Nokia, nein danke…

19 01 2008

Tja, was ich die letzten Tage in den Nachrichten zum Thema Nokia hörte, war nicht gerade das was ich von einem skandinavischen Vorbild-Konzern erwartet hatte. Eigentlich heißt es doch immer, skandinavische Firmen seien human zu ihren Mitarbeitern, loyal, ehrlich… dieses Image geriet in letzter Zeit arg ins Wanken. Nokia hat ihm den Rest gegeben. Skandinavische Konzerne sind auch nicht besser als alle anderen.

Ich gebe ehrlich zu: Seit 10 Jahren besitze ich ein Handy. Alle 4, die ich mir in dieser Zeit kaufte, sind von Nokia. Warum? Das erste gefiel mir, dann trat das ein, was die Firmen gerne hören: Junger Mensch bleibt bei der Marke, die er als erstes wählte, weil zufrieden. Meine ersten beiden Handys waren noch in „Made in Finland“. Die anderen beiden kamen aus Asien. Hätte ich letzten Sommer gewußt, was Nokia abziehen wird, wäre meine Entscheidung zugunsten einer anderen Marke gefallen. Ich bin sehr wohl in der Lage, meine Kundenbindung nicht allein von Tradition abhängig zu machen, wenn gleichwertige Produkte auf dem Markt sind.

Es ist schon mehr als eine Frechheit, was Nokia da gedreht hat (und auch andere Firmen drehen). Es regt mich einfach auf, wenn ich sehe, was mit unseren Steuergeldern passiert, die wir jeden Monat zahlen und wie die Menschen für die Firmen einfach nichts wert sind und betrachtet werden wie die Maschinen, an denen sie arbeiten. Gerade in Regionen wie MV knallt sowas dann doppelt rein, weil es keine Alternativen gibt.

In Deutschland wird ein Werk hochgezogen mit Fördergeldern und Subventionen von Vater Staat = unser aller Steuergelder. Intention: Arbeitsplätze schaffen, langfristig große Unternehmen ansiedeln. Kaum laufen die Bindungen bzgl. dieser Förderungen aus, werden die Werke geschlossen. Die eigentliche Intention der Förderungen verpufft. Unser aller Steuergelder, die als Förderungen gezahlt wurden, sind mit Absicht in den Sand gesetzt worden. Beispiel dafür: Nokia.

Die waren clever: Gleichzeitig hat Nokia im Wissen um das Auslaufen der Förderungen und der daran geknüpften Bindungen mit EU-Fördermitteln in Rumänien ein Werk hochgezogen. Das ist schon fertig und fängt in diesen Tagen mit der Produktion an. Förderung in Deutschland zu Ende, man kann das Werk schließen und Good bye Deutschland. Jetzt wird auf EU- und Rumänischer Subvention geritten. Und das beste: Ein rumänischer Arbeiter kriegt nur 300 Euro. Liebe Kunden, das heißt auf keinen Fall, dass die Handys billiger werden. Nein, die kosten auch weiterhin ihre 250 Euronen oder mehr. Der Unterschied ist nur: Die Gewinnspanne für Nokia steigt, sogar noch mehr durch die Fördermittel in Rumänen. Und durch die deutschen Fördermittel macht man auch keine Verluste, durch das vorzeitige Schließen des deutschen Werkes. Man hats ja nicht selbst bezahlt. Hach, kann das Leben als Nokia-Führungsetage schön sein. Wie genau ist eigentlich Subventionsbetrug definiert?

Dieses Lied wäre nicht ganz so traurig, wenn es nicht so viele Strophen in ganz Deutschland und mit so vielen Firmennamen hätte. Allein aus MV können mehrere Beispiele aufgezählt werden: Bestwood Ribnitz-Damgarten, CD-Werk in Dassow, Flughafen Parchim,… Es wird inzwischen gemunkelt, dass andere namhafte Firmen, die reichlich abgesahnt haben an Fördergeldern in MV, das auch tun werden. Und wir hier oben sind nur eine strukturschwache Region. In anderen Regionen kommen sicherlich eine Menge mehr Namen zusammen. (ihr könnt gerne unten posten, welche Firmen noch diese Nummern abziehen)

