„Die Ärzte…“

15 03 2016

„Das waren die Ärzte…“
„Das müssen Sie die Ärzte fragen…“
„Das sagen Ihnen die Ärzte…“
„Also ich kann Ihnen am Telefon nichts sagen, ich stelle Sie mal zu den Ärzten durch…“ – „Ja hier Dr. Arzt.“ […] „das tut mir leid, nach der deutschen Gesetzgebung ist es mir nicht gestattet, am Telefon Auskunft zu geben, ich dürfte Ihnen nicht mal sagen, dass Patient XY hier ist…“ – „aber die Schwester hat gesagt…“ Hmm… Jaja, so ist das.
„Die Ärzte haben schon wieder…“
„Die Ärzte brauchen heute aber wieder lange…“
„Die Ärzte nehmen sich immer vom Kaffee…“

Es sind immer „die Ärzte“. Irgendwann nervt es. Die Ärzte haben Namen, sind nicht alle gleich, machen nicht alle das gleiche und nicht die gleichen Dummheiten. Und… Ich sag ja auch nicht ständig „die Schwestern“, die haben schließlich Namen, sind verschieden, machen nicht alle das gleiche…





Motivatör

8 06 2015

Sind deine Assistenzärzte auch immer so nervig renitent? Mögen deine Weiterbildungsassistenten nicht mehr als 50 Stunden die Woche arbeiten? Murren sie jedes Mal, wenn sie 24 h am Stück ohne Schlaf arbeiten sollen? Sperren sie sich auch gegen den ständigen Druck der Fallzahlen? Reden sie ständig vom Marburger Bund und Arbeitszeitgesetzen oder Arbeitnehmerrechten? Dann ist der Fall ganz klar: Du brauchst unsere Hilfe.
Jetzt neu und nur bei IKEA: MOTIVATÖR – der neue Prügelstock für Ärzte in Leitungspositionen. Ab sofort für nur 10,99 in deinem IKEA. Und für alle IKEA-Family Mitglieder nur 8,99, aber nur diesen Monat.
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Wir tun mit unserem Produkt auch etwas für die Umwelt. MOTIVATÖR wird aus Recycling-Holz hergestellt, das von entsorgten Betten aus Arzt-Dienstzimmern stammt, denn dort werden die Betten nicht mehr gebraucht, weil die Ärzte seit einiger Zeit sowieso jede Nacht durcharbeiten müssen und nicht zum Schlafen kommen. Platzsparend und umweltfreundlich verpackt kommt unser MOTIVATÖR zu dir nach Hause oder in die Klinik. Wir schonen die Umwelt und nutzen nur Recycling-Papier aus alten Dienstplänen, denn der Dienstplan von heute ist morgen schon Altpapier.
MOTIVATÖR – Leitest du noch oder regierst du schon?

DISCLAIMER: Das ist Satire. Böse Satire, ich gebe es zu. Aber ziemlich dicht an der Wahrheit…
Ich möchte mich in aller Form bei meinem geliebten Möbelmarkt IKEA entschuldigen, dass ich sie für diese Satire benutzt habe. Ich werde auch weiterhin eure Umsätze beflügeln, wenn ich denn mal dazu komme, wieder Geld auszugeben statt nur zu arbeiten.





Rollenspiele

14 03 2015

Der Arzt in der Notaufnahme – quasi das Chamäleon im Arztkittel.

Arzt
Zuhörer
Seelentröster
Telefonist
Sekretärin
Stempelfreak
Logistiker
Teilzeitpsychologe
Umlagerungshelfer
Ausbilder
Kommunikationsexperte und Computerreparateur
Handwerker
Deeskalationsspezialist
Gesundheitswesenerklärer
Apothekensucher
Parkautomatenerklärer
Fremdsprachenübersetzer
Kollegenversteher
Prellbock und Blitzableiter
Glaskugelleser
Internetsuchmaschinenbenutzer
Pharmakologiekenner
Kaffeekocher
Inslabormitnehmer
Angehörigenhoffnunggeber
Reanimateur
Sauerstoffverteiler
Infusionshalter
Venenfinder
Den-letzten-Weg-Begleiter
Zum-werdenden-leben-gratulierer
Sich-an-seltene-Krankheiten-Erinnerer
Handschuhverschleißer
Kilometerläufer
Plattfußinhaber
Rettungssanitäterfan
Nureinmalamtagpinkler
Aufsessenverzichter
Alleingelassenwerdender
Vomanderenjobträumer
Krankenhaushassenlernender
Medikamentenzettelentzifferer
Hyroglyphenleser



Und Mensch. Mensch mit Gefühlen, Hoffnungen, Träumen, Wünschen, Familien, ethischen und moralischen Prinzipien.
Aber nicht die allwissende folgsame willenlose Maschine im energiesparenden Dauerbetrieb, die Klinikverwaltungen erwarten.





