Irgendwo im Arztzimmer

30 10 2009

der andere: Scheißtag.

Assistenzarzt: Hmmm. Ich hab mir heute morgen als wir anfingen, vorgenommen, mich nicht zu ärgern.

der andere: Echt?

Assistenzarzt: Hmmm.

der andere: Und, wie lange hast durchgehalten?

Assistenzarzt: Bis um 7.50 Uhr.





Sag doch was du denkst

21 08 2008

Durch einen Beitrag in der Marburger Bund Zeitung (ja, Mitgliedsbeiträge lohnen sich doch dann und wann) kam ich auf folgende Seite

www.pj-ranking.de

und in der Folge auf

www.famulaturranking.de

Nachdem Spiegel und Focus seit mehreren Jahren erfolgreich, auch mit Hilfe der Unis (Versand der Fragebögen der Meinungsforschungsinstitute), Ranking-Listen der Unis zu verschiedenen Studienrichtungen erstellen, hält jetzt auch in den praktischen Abschnitt des Medizinstudiums ein Ranking Einzug. Unterstützt wird das ganze vom Marburger Bund. Und das find ich gut. Bisher war es nur in Foren bei Medilearn oder mittels Famulatur und PJ-Berichten Via medici möglich, einem größeren Publikum seine positiven oder auch negativen Erfahrungen zu berichten. Mundpropaganda erfährt im Zeitalter des Web 2.0 (wenn ich mich mal dieses landläufigen Zitates bedienen darf) eine neue Qualität, quasi Online-Mundpropaganda. Für mich kommt das ganze einige Jahre zu spät. Ich glaube kaum, dass meine PJ-Bewertungen heute noch stimmen würden, weil die Leute von damals gar nicht mehr in den Kliniken sind. Allerdings erschrecke ich, wenn ich manche aktuelle Berichte lese, weil sich eigentlich kaum was geändert hat im Umgang mit den Studenten. Dabei sind doch die heutigen Assistenzärzte (also meine Ass-Arztgeneration) die PJler von gestern, oder? Hatten wir uns damals nicht alle geschworen, wir werden anders? Oja, das hatten wir. Machen wir es auch anders? Die Frage muss jeder für sich selbst beantworten. Oder eben mal bei genannten Seiten reinschauen und ggf. anschließend in sich gehen…

Ihr da draußen, die ihr PJ und Famulatur macht: Sagt eure Meinung! Macht beim Ranking mit, schreibt Famulatur- und PJ-Berichte, egal ob bei Medilearn oder Via medici oder sonstwo! Aber denkt daran: nur sachliche und konstruktive Kritik hilft, etwas zu verändern. Ein „es war alles scheiße“  oder „die waren einfach nur blöd“ mag zwar stimmen, aber hilft anderen nicht weiter – weder den Studis, die das Lesen noch den PJ-Verantwortlichen der Unis und Lehrkrankenhäuser und auch nicht den wenigen selbstkritischen Ärzten, die vielleicht ihre Station mit Note 3 oder 4 oder gar 5 bewertet sehen und tatsächlich etwas ändern wollen. Nennt die Punkte, die nicht stimmen wie z.B. Kommunikation und Umgang mit Studenten, Organisation, Lehrveranstaltungen etc… Ich halte rein gar nichts von den Diffamierungen, die Schüler in einem gewissen spickmich-Portal gegen ihre Lehrer loslassen. Das ist unter Garantie der falsche Weg und ein Auswuchs des „Ranking-Trends“. Aber durch das Internet habt ihr die Chance euer Lob für eine tolle Famulatur oder PJ-Tertial loszuwerden oder eben auch sachliche und begründete Kritik. Die Entscheidung mit den Füssen, wie es sich inzwischen bei Ärzten mit der Abwanderung ins Ausland und Klinikfremde Bereiche gibt, hat eine gewisse Macht und kann die Verantwortlichen in Handlungszwang bringen, denn ansonsten scheint das ganze eine typisch deutsch zähe Angelegenheit zu sein.  Auch wenn ihr glaubt, ihr allein könnt nichts bewegen, aber wenn jeder auch nur einen Bericht schreibt oder eine seiner Famulaturen bewertet, dann ergibt sich schon ein aussagekräftiges Bild und die Kliniken müssen anfangen, darüber nachzudenken, was ihnen Ausbildung und Nachwuchs wert ist. Zu meinen PJ-Zeiten haben wir als x-te Generation für Studientage und Bezahlung gekämpft, jetzt endlich wird es in einem Teil der Kliniken wenigsten ansatzweise umgesetzt. Aber es hat sich gezeigt, dass Tropfen für Tropfen ein Fluss entstand, der dann doch etwas bewegt hat.





