Kindheitstraumen und Berufswahl

5 02 2009

Bei Kinderdok las ich zwei Beiträge über zu dicke Kinder und sah wieder diese Perzentilen mit Größe – Gewicht und Alter – Gewicht. Ach, Kinderdok, da hast du bei mir ein tief sitzendes Kindheitstrauma reaktiviert.

Eine dieser verhärmten Ärztinnen, die mir damals immer gesagt haben, ich sei zu fett, … vor der hatte ich panische Angst bei der Schuluntersuchung (DDR). So sehr, dass ich dann einen hohen Blutdruck hatte und wieder einbestellt wurde. Diesmal mit Mutter und nicht mit der Schulklasse. Mutter war aufgeregt, schließlich war ihr Kind negativ aufgefallen. Ich war aufgeregt, weil da ja wieder diese böse Ärztin wartete hinter der Tür. Dann wurde Blutdruck gemessen von der strengen Schwester. Und es kam eine neue junge Ärztin, total nett und wohl noch mit Idealismus. Aber da wars schon zu spät für die dann bei mir folgende Entspannung. So kam es, dass ich erstmal in die Spezialsprechstunde geschickt wurde.

Dort saß eine noch verhärmtere, gestresste Kinderärztin, vor deren strengen Blick und bösen Untersuchungen ich noch mehr Angst hatte.  WIe das Kaninchen vor der Schlange saß ich da. Ich wurde sonografiert mit einem der wenigen Sonogeräte im Norden der DDR, nuklearmedizinisch verstrahlt, mit Messungen gefoltert und über eine strenge Brille drüberweg ermahnt, dass ich zu fett sei, deswegen wohl der hohe Blutdruck komme. Und sie sagte zu mir, dass ich deswegen überhaupt nicht hübsch sei und deswegen würden mich die Kinder nicht in die Völkerball-Mannschaft wählen (wegen der großen Trefferfläche) und so würde ich nie einen Mann abbekommen, wenn ich groß bin. Ich war 9 und hatte noch mehr Angst.

Alle 2 Monate musste ich dorthin zum Blutdruckmessen. Und mir dabei anhören, ich sei zu fett und sollte abnehmen. Meiner Mutter und ihrer Beruhigungstricks sei Dank war der Blutdruck bei der bösen Kinderärztin in der Spezialsprechstunde  immer grenzwertig. Schweißnasse kalte Hände kannte ich nur, wenn ich dorthin musste (jetzt im Nachhinein kann ich sagen, dass es der Prototyp für Prüfungsstress u.ä. war). Das Leihgerät für zuhause messen bekamen wir dann auch mal mit. Diese verhärmte, strenge, angsteinflößende Ärztin konnte anschließend nicht begreifen, warum ich zuhause gute Werte hatte und unterstellte meiner Mutter, sie hätte geschönt. Beim anschließenden Gespräch zwischen meiner Mutter und der bösen Spezialsprechstundenärztin wurde ich rausgeschickt. Danach wieder reingerufen und von der bösen Spezialsprechstundenärztin gefragt, ob ich denn wirklich Angst vor ihr hätte. Ich konnte nur nicken und bekam kein Wort raus. Hatte zur Folge, dass das Thema erledigt war und ich nie wieder hin brauchte. Mütter sind die besten! 🙂

Aber damals hab ich mir geschworen, wenn ich erwachsen bin, werde ich auch Ärztin, aber eine, vor der niemand Angst hat und ich werde alles anders machen als diese böse Spezialsprechstundenärztin. Wie gesagt, ich war 9, am Ende der Tortur 11. Mit 14 wußte ich später, dass ich Medizin machen wollte oder einige andere Dinge. Mit 17 war ich mir sicher, dass es zu 75% auf Medizin hinauslaufen wird, auch wenn diese Ärztin zu dem Zeitpunkt nicht mehr der alleinige Grund war. Mit 19 hatte ich meine Zulassung, musste irgendwie an diese Frau denken und schwor mir, ich werde nie so wie diese Ärztin, vor mir muss kein Kind Angst haben und ich werde nie vorschnell über etwas urteilen. Gut, die Pädiatrie ist es nicht geworden und ich bin manchmal auch vorschnell, doch bereit, meine Meinung zu ändern. Aber ich habe mitbekommen, dass diese Ärztin inzwischen eine eigene Praxis hat (so auf die Rente zugehend) und ich bin ihr begegnet mal so im Vorbeigehen. Es war ein gutes Gefühl, denn inzwischen bin ich erwachsen, groß und stark und irgendwann werde ich ihr wohl mal einen Brief schreiben.

Die andere Folge dieser Tortur war, dass ich mich lange Zeit nicht traute, in der Öffentlichkeit zu essen, weil das ja böse war, ich fett und mit 9 Jahren möchte man später doch schon gerne einen Mann abbekommen. In der Schule aß ich wenig, zuhause holte ich alles um so mehr nach. Ich hatte also ein gestörtes Essverhalten. Naja, das mit dem fett sein war relativ. Mit 12 Jahren war ich von der Körperlänge her fast wie ein zu kurz geratener Erwachsener, immer einen Kopf größer als meine Klassenkameraden. Mit 14 überragte ich viele, mit 16 oder 17 erreichte ich meine heutige Endlänge, die meisten Models sind so groß wie ich. Leider fand meine damals schon zu groß geratene Körperlänge in die Bewertungen der bösen Spezialsprechstundenärztin keinen Einfluss. Es ging nur nach Alter und Gewicht. Dafür war ich zu schwer. Naja… sie war ein Schrumpfgermane mit böser Brille für mich. Und das ist sie immer noch.