Als einfacher Bürger hat man wohl nicht groß die Wahl, seine Meinung darüber kund zu tun (auch wenn wir in einem freien Land leben), außer Produkt der Firma kaufen oder nicht. Aber wie das Beispiel Shell vor einigen Jahren gezeigt hat (Bohrinsel Brent Spar), kann der Protest der ganzen Bevölkerung durch bloßen Boykott des Produktes einen Konzern zum Umschwung bewegen. Deutschland ist in der EU der größte Markt mit 80 Millionen Einwohnern = Kunden. Wie wäre es, wenn ab sofort keiner mehr ein Nokia-Handy kauft?

Ich mache mit. Das nächste Handy wird eine andere Marke sein. Man stelle sich vor, wie schön Nokias Bilanzen für den größten europäischen Markt aussähen, wenn man das wirklich ein Jahr lang vereint durchzieht. Wenn ein einzelner Kunde seiner Stimme keine Kraft verleihen kann, Deutschlands Nokia – Kunden können es. Genau: Du bist Deutschland. (Endlich stimmt der Satz mal und ich kapiere den Sinn, oder?) Wenn ihr dagegen seid, dass Firmen mit unser aller Steuergeldern hier Werke hochziehen, die nach Auslaufen der Förderung dichtgemacht werden und die Subventionen auf Nimmerwiedersehen verschwinden, dann überlegt euch zweimal, ob es wirklich ein Nokia-Handy sein muss… Vielleicht muss man nur mal ein vereintes Kunden-Exempel am Beispiel Nokia statuieren? Damit man auch allen anderen Firmen, die so etwas machen, zeigen kann, dass der Markt wirklich etwas reguliert… Es ist eben leider nicht nur Nokia und wir Kunden haben von der Verlagerung der Produktionsstätten gar nichts, für uns wird nichts billiger. Es erhöht nur die Arbeitslosenquote und zieht den Rest in diesen Regionen nach unten. Achso: Und die Steuergelder sind weg.

Etwas utopisch ist wohl der Wunsch, dass einfach von allen Firmen, die die Subventionen quasi „veratmen“ und sich vom Staat (= uns allen) die Werke bezahlen lassen, um bei auslaufender Förderung sofort alles zu schließen, einfach keine Produkte mehr gekauft werden. Eine Blaue Liste quasi – den Firmen wird vom Kunden gekündigt. Das wäre doch mal was. Die Emanzipation des Kunden… 🙂

Eine andere Variante wäre, dass der Geber der Subventionen, also der Staat, die Spielregeln für die Firmen etwas anders gestaltet. Wie wäre es, wenn längere „Aufrechterhaltungsfristen“ gelten? Oder Strafen in dreifacher Höhe der gezahlten Subventionen wenn das Werk innerhalb der ersten zehn Jahre nach Ende der Subventionen schließt? Oder aber mal jemand der EU auf die Pfoten haut, wenn sie diesen Subventionsverpuffungs-Abwanderungstrend auch noch fördern…

Irgendwann machen sie das auch mit Krankenhäusern… die werden dann alle kurz hinter der Grenze aufgemacht, wo alles nur die Hälfte kostet…

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13 responses

19 01 2008
Sebastian

Naja.. bin eher dafür die Subventionierung von Großfirmen komplett zu lassen und das Geld lieber in die Förderung von neuen und mittelständischen Firmen zu stecken.
Zum „Telefonproblem“: Sind die anderen Hersteller besser, nur weil sie den Standort EU ausgelassen haben? Erwartet wirklich jemand, dass man große, rein auf Rendite ausgerichtete Unternehmen so derart einfach mit Subventionen bestechen kann?
Ganz ehrlich: Ich wüsste nicht welcher Hersteller sich groß anders verhält – sie machen es nur anderswo..

