Alltäglicher Irrsinn

15 04 2015

Ich stelle immer mehr fest, dass wir uns zunehmend damit befassen, wie sich der Wandel der Gesellschaft – Informationsgesellschaft, Multitasking, Generation Smartphone, Arbeitsverdichtung, challenge-Trend, Gewinnoptimierung statt personaloptimierung…. – wie sich das alles auf den Menschen und seine Gesundheit auswirkt. Wir (damit meine ich nicht allein die Ärzte sondern auch alle anderen, die damit befasst sind) stellen fest, es macht Menschen krank, körperlich und seelisch, lutscht sie aus, treibt die einen in burn out, die anderen in Depression und die nächsten in diverse Krankheiten, die allesamt stressassoziiert sind, angefangen von Rückenschmerzen über Tinnitus bis hin zu Herzinfarkten. Bis irgendwann nix mehr geht. Und die Betroffenen werden immer jünger, sind bevorzugt in Berufen mit vielen sozialen Kontakten, sei es Gesundheitswesen oder callcenter. Und alles überlegt sich, wie wir die Folgen lindern können, die Menschen wieder fit machen, damit sie wieder in die krankmachenden Arbeitsbedingungen zurück können. Oder aber was man tun kann, damit ihre stressresistenz besser wird und sie eben mehr Arbeit pro Zeiteinheit schaffen und das möglichst lange durchhalten ohne auszufallen. Arbeitnehmeroptimierung oder Mitarbeitertuning könnte man ketzerisch sagen…

Mal ehrlich, wir Ärzte gehören ja auch zu den Betroffenen dieser Gesamtproblematik und dennoch wehren wir uns nicht. Wir wehren uns nicht für uns und niemand der hohen Herren in den fachgesellschaften gibt mal den Anstoß zur Diskussion, dass die Ursachen angegangen werden müssen, damit wir nicht in 10 Jahren neben dem demografischen Wandel noch die Folgen eines anderen Wandels auf dem Gesundheitssystem liegen haben. Der gesellschaftliche Wandel produziert neue Probleme. Gegen Stäube wurden Schutzmasken geschaffen, für Strahlenbelastung gibts Dosimeter und gegen Lärm Gehörschutz, aber was hilft gegen den Zahlendruck der Verwaltungen, ständige Unterbrechungen durch diensttelefone, tägliche Informationsfluten durch emails, monatlich neue Formulare, zertifizierungswahn, dieses ständige unnötige just in Time gefordere von Leuten, die anschließend erstmal Mittag essen gehen und von den mitarbeitern verlangen jetzt, hier, gleich, alles und und und… Das trifft nicht allein auf Kliniken zu.

Bei einer Lungenentzündung behandelt man ja auch nur das Symptom Fieber und gibt fiebersenkende Mittel. Wozu die Ursache, in diesem Fall die Bakterien behandeln? Verzichten wir doch einfach auf das Antibiotikum, das spart ungemein… Und er wird es schon packen. Früher gab es das ja auch nicht. Naja und wenn nicht, dann kommt halt ein anderer, dann können wir gucken, ob der es halt besser packt. War unser Patient halt einfach nicht stressresistent genug und hat sich nicht genug mühe gegeben. (Vorsicht Satire)

Also wir erzählen den Leuten wie sie besser mit Stress umgehen und stressresistenter werden und behandeln die ganzen körperlichen Folgen, anstatt dass die Ursachen beseitigt werden, dass die Leute gar nicht erst krank werden.
Ach ja… Wir gehören auch zu denen, die mal besser mit Stress umgehen lernen müssen und mal die eigene stressresistenz verbessern, sonst ist bald keiner mehr da, der diese krankmachenden Dienste mitmacht…





Lesenswert

26 03 2015

Absolut lesenswert, wenn auch gerade erst gestartet:

Http://bitteremedizin.wordpress.com

Wahre Worte, geschrieben von einer ärztlichen Kollegin. Für Patienten kaum besser zu formulieren die Hinweise, wie man eine gute Klinik findet. Bleibt abzuwarten wie schnell ein findiger Journalist den Beitrag abkupfert… Äh als Inspiration nimmt.





Wenn sie könnten…

17 03 2015

In der Industrie ist es üblich: wenns keine Fördermittel mehr gibt oder die Fristen abgelaufen sind, dann wird der Standort verlagert gen Osten – von Rumänien bis Bangladesch. Spart unheimlich Personalkosten, aber trotz höherer Transportkosten bleibt mehr in der Kasse des Unternehmers. Eine soziale Sache also. Dass die Qualität der Klamotten, Haushaltswaren oder was auch immer nicht mehr ganz so optimal ist, weil die Komponenten vom billigsten sind, naja damit findet sich der Kunde schon ab. Muss er ja. Gibt ja fast nix anderes mehr. Außerdem will er ja nicht nackig rumlaufen oder am Feuer draußen mit dem Stock das Steak grillen.