Gewalttätige Patienten

11 08 2008

Es hat bisher noch nie in meinem Medizinerdasein die Situation gegeben, wo ich wirklich das Gefühl hatte, in den nächsten Sekunden eskaliert die Situation und du kriegst sie nicht unter Kontrolle.

Ich habe bereits öfter das zweifelhafte Vergnügen gehabt, mich mit pöbelnden alkoholisierten Patienten abmühen zu müssen. Aber mit der Zeit hat man den Bogen raus – man darf sie nicht drängen, nicht unter Druck setzen, aber muss klare Grenzen ziehen. Zum Beispiel ist es für mich ein Tabu, dass mich so jemand am Arm fasst. Da kann ich als weibliche Person auch mal einen gefährlichen Ton entwickeln und laut werden. Und wenn sie gehen wollen, und können…, dann rufen wir ihnen auch ein Taxi oder lassen sie abholen, manchmal verdünnisieren sie sich auch selbst. Demente Patienten sind die andere Kategorie, wo man sich manchmal in acht nehmen muss, weil sie es nicht toll finden, sich iv-Zugänge legen zu lassen. Da flog mir auch schon so manches mal ein Arm oder Bein entgegen oder das Tablett mit Nadel um die Ohren. Richtig erwischt hats mich mal bei einem geistig behinderten Patienten, da war ich ernsthaft verletzt. Tritte abgefangen habe ich auch schon zwei drei male, zum Glück mit den Armen und nicht dem Bauch oder so. Und zwei mal traf mich ein Arm bzw. ein Bein am Kopf, aber es blieb bei einer schmerzenden Stelle. Nadeln die um mich flogen habe ich nicht gezählt, geschätzt dürften es auch so 4 oder 5 sein bei diesen Situationen.
Manchmal brauchte ich die Hilfe eines Zivis, einer Schwester, PJler oder eines Kollegen, um jemanden festzuhalten, der nicht mehr entscheidungsfähig war, z.B. um einen iv-Zugang zu legen oder jemandem im Delir zu fixieren.

Noch nie ist es mir aber passiert, dass ich wie in amerikanischen Ärzteserien den Sicherheitsdienst rufen musste. Bis neulich. Der Patient war alkoholisiert, bis dahin friedlich wenn auch mit lauter Stimme. Doch von einer Sekunde auf die andere änderte er sein Verhalten. Er wollte gehen, aber anstatt das einfach zu tun (ich hätte ihm auch gerne den Weg gezeigt), fing er an das Personal zu bedrohen, so als würde man ihn aufhalten. Dabei hat ihn keiner aufgehalten. Keiner hat sich ihm in den Weg Richtung Ausgang gestellt, also ihm optisch vermittelt, dass er eingekesselt sei. Der Weg war frei. Es nützte nichts, dass wir versucht haben, ganz ruhig zu bleiben, ihm zu vermitteln, alles ist ok, du hast die Macht über deinen Willen dorthin zu gehen, wo auch immer du hin willst. Wie gesagt, ich habe bisher auch spannungsgeladene Situationen entschärfen können. Aber da waren die Patienten nicht derartig körperlich überlegen und nicht des Wahnsinns fette Beute. Ein sekundenbruchteil langer Blick in sein Gesicht und seine Augen reichte mir, um das erste Mal in meiner Medizinerlaufbahn zu denken „Ok, das wird nichts, das eskaliert, bring dich in Sicherheit.“ Was ich in der nächsten Sekunde auch tat und dabei verfluchte, dass man mit Piepern nicht telefonieren kann. Eine Tür in Sprungweite griff ich zum nächsten Telefon und rief den Sicherheitsdienst. Bloss nicht zu laut das Wort sagen, um die Situation nicht zum Explodieren zu bringen. Für einen Moment überlegte ich beim Sprechen, ob das zu hoch gegriffen sei, gleich die Jungs mit den breiten Schultern zu rufen. Was die nächsten Sekunden folgte, war die brenzligste Situation die ich bisher erlebt habe. Völlig unvermittelt riss sich dieser Irre einen Verband ab, dass das Blut quer durch den Raum spritzte und mehrere Leute einsaute. Intuitiv hatte ich mich bei seinen vorhergehenden Bewegungen hinter einem Raumteiler in Sicherheit gebracht. Dann holte er Sekundenbruchteile später blutüberströmt aus und griff die Leute körperlich an. Hätten die nicht blitzschnell reagiert, hätten wir uns über Hepatitis- und HIV-Prophylaxe Gedanken machen müssen, denn bei solchen weiß man ja nie und Blutproben hatten wir nicht von ihm. Irgendwer schrie „Geh’n Sie!“ und „Raus!“ und zum Glück ließ er von uns ab und trollte sich schwankend und blutend zum Ausgang. Wir blieben zurück im eingesauten „emergency room“ und leider kam ich mir in diesem Moment auch so vor wie irgendwo in der Bronx oder den wilden Vierteln von Chicago. Der Sicherheitsdienst kam dann auch irgendwann…

