ist außerdem, dass viele kein Bafög kriegen sondern nebenbei arbeiten gehen. Vorlesungen sind für einen Teil der Profs lästige Aufgaben, die sie neben der Forschung und der Leitung der Kliniken auch noch absolvieren müssen und vielfach an Untergebene weiterdeligieren. Dass Profs also nur für die Studentenausbildung bezahlt werden und nur wegen der Studenten hohe Personalkosten verursachen, stimmt nicht. (Und wenn sie tatsächlich aus diesem Grund so viel Geld bekommen, dann muss man sagen, halten viele von ihnen zu wenig Vorlesungen und machen zu wenig Kurse.) Diese Stellen müsste es auch ohne Studenten geben, denn einer muss ja eine Abteilung leiten und die Forschung. Auch die Skripte werden in der Regel verkauft und nicht kostenlos abgegeben. Die Kurse in den Kliniken werden von den Assistenten nebenbei beim Tagesgeschäft mit abgewickelt. Auch diese werden also nicht extra wegen der Studenten bezahlt. Es müsste auch sie ohne Studenten trotzdem geben. Einen Teil der Kosten, die immer angeführt werden, kann man also relativieren. Für Hörsäle und Bibliotheken entstehen ganz sicher Kosten, auch für die theoretischen Institute. Für Kursräume ist es wieder relativ: Die meisten klinischen Kurse werden irgendwo im Arztzimmer auf Station oder im Besprechungsraum der Abteilung abgehalten und die sind sicherlich nicht extra wegen der Studenten gemacht worden. Kleidung bringen Studenten selbst mit, also haben die Unis auch hier keine Kosten. Für einen PJler erhält eine Uni etwa 400 Euro Kopfgeld (schwankt zwischen den Unis). 

Wenn immer diese 28000 Euro pro Jahr (= 140000 Euro für ein Studium) als Kostenkeule argumentativ geschwungen wird, dann möchte ich diejenigen, die das publizieren einfach mal auffordern, die Aufschlüsselung der einzelnen Posten darzulegen!

Was ein Medizinstudent und Arzt zurückgibt

Fangen wir bei den Studenten an. Als Pflegepraktikant, Famulant und PJler wird man zur vollen Arbeitskraft. Viele Kliniken, gerade die Unikliniken, könnten ohne diese kostenlosen Arbeitskräfte nicht mehr existieren. Genau: Kostenlos. Als Student sieht man keinen Pfennig.
Pflegepraktikum. Dauert inzwischen 4 Monate. Legen wir einen Monatslohn von 1200 Euro zugrunde (soviel war mein erstes AIP-Gehalt und die Schwestern hatten mehr), bei dem keine Zuschläge für Nachtarbeit und Wochenende enthalten sind (obwohl auch das geleistet wird), kommen wir auf 4800 Euro.

Famulatur. Dauert auch 4 Monate. Famulanten machen etwas mehr, schon halbe oder ganze ärztliche Tätigkeiten. Da ich als AIP o.g. Summe erhalten habe und das schon eine Weile her ist, die Gehälter gestiegen sind auch für die Anfänger, nehmen wir mal einen fiktiven Lohn von 1500 Euro. Macht zusammen 6000 Euro.

PJ. Dauert 1 Jahr. Da PJler inzwischen eigentlich fast das gleiche machen wie Ärzte, inklusive Punktionen, OP-Assistenz, Patientengespräche, Arztbriefe etc. legen wir das Einstiegsgehalt eines Assistenzarztes im TV Ärzte der Unis zugrunde (West 3600 Euro, Ost 3200 Euro). Macht 43200 Euro für das Jahr. Die er nicht bekommt. Da PJler auch häufig Überstunden leisten, die nicht dokumentiert werden, dürfte die Summe noch höher liegen.

Arzt.

Die Überstunden, die jeder einzelne von uns jeden Tag schiebt, kriegen wir nicht im Geringsten bezahlt. Bei mir sind es aus dem letzten Jahr geschätzt über 150 nicht offiziell dokumentierte, nicht bezahlte Überstunden, wo ich mal dran gedacht habe, mir die zuhause in den Kalender zu schreiben (die anderen sind meiner privaten Dokumentation entgangen). Wenn man das mal 22 Euro Stundenlohn nimmt, sind das schon 3300 Euro pro Jahr. Auf 6 Jahre Facharztausbildung gerechnet bekommt die Gemeinschaft / die Kliniken / der Staat – das Land – die Kommune als öffentlicher Arbeitgeber so ca 20000 Euro von jedem Arzt geschenkt – nur durch die “regulären” nicht dokumentierten Überstunden. Und ich schätze, dass ich am unteren Ende des Durchschnitts liege, bei anderen sind es weitaus mehr. Ich habe übrigens nicht die Pausenzeiten berechnet, die uns per Gesetz zustehen, die wir aber kaum einhalten können, da wir häufig ohne Essen durcharbeiten.

Kommen wir zu den Diensten. Auch hier arbeiten wir meist komplett durch, in der Regel auch ohne die gesetzlich vorgeschriebenen Pausenzeiten einzuhalten (die schieben wir zusammen, um 1,5 h schlafen zu können). Laut EU-Gerichtshof ist Bereitschaftsdienst gleich Arbeitszeit. Bedauerlicherweise hält sich nichtmal der MB-Tarifvertrag dran. In meinen Diensten habe ich eine Arbeitsauslastung von über 90%, meist 100%. Laut Tarifvertrag sollte meine Arbeitsauslastung maximal 90% betragen, theoretisch. Für mehr bekomme ich kein Bereitschaftsentgelt. Bei durchschnittlich 5 Diensten eines Arztes pro Monat (geschätzter Deutschland-Durchschnitt) sind das bei 16 Bereitschaftsdienststunden (24 Dienst – 8 reguläre Arbeitszeit = 16)*, die wir offiziell nur zu 90% bezahlt bekommen, 8 Stunden pro Monat an Dienststunden, die wir gar nicht bezahlt bekommen, obwohl wir arbeiten. Auf 6 Jahre FA-Ausbildung gerechnet sind das 12700 Euro.