Zertifizierungs-Wahn

1 03 2015

Momentan habe ich das Gefühl, dass in Deutschland eine Art Zertifizierungswahn an Kliniken um sich greift. Eine Fachgesellschaft nach der anderen bringt Richtlinien, Programme, Qualitätsmanagement-Leitlinien und was weiß ich heraus. Und die Kassen sind auf die Idee gekommen, wir zahlen demnächst nur noch, wenn ihr da mitmacht.
Aber was bedeutet das?
Die Kliniken müssen Formulare standardisieren, Abläufe standardisieren, Vorgaben erfüllen, Zahlen erfassen, tonnenweise Datenbanken ausfüllen, …
Eines ist gut: Die Standardisierung. Für uns Ärzte heißt es, dass an vielen Kliniken endlich mal SOPs entworfen werden. Das ist auch gut für Patienten. Gut ist auch, dass Mindestzahlen für bestimmte OPs und Behandlungsformen gefordert werden. Aber das ist wieder nicht für alles gut. Es wird kleinere Krankenhäuser, die z.B. super Hüften operieren oder Gallen oder sowas, einfach in wirtschaftliche Schwierigkeiten bringen, weil sie es möglicherweise demnächst nicht mehr dürfen. Das ist dann für die Patienten dort schlecht, denn sie werden wenn sie Pech haben für Akutgeschichten erstmal ind ie nächste größere Klinik verlegt. Oder aber es gibt in ländlichen Regionen plötzlich weitere Wege zu fahren, weil einfach dort und da eine Klinik nicht mehr überleben könnte. Da fährt man doch dann gerne ein paar Kilometer weiter durchs Ländle, vielleicht so 30 oder 40, dafür dass der gleiche Chirurg dann im großen Haus arbeitet und das gleiche tut wie früher im kleinen Krankenhaus. Nur, dass man dann als Patient in riesigen Medizinfabriken behandelt wird, weils wirtschaftlich effektiver ist. Das kleine Kreiskrankenhaus, was viele so schätzten und was Frakturen, Pneumonien, Entbindungen super betreuen konnte, das wird verschwinden in 10 oder 15 Jahren. Gut finde ich die Zentrumsbildung und Zertifizierung z.B. für solche Spezialdinge wie Neonatologie und Onkologie. Aber das ist meine persönliche Meinung.
Vieles ist nicht so gut: Für diese Zertifizierungen braucht es Manpower. Die wird von der Patientenversorgung abgezweigt. Heißt, Arzt A hat keine Zeit für Patientenversorgung, ARzt B und C müssen es alleine packen. Oder Arzt A macht es in seiner knappen Freizeit. Es gibt einen Haufen neuer Formulare. Hilfe… nicht alle sind sinnvoll. Es müssen laufend Daten erfasst werden. Die Software der KLiniken gibt das oft nicht her, dass es nebenbei läuft. Damit sind wir wieder beim Thema Manpower. Jetzt hat auch Arzt B etwas, womit er sich statt Patientenversorgung befassen kann, oder aber er machts im Urlaub oder der Freizeit. Qualifizierungen müssen erfolgen. Heißt, dass Arzt A, B und C zu Fortbildungen müssen. Die sie selbstverständlich bezahlen und ihren Urlaub dafür opfern (den Rest, der nicht für die Dateneingabe oder sowas draufgeht. Die Kliniken können nicht zahlen.) So eine Zertifizierung kostet im billigen Fall ein paar hundert Euro, in den teuren Fällen einige tausend, manchmal sogar so 10-15 tsd. habe ich mir sagen lassen. Aber über Geld reden die Kliniken ja nicht gerne.

Tja und während die Zertifizierungskommissionen durchs Land ziehen und gucken, ob Formular X die richtige Schriftart hat, alle Dienstanweisungen existieren, Zimmer groß genug sind, überall ein Fernseher ist, Datenbanken geführt werden und Ärzte einen weißen Kittel anhaben und nicht grün, blau oder sonstwas, da stehen eben diese Ärzte da und fragen sich, was die beste Zertifizierungskommission nützt und die beste Fachgesellschaft mit ihren Vorgaben, wenn in selbigen nicht drinne steht, dass zu einer Zertifizierung auch die Überprüfung der Arbeitsbedingungen des Personals gehört. Dazu zähle ich:
Personelle Besetzung der Bereiche (nicht nur aufm Papier)
Überstunden des Personals
Arbeitszeiten der Ärzte
Einhaltung der Gesetze wie Arbeitszeitgesetz, Tarifverträge (Erfassung der Arbeitszeiten, EInhaltung der Arbeitszeiten, wer hat opt out tatsächlich unterschrieben) und Arbeitsschutzvorschriften
Pausenzeiten
Pausenräume
Größe der Arztzimmer
Vorhandensein von Literatur, SOPs, Leitlinien,…
Ausbildungsstand (werden Rotationspläne eingehalten oder gibts überhaupt sowas?) und Ausbildungszeiten bis zum Facharzt

Das ist auch wichtig, wenn es um Behandlungsqualität von Patienten geht. Was nützen Formulare, Arztkittel und Datenbanken, wenn zu wenig Personal da ist – nachts nur eine Schwester – oder völlig überarbeitete Jungassistenten auf den Stationen stehen, die übermüdet sind, weil statt zulässiger 40-49% Arbeitsbelastung in den Diensten oftmals Vollarbeit geleistet wird und Überstunden die Regel sind und wenn es in Deutschland offenbar keinen Arbeitgeber interessiert, ob irgendwer überhaupt Optout unterschrieben hat, ja wenn nicht mal die Ämter für Arbeitsschutz, die brav die sorgsam angefertigten Dienstabrechnungen kontrollieren nicht mal schauen, ob derjenige der da was abrechnet überhaupt opt out hat,… ach was Rede ich, bei den Schwestern ist es doch genauso, da guckt doch auch keiner ob 4 Wochenenden nacheinander gearbeitet werden oder wie oft Mitarbeiter aus dem Frei oder Urlaub geholt werden…

