Das Kreuz wenn du gegen Grippe geimpft bist

17 11 2019

Habe mich impfen lassen gegen Influenza, oder wie es landläufig heißt: Grippeimpfung. Wie schon etliche Jahre lang. Ich hatte auch mal die echte Grippe, das war, als ich nicht geimpft war und es war nicht besonders lustig…

Und wieder fiel mir wie alle Jahre vorher auch ein, wie es immer in der Klinik war. Ein Teil ließ sich impfen, aus Überzeugung, weil auch „normale“ Mitarbeiter mal Risikofaktoren haben. Mit denen man eben nicht so gerne Grippe haben möchte, weils gefährlich wird. Dann kamen jedes Jahr die Grippewellen. Und Patienten, die damit isoliert wurden. Und die Ansage, dass vornehmlich die Leute reingehen die geimpft sind. Na… merkt es hier der ein oder andere Leser schon, was für ein Alltagswahnsinn das immer ist jedes Jahr in deutschen Kliniken? Die mit Vorerkrankungen, die Risikopatienten wären bei Grippe, lassen sich impfen. Die anderen nicht. Die geimpften mit Risiko gehen in die Isolierzimmer mit Grippepatienten und haben bei Schutzraten um 70% also ein Drittel Chance krank zu werden und zwar richtig und mit Risiko. Oder halt auch drauf zu gehen. Die gesunden und ungeimpften sind fein raus… hat auch was von Darwinismus durch die Klinikverwaltungen… es hat mich immer geärgert… und ich hatte diverse Schwestern, die besorgt kamen, weil sie wegen Rheuma Prednisolon nahmen oder wegen Morbus Crohn auf Humira eingestellt waren… was war mein Rat… was soll man zu angeordneter Gefährdung sagen… das es Schwachsinn ist… ja kann man, aber nicht den anordnenden Verwaltungschefs ins Gesicht. Ich habe den Mitarbeitern schlicht geraten, zu sagen, sie sind nicht geimpft. War natürlich schwierig, wenns über den Betriebsarzt lief, weil der die Listen an den Arbeitgeber gibt. Hatte zur Folge, dass viele dann den Betriebsarzt scheuten und zum Hausarzt gingen. Oder sich nicht mehr impfen ließen, um nicht zu den Dummen zu gehören, die in die Isozimmer müssen. Mir ist nicht klar, ob der STIKO klar ist, dass dies einer der Gründe ist, warum sich medizinisches Personal nicht so gerne impfen lässt… bzw die offiziellen Impfraten so niedrig sind… Aber ihr kennt ja den Spruch, liebe Verwaltungschefs… man wünscht niemandem was böses, aber wenn zufällig so einer die Treppe runterfällt und man steht daneben, dann winkt man höflich hinterher…

Ich bin pro Impfungen. Deshalb sag ich es gleich: Impfgegner-Kommentare werden hier nicht veröffentlicht. Das ist meine Meinungsfreiheit.





Was macht eine Ärztin / ein Arzt so den lieben langen Tag?

7 02 2008

Morgens in hunderten deutscher Kliniken… die Dämmerung graut, den Kollegen grauts auch, und den PJlern erst. Man eh, schon wieder einer dieser normalen Tage. Was fängt man da als Ärztin /Arzt nur mit seiner Zeit an? Das Briefe schreiben, Patienten aufnehmen, Interventionen durchführen, Visite, Funktionsdiagnostik… all das kann einen doch so gar nicht auslasten, wenn die Kollegen schon mit dem meisten davon befasst sind… Wer viel Zeit hat, sucht sich Alternativen. 

Vor der Frühbesprechung: Über den Kollegen herziehen, der Dienst hatte, was der denn nun schon wieder alles falsch gemacht hätte.

In der Frühbesprechung: Tuscheln über die Schwangere. Ab und an mal zuhören, was gesagt wird.

Nach der Frühbesprechung: Herziehen über die kranke Kollegin „Na wo die denn schon wieder ist, krank natürlich.“ Anfangen zu sabbern vor Begeisterung.

Vor der Visite: Weiteres Herziehen über die kranke Kollegin. Vergessen der eigenen seltsamen Dienstabrechnung bei der einige Dinge einfach nicht auftauchten. Beginn der üblen Nachrede über die Sekretärin. Der Schaum tritt vor.

In der Visite: Mobben einer nichtanwesenden Schwester. Die ist so schrecklich, so böse, so unfair, die sagt einfach mal die Wahrheit zwischendurch und lacht nicht über die Witze und macht schon gar nicht mit, wenn man über andere herzieht. Böse diese Schwester, böse, böse.

Nach der Visite: Fortsetzen des Herziehens über die Sekretärin.

Vor dem Mittag: Gerücht in die Welt setzen, einer der ehemaligen PJler sei schwul, das sehe man doch an den Haaren, dem Ohrring und wie er rumläuft. Eh und der duscht jeden Tag. Der muss einfach schwul sein. Vergessen, dass man selbigem beim Umziehen im Arztzimmer (ja, diese Zeiten sind noch längst nicht vorbei) immer in die wertvollsten Regionen starrte. (Andersrum gehts auch – Gerücht in die Welt setzen, dass die PJlerin mit dem Oberarzt… dieses Flittchen… also nee… und dabei vergessen, dass man ihr beim Umziehen im Arztzimmer JLo-Vergleichsnoten gegeben hat und die Hose enger wurde.)

Beim Mittag: Über die nicht anwesenden Kollegen tratschen. Anwesende über deren Meinung zu diversen Vorgesetzten aushorchen und sie zu Statements peitschen. Wer weiß, vielleicht kann man da noch mal was von gebrauchen. Naja, und wenn nicht, dann wird halt was erfunden. Das Leben kann so einfach sein.