Wenn sie könnten, würden die Kliniken das auch tun. Standort nach Osten verlagern, meine ich. Weil da kostet das Personal nix, naja fast nix. Und sie meckern nicht, wenn sie jenseits des Verträglichen Schichten leisten müssten. Sie gründen auch nicht so schnell Gewerkschaften oder hören auf die vorhandenen. Denn die wollen ja immer nur Geld und dass die Leute nicht so viel dienst machen müssen. Sagen die, die ihr Gehalt hinter verschlossenen Türen aushandeln und dazu noch Abfindungen und Zielprämien kriegen. Zum Beispiel für nicht besetzte Stellen, weil man kann die Arbeit von 4 auch mit 2 hinkriegen, man muss es nur wollen und sich mal engagieren und bereit sein auch selbst in die Klinik zu investieren, schließlich ist es unser aller Arbeitsplatz und wir sind ja nicht Arzt geworden, um Geld zu verdienen und Urlaub zu machen.
Und man könnte auf dutzende Vorschriften verzichten. Naja und am Ende steigen die Einnahmen bei sinkenden Ausgaben und damit die Rendite. Denn nicht nur ein bestimmter Großkonzern hat offizielle Renditeziele von 15%… Bloß wie macht man das mit den Patienten? Die sind ja hier und nicht dort, wo die Arbeitskräfte schön billig sind. Naja, man könnte Shuttles einrichten mit Bussen aus den Ländern im Osten, die noch keinen Mindestlohn haben… Da fällt ihnen bestimmt noch was ein.
Also wenn sie könnten, dann würden sie…





Pille danach frei in der Apotheke

16 03 2015

Dank EU-Verordnung ist die Pille danach jetzt rezeptfrei.
Jetzt berät der Apotheker über die Notfallverhütung. Der fragt dann auch nach Details. Hoffentlich nicht, wenn dahinter die Schlange steht und Hustensaft oder Blutdruckpillen will. Der diskretionsabstand ist für normale Ohren wohl nicht ausreichend. Kostenpunkt zwischen 18 und 27 Euro. Also teurer als ein Kondom. Kann auch Nebenwirkungen machen diese Pille danach.

Neben aller Befürwortung für diese Freiheit und Eigenbestimmtheit habe ich doch die Befürchtung, dass bei einigen der Leichtsinn siegt im Bewusstsein “naja und wenn doch, dann hole ich mir die Pille danach” und auf Kondome verzichtet wird. Kondome schützen nicht nur vor Schwangerschaften, die nicht geplant oder gewünscht sind sondern auch vor Krankheiten wie HIV, Hepatitis B und C, Geschlechtskrankheiten wie Gonorrhoe, Syphilis und anderen. Und letztere haben in den letzten Jahren wieder einen Anstieg erfahren, weil die Menschen “entspannter” geworden sind, man könnte auch sagen leichtsinniger und weniger auf Schutz achten. Ein Grund dafür soll die bessere Therapiemöglichkeit bei HIV sein, was vielen weniger Angst macht.

Im übrigen fischen wir ab und an tatsächlich mal jemanden raus, der eine von den genannten Erkrankungen hat. Einmal mussten wir sogar eine lautstarke Auseinandersetzung schlichten, weil X ein anderes Y begehrt hatte und das Y X ansteckte und X wiederum sein bisheriges Y… Das aber war treu und konnte es nur von x … Zusammen mit ner Ladung Penicillin hätten wir auch die Visitenkarte von nem Scheidungsanwalt überreichen können. Schön, wenn Penicillin reicht, um so ein Problem zu lösen… Für andere heißt es lebenslang antiretrovirale Therapie.

Und noch ein paar Infos, bevor man über das weglassen von Kondomen nachdenkt:
– Geschlechtskrankheiten sind immer noch meldepflichtig beim Gesundheitsamt und die rufen zurück und suchen kontaktpartner
– Penicillin kann man auch heute noch in den Gluteus spritzen, heißt Hose runter und spritze in den Hintern
– Unentdeckte Syphilis kann auch heute noch irreparable Schäden machen und Nerven zerstören und Gefäße kaputt kriegen
– HIV ist immer noch nicht heilbar, nur die Zeit, die einem bleibt, ist länger geworden, die Diskriminierung ist genauso wie sie war und die Krankheit zerstört auch weiter leben und Lebensträume
– die Pille danach bietet keinen hundertprozentigen Schutz vor Schwangerschaft (bieten alle anderen Methoden aber auch nicht, nur der Pearl Index ist verschieden)
– die Pille danach bietet keinen Schutz vor Krankheiten





Olympia – Bröckchen in MV?

