Mich schüttelts ja immer, wenn ich sehe, wie Besucher kleine Kinder im Kinderwagen oder Buggy auf die Stationen zerren. Das hab ich glaube ich auch schon mal irgendwann in diesem Blog geschrieben.
Ich kann verstehen, wenn es ein Besuch von Mama oder Papa ist. Ich kann auch verstehen, wenn man Oma oder Opa besucht und Enkelchen Freude bringen soll. Ich kann aber nicht verstehen, warum nur etwa 1% der Besucherfamilien vorher mal fragt, ob das ok geht, wenn sie so einen Mini-Zwerg auf eine Station oder ins Krankenzimmer mitnehmen. Diese 1% sind in der Regel diejenigen, die entweder aus der Branche kommen oder aber, die schonmal was von Krankenhauskeimen gehört haben und dass diese für kleine Kinder gefährlich sind. Den anderen ist es schlicht egal. Der kalte Schauer überläuft mich, wenn ich sehe, dass solche Minis gar mit in Isolations-Zimmer genommen werden – egal was da drin ist. Naja, eine einzige Ausnahme gibts wohl – vor der Tuberkulose hat man immer noch Respekt. Tja, und weil die Iso-Materialien wie Kittel und Handschuhe für Kinder nicht passend sind, werden sie oftmals so mit reingenommen. Mama und Papa gut verhüllt, Junior frei und angreifbar. Gibts halt abends noch ne Vitamin C-Tablette. Ich verstehs nicht…
Die Haare zu Berge stehen mir immer wieder, wenn ich sehe, dass Krabbelkinder über den Krankenhausfußboden krabbeln gelassen werden. Jeder Supermarkt oder Linienbus wäre hygienischer. Ja, es kommt vor, dass Tupfer, Tropfen von Körperflüssigkeiten oder aus Infusionen, Blutzuckerteststreifen, Tabletten oder ähnliche Dinge den Weg auf den Boden finden und nicht sofort beseitigt werden, weil sie nicht sofort entdeckt werden. Wenn Mini der erste ist und die Hand in den Mund geht… *bueähh… schüttel*
Andersrum sind nicht nur die Minis von den Krankenhauskeimen bedroht, sondern können (und sie tun es auch) Erreger aus Kindertagesstätten einschleppen, die in der Regel nicht ganz ohne sind.
Zusammenfassend möchte ich angesichts der drohenden Feiertage mit ebenso drohenden Einfällen familiärer Horden in Krankenhäusern zu Bedenken geben: Es ist auf internistischen und allgemeinchirurgischen Stationen sehr selten gut, wenn kleinere Kinder als Besucher mitgenommen werden, weil:
- in Krankenhäusern MRSA, VRE, ESBL, Pseudomonaden und allerlei anderes antibiotisch angeschossenes bakterielles an Lebewesen zuhause ist und Kinder sich sowas schneller aufsacken, weil sie überall anfassen, die Hände schnell im Mund sind, etc.
- dort auch andere Patienten liegen, die zum Teil an Infektionen erkrankt sind, die jedweder Art sein können und das steht nicht am Bett dran als Warnung. Das fängt bei Lungenentzündung an und hört bei fiesen Wundinfektionen auf.
- die Kinder selbst oftmals virale Erreger in sich tragen, die bei Oma oder Opa zu einer akuten Infektion führen können, was dann zu einer Verschlechterung bei denen führen kann – egal ob onkologisch krank oder kardiologisch ist egal! Atemwegsinfekte können z.B. Narkosen verhindern oder gerade dann zu Pneumonien führen.
- schwer kranke Patienten können Kinder erschrecken oder verunsichern – z.B. verwirrte Familienangehörige oder jemand mit schwerer Luftnot, etlichen Schläuchen etc.
Zudem gilt immer noch wie auch vor 50 oder 100 Jahren für alle, nicht nur für die Minis:
- Isolations-Zimmer heißen so, weil man jemanden isolieren will, weil er entweder ansteckend ist oder nicht von anderen angesteckt werden soll (Stichwort Chemotherapie). Wer in ein Isolationszimmer geht, muss die entsprechenden Regeln einhalten wie Mundschutz, Kittel, Handschuhe. Das gilt auch für Kinder. Und nein, es gibt keinen Mundschutz in Baby-Größe für Besucher, nicht, weil die Krankenhäuser sparen wollen, sondern weil Kinder nicht in diese Zimmer sollen! Wer ohne Verhüllungs-Kluft in solche Zimmer geht, handelt grob fahrlässig. Entweder riskiert er eine Ansteckung seiner eigenen Person und damit, zum Spreader (Indikator-Person) für eine kleinere Epidemie zu werden (Familie und Unbeteiligte!) oder aber er schleppt Erreger zu Patienten, deren Immunsystem platt gemacht wurde z.B. durch eine Chemotherapie und damit, dass derjenige gefährlich erkrankt und z.B. sogar an einer Influenza sterben kann.
- Krankenhäuser sind keine Rennstrecken für gelangweilte Kinder. Es ist nicht lustig, wenn sie zwischen Tropfständern fange spielen oder jede Tür aufmachen. Auch nicht, wenn sie dem Personal vor die Füße laufen. Eine Katastrophe, wenn sie Patienten, die nicht richtig laufen können, zu Fall bringen. In Krankenhäusern hebt man nichts vom Fußboden auf und krabbelt nicht auf ihm herum.