Ich muss ganz ehrlich sagen, wenn ich Kinder hätte, wäre das der Moment gewesen, wo ich ernsthaft überlegt hätte, ob ich diesen ganzen Schrott von Diensten und Notaufnahme weiter mitmache. Ich meine, du weißt doch nie, ob du beim nächsten Mal auch so viel Glück hast. Keine hundert Kilometer weiter ist eine Ärztin fast erstochen worden von einem Patienten und dass in einer Beamtenstadt wo die Verbrechensrate unter dem Landesdurchschnitt der Städte liegt. Weiß ich, ob der nicht auch irgendwo was in der Jackentasche hatte? Was wäre gewesen, wenn der Blödmann jemanden verletzt hätte und die Wunde des anderen mit seinem Blut kontaminiert hätte? Wir hätten nichtmal seinen Infektionsstatus gekannt. Was wäre gewesen, wenn er andere, hilflose Patienten angegriffen hätte? Womit hätte man sich da wehren sollen wo der im Vergleich zu uns 40 Kilo mehr und 25 cm größer war? Ihm AHD in die Augen schütten? Mit dem Pieper nach ihm werfen? Unsere Butterflys haben weiß gott nicht die Gefährlichkeit der „Straßen“-Butterflys. Noch nie habe ich mich plötzlich im Krankenhaus so in Gefahr gewähnt und ich muss sagen, ich freue mich, dass ich nicht gedacht habe, sondern nur auf meinen Instinkt gehört, der mir sagte „Danger“. Es sicherte mich einen kontaminationsfreien Dienst, eine Haut ohne Platzwunden und Prellmarken…





Dr. Haus‘ und seine Fälle

25 03 2008

Ab sofort können reale Dr. House-Docs richtig reale Fälle vorstellen, diskutieren oder ungelöste Fälle online beratschlagen, um auf neue Ideen zu kommen oder auch mal Beinahe-Crashs vorstellen, aus denen man lernen kann. Angeregt von diesem Blog und zahlreichen House-Fans unter Ärzten hat klinikdirekt mal was neues probiert. Ihr seid alle aufgefordert da mitzumachen – Famulanten, PJs, Docs, Retter,… Moderiert wird das ganze von einem Profi, einem echten (anonymen) Doc mit FA-Titel.

 http://www.klinikdirekt.de/blog/





Wie man Nasenspray sprayen tut

19 03 2008

oder so ähnlich…

Liebe Mitgeplagten,

für uns Heuschnupfen-Opfer gibts hier die richtige Anleitung, wie man einen Nasenspray benutzt.

http://www.medical-tribune.de/patienten/news/22208/

Auf die Idee, einen Patienten mit Nasenbluten zu fragen, ob er Nasenspray benutzt, bin ich noch nie gekommen. Ich stopfe immer nur Gelaspon* rein und das macht sogar oft Spaß, sofern Patient keinen Mundgeruch hat und vorsichtig ist, dass man sich als Helfer nicht einsaut.

PS an die Studis: Immer Blutdruck messen bei Nasenbluten und nach Blutverdünnern fragen.

* Ich hätte hier gerne den Link zum Hersteller gesetzt, aber dieses Intro läuft Endlosschleife bei denen und man kommt nicht weiter auf die Homepage.





Mikrokosmos OP

17 03 2008

Den beiden Beiträgen von Hypnosekröte gibt es nichts mehr hinzuzufügen… außer 🙂

http://www.hypnose-kroete.de/?p=64#more-64

http://www.hypnose-kroete.de/?p=63





Arzt, du bist keine 50 ct wert… Oder: Wie baut man sich eine Epidemie?