Jedenfalls finde ich, dass jeder, der irgendwelche Zertifizierungsrichtlinien aufstellt, nach denen wir die Patienten besser versorgen sollen, auch auf diese Dinge achten muss, sonst kann man sich die ganze Zertifizierung schlicht weg schenken, weil trotzdem noch Chirurgen nach 26 Stunden Arbeit weiteroperieren müssen und die durchschnittliche Wochenarbeitszeit so um die 70 Stunden beträgt – welcher Patient will sich schon von solchen Ärzten behandeln lassen? Hauptsache, die Datenbank ist geführt und Formular X ausgefüllt und der Arztkittel ist bis zum vorletzten Knopf geschlossen… Neben z.b. der Schizophrenie kann man das Monster Zertifizierung auch zu den wahnhaften Störungen zählen…





Meine Forderungen an den Marburger Bund für die nächste Tarifrunde

28 02 2015

Lieber Marburger Bund,
Dieses Mal fühlte ich mich so richtig veralbert, als ich deine Veröffentlichungen zur Tarifrunde gehört hatte. Du hast leider nichts begriffen. Auch von dieser Gehaltserhöhung kann ich mir meine Gesundheit nicht kaufen. Hört ihr euch eigentlich mal selbst zu wenn ihr redet?! Mit jedem neuen Tarifvertrag verliert ihr für mich mehr an Glaubwürdigkeit. Dagegen gewinnt die Gruppe der Oberärzte immer fein an Gehalt und darf uns Assistenzärzte weiter mit Dienstplänen quälen, die anderswo als Verstoß gegen das Grundrecht der körperlichen Unversehrheit gewertet würden. Und niemand wird aufmucken, weil diese Gruppe uns ja noch die Zettel für die Weiterbildung unterschreiben muss, damit wir alle irgendwann Fachärzte sind. Wenn ihr eines Tages aufwacht und mal das Gefühl habt, ihr müsstet mal wieder was für die Basis tun, für die kleinen Arbeitsbienen in den Kliniken, die vielen namenlosen, bleichen, zu früh ergrauten Gestalten, die noch in 24 h Diensten oder bekloppten Schichtsystemen Patienten versorgen und den Kliniken die Gewinne erwirtschaften, weil sie keine Überstunden aufschrieb dürfen und man sich gern das Geld für Stellen spart und sie einfach monatelang, teils Jahre nicht besetzt, dann hab ich hier ein paar Vorschläge, was ihr für UNS !!!!, eure Beitragszahler, mal durchsetzen müsst.

1. Dienstplanung mit zwingender Beteiligung eines Arbeitsmediziners und bindendem Veto.
2. zeiterfassung zwingend, bei nichtumsetzung Strafzahlungen, Zugriffsrecht durch alle Ärzte auf die Zeiterfassung, um Schönschummeln fürs Amt für Arbeitsschutz zu verhindern. Jede Überstunde muss erfasst werden.
3. maximal 1 Wochenende Dienst pro Monat
4. jede Fortbildung, an der teilgenommen wird, muss als Arbeitszeit gewertet werden (wie bei der Pflege) und als solche in die Zeiterfassung eingehen, auch wenn sie nicht bezahlt wird
5. Fortbildungen, die von Kliniken gewünscht werden, um den normalen Klinikbetrieb zu sicherN (Ultraschall, Notarztkurs) müssen vom Träger bezahlt werden und eine Freistellung erfolgen, es kann nicht sein, dass der Arzt bezahlt und Urlaub nimmt, damit die Klinik ihren normalen Verpflichtungen nachkommen kann
6. angestrebte Weiterbildungen dürfen nicht blockiert werden durch die Klinik, weil sie evtl nicht gewollt sind, dem Arzt müssen Hospitationen, Kursteilnahmen etc ermöglicht werden und ihm darf nicht untersagt werden, sich darin fortzubilden
7. 5 Fortbildungstage im Jahr, denn 3 reichen nicht für 40 h Kurse wie Sono, Notarzt, Palliativmedizin etc.
8. Zusatzaufgaben wie Transfusionsbeauftragte, Hygieneverantwortliche, DRG-Verantwortlicher etc müssen mit einer zusätzlichen Vergütung honoriert werden, denn schließlich ist hierfür zusätzliche Ausbildung (kostet!) und mehr Arbeitsaufwand (Überstunden) notwendig und auch mehr Verantwortung für den betreffenden Arzt damit verbunden. Leistungsorientiertes Entgeld wird in keine Klinik umgesetzt.
9. Nebenabreden, nach denen Chefs eine Prämie für jede nicht besetzte Stelle bekommen, gehören verboten
10. Gerechtigkeit im Dienstplan, die Summe der Dienststunden im Jahr darf unter den Kollegen ohne vOrliegen von wichtigen Gründen (Schwangerschaft, Gesundheitlich, Alleinerziehende) nicht mehr als 20% voneinander abweichen. Tut es das doch, sind den betreffenden Vielarbeitern zusätzliche Erholungstage zu geben
11. Urlaubsplan ist am 1.12. fertig zu stellen mit Planungssicherheit für alle
12. Rotationspläne für die Facharztausbildung sind 2, besser 3 Jahre im Voraus zu planen
13. maximale Arbeitszeit pro Woche 60 h
14. festlegen von schlüsselzahlen in den Notaufnahmen und Kliniken bzgl Patienten pro Arzt, um die chronische Unterbesetzung abzustellen
15. „Werkzeuggeld“ – was für viele Handwerker normal ist – Ärzte bezahlen Stethoskop, Stimmgabel, Spiegel, Lampen, Reflexhämmer, Nachschlagewerke i.d.R. Selbst, weil die Kliniken es nicht stellen, aber man ohne nicht arbeiten kann.
15. Festlegen der Ausstattung für Dienstzimmer in konkreten Punkten (Bett, Bettzeug, Schreibtisch, PC, Kühlschrank, Mikrowelle, Kaffeemaschine, Nasszelle, Fernseher) – wer 24 h arbeitet und die Begrenzung der Inanspruchnahmezeit von 50% nie einhalten kann! hat ordentliche Bedingungen verdient.
16. kostenlose Parkplätze für alle Mitarbeiter, es ist dreist, Überstunden nicht zu bezahlen, aber fürs Parken Geld vom Gehalt abzuziehen – vom der Putzfrau bis zum Arzt
17. diensthandyfreie Zonen in der Kantine und so, Pausen müssen Pausen bleiben
18. Einrichtung von Kontrollmechanismen für Weiterbildungsbefugte – wer in 15 Jahren nur einen Arzt komplett zum Facharzt für XY ausbildet, der gehört mal gecheckt genauso wie jemand wo die Assistenten mehr als 7 Jahre brauchen, um ihre Zahlen zu bekommen

