Fasse dich kurz, Patient

20 01 2014

Warum sind die Nordlichter in MV so wortkarg? Sie üben für den nächsten Termin beim Hausarzt.

Der hat nämlich ab sofort pro Quartal im Schnitt nur noch 5 min Gesprächszeit und darf 4,56 Euro abrechnen pro Quartal (nicht pro Behandlung). Die Ostseezeitung hat heute das Thema aufgegriffen und den Vorsitzenden des Hausärzteverbandes zu Wort kommen lassen, großer Artikel auf der Titelseite “ARzt-Patienten-Gespräch nur noch fünf Minuten pro QUartal”. Lesenswert.

Es gibt im Übrigen 1100 Hausärzte in MV. Pro Jahr schließen 16 Praxen, weil es keine Nachfolger gibt. 20% der Hausärzte im Land sind älter als 60 Jahre, berichtet die OZ. Ich kenne Kollegen, die sind über 70 und würden liebend gerne endlich aufhören. Aber sie finden keinen Nachfolger und wollen nicht auch noch die letzte Praxis im Ort schließen. Sie arbeiten, bis sie irgendwann umfallen. In der Stadt ist es kein Problem, aber auf dem Land…
Man merkt es in den Notaufnahmen. Dort steigt die Zahl der Patienten, was auch daran liegt, dass A) weniger Hausärzte da sind und B) die Hausärzte, die noch da sind, überlastet sind und C) es Leute gibt, denen es zu blöd ist, 3 h beim Hausarzt zu warten (in der Notaufnahme sind es 6 h, aber man hat dann gleich Labor und ne Steckdose zum Handy aufladen).

Jetzt sind wir GKV Patienten noch schlechter gestellt und die letzten, die Hausärzte werden wollten in MV, gehen dann lieber in ein anderes Bundesland, weil es wirtschaftlich jetzt schwieriger wird, denn jede Behandlungsminute, die wir mehr brauchen (Arzt und Patient), sorgt für wirtschaftliche Abstriche. Sprechende Medizin wird immer schlechter bezahlt. Dabei reicht nach alter Schule doch meist eine gute Anamnese und eine vernünftige Untersuchung, um die Diagnose zu stellen. Braucht man aber nicht, wenn man Geräte und Technik hat und zum Geld verdienen viele ambulante Eingriffe macht… Indikation komm raus, du bist entdeckt. Danke GKV-Spitzenverband. Wann werdet ihr wach? Dauerschlafapnoe oder was reitet euch? Internisten und Hausärzte müssen anders bewertet werden als die schneidende Zunft. Und oft könnte man sich Interventionen und Schneiden sparen, wenn man ZEit hätte für Prävention (PRIMÄRprävention und nicht nur Tertiärprävention), Manualtherapie statt PRT, Beratung und Gesprächstherapie statt Adipositaskarriere und bariatrische Chirurgie oder Raucherkarriere und PTAs bis zum Geht nicht mehr.

Erst wenn der letzte Hausarzt seine Praxis dicht gemacht hat, der letzte Hausbesuch getätigt wurde und die letzte Sprechstundenhilfe nach Hamburg abgewandert ist, werdet ihr erkennen, dass Hausärzte und hausärztliche Internisten in MV nicht durch Onlineportale zu ersetzen sind.





In eigener Sache: Änderung bei Kommentaren in diesem Blog

13 01 2014

Ich habe mehrfach einige Leser dieses Blogs, gebeten, es zu unterlassen, Kommentare zu schreiben, die sachlich falsch sind, unwahre Behauptungen enthalten, sich dadurch gegen einzelne Gruppen richten und offenbar der Abreaktion von eigener Frustration und Aggression gegen die Allgemeinheit der Mediziner dienen. Da diese Bitten konsequent ignoriert wurden und die Kommentarfunktion zunehmend von einigen missbraucht wurde, werde ich jetzt verfahren, wie etliche andere Blogs es seit langem schon machen. Kommentare werden nicht mehr sofort erscheinen. Das verzögert den Diskussionsfluss (seht es als Beitrag zur “Entschleunigung”) und ist ein Gängeln der anständigen Leser, aber offenbar gibt es momentan keinen anderen Weg. Es tut mir für alle vernünftigen Leser leid, die gerne sachlich diskutieren wollen anstatt andere zu beschimpfen. Ich hoffe jedoch auf euer Verständnis.