- Kranke Besucher mit Infekten egal welcher Art haben im Krankenhaus nichts zu suchen. Angehörige, die man mag, steckt man nicht noch zusätzlich an, wenn sie ohnehin schon krank sind. Außer man will erben.
- Kaffee steht für Patienten auf den Depots, nicht um mit einer Großfamilie eine Kaffeerunde zu machen.
Das mag alles sehr hart und starr klingen, aber es steht ein Sinn dahinter.
Empfehlen kann ich für alle Krankenhausbesucher mit Kindern:
- Ruft vorher an und erkundigt euch, ob es überhaupt ratsam ist, wenn ihr Kinder (Altersangabe) mitbringt in das Patientenzimmer.
- Wenn der zu Besuchende in einem Isolationszimmer liegt, lasst die Kinder zuhause oder mit einem Familienangehörigen eine Runde durch den Park drehen, Schneemann bauen, was auch immer.
- Wenn Kinder dabei sind, ist es meist günstiger in die Cafeteria / Bistro oder in die Wartebereiche / Sitzecken zu gehen, als in einem verkeimten, stickigen Patientenzimmer zu bleiben, wo andere vielleicht husten, aus Wunden sezernieren, erbrechen, verwirrt sind, ihre Ausscheidungen nicht kontrollieren können, viele Schläuche oder piepsende Geräte stehen.
- Auf Intensivstationen oder Wachstationen sollten Kinder nicht mitgenommen werden, bis sie verstehen, warum jemand dort behandelt werden muss und was dort passiert.
- Nehmt den Kindern was zum Malen, Spielen, Lesen, wie auch immer mit und plant ein, dass sich eine Person auch um die Unterhaltung der Sprößlinge kümmert, denen wird schnell langweilig. „Antiautoritär erzogene“ Besucher-Kinder sind für das Personal ein Alptraum. Ein Mindestmaß an Benehmen und Hören auf die Eltern sollte funktionieren. Und wir scheuen als Personal nicht, in der Visite den Patienten auf die Familie anzusprechen und auch mitzuteilen, wenn es anschließend Beschwerden über Angehörige gab (i.d.R. Lärm, Toben, sich am Patientenkaffee zu bedienen), denn die fallen letztlich auf das Krankenhaus zurück – und das kann nichts für die Erziehung fremder Kinder.
- Wenn Desinfektionsmittelspender an den Stationseingängen stehen, dann benutzt sie bitte auch, wenn ihr kommt und wenn ihr geht. Sie sind dafür gedacht, dass sich die Leute, die auf die Station kommen, die Hände desinfizieren – Personal wie Besucher und Patienten. In den Zimmern hängen auch Spender, niemand vom Personal wird was dagegen sagen, wenn sich Angehörige die Hände desinfizieren.
Versteht mich nicht falsch. Die meisten, die das hier lesen, würden wahrscheinlich nie auf die Idee kommen, angesprochene Beispiele tatsächlich so auszuleben. Wenn ich dagegen die aktuellen Besucher meiner Station einschätzen sollte, könnte / müsste ich sagen: 50% haben von derlei Dingen nie was gehört, auch wenn die Patienten schon öfter bei uns waren. Ich habe es mich mehrfach gewagt, Familien mit Kleinkindern auf die Infektionsrisiken hinzuweisen, ich hatte das Gefühl, ich rede japanisch. Ich habe es mich auch erdreistet, tobene Kinder freundlich zur Ruhe zu bitten und ihnen sogar was zum Malen gegeben, weil dieser Lärm jedes Telefonat unmöglich machte. Aber die antiautoritäre Erziehung war stärker. Ich habe Kinder davon abgehalten auf Tropfständern herumzuturnen, aber die Eltern nicht gefunden. Und ich habe Löcher in die Wand gestaunt, als ich darauf hinwies, Opas Verband (durchgesuppt ohne Ende) nicht anzufassen und von Mutti zu hören bekam „Wieso, zuhause macht er das doch auch.“ Frage mich heute noch, was mich davon abhielt, ihr eine Kopie des Antibiogramms des Wundabstrichs zu geben. Wenn die Kinder so sind, wie sind dann erst die Eltern?
Die Advents- und Weihnachtszeit ist die Zeit der Familie. Das merken wir an den Besucherströmen. Die Zeiten sind heutzutage viel liberaler als früher. Da war es so, dass Kinder unter 12 gar nicht ins Krankenhaus als Besucher durften und beim Pförtner in einer Reihe saßen bis sie abgeholt wurden. Besuchszeiten wurden durch dragonische Krankenschwestern mit militärischem Drill kontrolliert. Liberaler heißt aber nicht nur, dass mehr erlaubt ist, sondern auch, dass man davon ausgeht, dass die Menschen mit einer gewissen Verantwortung damit umgehen. Leider haben es noch nicht alle begriffen.
Tja, und nun gings doch nicht nur um Kinder als Krankenhausbesucher und ich habe mich wieder mal in den Alltagsproblemen verloren…
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