Wem noch was einfällt, steht die Kommentarfunktion zur Verfügung.





Irgendwo im Arztzimmer

30 10 2009

der andere: Scheißtag.

Assistenzarzt: Hmmm. Ich hab mir heute morgen als wir anfingen, vorgenommen, mich nicht zu ärgern.

der andere: Echt?

Assistenzarzt: Hmmm.

der andere: Und, wie lange hast durchgehalten?

Assistenzarzt: Bis um 7.50 Uhr.





Assistenzarzt hilft – Woran erkenne ich einen Chirurgen?

27 09 2009

Viele Menschen fragen sich, woran man eigentlich die verschiedenen Arzt-Unterarten unterscheiden kann. Am wichtigsten ist jedoch, wie man einen Chirurgen erkennen kann.

Das ist aus verschiedenen Gründen wichtig:

Für Internisten – weil man sich mental auf die Begegnung einstellen muss, um gleich den ersten Angriff zu parieren

Für andere Chirurgen – weil zwei so große Egos nicht im gleichen Raum Platz haben

Für Studenten – damit man sich in Sicherheit bringen kann, bevor der fragt ob man nen Augenblick Zeit hat (nie die Antwort ja geben, weil es dann gleich heißt dass in OP 3 noch jemand zum Hakenhalten gesucht wird)

Für Patienten – Chirurg ist übersetzt nichts anderes als ein Handwerker… dann doch lieber einen „richtigen“ Arzt 🙂

Für Frauen – Macho-Alarm

 

Woran erkennt man jetzt eigentlich den Chirurgen rechtzeitig = wenn er noch auf dem anderen Ende des Flures ist?

  • Er trägt Kittel, schließlich muss er sich von den Pflegern unterscheiden. Der Kittel ist in der Regel zugeknöpft, weil die Chirurgen die konservativsten unter den Ärzten sind und glauben, damit wenigstens erreichen zu können, dass sie von anderen für einen richtigen Arzt gehalten werden. Die Rebellen unter ihnen, quasi die Andre Agassis unter den Chirurgen, krempeln die Ärmel bis zu den Ellenbogen hoch. Naja, das tun die Metzger in der Fleischerei auch glaub ich. Aber das hat wohl nichts zu sagen. Manche trauen sich auch, im offenen Kittel rumzulaufen, aber da werden sie von den eigenen Leuten eher ausgelacht, weil das ja nur die ganzen anderen Fachrichtungen machen.
  • Unfallchirurgen und Orthopäden neigen dazu, Sportschuhe zu tragen, und zwar nicht irgendwelche sondern die neuesten 150 Euro – Hammertreter, was sich ein Normalsterblicher nicht mal leistet, außer er hat pubertierende Teenager zuhause…. wogegen die Allgemeinchirurgen eher Holzpantinen oder schicke weiße Lederschuhe anhaben.
  • er hat kurze Haare mit Gel gestylt.
  • Er poltert als seien alle anderen schwerhörig oder haben sich nach einem Ende der gerade eingekehrten Ruhe gesehnt.
  • in seiner Kitteltasche ragen mehrere zerknautschte Konsilscheine aus dem letzten Jahr heraus, die er immer noch nicht abgearbeitet hat
  • „unten drunter“ trägt er grün, weil er nicht die Zeit hatte, die Bereichskleidung in der OP-Schleuse von sich zu werfen und sowieso gleich wieder reinmuss (obwohl er sich dann neue anziehen muss)
  • die grüne Hose hängt auf halb acht in prä-Buggy-Pants-Stellung. Das viel zu kurze Oberteil (mit Zahlen und Kleidergrößen hatte er es nie so, das ist was für Statistiker) gibt den Blick frei auf den Oberrand einer grauen oder schwarzen CK-Unterhose. Naja, da er den Kittel drüber trägt, ist das nur was für geübte Augen, die wissen, wonach sie gucken müssen
  • sobald er den Mund aufmacht wird klar: ER ist hier wichtig, er kann alles und die anderen sind alle zu blöd, um ihren eigenen Namen zu schreiben. Sein Ego füllt den Raum mit einem Schlag. Da passt kein zweites rein. Er ist schließlich Chirurg.
  • sein Body ist gestählt, schließlich geht er mindestens zweimal die Woche ins Fitnessstudio, wo die süße Krankenschwester von der einen Station ab und an mal ist, nur hat er noch nicht  rausgekriegt, wann genau sie immer da ist, aber Zahlen sind wie gesagt was für Statistiker
  • Wenn ein Besucher auf dem Flur kollabiert, brüllt er erstmal ins Telefon, dass schnell ein Internist kommen soll.
  • Er guckt jeder neuen Schwester und jeder neuen Schülerin und Praktikantin lang und ausführlich hinterher. Es ist schließlich sein Revier und er ist das alpha-Männchen…