Vorweihnachtliche Gedanken

16 12 2013

“Weihnachten – der Orgasmus des Kapitalismus” … wie wahr…

Aufbewahrungsanstalt für lästige Angehörige zum Fest mit 11 Buchstaben? – Notaufnahme.

Gammelfleischreaktivierungsmonat – habt ihr mal gesehen, was die jetzt an FLeisch in den Kühltheken liegen haben… *schüttel*… manchmal denke ich, die gehen alle 2 Stunden mit Febreze an der Gefriertruhe vorbei, damit die Kunden nichts merken. Und schön eine Scheibe rosa Fleisch oben rauf, damit man die grünen darunter nicht sieht. Zweimal hab ich schon ne neue Packung aufgemacht und konnts wegwerfen.

Zahnarzt-Sicherungsquartal: Alle gehen nochmal zum Zahn-TÜV und die Kollegen können das erste Quartal komplett Termine durchplanen.

Tränendrüsenabende: Was das Fernsehprogramm mit FIlmen nicht schafft mental in die Knie zu zwingen, versuchen die Charity-Spenden-Shows. Ich kann bald nicht mehr. Ein hoch auf den DVD-Player. Spenden kann man das ganze Jahr und ehrenamtlich tätig sein auch. Hilft mehr als die ALibi-Spende fürs gute Gefühl am Jahresende.

Bilanzzieher: Für jeden Jahresrückblick nen Euro und wir könnten uns die Charity-Shows sparen…

Lichterfest: Macht alle eure Lichterketten an, damit es in der dunklen Jahreszeit nicht so dunkel ist… und die fehlende Straßenbeleuchtung ersetzt wird.

Pausenzeit für die heute-show … *schnief*…





Lebensretter Warnweste

1 12 2013

Wir haben wieder die dunkle Jahreszeit… alle Jahre wieder… hasse ich es, wenn plötzlich aus dem Dunklen zwischen den Autos ein Radfahrer erscheint. Wie aus dem Nichts ist er da. Kein Licht an, Reflektoren Fehlanzeige. Dunkle Klamotten. War das der Versuch, die Unfallversicherung in Anspruch zu nehmen? Es ist sagenhaft, wieviele Radfahrer schlecht beleuchtet durch die Gegend gondeln. Das Schlimme ist, wenn sie dann statt auf einem Extra-Radweg auch noch auf der Straße fahren müssen. Alles Kandidaten für den Darwin-Award? In Skandinavien ist es schon länger so, dass viele Radfahrer die Warnwesten tragen (sogar im Sommer!), die viele bei uns nur im Auto rumliegen haben für den Pannenfall. Ich habe diesen Herbst erst zweimal einen Radfahrer mit einer Warnweste gesehen. Die Betonung liegt auf gesehen, denn man sieht sie verdammt gut. Leuchtend wie ein Leuchtturm im Dunklen. Dazu noch die Lampen an, das geht dann schon ganz gut. Ich habe auch erst ein Kind gesehen, dass seine Warnweste an hatte, die seit einigen Jahren jedes Jahr zum Schulanfang an die Erstklässler ausgegeben werden. Dafür viele mit dunkler Kleidung und Rucksack ohne Reflektorstreifen irgendwo zwischen den Autos durchlaufen… Für Traumatologen ist es sicherlich ein Bombengeschäft… Aber wer will schon zu Weihnachten als Polytrauma in der frühneurologischen Reha hängen?