19 01 2008
Assistenzarzt

Glaube kaum, dass die großen die Subventionen einfach auslassen. Kleinvieh macht auch Mist. Ich finde nur, wenn die schon Geld kriegen, dann sollte man dieser Art von Renditeerwirtschaftung auf Steuerzahlerkosten einen Riegel vorschieben.
Ja, du hast recht, das Geld sollte man lieber in die kleinen Unternehmen stecken. Manche kriegen nichtmal 5000 Euro von der Bank. Peanuts im Vergleich zu den Millionen, die z.B. bei Bestwood verschwunden sind. Andere wollen auf Messen mit einem kleinen Stand und kriegen von der Landesregierung gesagt, dass erst ab so und so viel tausend Euro Standgebühren Förderung gezahlt wird, womit die kleinen wieder außen vor sind, die großen aber teilweise ganze Messestände voll vom Land finanziert kriegen (und anschließend ins Ausland abwandern)…

19 01 2008
Wolf

Also ich find‘ das nicht schlimmer als wie wenn Ärzte sich in D zu Fachärzten ausbilden lassen und dann wegen unterwürfigerer Patienten und mehr Kohle nach UK auswandern wollen. Abgreifen solange es noch geht. Und soviel mal eben geht. Und manuelle Arbeiten wie Zusammenschrauben von Telefonen ist nun wirklich kein Geschäftszweig für D, das müssen wir neidlos anderen überlassen. Und ehe ich Siemens kaufe bleibe ich lieber bei S-E bis was besseres kommt.

20 01 2008
Nokia - für mich kein Thema mehr « Schau ma mol dann seng ma scho!

[…] noch mehr lesen möchte, ist hier ganz gut […]

20 01 2008
Assistenzarzt

@ Wolf: Der Unterschied mit den Ärzten ist, dass diejenigen, die ihren FA hier in D gemacht haben, dem Staat / der Gemeinschaft eigentlich schon alles zurückgezahlt haben.
Die Überstunden, die jeder einzelne von uns jeden Tag schiebt, kriegen wir nicht im Geringsten bezahlt. Bei mir sind es aus dem letzten Jahr geschätzt über 150 nicht offiziell dokumentierte, nicht bezahlte Überstunden, wo ich mal dran gedacht habe, mir die zuhause in den Kalender zu schreiben (die anderen sind meiner privaten Dokumentation entgangen). Wenn man das mal 22 Euro Stundenlohn nimmt, sind das schon 3300 Euro pro Jahr. Auf 6 Jahre Facharztausbildung gerechnet bekommt die Gemeinschaft / die Kliniken / der Staat – das Land – die Kommune als öffentlicher Arbeitgeber so ca 20000 Euro von jedem Arzt geschenkt – nur durch die „regulären“ nicht dokumentierten Überstunden. Und ich schätze, dass ich am unteren Ende des Durchschnitts liege, bei anderen sind es weitaus mehr. Ich habe übrigens nicht die Pausenzeiten berechnet, die uns per Gesetz zustehen, die wir aber kaum einhalten können, da wir häufig ohne Essen durcharbeiten.

Kommen wir zu den Diensten. Auch hier arbeiten wir meist komplett durch, in der Regel auch ohne die gesetzlich vorgeschriebenen Pausenzeiten einzuhalten (die schieben wir zusammen, um 1,5 h schlafen zu können). Laut EU-Gerichtshof ist Bereitschaftsdienst gleich Arbeitszeit. Bedauerlicherweise hält sich nichtmal der MB-Tarifvertrag dran. In meinen Diensten habe ich eine Arbeitsauslastung von über 90%, meist 100%. Bei durchschnittlich 5 Diensten eines Arztes pro Monat (so geschätzter Deutschland-Durchschnitt) sind das bei 16 Bereitschaftsdienststunden (die es rechnerisch tatsächlich sind, auch wenn es diverse Modelle gibt, bei denen die Stundenzahl wegen des Gesetzes runtergerechnet wird durch Arbeitszeitverlängerung und andere Tricks), die wir offiziell nur zu 90% bezahlt bekommen, 8 Stunden pro Monat an Dienststunden, die wir gar nicht bezahlt bekommen, obwohl wir arbeiten. Hinzu kommen die Stunden, die uns von dem 90%igen Dienstgeld zu 100% abgezogen werden, weil wir nach dem Dienst nicht mehr arbeiten dürfen laut Gesetz (es inoffiziell aber tun). Also nochmal 8 Stunden pro Dienst, macht 40 Stunden pro Monat. Von 16 Stunden Bereitschaftsdienst bekommen wir also effektiv gesehen nur 6,4 Stunden wirklich bezahlt, also durchschnittlich 32 Stunden pro Monat. 48 Stunden pro Monat bekommen die Kliniken / die Gemeinschaft also quasi „geschenkt“ von einem Arzt. Mal Stundenlohn von 22 Euro Dienst+Überstundenvergütung macht 1056 Euro pro Monat, pro Jahr also 12672 Euro, auf 6 Jahre FA-Ausbildung gerechnet 76000 Euro.