Ach, ich liiiiiiebe Chirurgen. Wenn es die nicht gäbe, über wen sollte ich mich dann mit meinen Internisten-Kolleginnen amüsieren?





Es schüttelt mich…

1 08 2009

…jedes Mal, wenn ich in der Klinik sehe, wie Babys und Kleinkinder als Besucher dabei sind und

  • auf dem Krankenhausflur oder dem Boden im Krankenzimmer rumkrabbeln und die Finger alle paar Sekunden in den Mund flutschen
  • entgegen den Hinweisen des Personals von den Eltern mit ins MRSA-Zimmer eingeschleust werden. Macht ja auch Spaß so mit 12 Monaten und dem Häubchen, Mundschutz und dem viel zu großen Kittel…
  • ins Krankenbett zu Oma oder Opa gelegt werden und die / der grad eine vermatschte Fußwunde hat oder frisch von einer Darm-OP zurück ist oder grau-braun-grünliches Zeug hustet oder Campylobacter auska… ausscheidet.
  • an den i.v.-Zugängen rumfummeln dürfen bei Oma / Opa und danach die Finger wieder Richtung Mund gehen… So’n wenig Gyrasehemmer wird schon nicht schaden und Oma / Opa hat bestimmt keine Hep B oder C, das hätten sie schon gesagt…

Wer denkt, wir könnten daran was ändern, der irrt. Das RKI hat dafür keine Richtlinien, das ist den Krankenhäusern überlassen. Die weisen über das Personal zwar auf die Gefahren hin, aber Eltern und Großeltern zur Vernunft zwingen, kann man auch als Arzt oder Krankenschwester nicht. Kaum dreht man sich um, sitzt Klein Leon Maddox Joel ja wieder im Bett und popelt an Opas Verband rum.

Was bin ich jedes Jahr 2 – 3 x erstaunt, wenn eine junge Mutti bei uns klopft und fragt, ob das geht, wenn sie ihr Baby mit ins Krankenzimmer nimmt oder ob das gefährlich ist. Ja, dafür nehme ich mir gerne ein paar Minuten Zeit, um Empfehlungen zu geben, wie der Krankenbesuch am günstigsten zu gestalten ist, ob gefährlich oder nicht fürs Kind und wo im Krankenhaus die beste Ecke ist und wenig andere Patienten, damit das Baby nicht so viel Kontakt zu Keimen hat. Denn es tut Oma und Opa gut, wenn der kleine Enkel mal mitgebracht wird und ich freue mich, wenn es den Müttern bewußt ist, dass das Baby / Kleinkind dafür eben nicht MRSA, VRE und anderen Zeitgenossen ausgesetzt sein sollte und auch nicht an versifften PAVK-Füßen oder einem Kolostoma rumspielen darf und auch nicht dem ausgehusteten Rotz des Nachbarpatienten ausgesetzt sein muss…

Und weil es mich gestern grad wieder schüttelte, musste ich heute nochmals kurz meine Blog-Sommerpause unterbrechen…





Stromquelle Krankenhaus

10 10 2008

Wer denkt, ich entwickle hier eine ökologische Ader, der irrt leider. Es geht nicht um Kliniken mit Solaranlagen, Regenwasseraufbereitung oder Biogaskraftwerk. Nee, mir is was ganz anderes aufgefallen.

Neulich, also schon ne Weile her, da war ich mal im Dienst im Wartezimmer und habe mich in die Höhle des Löwen / der Wartelöwen getraut. Da sah ich die U-21-ich-geh-dahin-weil-ich-hab-keinen-Hausarzt-und-bei-dem-dauerts-immer-so-lang-Clique, wo ein Behandlungswilliger gleich die ganze Party-Klitsche mitgebracht hatte. Party im Krankenhaus-Wartebereich… Die Jugend inhaliert echt zuviel von was auch immer. Jedenfalls hatten alle die Handys gezückt. Die Dinger werden denen wohl während irgendwelcher Auslandsaufenthalte an die Hände transplantiert oder so. Unser Krankenhaus gehört noch nicht zu denen, die das Handyverbot aufgehoben haben wie die meisten Unikliniken. Die Telefonanlage ist wohl noch nicht abbezahlt oder läuft zu gut funktioniert noch ganz gut. Also war ich von Dienstwegen her verpflichtet auf das smarte Schildchen im Eingangsbereich zu verweisen. Doch als ich gerade Luft holte, um in einem Nebensatz die U-21-ich-geh-dahin-weil-ich-hab-keinen-Hausarzt-und-bei-dem-dauerts-immer-so-lang-Clique darauf hinzuweisen, dass sie auch im Wartebereich die Handy ausmachen müssen oder sonst vor die Tür gehen und da telefonieren (und außerdem blockieren sie zu fünft als Begleiter hier Warteplätze für Patienten), da sah ich etwas, was mich überraschte (nach außen blieb ich cool…) Da hatte Miss Nasen-Piercing 2008 ihr Handy zum Aufladen in eine Steckdose im Wartebereich gesteckt…