Dabei wäre es so einfach. 2,99 Euro ausgeben, soviel kosten die Warnwesten im Discounter, anziehen wenn man radfährt und gesehen werden. Und es schadet auch nicht, wenigstens ein paar Reflektoren am Rad zu haben, wenn schon die Lampen nicht gehen… Zuzahlung pro Tag Krankenhaus kostet 10 Euro. Die Rechnung dürfte jeder hinbekommen… Oder eben seinem Kind das geschenkte Teil anziehen und den Freunden am besten auch und dann zeigen, wie gut man sie jetzt sieht. Bei Widerstand gibts kein Taschengeld. Es macht sich doch keiner lächerlich. Mein Gott, und beim Radfahren gehts doch nicht um Schönheit oder einen Modelpreis.

Pro Warnweste beim Fahrradfahren und für Kinder! Einen billigeren Lebensretter gibt es nicht.





Kindermund

2 11 2013

Neulich irgendwo, wo es Fernseher zu kaufen gibt:

Dreikäsehoch: Du Mami, was ist ein Rüsselblauer?

Vielleicht hätte man dort nicht Nachrichten laufen lassen sollen, sondern Astrid Lindgren Filme. Da hat der Michel noch ehrlich an der Tür gelauscht und man musste nix erklären. Diese Welt ist zu komplex und andere wussten längst, was ich schreibe, noch bevor ich es wusste, was ich dachte, was ich schreiben könnte. Rüsselblauer sind Übrigens Fans des kleinen blauen Elefanten aus der Sendung mit der Maus, kleiner Dreikäsehoch, da ist die Welt nämlich noch in Ordnung…





Das ist ein Grund

27 10 2013

… auch am Wochenende eine Notfallambulanz oder den Kassenärztlichen Notdienst aufzusuchen, um sich ein Rezept für neue Insulinpens zu holen:

http://www.bfarm.de/DE/BfArM/Presse/mitteil2013/pm13-2013.html

Novo Nordisk ruft einige Chargen des Novomix Flexpens zurück. Welche betroffen sind, steht auf den Seiten des Bundesinsituts für Arzneimittelsicherheit. Grund: In den Insulinampullen im Pen sind unterschiedliche Konzentrationen von Insulin. Statt 100% sind zwischen 50 und 150% Prozent enthalten. Heißt, es kann zu Über- und Unterzuckerungen kommen. Erstaunlich, dass Novo den Imageverlust in Kauf nimmt und sogar über die abendlichen Fernsehnachrichten (z.B. heutejournal am 25.10.13) warnen ließ. Entweder ist man übervorsichtig oder aber es gilt der Spruch vom rückwärtigen Körperteil, das auf Grundeis geht. Insgesamt ungewöhnlich für einen Arzneimittelhersteller.

Nebenbei bemerkt sollte man bei den Krankenkassen mal genau hinhören. Hier ruft ein Hersteller sein Produkt zurück, weil die enthaltene Wirkstoffkonzentration zwischen 50 und 150% liegt. Ihr liebe Krankenkassen, heizt permanent den Generika-Wahnsinn an, dass Patienten im Quartal mal eben von zwei oder drei verschiedenen Generika-Herstellern ihre Pillen kriegen, aber sagt den Leuten nicht, dass dort Wirkstoffkonzentrationen zwischen 70 und 130% im Vergleich zum Originalpräparat drin sein dürfen. Und ihr glaubt allen Ernstes, dass die Patienten das nicht merken… viele merken es bei ihren Blutdruckpillen, weil sie mal super einstellbar sind und nur ne halbe Tablette brauchen (130%) und dann wieder total schlecht und ihre Mitarbeit angezweifelt wird oder gar weitere Umfelddiagnostik eingeleitet wird, weil der Blutdruck plötzlcih nicht mehr stimmt (70%). Dann wird die Dosis erhöht und nächstes Mal gibts vielleicht wieder einen mit 110% Wirkstoff im Vgl. zum Original und Patient X kriegt Schwindelgefühl, weils endlich mal wirkt. Kriegt das endlich mal auf die Reihe und kapiert, dass wir Menschen behandeln und dieses ständige Wechseln wirklich eine Tortur ist für eure Versicherten.