Rechnen wir zusammen, was hier allein auf 6 Jahre an unbezahlter Arzt-Arbeit für die Klinikträger / öffentliche Hand / Gemeinschaft zusammen kommt: 96000 Euro.

Eingerechnet habe ich noch nicht die Fortbildungen und Kurse, die Ärzte aus eigener Tasche bezahlen, die aber nur dem Arbeitgeber zugute kommen: Sonografie, Röntgen, OP-Kurse… Da dürften in 6 Jahren je nach Fachrichtung zwischen 2000 und 10000 Euro zusammenkommen.

So weit ich es in Erinnerung habe, lautet das Schlagwort immer: Ein Medizinstudent kostet dem Staat 100000 Euro. Nun ja, damit hätte er das ja nach 6 Jahren Facharztausbildung wohl abgegolten und seine Leibeigenschaft beendet.

Erwähnen möchte ich aber auch, dass viele kein Bafög kriegen sondern nebenbei arbeiten gehen. Vorlesungen sind für einen Teil der Profs lästige Aufgaben, die sie neben der Forschung und der Leitung der Kliniken auch noch absolvieren müssen und vielfach an Untergebene weiterdeligieren. Das Profs also nur für die Studentenausbildung bezahlt werden und nur wegen der Studenten hohe Personalkosten verursachen, stimmt nicht. Diese Stellen müsste es auch ohne Studenten geben. Auch die Skripte werden in der Regel verkauft und nicht kostenlos abgegeben. Die Kurse in den Kliniken werden von den Assistenten nebenbei beim Tagesgeschäft mit abgewickelt. Auch diese werden also nicht extra wegen der Studenten bezahlt. Es müsste auch sie ohne Studenten trotzdem geben. Einen Teil der Kosten, die immer angeführt werden, kann man also relativieren.

20 01 2008
F

Jahrelang bescheissen die Firmen und dann kommt Nokia und alle fallen aus allen Wolken! Als ob Nokia für immer an diesem Standort geblieben wäre. Das zu glauben wäre naiv und lächerlich gewesen. Wer von den großen Firmen mehr bezahlt, ist selber Schuld. Bewusst einen klaren Wettbewerbsnachteil durch den Standort Deutschland in Kauf zu nehmen, ist aus wirtschaftlicher Sicht nicht tragbar. Wenn ich jetzt anfange Nokia – Handys zu boykottieren, dürfte ich mir gar nichts mehr kaufen.

21 01 2008
Wolf

Wie Chefärzte mit Unterärzten umgehen ist aus guten Gründen innerärztliche Angelegenheit des freien Berufs. Viele Unterärzte haben nicht genug Wirbelsäule. Warum sind Ärzte so interessiert an der Facharztausbildung in D (sowohl Ärzte aus D wie aus vielen anderen Ländern!)? Ist es nicht ganz menschlich: viele Jahre bücken und buckeln und dann selber zu den Tretern gehören wollen? Oder war es nicht so, dass viele Jahre buckeln später eine Praxis und eine Lizenz zum Gelddrucken bedeuteten? Seit das alles nicht mehr so einfach ist höre ich Wehklagen. Dabei geben Ärzte dann oft zu erkennen, dass es ihnen (ganz menschlich und wie fast allen anderen) hauptsächlich um die eigenen Arbeitsbedingungen und gutes Geld geht. Patienten und die Qualität der Arbeit kommen in den Geschichten nicht mehr vor.