Hinzu kommen die Stunden, die uns von dem 90%igen Dienstgeld zu 100% abgezogen werden, weil wir nach dem Dienst nicht mehr arbeiten dürfen laut Gesetz (es inoffiziell aber tun). Das heißt für die Berechnung, dass wir quasi die 8 Stunden des Folgetages (wo sie 100% wert sind) in der Nacht vorgearbeitet haben (wo sie nur 90% wert sind). Und die Stunden tagsüber haben einen Wert von 100%… also 16 x 0,9 – 8 x 1,0… Pro Dienst entgehen uns durch den Abzug etwa 0,8 h, was im Monat 4 Stunden macht, im Jahr 48 Stunden, was auch wieder 1056 Euro pro Jahr sind. Auf 6 Jahre FA-Ausbildung gerechnet knapp 6400 Euro.

Eingerechnet habe ich noch nicht die Fortbildungen und Kurse, die Ärzte aus eigener Tasche bezahlen, die aber nur dem Arbeitgeber zugute kommen: Sonografie, Röntgen, OP-Kurse… Auch die Anträge bei der Ärztekammer und die Zertifikate kosten Geld. Da dürften in 6 Jahren je nach Fachrichtung zwischen 2000 und 10000 Euro zusammenkommen.

Weiterhin füllen Ärzte Reha-Anträge aus, deren Extra-Vergütung in den meisten Kliniken nicht der Arzt bekommt (wie es wohl eigentlich sein sollte) sondern die Klinik. Bei 3 Reha-Anträgen pro Monat macht das auf 6 Jahre gerechnet etwa 6400 Euro.

Als nächstes kommt das Kapitel „Privatpatient“. Abrechnen dürfen Privatpatienten nur Chefärzte und ermächtigte Oberärzte. Kümmern tun sich aber die Assistenzärzte. Die Liquidationsberechtigten sehen einmal am Tag vorbei, reden ein paar Worte und verschwinden. Blutabnehmen, Aufklärungen, Untersuchungen, Befunde auswerten, Medikamente an- und umsetzen, Arztbrief schreiben, mit Angehörigen reden etc. machen die Ärzte auf Station. Es gibt aber nur wenige Häuser, an denen es eine Poolbeteiligung gibt, wo also auch Otto-Normal-Arzt etwas von dem Geld sieht. Ansonsten kriegens die Chefs und die Kliniken.

Thema Promotion. Die wissenschaftliche Sklavenarbeitskraft arbeitet in der Regel umsonst. In seltenen Fällen gibts mal eine Drittmittelstelle dafür. Nehmen wir als minimale Dauer einer Doktorarbeit 2 Jahre Vollzeittätigkeit an wie in den anderen Naturwissenschaften, wo es in der Regel am laufenden Band Doktorandenstellen gibt (ok, es ist da die Regel, aber die Stellen sind nicht wie Sand am Meer). Diese 2 Jahre verteilen sich bei Medizinern wegen eben nicht Vollzeitdoktorand sein auf mehrere Jahre. Nehmen wir die 2 Jahre Vollzeittätigkeit zu einem Einsteiger-Gehalt an Unis für Ärzte (was die dann auch bekommen, wenn sie das seltene Glück einer Drittmittelstelle haben, um ihre Promotion zu schreiben und es nicht nach dem Dienst machen müssen wie all die anderen), dann kommen 86000 Euro zusammen, die ein durchschnittlicher Medizin-Doktorand nicht erhält. Plus Forschungsergebnisse, mit denen die Profs weitere Drittmittel einwerben, die Unis Publikationen machen etc…

Hab ich noch was vergessen?

Rechnen wir zusammen:

Ohne Promotion und Privatliquidationspool geschätzte 101700 bis 108700 Euro, die ein Arzt dem Staat / Land / Kommune / der Gemeinschaft schenkt, weil nicht bezahlt bekommen.

Mit Promotion und ohne Privatliquidationspool 187700 Euro

Diese Rechnungen sind Überschlagsrechnungen, die nicht repräsentativ sind und meine eigenen Erfahrungen zugrunde legen. Aber ich denke, ein Funken Wahrheit ist dran. Relativieren wir die so hoch geschwungenen Kosten für einen Medizinstudenten pro Monat, die ich für überzogen und bewußt hochgetrieben halte (bzw. der Studi kriegt einfach bloß nicht die entsprechende „Leistung“ dafür geboten), dann hält es sich wohl die Waage. Kein Arzt schuldet dem Staat nach Ende der FA-Ausbildung was. Im Gegenteil. Die ruinierte Gesundheit, kaputte Ehen, die verminderte Lebenserwartung etc. kann kein Mensch und kein Staat dieser Welt bezahlen.

* Es gibt diverse Rechenmodelle, bei denen am Ende rauskommt, dass der Arzt keinen 24h-Dienst macht, obwohl er 24 h arbeitet. Das machen die Kliniken, weil das Gesetz sowas verbietet bzw. weil so gut wie keiner eine Opt-Out-Regelung unterschrieben hat, wo er sich freiwillig bereit erklärt dafür. Quasi : Wie mache ich etwas unsichtbar, was doch eigentlich da ist…?