15 01 2008

Das RKI hat eine Liste der geprüften und anerkannten Desinfektionsmittel und – verfahren. Da gibt es verschiedene Wirkungsbereiche, die mit großen Buchstaben bezeichnet werden. Auf den Verpackungen der Hersteller steht dann geschrieben: Wirkungsbereich A oder A und B etc. Oder aber bakterizid, fungizid, begrenzt viruzid oder viruzid… Die gebräuchlichsten Händedesinfektionsmittel wie z.B. Sterillium oder AHD 2000 sind begrenzt viruzid. Ok, das stört keinen. Gut für OP-Bereich, gut für eigentlich fast alles. Deswegen bei uns in der Klinik auch grundsätzlich eingesetzt.  Begrenzt viruzid heißt, dass diese Mittel nicht gegen unbehüllte Viren wirken.  Und nicht jeder weiß, was unbehüllte Viren sind. Unbehüllte Viren sind z.B. Noroviren. Ergo dieser Faktenkette: Die standardmäßig eingesetzten begrenzt viruziden Händedesinfektionsmittel wie z.B. Sterillium oder AHD 2000 wirken nicht gegen Noroviren, egal wie lange man sich damit die Hände desinfiziert. Das wissen viele Ärzte und Schwestern aber nicht, manchmal nichtmal die Hygienebeauftragten oder die Hygieneschwester, obwohl dieser Fakt seit Jahren bekannt ist.

Die Arschkarte gezogen haben alle die Mitarbeiter, die z.B. in einem Klinikum arbeiten, das konsequent auf begrenzt viruzide Händedesinfektionsmittel setzt und das viruzide nur auf Sonderantrag mit spezieller Genehmigung der Apotheke einsetzt und auch nur, wenns zwingend nötig ist. So z.B. irgendwo in Deutschlands Norden. Da steht auf dem Hygieneplan, dass viruzide Händedesinfektion mit Sterillium virugard nur in entsprechenden epidemiologischen Situationen erfolgt.

Was ist eine solche Situation? Die Zunahme der Infektionen in der Bevölkerung? – Nicht für die Apotheke dieser Klinik. Die gehäufte Inanspruchnahme der Notaufnahme durch derartig erkrankte Personen? – Nicht für die Apotheke dieser Klinik. Die Warnmeldungen des RKI? – Nicht für die Apotheke dieser Klinik. Das gehäufte Auftreten von Kotzen und Scheißen unter Patienten und Personal auf einer Station? – Nun ja, vielleicht… Aber erstmal wird die Hygieneschwester hingeschickt. Die erzählt dem Personal, dass sie sich alle ordentlich die Hände desinfizieren sollen (Anmerkung: mit den standardmäßig begrenzt viruziden Mitteln) und dass das wohl vorher nicht ordentlich war, denn sonst wäre es nicht zu diesem Noro-Ausbruch gekommen. Das war letztes Jahr so und ratet mal wann noch… the same procedure as every year, Miss Sophie. Nun ja, inzwischen gibt es Leute, die dem so gescholtenen und gebeuteltem Personal die Wahrheit erzählen. Dass sie sich tausendmal richtig die Hände desinfizieren können und es mit Sterillium oder AHD trotzdem dazu kommt, dass alle krank werden, weil nämlich diese Mittel nur begrenzt viruzid sind und alles das nichts nützt gegen Noroviren. Da wäre es in dem Fall vom Prinzip egal, ob man sich überhaupt die Hände desinfiziert, Noro klebt mit oder ohne AHD an den Pfoten.

Aber viruzide Händedesinfektionsmittel sind laut Hygieneschwester sehr sehr schlimm zum Personal: 1. machen sie die Haut trocken. 2. mögen nicht alle Mitarbeiter das Mittel, weil es nicht so gut riecht und 3. kostet es so viel mehr dass am Ende alle dafür bezahlen müssen, z.B. mit Arbeitsplätzen. Ja, diese Diskussion hatten wir vor einem Jahr schonmal hinter uns gebracht, nachdem Stationen geschlossen wurden wegen Noroviren. Aber wir wären ja nicht in Deutschland, wenn wir was daraus gelernt hätten für unsere Klinik.