21 01 2008
Assistenzarzt

@F: Aus Nokia-Sicht hast du Recht. Was mich an der Geschichte ärgert, ist die Tatsache, dass die Konzerne sich erstmal schön mit Subventionen vollsaugen und die Werke nach Ende der Subventionen sofort schließen. Ich meine, da werden unsere Steuergelder reingepumpt, damit die Chefetagen sich ihre Hintern in Ledersesseln mit Goldkante breitsitzen können und am Ende kommt an effektiv bleibenden Arbeitsplätzen nichts raus. Es gibt 2 Varianten: Firmen bleiben oder man kann sich die Steuergelder sparen.

@Wolf: Unterärzte – entweder bist du Schweizer oder Österreicher. Dass deutsche Ärzte in Deutschland ihre Facharztausbildung machen, ist für mich eigentlich nicht so unlogisch. Sie kommen von hier, die Ehepartner haben sie in der Regel hier, die Familie, die Kinder… hört sich für mich logisch an. „aus vielen anderen Ländern“ – naja, wir haben ein oder zwei Österreicher in der Stadt, die hierher gekommen sind, weils in Österreich knapp ist mit Weiterbildungsstellen. Ansonsten… keine Skandinavier, keine anderen Europäer, im Land kenn ich so vereinzelt Leute aus Afrika, die ein paar Jahre hier machen. Seit 15 Jahren ist es nicht mehr so, dass man mit einer Praxis reich wird, außer man ist Schönheitschirurg oder hat viele Privatpatienten… aber (haha) ich komm aus dem Osten, da sind Privatpatienten Exoten.
Ja, verdammt, es geht mir um die Arbeitsbedingungen der Ärzte. Ich bin ja auch soooooooo fit, wenn ich nach 24 Stunden arbeiten noch eine Pleurapunktion mache. Es gibt Tests von Kollegen aus der Rostocker Uni, die mal bei Leuten nach Dienst gemacht wurden. Die schnitten morgens schlechter ab als Schlafapnoe-Patienten – und die stellen im Straßenverkehr ein erhöhtes Risiko dar. Wenn man nach einem 24 Stunden Dienst mit dem Auto auf dem Heimweg einen Unfall baut, zahlt die Versicherung in der Regel nur eingeschränkt (oder gar nicht) wegen Teilschuld. Und in dem Zustand kann ich wunderbar Patienten behandeln? Ich bin dann genauso gut wie eine Krankenschwester am Ende ihrer 8-Stunden-Schicht? Du hast es nicht begriffen. Wir sind gegen die 24 Stunden Dienste, weil wir in den Fächern wie Innere, Chirurgie, Gyn, HNO, Augenheilkunde, Pädiatrie meist nicht mehr als 2 Stunden Schlaf kriegen und weil wir wissen, dass man so keine Patienten behandeln kann. Verbessert man unsere Arbeitsbedingungen, dann verbessert man die Qualität der Behandlung der Patienten! Stell dir mal vor, eine Krankenschwester würde 24 Stunden am Stück arbeiten, meinst du, sie kriegt dann noch 100% der Medis richtig aufgestellt und der Infusionen hergerichtet? Es passieren so schon genug Fehler, ich halte es für ausgeschlossen. Deswegen arbeiten sie nur 8 Stunden. Aber Ärzte sollen was leisten, was eigentlich nicht machbar ist. Und letztlich sind wir für das Leben und die Gesundheit der Patienten verantwortlich. Wenn man dafür sorgt, dass wir bessere Arbeitszeiten haben, wird die Überlebenszeit der Patienten steigen, weil die Qualität der Behandlung steigt.
Was das Geld angeht… Ich kriege nach TV Ärzte weniger Brutto als einige Krankenschwestern im TVÖD oder BAT-Bestandsschutz. Das ist so und daran wird sich auch nichts ändern. Außerdem bekommen Schwestern mehr Urlaub durch das Schichtsystem und arbeiten nur 8 h statt 24… Aber ich bin nicht Arzt geworden, um reich zu werden. Wenn ich hätte reich werden wollen, hätte ich Jura, BWL oder Ingenieurswissenschaften gemacht. Ich will nur, dass das Ungleichgewicht vermindert wird. Denn momentan stemme ich 70 bis 80 h pro Woche und das seit Monaten, das meiste nicht dokumentiert. Findest du es normal, dass es Anweisungen von der Klinik gibt, dass wir nicht dokumentieren dürfen, wenn wir länger als 24h bleiben, weil sie sonst Ärger mit dem Amt für Arbeitsschutz kriegen? Ich nicht. Es ist wie in anderen Branchen: Glückliche Angestellte machen glückliche Gäste, zufriedene Mitarbeiter machen zufriedene Kunden. Ausgeschlafene Ärzte machen Patienten gesünder.