Alles in allem kam auch eine schreckliche Pubertät, in der ich tatsächlich dick wurde, hauptsächlich Frustessen und dass ich fett war, hatte ich ja zuvor schon ärztlich bestätigt bekommen. Vor dem Abi änderte sich was an meiner Schule, ich kam drauf, dass Sport Spaß macht. Nach dem Abi und dem definitiven Ende meiner Teenager- und Schulzeit nahm ich 30 kg ab hatte zeitweise einen BMI von 23. Das bezahlte ich mit zahlreichen Infekten. Inzwischen liegt mein BMI bei so 24-25.  Total normal, die Problemzonen- Pölsterchen stören schon, aber das ist bei Frauen so. Mann hat eben was an mir 🙂 . Gute Lebenszeitprognose, wenn man den Job bei der Berechnung außer acht lässt. Guter Blutdruck. Kein Haß auf Kinderärzte mehr. Aus mir ist doch was geworden. Nur das mit dem Mann… aber wer weiß, was nicht ist, kann ja noch werden.

Fazit: Körpergewicht bei Kindern ist ein heikles Thema. Zu fett ist zu fett, aber fett ist relativ und ein Kind einschüchtern bringt gar nichts. Sport in der Schule mit Noten und manchen Lehrern  ist das Ende jeder Freude an Bewegung bei vielen Kindern. Pubertät ist schrecklich, aber zum Glück zeitlich begrenzt. Und abnehmen geht, auch wenn man ein Pummelkind war.

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6 responses

5 02 2009
Assistenzarzt

Anmerkung: Mit 19 die Zulassung – zum Medizinstudium natürlich.

5 02 2009
buchstaeblich

Da wird man lesenderweise wütend.
Darf ich die Horrorärztin für Sie verprügeln?

6 02 2009
T

Ich hatte zwar damals keine Angst vorm Kinderdok, habe meinen aber damals innbrünstig gehasst. Die wenigen von denen ich weiss, dass sie auch bei ihm waren übrigends auch.
Fazit ich bin nicht freiwillig zu dem, was dazu geführt hat das mich nach dem 8. Lebensjahr kein Kinderarzt in seiner Praxis gesehen hat. Ich war danach bei so einem alten verschrobenen Praktischen Arzt (jaja sowas gibts nicht mehr) der super drauf war und darüber hinaus ein exzellenter Diagnostiker war.

6 02 2009
katisommer

Hmm, anscheinend war es nicht so schlecht, dass meine Mutter mich so gut wie nie zum Kinderarzt brachte!

7 02 2009
dirndl

jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa!
Bei mir wars gaaaaaaaaaaanz genau so!!!!
Deswegen….Kinderdocs Eintrag ein ROTES TUCH für mich!
…nicht umsonst steckt im Wort RATSCHLAG *Schlag*!

ich kam seinerseit sogar nach München in die Kinderklink wegen Verdacht auf *Herz – und Nierenschaden* …da meine Kinderärztin ständig Bluthochdruck festgestellt hat bei mir! Dabei war SIE Schuld *schwarzenPeterzuschieb* 😉
Ich hatte Angst vor Ihr…vor ihrem beurteilenden Blick und vor dem nächsten Satz.
Was mir geblieben ist…sind übrigens keine zuvielen Pfunde, die hab ich gottseidank alle losgebracht…, aber ein Kribbeln, wenn ich das Blutdruckmessgerät sehe und Aufregung wenn es aufgepumpt wird und ein Gefühl des Jubels wenn ein Arzt sagt *ja Blutdruck is gut…bissl nieder….aber da werdns alt * ;))

16 02 2009
Sylvia

Erschreckend !

Ich kenne „die andere“ Seite, nämlich Untergewicht. Ich war ein dünnes Mädchen, und dazu immer noch deutlich größer als alle Gleichaltrigen. Man nannte mich „Bohnenstange“. Blass war (und bin) ich dazu auch noch, das Gefühl, niemals nie einen Mann abzubekommen, kenne ich gut.

Mit 165 cm bin ich dann größenmäßig stehengeblieben (da war ich 12), aber noch einige Jahre verfolgten mich giftige Bemerkungen, dass ich zu dünn sei. Zum Glück kam das Thema „Magersucht“ damals erst auf.

Meine Töchter haben das geerbt. Sie werden immer wieder mal darauf angesprochen, ob sie auch wirklich essen und auch ganz sicher nichts heimlich auskotzen. Nur wer sie gut genug kennt, um einmal zusammen mit ihnen gegessen zu haben, weiß, dass sie definitiv mehr als genug essen. Es setzt einfach nicht an. Ist sicher beneidenswert aus Sicht dickerer Menschen, aber glaubt mir, diese Sticheleien „besorgter“ Menschen können sehr verletzen.

Schulsport – ja, der verdirbt doch vielen Kindern die Lust auf Bewegung. Als Dünne wird man da auch oft genug bloßgestellt, wenn man dann noch etwas ungelenk ist oder wie ich keinen Ball fangen kann (aufgrund eines Sehfehlers, den man erst im Erwachsenenleben erkannt hat), dann erfährt man ständige Abwertungen. Für dickere Kinder ist Schulsport allerdings wirklich ganz schrecklich.

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