Nachdenklich

8 10 2013

Mittelmeer = das Meer der Tränen

Warum ist es nicht möglich, in den Hauptstädten der Transitländer bzw Herkunftsländer der Flüchtlinge zentrale Asylantragstellen der EU einzurichten, wo die Anträge von europäischen Beamten vor Ort bearbeitet werden? Einheitliche Kriterien für alle EU-Länder, Einbeziehung von Nicht-EU-Staaten ist möglich, wenn die Flüchtlinge in Nicht-EU-Staaten wollen und diese mitmachen wollen, Aufteilung der anerkannten Flüchtlinge nach Kontingenten. Es wäre doch mal ein Anfang, auch wenn es das Grundproblem nicht löst. Aber vielleicht hilft es, die Zahl der Toten Bootsflüchtlinge zu vermindern. Sie schätzen, dass 20000 Menschen in den letzten 20 Jahren ertrunken sind, aber niemand weiß, ob es nicht 200000 waren oder mehr. Es hat keiner gezählt. Was es braucht, sind Frieden, Hilfe zur Selbsthilfe und reichlich Bildung mit einer niedrigen Zugangsschwelle für alle. Aber wohl Hauptsächlich Frieden. Ja, wenn Frieden wäre und die Waffen schweigen (man könnte ja mal wieder Pflugscharren draus machen…), was könnte man da alles machen… Träum weiter von Utopia, kleiner Assistenzarzt… Und während Europäer, Amerikaner, Japaner, Chinesen,… auf Kreuzfahrtschiffen übers Mittelmeer gondeln und von Marokko nach Tunesien, Sizilien und weiter reisen, saufen irgendwo ein paar Seemeilen weiter desnächtens wieder Dutzende afrikanische Kriegs-, Armuts-, Gewalt- und Wirtschaftsflüchtlinge in die Tiefen ab, irgendwo zwischen einem und 50 Jahren alt, deren Namen niemand kennt, deren Schicksal unbekannt und ungeklärt bleibt und die zum großen Teil nie in irgendeiner Statistik auftauchen, nicht einmal dort bleibt ein Hauch dieser Menschen zurück. Sie sind von dieser Welt verschwunden. Und in der nächsten Nacht werden ihnen weitere folgen. Wie es scheint, ein nie enden wollender Strom, der sich auch weiterhin ins Meer der Tränen ergießen wird.
Während sich die Schleuser die Taschen mit Geld füllen. Bezahlung im Voraus, denn wer weiß, wer von den “Klienten” überhaupt auf der anderen Seite ankommt.
Während man in Europa Gesetze hat, die es untersagen, jemanden aus dem Wasser zu ziehen, weil er Flüchtling ist. Man, was für ein Glück doch da die Kreuzfahrtpassagiere der Costa hatten, dass sie aus dem Wasser gezogen wurden von den Fischern.
Während Filmteams die Arbeit europäischer Patrouillenboote filmen, und man sich angesichts der Bilder überlegt, wer denn eigentlich die Kriminellen sind – Flüchtlinge die vor Armut ins Schlaraffenland Europa fliehen, Grenzbeamte, Politiker?

Es braucht eine schnelle politische Lösung. Das Traurige ist, dass es sie nicht geben wird und wir uns irgendwann an den Anblick einer weinenden Bürgermeisterin von Lampedusa gewöhnen, genau wie an geschockte junge Beamte, die ihre erste Kinderleiche bergen, an Touristen die Tote am Strand finden, an Seeleute, die die Welt nicht mehr verstehen, weil Jahrtausende alte Regeln (hilf jedem Schiffbrüchigem, egal wer er ist, du könntest der nächste sein) plötzlich strafbar sind.

Freitag wird der Friedensnobelpreisträger bekannt gegeben… Chance ein Zeichen zu setzen, wenn man es denn will.

Mittelmeer = das Meer der Tränen








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