Was sagen die Mitarbeiter dazu? Eine kurze nicht repräsentative Umfrage brachte folgendes Ergebnis: 1. Ist es uns völlig egal, ob die Haut trocken wird, das wird sie mit den anderen auch, Hauptsache wir stecken uns nicht an. 2. Es ist uns völlig egal, wie das Zeug riecht, auf jeden Fall riecht es besser als Kotzen und Scheißen. 3. Ein kurzer Klick auf diverse online-Versandhändler zeigt, dass Sterillium und Sterillium virugard (nur als Beispiel) lediglich 50 ct Preisunterschied bei der 500 ml Flasche haben. Eine Klinik kauft aber in größeren Mengen, Euro-Palettenweise, so dass sich der Preisunterschied minimieren dürfte. Liebe Mitarbeiter, ihr seid der Klinik nicht mal 50 ct wert. Liebe Patienten, eure Gesundheit ist der Klinik nicht mal 50 ct wert. Liebe Angehörige der Mitarbeiter, eure Gesundheit ist der Klinik nicht mal 50 ct wert.

Und so stellt sich die Frage: Was ist teurer? A: für 6 Monate im Jahr die Desinfekt-Spender mit einem viruziden Mittel auszurüsten in den Notaufnahmen, Ambulanzen, Funktionsabteilungen und internistischen Stationen (die ja hauptsächlich für derartige Katastrophen zuständig sind) und so jede Infektionskette von Anfang an unterbinden. Oder B: Es jedes Jahr mindestens einmal drauf ankommen zu lassen, dass 75% der Mitarbeiter um die Wette kotzen und Durchfall haben und krank werden und 75% der Patienten ebenfalls erkrankt sind, es zur Verlängerung der Liegedauer durch Infektion selbst, Exsikkose, Nierenversagen, Hypoglykämien / entgleister BZ, Herzrhythmusstörungen etc. kommt, OPs verschoben werden, die Presse davon Wind bekommt und man sich auf Seite 1 wiederfindet, zuweisende Kollegen andere Kliniken wählen, Stationen geschlossen werden müssen, geplante Aufnahmen abgesagt etc. etc. etc.

RKI Desinfektion

Sterillium virugard

Manusept viruzid

Softa-Man acute

Diese Mittel haben alle eine viruzide Wirkung. Der Hersteller von Softa-Man acute wirbt sogar damit, dass nach 15 sec kein Noro mehr lebt, wogegen es bei Sterillium virugard 2 Minuten dauert. Letzteres wird aber offiziell vom RKI in der Liste geführt, bei den anderen laufen die Anträge noch um in die Liste zu kommen, und vom RKI in Outbreaks verwendet.

Tja, was kann man außer einem unwirksamen Händedesinfektionsmittel noch alles tun, damit es in der Klinik zu einem Ausbruch kommt und alle Mitarbeiter krank werden – Ärzte im Dienst, Schwestern in der Schicht etc., kotzen, sch… andere anstecken? Hier ein paar Vorschläge: Sich nicht an das vom Dienstarzt angewiesene Besuchsverbot für Angehörige halten, trotzdem auf die betreffende Station neu aufnehmen, bei betroffenen Patienten unbedingt während der Akutphase Röntgen oder CT oder EKG oder sonstwas machen, Patienten von der betroffenen Station auf andere verlegen ohne die Inkubationszeit zu beachten, Mitarbeiter von anderen Stationen zum Aushelfen auf die betroffene Station schicken (denn da herrscht ja wegen hohem Krankenstand und überfüllten Klos akuter Personalmangel), damit diese es auf die eigene mitbringen, kranke Mitarbeiter nicht nach Hause schicken,… Und die kleinen Ärzte, die so halbwegs verstanden haben, was in den CME-Fortbildungen und beim RKI steht, sagen zwar dass man das nicht machen soll, aber die weise Obrigkeit ignoriert das  (die Betten müssen belegt sein, stört den Ablauf, so geht das nicht, bringt alles durcheinander, habt euch nicht so, … ) und die Hygieneschwester hat deswegen auch kein Problem damit. Mal abgesehen von der immensen Kostenersparnis von 50 ct pro Halbliterflasche Händedesinfektionsmittel, für die man das Klinikverdienstkreuz kriegt. Ist doch egal, ob die Pfleger in der Notaufnahme im Dienst schlimmer dran sind, als die Patienten oder der einzige Dienstarzt der Klinik, der die ganze Nacht nicht vom Klo kommt (lieber Gott, bitte erspare mir so etwas. Amen.). Naja, egal für die Betroffenen nicht. Nein, die dürfen sich noch einen Anschiss (welche Ironie der deutschen Sprache) abholen, weil sie nicht richtig gearbeitet haben. Deswegen traut sich keiner, damit krank zu machen und geht hin und steckt alle anderen an – Patienten wie Personal, was besonders in der Akutphase besser funktioniert als Schumis Ferrari. Ja, und dann schließen Kliniken in Sachsen, Sachsen-Anhalt, England, woanders nur Stationen… und alle wundern sich, wie das dazu kommen konnte. Bestimmt, weil das Personal sich wieder nicht die Hände desinfiziert hat… Womit wir wieder am Anfang wären beim Thema wollen (das richtige Mittel) und nicht können (is ja zu teuer, stört den Ablauf, bringt alles durcheinander)… Hilflos steht das Personal an der Front, während die „Entscheider“ in sicherem Terrain agieren und irgendwie beim Thema Krankenhaushygiene nicht den besten Tag hatten.