21 01 2008
F

da ist der staat aber selber schuld, wenn er immer wieder verarscht wird. bei siemens hätte man schon hart durchgreifen sollen, damit es sich firmen demnächst zweimal überlegen. jetzt hat es nokia gemacht und wieder passiert nichts. wenn der staat das will, dann soll er es haben.

22 01 2008
Wolf

Wie wäre es mit Wirbelsäule in der Auseinandersetzung mit den eigenen Vorgesetzten des innerärztlichen Standes und der Geschäftsführung? Ungesetzliche Zustände sind nicht nur schuld der einen Seite, es gibt Mittäter! Einfacher ist aber: die Gesellschaft ist schuld, der Geschäftsführer ist schuld, wir können nichts machen usw.

Ich bestreite nicht, dass Arzt in der Facharztausbildung anstrengend ist. Besonders anstrengend sogar. Aber ich plädiere für Mäßigung beim Jammern. Patienten müssen schließlich auch die Zähne zusammen beißen, denn was Ärzte so an Schmerztherapie anbieten ist, sehr maßvoll ausgedrückt, unangemessen.

Wieviel vom Gesundheitssystem ich begriffen habe, wieviel Ahnung? Darüber steht Dir natürlich das ärztliche Urteil zu, Ahnung davon kannst Du, ohne mich zu kennen, nicht haben.

23 01 2008
Assistenzarzt

„Wieviel vom Gesundheitssystem ich begriffen habe, wieviel Ahnung? Darüber steht Dir natürlich das ärztliche Urteil zu, Ahnung davon kannst Du, ohne mich zu kennen, nicht haben.“
Ich habe nicht gesagt, dass du nichts vom Gesundheitssystem begriffen hast. Diese Pauschalisierung habe ich nicht in meiner Argumentation verwendet. „Du hast es nicht begriffen. Wir sind gegen die 24 Stunden Dienste, weil wir in den Fächern wie Innere, Chirurgie, Gyn, HNO, Augenheilkunde, Pädiatrie meist nicht mehr als 2 Stunden Schlaf kriegen und weil wir wissen, dass man so keine Patienten behandeln kann.“ Meine Formulierung bezieht sich klar auf die Arbeitszeiten und die Arbeitsbedingungen der Ärzte. Ich habe mich nicht urteilend über deinen Background, deine Kenntnisse und deine Ahnungen vom Gesundheitssystem geäußert. Ich habe lediglich ausgedrückt, dass ich denke, dass du nicht verstanden hast, warum wir uns über die Arbeitszeiten aufregen. Ich weiß, dass du einen gewissen Einblick in das deutsche Gesundheitssystem hast. Aber so wie mir einige Probleme der Pflegenden nicht vertraut sind, sind dir einige Probleme der Ärzte nicht vertraut.