Assistenzarzt: „Sie machen bitte ihre Handys aus. Und vor allem, sie laden es hier bitte nicht im Wartezimmer auf.“

Miss Nasen-Piercing: „Aber es is leer. Ich muss doch nachher anrufen, dass wir abgeholt werden.“

Assistenzarzt: „Dann nehmen sie ein Handy von ihren Freunden. Diese Steckdosen sind nicht dafür gedacht, dass hier jeder kommt, sich hinsetzt und sein Handy auflädt. Das läuft über den Stromzähler der Klinik.“

Miss Nasen-Piercing: „Ja, aber wozu sind denn dann hier die Steckdosen? Dann müssen sie das ranschreiben.“

Assistenzarzt: „Die sind für Notfälle, falls hier mal was im Wartezimmer ist, damit wir Geräte anschließen können. Was sie machen ist übrigens Diebstahl. Wer sich ein Handy leisten kann und die Gebühren für die diversen Klingeltöne, die sie hier gerade dem Publikum aufgedrängt haben, der kann auch die Stromrechnung bezahlen.“

Miss Nasen-Piercing: „Diebstahl? Das is doch nur Strom.“

Assistenzarzt: „Den die Klinik bezahlt und nicht sie. Also gehört der Strom der Klinik. Und sie ziehen bitte sofort den Stecker raus und machen die Handys aus sonst wird unser Wachmann nervös, der sie gerade auf dem Monitor beobachtet.“

Miss Nasen-Piercing: „Komm wir gehen, muss ich mein Handy halt im Auto aufladen.“ und zu Assistenzarzt gewandt „Sagen Sie dem XY er soll anrufen, wenn wir ihn abholen sollen, wir fahren jetzt schon mal zum XYZ-Club.“

Assistenzarzt: ???

Das blieb aber kein Einzelfall. Einige Dienste später lag ein U-21-Girl alkoholisiert (und der Freund hatte erstmal einen sitzen…! war aber kein Patient) und nach Hyperventilation auf der Trage in der Notaufnahme. Nach dem x-ten Gebölke ihres dämlichen Lachsack-Klingeltons platzte mir der Kragen. Es waren schon zahlreiche Kommentare von anderen Patienten gekommen, die alle noch ganz gut bei Sinnen waren. Von dem einzigen anwesenden demenzerkrankten älteren Herren kam auch was, das war aber nicht ganz so nett, traf jedoch den Kern gut und seeeeehr direkt. Auch die Schwestern hatten Miss Alcopop 2008 schon angewiesen, den Lärmknochen endlich auszumachen oder wenigstens stumm. Aber wenn wir eins lernen sollten als Dienstärzte, dann ist es, dass alkoholisierte U-21-Möchtegern-IT-Girls zum einen Paris Hilton gut finden und sich zum Vorbild nehmen und zum anderen weniger Verstand haben als jemand mit der ausgeprägtesten SAE und cerebrovaskulären Insuffizienz. Der Lacksack tönte zum x-ten Mal durch die neonbeleuchteten Räumlichkeiten und Assistenzarzt mutierte zum wutschnaubenden Stier, bewegte sich gefährlich wie ein Tiger zum Liegeplatz von MIss Alcopop, holte Luft und ließ ein donnerndes „Wenn Sie nicht sofort den Anweisungen des Personals Folge leisten und endlich dieses nervtötende Ding ausstellen, dann setze ich Sie stehenden Fußes vor die Tür und es is mir egal, welcher besoffene Kiffer sie abholt und wie Sie nach Hause kommen!“ erschallen. Dann erblickte Assistenzarzt ein schwarzes Kabel, was sich vom nervtötenden Ding bis zur Steckdose am Kabelschacht wand. Assistenzarzts Sehfeld füllte sich mit rotem Nebel und Miss Alcopop reaktivierte ihr letztes Fünkchen Verstand und begriff, dass der donnernde Schall sich wiederholen würde, nur einige Dezibel lauter und gefährlicher. „Oh, äh, tut mir leid, ich zieh das Ladegerät schon raus. Es is ja nur, weils schon wieder leer ist und wir haben nachher noch was vor.“ Assistenzarzt rief sich ins Bewußtsein, dass man mit Schreien bei Kindern ja nicht weiter kommt und versuchte die Wut zu zügeln. Besonders Bekloppte muss man sensibel behandeln. „Diese Steckdosen sind für medizinische Geräte. Eine Notaufnahme ist kein Ort, wo man sich ausruhen kann wenn man zuviel gesoffen hat und dann hyperventiliert, weil man noch was dazu genommen hat vor der Disco und es dann nicht gegenüber dem Arzt zugibt, und erst Recht kein Ort, zu dem man kommt, um sein Handy aufzuladen bevor man sich dann wieder ins Nachtleben stürzt, um sich weiter volllaufen zu lassen.“