PS: Kennt jemand eine Studie über Kliniken, die viruzide Händedesinfektion generell saisonal einsetzen und welche, die es erst tun, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist?





Die Alkoholintox-Gedächtnis-Liste

11 01 2008

So, ich hatte dann mal wieder die Faxen dicke, nachdem Mr. C2 um 3.30 Uhr lallend ins Waschbecken der Notaufnahme pinkelte. Es is mir auch nicht so ganz klar, warum die Ehefrau den KV-Dienst rief, wo sie das Phänomen „saufen bis man nicht mehr sprechen kann“ bereits kannte und er ständig unter Stoff stehen muss, weils ohne nicht mehr geht. Doch eigentlich ist es mir klar: sowas neben sich im Bett liegen zu haben, nein, das muss man echt nicht haben. Ja, da lag Mr. C2 dann auf der Trage, Gitter hoch, Ente (ich meine die Pinkelente) im Arm, in ruhigen Atemzügen schlafend, als Assistenzarzt wenigstens 3 Worte mit ihm wechseln musste. Fazit: Ansprechbar, antwortet, hat vor lauter Sorgen gesoffen, aber die sind gute Schwimmer und ließen sich nicht im Schnaps ertränken (er versuchts trotzdem jeden Tag), wollte schlafen, kardiopulmonal stabil, stinkt. Also lassen wir Mr. C2 schlafend stinken mit der Drohung ihn auf die nächste Parkbank zu verfrachten falls er nochmal die Sanitärkeramik zweckentfremdet. Eine Stunde später wollte er lallend und schlaftrunken Distraneurin haben. Gibbet nich bei 2,9 Promille und schlafen, aber ich kann gerne die Ehefrau anrufen zum abholen und zuhause weiterschlafen / – saufen? Nö, die Olle will er jez nich sehn.

Zu Ehren aller Mr.C2 dieser Welt – sponsored by Anheuser Busch, Becks und all den anderen cervisierenden Herstellern sowie den meisternden Jägern, Feiglingen, Kornen, Klaren und anderen spirituellen Geisterproduzenten – schlage ich vor, eine Alkoholintox-Gedächtnis-Liste zu beginnen, weil ich weiß, dass in etlichen Rettungswachen bereits eine Top-Scorer-Liste geführt wird. Maßgebend sind hier aber nicht nur die schnöden Zahlen sondern auch „Begleitumstände“.

Waschbeckenpinkeln plus 10 Zusatzpunkte,

aus der Blumenvase trinken 15 Zusatzpunkte,

alles vollkotzen macht 10 Punkte Abzug,

das Desinfektionsmittel aus dem Spender trinken wollen plus 5 Punkte,

rumheulen über den Weltschmerz minus 5 Punkte,

stinken nach Katzenpipi minus 10 Punkte,

stinken nach Katzenpipi und Kamelpups minus 20 Punkte,

das Personal um „nen kleinen Schnäppi“ anbetteln plus 10 Punkte,

unter 20 Jahren sein plus 10 Punkte,

sich von Mutti abholen lassen müssen plus 20 Punkte,

sich anschließend über die nasse Hose zwischen den Beinen beschweren minus 5 Punkte,

auf dem Flur an bestimmten Dingen südlich des Bauchnabels manipulieren minus 10 Punkte,

ständig dem Pfleger auf den Hintern langen wollen plus 10 Punkte,

staunend erkennen dass es gar keine Schwester ist plus 20 Punkte…

Somit hätten wir bei Mr. C2 des Tages 2,9 Promille plus 10 Zusatzpunkte. Durchschnitt würde ich sagen.