„Wie wäre es mit Wirbelsäule in der Auseinandersetzung mit den eigenen Vorgesetzten des innerärztlichen Standes und der Geschäftsführung?“ Eigentlich müsste ich dir mit deinen eigenen Worten antworten: „Ahnung davon kannst Du, ohne mich zu kennen, nicht haben.“ Ich habe mit ausführlich auseinandergesetzt mit den eigenen Vorgesetzten – Personalvertretung, Gewerkschaft, Streiks, Demos,… Das Ende der Geschichte war die Ablehnung einer Vertragsverlängerung mit der Begründung eben jenes Engagements gezeigt zu haben. Das führte zu einer vorübergehenden existentiellen Krisensituation, wie sie jeder Arbeitslose durchlebt. Das ich kein Einzelfall bin, durfte ich bei einem anderen Arbeitgeber erleben. Der Arzt, der maßgeblich an Tarifverhandlungen beteiligt war, wurde freundlichst darauf hingewiesen, dass er sich schon mal nach was anderem umsehen kann. Es folgte der Verlust eines wirklich guten Facharztes. In einem anderen Krankenhaus hieß es gar, wer meint einen neuen Tarif fordern zu müssen und sich dem anschließt, kann sich eine neue Stelle suchen. Warum das so schön funktioniert? Kurze Vertragslaufzeiten und der fast schon Zwang zur Facharztausbildung, um später mal z.B. Praxis, öffentliches Gesundheitswesen, Forschung, Behörden, MDK, Klinikkarriere, etc. machen zu können. Der Druck eine FA-Ausbildung machen zu müssen, um den Richtlinien der ÄK und den Anforderungen von Stellenprofilen gerecht zu werden, macht Ärzte erpressbar. Das ist aber keine Erfindung der letzten Monate. Wer erpressbar ist, nimmt auch schlechtere Bedingungen in Kauf wie schlechte Arbeitszeiten und kurze Verträge. Letztlich führt das zu einer schlechteren Qualität der Versorgung und einem Anstieg der Fehlerquote, was für den Patienten negativ ist. Was wir die letzten Monate gesehen haben, ist der Versuch, eine Art Emanzipation der Ärzte zu beginnen. Leider bin ich da eher pessimistisch.

Mir ist sehr wohl die Seite der Patienten bewußt. Was meinst du, wie oft wir mit einem schlechten Gewissen aus der Klinik gehen? Man erlebt die Defizite und hat das Gefühl, nie ein guter Arzt zu sein. Wir sind zum Teil Prellbock für sämtliche Probleme der Patienten und Angehörigen, die sie mit Kassen, Arztpraxen, Terminvergaben etc. haben, ohne das wir dafür überhaupt was können in der Klinik. Ich habe ein Ventil in Sarkasmus gefunden und schreibe unter anderem in diesem Blog, andere fangen an zu trinken.
Mäßigung beim Jammern? Wenn ich höre, wie die Arbeitgeberseite jault – und das wird sie auch bei verdi-Forderungen tun – dann hätte ich Bock, sie mal eine Woche lang das Schicksal eines Kassenpatienten erleben zu lassen. Letztlich protestieren und demonstrieren wir in den Aktionen und Streiks genau wie die niedergelassenen Kollegen für verbesserte Bedingungen im Gesundheitswesen und da muss man wohl da anfangen, wo es am meisten brennt: bei den Arbeitsbedingungen der Angestellten. Ohne Schwestern keine Pflege, ohne Ärzte keine Behandlung. Je weniger davon da sind aus Kostengründen, um so schlechter für den einzelnen Patienten. Leider habe ich bei den Demos gegen Verschlechterungen im Gesundheitssystem die Patienten vermisst. Die einzigen, die ich dort immer mit Plakaten sah, waren Arzthelferinnen, Schwestern, Ergotherapeuten, Physiotherapeuten, Pflegedienste, Ärzte aus Kliniken und Praxen. Ich war sogar eine zeitlang stocksauer, weil ich das Gefühl hatte, „der Patient“ an sich, verlässt sich drauf, dass wir uns schon hinstellen um die Kürzungen zu verhindern, nach dem Motto „macht mal“. Dabei hätte es die Unterstützung wirklich gebraucht. Inzwischen habe ich das Gefühl, den meisten ist gar nicht bewußt, worum es geht, weil es so verwirrend geworden ist. Jetzt haben wir die Streichung von Leistungen, die Patienten können dafür Igel-Leistungen kaufen, die Kassen erhöhen die Beiträge, aber legen immer noch nicht offen wo sie ihr Geld verplempern, sorgen durch verspätete Zahlungen für finanzielle Probleme der Krankenhäuser, für Bettenstreichungen (oh ja, bald schon sind wir wieder soweit, dass Patienten wie zu Ost-Zeiten auf Fluren im Bett stehen müssen) trotz steigender Patientenzahlen (Demografie), Arztstellen und Pflegestellen werden gestrichen obwohl Liegezeiten kürzer, Behandlungstage intensiver und Patientenzahlen größer werden…