16 03 2015

MV wünscht sich Berlin als Kandidaten – das hieße Segelwettbewerbe im schönsten Segelrevier Deutschlands: Warnemünde.

Hamburg hat sich auch beworben. Warnemünde will man dort nicht. Höchstens Schwerin für Volleyball – Vorrunde. MV wo ist das eigentlich? Der NDR hat sich schon klar positioniert wie es scheint – macht nur Werbung für Hamburg. Sendegebiet MV scheint kaum zu existieren. Nur Hamburg und ein wenig Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Auf dem RBB fiel das Wort Warnemünde und Segelwettbewerbe öfter als im eigenen Sendegebiet des NDR. Wie immer… Und der DOSB hat entschieden. Es ist Hamburg. Berlin und Warnemünde wäre toll geworden. Schade, wirklich schade. :-( MV ist traurig. Gruß nach Berlin… Und wenn Hamburg es nicht schafft, dann wissen wir ja… Mit Berlin wäre das nicht passiert. :-)





Rollenspiele

14 03 2015

Der Arzt in der Notaufnahme – quasi das Chamäleon im Arztkittel.

Arzt
Zuhörer
Seelentröster
Telefonist
Sekretärin
Stempelfreak
Logistiker
Teilzeitpsychologe
Umlagerungshelfer
Ausbilder
Kommunikationsexperte und Computerreparateur
Handwerker
Deeskalationsspezialist
Gesundheitswesenerklärer
Apothekensucher
Parkautomatenerklärer
Fremdsprachenübersetzer
Kollegenversteher
Prellbock und Blitzableiter
Glaskugelleser
Internetsuchmaschinenbenutzer
Pharmakologiekenner
Kaffeekocher
Inslabormitnehmer
Angehörigenhoffnunggeber
Reanimateur
Sauerstoffverteiler
Infusionshalter
Venenfinder
Den-letzten-Weg-Begleiter
Zum-werdenden-leben-gratulierer
Sich-an-seltene-Krankheiten-Erinnerer
Handschuhverschleißer
Kilometerläufer
Plattfußinhaber
Rettungssanitäterfan
Nureinmalamtagpinkler
Aufsessenverzichter
Alleingelassenwerdender
Vomanderenjobträumer
Krankenhaushassenlernender
Medikamentenzettelentzifferer
Hyroglyphenleser



Und Mensch. Mensch mit Gefühlen, Hoffnungen, Träumen, Wünschen, Familien, ethischen und moralischen Prinzipien.
Aber nicht die allwissende folgsame willenlose Maschine im energiesparenden Dauerbetrieb, die Klinikverwaltungen erwarten.





Zum Internationalen Frauentag

6 03 2015

Am 8. März ist wieder Internationaler Frauentag. Ein Tag, an dem auf die Rechte der Frauen und die Gleichberechtigung aufmerksam gemacht wird.

Dort, wo ich arbeite gibt es genau… 0 Oberärztinnen. Aber 10 Oberärzte. Bei den Ärzten in Weiterbildung herrscht dagegen Frauenüberschuss. Bei den Fachärzten gewinnen die Frauen ganz knapp. Zahlen, die sich mit bundesweiten Statistiken decken.
Wieso gibt es so wenige Oberärztinnen? Eine Auswahl an Begründungen, die ich in den letzten Jahren bei den Diskussionen zum Thema gehört habe (ja, ich getraute mich ein paar Mal, das Thema öffentlich anzuschneiden und habe jetzt den Ruf weg, Alice Schwarzer Fan zu sein und noch andere nette Dinge…): Haben andere Schwerpunkte, Familie und Kinder und so. Wollen oftmals nicht. Fehlende Durchsetzungsfähigkeit. Fehlender Rückhalt bei den Kollegen. Die zicken so schnell. Nicht so belastbar. Familie und Karriere, man muss sich für eins entscheiden.

Ach und übrigens: In den letzten zehn Jahren habe ich es nicht ein einziges Mal erlebt, dass sich ein Häuptling hinstellte am Frauentag und mal Blumen mitbrachte oder nette Worte fand. Die Blumen bekamen wir Ärztinnen und Schwestern von den Patienten… und ich habe mich jedes Jahr gefreut. Hier im Osten ist es traditionell vielleicht noch etwas anders als in den alten Bundesländern. Gibt hier sogar noch Teamausflüge von den Schwestern zum Frauentag, auf eigene Kosten, nicht das hier falsche Vorstellungen aufkommen…








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