.

14.01.08 – Ergänzung der Liste:

das Personal permanent versuchen anzufassen minus 5 Punkte,

das Personal konsequent duzen und mit Kumpel anreden plus 5 Punkte,

den Sicherheitsmann mit Boxeinlagen beglücken minus 10 Punkte,

überall leicht wankend umherlaufen und zu jedem sagen „Eh duhu, komma heher“ plus 5 Punkte

sich über jede Anweisung des Personals hinwegsetzen minus 15 Punkte

in den Aufenthaltsraum des Personals gehen minus 20 Punkte

auf Anregung von Hypnosekröte:

sich im Untersuchungszimmer eine Kippe anstecken minus 5 Punkte

sich im Untersuchungszimmer einen Joint anstecken minus 15 Punkte

Aufgrund zahlreicher weiterer Vorschläge von rettungsblogger.de und Hypnosekröte und eigener Erfahrungen erfolgt am 17.01.08 eine erneute Erweiterung der Liste:

mit offenen Verletzungen durch die Notaufnahme toben und alles vollbluten minus 20 Punkte

an den Reanimationswagen pinkeln minus 20 Punkte

IN den Reanimationswagen pinkeln minus 50 Punkte (und eine Defi-Entladung gratis)

dem PJ einen Underberg anbieten plus 1 Punkt

der Schwester einen Underberg anbieten plus 5 Punkte

dem Arzt / Ärztin einen Underberg anbieten plus 10 Punkte

dem zufällig reinschauenden Chefarzt einen Underberg anbieten plus 30 Punkte

die Welt jeden Tag neu entdecken, negatives einfach vergessen und Sympathien neu erobern dank Korsakow-Syndrom plus 20 Punkte

für die Entgiftung die exakt notwendige Dosis des Distraneurins vorhersagen plus 15 Punkte

den Pfleger anbetteln „och Süßer gib mir doch nen Kuss oder magst du mich nicht“ minus 10 Punkte

Gemeinschaftssinn entwickeln und zuhause nicht alleine saufen dank gleichgeartetem Lebenspartner plus 5 Punkte

sich vom Lebenspartner mit Nachschub versorgen lassen im Krankenhaus (spart Distraneurin, Halo und Haemiton) plus 15 Punkte

die leeren Piccolo-Flaschen im Treppenhaus stehen lassen minus 5 Punkte

Alkoholabusus in der Schwangerschaft minus 50 Punkte

stinken nach Aschenbecher und Köhlerhof minus 5 Punkte

stinken nach saurem Mageninhalt minus 30 Punkte

im Krankenhaus im Doppelzimmer auf der / dem C2-abhängigen Lebensgefährten/in liegen und Tätigkeiten zur Arterhaltung nachgehen minus 20 Punkte

nichtmal aufhören wenn das Personal reinkommt minus 30 Punkte

den Arzt warnen, dass im Entzug stets epileptische Anfälle auftreten plus 10 Punkte

den Leitsatz „Bier ist kein Alkohol“ zur Beantwortung der Frage „Sie haben also sehr viel Alkohol getrunken heute abend?“ wählen plus 2 Punkte

ein T-Shirt mit der Aufschrift „Bier formte diesen Körper“ tragen plus 20 Punkte





Spannung beim Spannungspneumothorax

11 01 2008

Derzeit häufen sich bei uns die COPD-Patienten mit einem Spontanpneumothorax. Duplizität der Fälle?

Kurz erklärt: Die COPD – Endstrecke einiger Lungenerkrankungen – führt dazu, dass es mehr funktionsloses Lungengewebe gibt, es wird dünner und morsch. Wenn es zu akuten Luftnotanfällen – also wie Asthmaanfall – kommt, dann erhöht sich der Druck in der Lunge, weil die Luft nicht mehr so gut raus kann. Folge kann ein Mini-Riss in der Lunge sein (wie bei einer alten Plastetüte), durch den dann Luft in den Pleuraspalt strömt (also zwischen Pleura viszeralis und Pleura parietalis), wo sie nicht hingehört. Die Lunge kann sich nicht mehr ausdehnen, es kann vom Zwerchfell kein ausreichender Unterdruck zum Entfalten aufgebaut werden, Lunge verliert an Funktion, Luftnot wird schlimmer. Die gefährlichere Form eines Pneumothorax ist ein Spannungspneumothorax. Der funktioniert so, dass dieses Loch eine Ventilwirkung hat – Luft geht in den Pleuraspalt, aber nicht wieder raus. Mit jedem Atemzug kommt mehr Luft rein, aber sie geht nicht wieder raus. Als wenn man einen Fußball aufpumpt. Folge: die Lunge fällt zusammen, wird zusammengedrückt, das Mediastinum kann sich verlagern und es kann zu einer Einflussstauung mit Herzversagen kommen.