Der gezielte Einsatz von medialen Mitteln und Lobbyismus in diesen Ring- und Rangkämpfen um Finanzierungen von Stellen, besseren Arbeitsbedingungen etc., um den schwarzen Peter den Ärzten zuzuschieben, ist ja nun Alltag. Andersrum lässt sich eben nicht so viel Auflage erzielen. „Krankenkassen senken Klinikbudgets um 0,5%“ ist eben der Sack Reis in China, „Wegen Ärztegehältern zahlen Patienten mehr Beiträge“ wäre sogar Seite1-fähig bei der BILD – auch wenn da nicht ein Funken Wahrheit dran ist, sondern wir als GKV-Versicherte z.B. fehlende Rücklagen für Betriebsrenten beamtenähnlich Angestellter der Krankenkassen ausgleichen. Wenn wir nicht aufpassen, werden wir in einigen Monaten verhärtete Fronten haben – nicht nur zwischen Kassen und Ärzten oder Arbeitgeber und Ärzten, sondern auch zwischen Patienten und Ärzten.

23 01 2008
Wolf

Das mit den fehlenden Rücklagen für Beamte und beamtenähnliche Angestellte ist ein allgemeines Problem, keine Spezialität der GKV (die u.a. die Beiträge für einige Dritte mit «vollstreckt» wenn es darauf ankommt). Ja, das wird uns alle noch eine Menge Geld kosten. Und nein, das ist nicht die Schuld der GKV (die weniger Verwaltungskosten verursacht als die vielgepriesene PKV). Von diesen Tätigkeiten haben auch Ärzte profitiert.

Aber der Grund für steigende Beiträge ist einerseits Verschwendung und andererseits die Fortschrittsfalle (immer mehr neue teure Therapien für immer mehr Kranke sowie Älterwerdende). Der dritte Aspekt ist die Gier. Auf allen Seiten. Abschaffung der Notarztwagen würde eine Menge sparen. Nachtdienste abschaffen würde noch mehr sparen. Zentren nur noch unter Mindestmengenverordnungen würde noch mehr sparen. Nur noch eine Staatskrankenkasse … und alle Einsparungen wären schnell wieder weg. Wenn der Staat, egal unter welcher Regierung, eins nicht kann, dann das: mit Geld vernünftig und sparsam umgehen.

Jahrzehnte haben Ärzte das Gesundheitssystem allein gesteuert. Und jetzt sind wir eben da, wo wir sind. Die Zulassung zur Abrechnung, die Ermächtigung, die Handlungsvollmacht im Krankenhaus, das alles waren Lizenzen zum Gelddrucken. Die Kassen waren kein Korrektiv, die haben einfach nur den Ärzten gegeben, was sie wollten, und sich den Gegenwert von den Versicherten geholt.

Seit wenigen (!) Jahren ist es ein wenig (!) anders, grundlegende Änderungen stehen an. Die Ärzte haben sich gegen jede Änderung erbittert gewehrt, zu keiner Zeit haben sie sich konstruktiv an den notwendigen Arbeiten beteiligt. Es wird Zeit, dass sich die Gesellschaft mal um dieses Gebiet kümmert. Ich bedaure sehr, dass dies nicht Konsens ist. Nein, Dir und Deinen Ansprüchen wird das nicht helfen. Und nein, Deine Patienten sind weiter arm dran, sie müssen alle Veränderungen finanzieren und ertragen.

Die Pflege, ja, eine amorphe Masse an Lämmchen und Schafen auf dem Weg … wohin eigentlich? Keine Standesvertretung, kein Standesbewusstsein, wenig politische Aktivitäten, eine annähernd wirkungslose Berufsvertretung, kaum Engagement der Basis. Eine GDL für die Pflege. Aber da ist nur ver.di und sonst nichts.

Verhärtete Fronten? Na und? Was ist die Nachricht? Androhung von Schmerzen? Das kennen Patienten längst, sie werden oft konfrontiert mit der falschen Aussage: «Das kann ich Ihnen nicht geben, das lässt das Budget nicht zu.» und sind es deshalb gewohnt am unteren Ende der Schlange zu stehen.

27 01 2008
F

Ich muss, glaube ich, mal wieder an die Schauspielkarriere erinnern.

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