Spannung beim Spannungspneumothorax

11 01 2008

Derzeit häufen sich bei uns die COPD-Patienten mit einem Spontanpneumothorax. Duplizität der Fälle?

Kurz erklärt: Die COPD – Endstrecke einiger Lungenerkrankungen – führt dazu, dass es mehr funktionsloses Lungengewebe gibt, es wird dünner und morsch. Wenn es zu akuten Luftnotanfällen – also wie Asthmaanfall – kommt, dann erhöht sich der Druck in der Lunge, weil die Luft nicht mehr so gut raus kann. Folge kann ein Mini-Riss in der Lunge sein (wie bei einer alten Plastetüte), durch den dann Luft in den Pleuraspalt strömt (also zwischen Pleura viszeralis und Pleura parietalis), wo sie nicht hingehört. Die Lunge kann sich nicht mehr ausdehnen, es kann vom Zwerchfell kein ausreichender Unterdruck zum Entfalten aufgebaut werden, Lunge verliert an Funktion, Luftnot wird schlimmer. Die gefährlichere Form eines Pneumothorax ist ein Spannungspneumothorax. Der funktioniert so, dass dieses Loch eine Ventilwirkung hat – Luft geht in den Pleuraspalt, aber nicht wieder raus. Mit jedem Atemzug kommt mehr Luft rein, aber sie geht nicht wieder raus. Als wenn man einen Fußball aufpumpt. Folge: die Lunge fällt zusammen, wird zusammengedrückt, das Mediastinum kann sich verlagern und es kann zu einer Einflussstauung mit Herzversagen kommen.

Im letzten Dienst hatte ich das zweifelhafte Vergnügen zu erleben, wie ein Spontanpneu ein Spannungspneu wurde. Also das ging schon ziemlich zügig mit der Zyanose und so… Bei uns legen die Chirurgen die Thoraxsaugdrainagen (Marke Gartenschlauch). Der Chirurg hat aber nicht so wirklich kapiert, was da gerade auf Station ablief und warum ich so gedrängelt habe. Schwebte noch so in Tibiakopffrakturen oder sowas umher. Letztlich war ich dann soweit, mich emotional darauf vorzubereiten, selbst ist die Frau zu spielen oder die ITS zu holen bis er soweit ist. Adrenalin lässt einen ungeduldig werden. Der Patient wurde irgendwann blau, die Sättigung ging auf 80%. Ich hatte aber nicht sonderlich Ambitionen irgendwelche Aktionen auf Station zu machen. Das gibt nur Scherereien. Eigentlich wollte ich ihn so schnell wie möglich in den OP kriegen. Stichwort fachgerechte Versorgung. Mit etwas Nachdruck kapierte der Herr Chirurg dann auch, dass es irgendwie doch etwas drängte. Die OP-Schwestern, die mir den Patienten abnahmen holten auf meine Bitte dann auch sofort einen Anästhesisten, obwohl der nicht geplant war. Der Patient hatte schon seine Mediastinalverlagerung und ne 80er Sättigung. Das berechtigt zu der Annahme, dass es möglicherweise Komplikationen geben könnte und beides kann ein Chirurg dann auch nicht. Alles wurde gut, dem Patienten gehts auch wieder besser. Naja, ich bin nicht so der Mensch, der auf Adrenalinkicks steht.

Alles in allem hätte ich mich auch zu einem heroischen „ich steche da jetzt mal einfach eine Pleurapunktionsnadel rein und baue mir selbst ein Ventil“ durchringen können. Wenn man das noch nie gemacht hat, dann ist das schon von hohem Anspruch. (Pleurapunktionen mit Wasserförderung sind was anderes). Aber Heldentaten haben oft den Nachteil, dass sie daneben gehen, wenn man sie plant. Die wahren Heldentaten sieht man erst hinterher als solche. Die Indikationsprüfung, die geplanten Heldentaten folgt, ist in der Regel zu ungunsten des potentiellen Helden. In diesem Falle: Herr Chirurg war informiert, auf dem Weg und die Zielsetzung war klar. Nur die Zwischenzeit galt es zu überbrücken und ungünstige Entwicklungen zu vermeiden. Zwischenzeit kann lang werden… das geht dann immer auf den Blutdruck des internistischen Assistenzarztes. 

Im Nachhinein sank mein Adrenalinspiegel innerhalb einer Stunde auf normales Dienstniveau. Alles wurde gut. Ich musste an eine Vorlesung denken… die alten Dozenten haben ja eine Menge zu erzählen. Je älter, desto mehr Heldentaten. Häufig kommen darin Kugelschreiber und Schweizer Taschenmesser vor. Das sind die Utensilien, die jeder gute Arzt immer dabei haben sollte. Man kann damit Tracheotomieren, wenn man es denn je auch ohne diese Überlebenswaffen gemacht hat. Appendektomieren soll auch gehen, allerdings braucht man dazu als Ergänzung zum Basis-gute-Arzt-Set eine Taschenlampe, Nähnadel und Zwirnsfaden. Und man kann mit dem Basis-gute-Arzt-Set und mit einem Stück Gummihandschuh eine MacGyver-Selbstbau-Thoraxdrainage basteln. Ich hatte im Dienst zwar einen Kuli, Handschuh auch, aber es fehlte mir das Schweizer Taschenmesser. Ergo: Mir fehlt noch ein Stück am wirklich tollen Arzt / Ärztin. Zum nächsten Geburtstag wünsche ich mir dann wohl mal lieber ein Schweizer Taschenmesser.