Ja, und dann war da neulich noch der Typ, von dem keiner wußte, wo er hingehört. Er war keiner von unseren Patienten. Er war auch keiner von den Angehörigen. Er saß mehrere Stunden mutterseelenallein in einer Sitzecke auf unserer Etage. Konnt sich auch kein anderer zu ihm setzen, weil er den gesamten Tisch und die Couch mit Papieren vollgepackt hatte und auch noch seine Arbeitstasche (Marke Pilotenkoffer oder so) und die Notebook-Tasche auf einen Sessel gestellt hatte. Dann hatte er sein Notebook in die dort befindliche Steckdose gesteckt. Als ich mal vorbeiging sah ich die Akkuladelampe leuchten und auf dem Bildschirm eine Excel-Tabelle mit Zahlen. Er sah ganz konzentriert aus da in seinem Büro unserer Sitzecke. Stundenlang saß er da so, fast meine ganze Arbeitszeit. Und saugte Strom aus der Wand der Klinik um seine Arbeit zu machen. Ich habe nie rausgefunden, wer er denn nun eigentlich war. MDK? Banker der heimlich versucht die Bilanzen zu frisieren? Versicherungsvertreter? Man weiß es nicht.

Tja, mich würde schonmal interessieren, wieviel Kilowattstunden Strom durch solche „Gäste“ und „Besucher“ unserer Klinik im Jahr dafür draufgehen. Wir sind zum Stromsparen offiziell angewiesen worden, weils so sauteuer geworden ist und eine Klinik ein wahrer Stromfresser. Licht aus überall. Die wenig frequentierten Treppenhäuser sind nachts dunkel, man muss sich erst bis zum Schalter durchfallen schlagen. Das is den Leuten so eingebleut worden, dass sie in den Toiletten und Waschbereichen das Licht ausmachen beim rausgehen…  so ab und an sitzt dann noch jemand auf dem Klo in einer der Kabinen und hat in letzter Sekunde sein postrenales Nierenversagen verhindern konnten, aber mit der Folge, sich jetzt nur dank seiner kleinen Stabtaschenlampe zur Pupillenreflexprüfung wieder aus dem Toilettenraum durch den Waschbeckenraum bis zum Ausgang vorzuarbeiten… im Dunkeln, weil ein folgsamer Mitarbeiter das Licht ausknipste, wir müssen ja Strom sparen.

Versteh mich bitte keiner falsch. Von mir aus kann sich jeder aus Spaß volllaufen lassen soviel er will, von Disco zu Disco ziehen soviel er mag und kaufen was für Substanzen er will. Das is mir sowas von egal. Aber er / sie hat dann nichts in meiner Notaufnahme zu suchen und bitte erst recht nicht, wenn ich Dienst habe. Das ist keine Krankheit, das ist Mißbrauch des Gesundheitswesens und kostentreibend für alle Beitragszahler, also auch für mich. Ich bin schon lange der Meinung, dass Miss Alcopop und ihre Brüder und Schwestern sich an den Kosten ihrer Abendunterhaltung im Club Notaufnahme beteiligen sollten. Nach 4 Stunden gehen sie nach Hause oder oftmals in den nächsten Club, haben ihr Handy aufgeladen, einen kostenlosen Checkup gekriegt, sich aufgewärmt, einen Liter Mineralwasser umsonst gekriegt, weil sie sich bewußt einen angetrunken haben und zum Spaß und weils alle machen auch noch irgendwelche Substanzen konsumiert, aber dafür medizinische Versorgungskapazität blockiert, die dafür gedacht ist, schwerkranken Menschen das Leben zu retten oder die Gesundheit zu erhalten.
Von mir aus kann auch jeder arbeiten wo er will… aber is das nicht etwas seltsam, sich in eine Klinik zu setzen und da zu arbeiten? So teuer kann der Strom dann doch auch wieder nicht sein, oder?

Was lernen wir daraus? Ein Krankenhaus ist nicht nur ein Quell der abendlichen Unterhaltung für die U-21, Miss Alcopops und Miss Piercings dieses Landes sondern auch noch eine kostenlose Quelle von Strom, wenn man sich geschickt anstellt. Wie man sieht, ist aus unserem Gesundheitswesen tatsächlich noch viel mehr rauszuholen. Ulla Schmidt hatte Recht…

Und um nochwas klarzustellen: ich untersage keinem Patienten auf meinen Stationen, dass er sein Handy auflädt während er bei uns liegt. Sowas sehe ich in der Regel nicht… das is mir bisher nie aufgefallen… weil ich auch weiß, wie es läuft





Gewalttätige Patienten

11 08 2008

Es hat bisher noch nie in meinem Medizinerdasein die Situation gegeben, wo ich wirklich das Gefühl hatte, in den nächsten Sekunden eskaliert die Situation und du kriegst sie nicht unter Kontrolle.

Ich habe bereits öfter das zweifelhafte Vergnügen gehabt, mich mit pöbelnden alkoholisierten Patienten abmühen zu müssen. Aber mit der Zeit hat man den Bogen raus – man darf sie nicht drängen, nicht unter Druck setzen, aber muss klare Grenzen ziehen. Zum Beispiel ist es für mich ein Tabu, dass mich so jemand am Arm fasst. Da kann ich als weibliche Person auch mal einen gefährlichen Ton entwickeln und laut werden. Und wenn sie gehen wollen, und können…, dann rufen wir ihnen auch ein Taxi oder lassen sie abholen, manchmal verdünnisieren sie sich auch selbst. Demente Patienten sind die andere Kategorie, wo man sich manchmal in acht nehmen muss, weil sie es nicht toll finden, sich iv-Zugänge legen zu lassen. Da flog mir auch schon so manches mal ein Arm oder Bein entgegen oder das Tablett mit Nadel um die Ohren. Richtig erwischt hats mich mal bei einem geistig behinderten Patienten, da war ich ernsthaft verletzt. Tritte abgefangen habe ich auch schon zwei drei male, zum Glück mit den Armen und nicht dem Bauch oder so. Und zwei mal traf mich ein Arm bzw. ein Bein am Kopf, aber es blieb bei einer schmerzenden Stelle. Nadeln die um mich flogen habe ich nicht gezählt, geschätzt dürften es auch so 4 oder 5 sein bei diesen Situationen.
Manchmal brauchte ich die Hilfe eines Zivis, einer Schwester, PJler oder eines Kollegen, um jemanden festzuhalten, der nicht mehr entscheidungsfähig war, z.B. um einen iv-Zugang zu legen oder jemandem im Delir zu fixieren.