Im letzten Dienst hatte ich das zweifelhafte Vergnügen zu erleben, wie ein Spontanpneu ein Spannungspneu wurde. Also das ging schon ziemlich zügig mit der Zyanose und so… Bei uns legen die Chirurgen die Thoraxsaugdrainagen (Marke Gartenschlauch). Der Chirurg hat aber nicht so wirklich kapiert, was da gerade auf Station ablief und warum ich so gedrängelt habe. Schwebte noch so in Tibiakopffrakturen oder sowas umher. Letztlich war ich dann soweit, mich emotional darauf vorzubereiten, selbst ist die Frau zu spielen oder die ITS zu holen bis er soweit ist. Adrenalin lässt einen ungeduldig werden. Der Patient wurde irgendwann blau, die Sättigung ging auf 80%. Ich hatte aber nicht sonderlich Ambitionen irgendwelche Aktionen auf Station zu machen. Das gibt nur Scherereien. Eigentlich wollte ich ihn so schnell wie möglich in den OP kriegen. Stichwort fachgerechte Versorgung. Mit etwas Nachdruck kapierte der Herr Chirurg dann auch, dass es irgendwie doch etwas drängte. Die OP-Schwestern, die mir den Patienten abnahmen holten auf meine Bitte dann auch sofort einen Anästhesisten, obwohl der nicht geplant war. Der Patient hatte schon seine Mediastinalverlagerung und ne 80er Sättigung. Das berechtigt zu der Annahme, dass es möglicherweise Komplikationen geben könnte und beides kann ein Chirurg dann auch nicht. Alles wurde gut, dem Patienten gehts auch wieder besser. Naja, ich bin nicht so der Mensch, der auf Adrenalinkicks steht.

Alles in allem hätte ich mich auch zu einem heroischen „ich steche da jetzt mal einfach eine Pleurapunktionsnadel rein und baue mir selbst ein Ventil“ durchringen können. Wenn man das noch nie gemacht hat, dann ist das schon von hohem Anspruch. (Pleurapunktionen mit Wasserförderung sind was anderes). Aber Heldentaten haben oft den Nachteil, dass sie daneben gehen, wenn man sie plant. Die wahren Heldentaten sieht man erst hinterher als solche. Die Indikationsprüfung, die geplanten Heldentaten folgt, ist in der Regel zu ungunsten des potentiellen Helden. In diesem Falle: Herr Chirurg war informiert, auf dem Weg und die Zielsetzung war klar. Nur die Zwischenzeit galt es zu überbrücken und ungünstige Entwicklungen zu vermeiden. Zwischenzeit kann lang werden… das geht dann immer auf den Blutdruck des internistischen Assistenzarztes. 

Im Nachhinein sank mein Adrenalinspiegel innerhalb einer Stunde auf normales Dienstniveau. Alles wurde gut. Ich musste an eine Vorlesung denken… die alten Dozenten haben ja eine Menge zu erzählen. Je älter, desto mehr Heldentaten. Häufig kommen darin Kugelschreiber und Schweizer Taschenmesser vor. Das sind die Utensilien, die jeder gute Arzt immer dabei haben sollte. Man kann damit Tracheotomieren, wenn man es denn je auch ohne diese Überlebenswaffen gemacht hat. Appendektomieren soll auch gehen, allerdings braucht man dazu als Ergänzung zum Basis-gute-Arzt-Set eine Taschenlampe, Nähnadel und Zwirnsfaden. Und man kann mit dem Basis-gute-Arzt-Set und mit einem Stück Gummihandschuh eine MacGyver-Selbstbau-Thoraxdrainage basteln. Ich hatte im Dienst zwar einen Kuli, Handschuh auch, aber es fehlte mir das Schweizer Taschenmesser. Ergo: Mir fehlt noch ein Stück am wirklich tollen Arzt / Ärztin. Zum nächsten Geburtstag wünsche ich mir dann wohl mal lieber ein Schweizer Taschenmesser.