Noch nie ist es mir aber passiert, dass ich wie in amerikanischen Ärzteserien den Sicherheitsdienst rufen musste. Bis neulich. Der Patient war alkoholisiert, bis dahin friedlich wenn auch mit lauter Stimme. Doch von einer Sekunde auf die andere änderte er sein Verhalten. Er wollte gehen, aber anstatt das einfach zu tun (ich hätte ihm auch gerne den Weg gezeigt), fing er an das Personal zu bedrohen, so als würde man ihn aufhalten. Dabei hat ihn keiner aufgehalten. Keiner hat sich ihm in den Weg Richtung Ausgang gestellt, also ihm optisch vermittelt, dass er eingekesselt sei. Der Weg war frei. Es nützte nichts, dass wir versucht haben, ganz ruhig zu bleiben, ihm zu vermitteln, alles ist ok, du hast die Macht über deinen Willen dorthin zu gehen, wo auch immer du hin willst. Wie gesagt, ich habe bisher auch spannungsgeladene Situationen entschärfen können. Aber da waren die Patienten nicht derartig körperlich überlegen und nicht des Wahnsinns fette Beute. Ein sekundenbruchteil langer Blick in sein Gesicht und seine Augen reichte mir, um das erste Mal in meiner Medizinerlaufbahn zu denken „Ok, das wird nichts, das eskaliert, bring dich in Sicherheit.“ Was ich in der nächsten Sekunde auch tat und dabei verfluchte, dass man mit Piepern nicht telefonieren kann. Eine Tür in Sprungweite griff ich zum nächsten Telefon und rief den Sicherheitsdienst. Bloss nicht zu laut das Wort sagen, um die Situation nicht zum Explodieren zu bringen. Für einen Moment überlegte ich beim Sprechen, ob das zu hoch gegriffen sei, gleich die Jungs mit den breiten Schultern zu rufen. Was die nächsten Sekunden folgte, war die brenzligste Situation die ich bisher erlebt habe. Völlig unvermittelt riss sich dieser Irre einen Verband ab, dass das Blut quer durch den Raum spritzte und mehrere Leute einsaute. Intuitiv hatte ich mich bei seinen vorhergehenden Bewegungen hinter einem Raumteiler in Sicherheit gebracht. Dann holte er Sekundenbruchteile später blutüberströmt aus und griff die Leute körperlich an. Hätten die nicht blitzschnell reagiert, hätten wir uns über Hepatitis- und HIV-Prophylaxe Gedanken machen müssen, denn bei solchen weiß man ja nie und Blutproben hatten wir nicht von ihm. Irgendwer schrie „Geh’n Sie!“ und „Raus!“ und zum Glück ließ er von uns ab und trollte sich schwankend und blutend zum Ausgang. Wir blieben zurück im eingesauten „emergency room“ und leider kam ich mir in diesem Moment auch so vor wie irgendwo in der Bronx oder den wilden Vierteln von Chicago. Der Sicherheitsdienst kam dann auch irgendwann…

Ich muss ganz ehrlich sagen, wenn ich Kinder hätte, wäre das der Moment gewesen, wo ich ernsthaft überlegt hätte, ob ich diesen ganzen Schrott von Diensten und Notaufnahme weiter mitmache. Ich meine, du weißt doch nie, ob du beim nächsten Mal auch so viel Glück hast. Keine hundert Kilometer weiter ist eine Ärztin fast erstochen worden von einem Patienten und dass in einer Beamtenstadt wo die Verbrechensrate unter dem Landesdurchschnitt der Städte liegt. Weiß ich, ob der nicht auch irgendwo was in der Jackentasche hatte? Was wäre gewesen, wenn der Blödmann jemanden verletzt hätte und die Wunde des anderen mit seinem Blut kontaminiert hätte? Wir hätten nichtmal seinen Infektionsstatus gekannt. Was wäre gewesen, wenn er andere, hilflose Patienten angegriffen hätte? Womit hätte man sich da wehren sollen wo der im Vergleich zu uns 40 Kilo mehr und 25 cm größer war? Ihm AHD in die Augen schütten? Mit dem Pieper nach ihm werfen? Unsere Butterflys haben weiß gott nicht die Gefährlichkeit der „Straßen“-Butterflys. Noch nie habe ich mich plötzlich im Krankenhaus so in Gefahr gewähnt und ich muss sagen, ich freue mich, dass ich nicht gedacht habe, sondern nur auf meinen Instinkt gehört, der mir sagte „Danger“. Es sicherte mich einen kontaminationsfreien Dienst, eine Haut ohne Platzwunden und Prellmarken…