Nach dem Mittag: Boah eh, erstmal ne Pause. Nachzählen der verbrauchten Wörter. 15000 darf man ja als Frau. Gott sei Dank, noch nicht alle benutzt. Dann kanns ja weitergehen.

Schichtwechsel bei den Schwestern: Man, wie gut dass die Frühschicht weg ist. Jetzt kann man erstmal ordentlich mit der Spätschicht auswerten, was die sich alles geleistet haben. Erneutes Herziehen über eine kranke Kollegin und die Schwangere, die überall Extrawürste gebraten kriegt und ja nur schwanger geworden ist, um keine Dienste mehr machen zu müssen. Während die Kollegen auf Station wie die Duracell-Häschen rackern, ist noch etwas Zeit beim 3. oder 4. Käffchen über die Sekretärin ein paar Sachen loszuwerden. Sabber tritt vor den Klatschbasenmund. Jetzt ist man kurz vor dem Gerüchte-Orgasmus. Wer hätte gedacht, dass das heute noch so ein schöner Tag wird. Uff, bei der Zigarette danach kann man sich dann gleich mal über die Kollegen der ITS informieren, denn das schöne is ja: Man trifft auch mal auf Gleichgesinnte.

3 Minuten nach Dienstschluss: Boah, war das heute ein anstrengender Tag. Soviel gearbeitet. Eh also wirklich. Überstunden sind heute nicht drin. Nee, das macht ihr mal alle fertig. Jetzt ist Feierabend. Und tschüss.

Und täglich grüßt das Murmeltier an jeder deutschen Klinik. Ein blökendes Schaf gibts immer.





Das Konsil

6 02 2008

Die offizielle Version entnehme man der Wikipedia-Enzyklopädie:

„Als Konsil (sächlich) bezeichnet man in der Medizin die patientenbezogene Beratung eines Arztes durch einen anderen ärztlichen Kollegen, meist einen Facharzt.“

Die Wahrheit ist in Wahrheit… nun ja, wie die Wahrheit nun mal ist.

Ein Konsil wird immer dann angefordert, wenn ein Arzt nicht weiter weiß. Also zum Beispiel wenn der Internist feststellt, er hat von Ohren nicht so viel Ahnung, dann holt er einen HNO-Arzt. Wenn der Gynäkologe feststellt, er hat von Dermatologie keinen Schimmer, holt er den Dermatologen. Wenn der Neurologe feststellt, er hat keine Ahnung vom Wasserlassen, holt er den Urologen.

Und wenn der Chirurg feststellt, der Patient hat irgendwas, aber man kann nicht reinschneiden, dann holt er… erstmal den Internisten… egal was es ist. Ähnlich wie der Tarzanschrei tönt es dann „Das ist nichts chirurgisches. Das ist für den Internisten.“ Wie gesagt, egal was es ist. Hauptsache, da guckt erstmal ein Arzt rauf. Also jemand, der von Medizin mal was gehört hat. Wenn Tarzan dann geschrien hat, vergisst er in der Regel, seinen Schrei auch schriftlich zu fixieren. Blätter und Kulis gabs halt im Dschungel sonst nicht. Da hat Dschungelkönig Ross noch mit einem selbstgeschnitzten Bleistift auf Packpapier gekritzelt.

Das merkwürdige an Tarzanschreien ist, dass sie häufig erst dann ertönen, wenn schon Dienstschluss war und der konsiliarisch unterwegs-seiende Oberarzt das Haus gen Heimat verlassen hat. Die Erklärung dafür ist eigentlich ganz einfach. Da die Tarzans den ganzen Tag im OP von Skalpell zu Schere schwingen, gucken in der Regel die PJler die Patienten an, oder auch mal gar keiner. Wenn dann das erste mal jemand auf Station kommt, der von Medizin was gehört hat, nämlich der Anästhesist, dann fällt dem beim Prämed (= prämedizieren) auf, dass der Patient pfeift wie eine Dampflok, dicke Beine hat wie ein Nilpferd oder eine nicht existente Gerinnung hat. Logische Konsequenz: runter vom OP-Plan. Nächste logische Konsequenz: Da jemand weg ist, der von Medizin was versteht, muss ein anderer her, der das kann. Es folgt der Tarzanschrei. Also kommen tausende internistische Assistenten während eines Dienstes in den Genuss, chirurgische Patienten zu anamnestizieren und zu untersuchen, neben sich einen extrem verwunderten Chirurgen stehend, der staunt, was man so alles machen kann, wenn man zum Äußersten schreitet und Patientenkontakt sucht. Das mit dem Chirurgen der daneben steht, ist eher eine Seltenheit. Meistens steht der Chirurg im OP neben sich. Der internistische Assistenzarzt stellt dann eine Verdachtsdiagnose und fängt an, den Patienten zu behandeln und Diagnostik anzuordnen oder er sagt dem Chirurgen per Telefon (denn der steht ja meist im OP), welchen anderen Konsiliarius er denn bestellen soll. Das alles hält er in umfangreichen Aufzeichnungen auf einem DIN-a4 großen Stück Papier fest: Dem Konsilschein. Dieser wird dann des Nachts auf einen Schrein im chirurgischen Schwesternzimmer gelegt und die Gebote von den chirurgischen Schwestern umgesetzt. Kommt Tarzan dann zurück in den Dschungel, dann hat Jane schon alles erledigt.

Wer dann am nächsten Morgen heimlich einen chirurgischen Morgenkreis belauscht, wird feststellen, dass Tarzan heldenhaft die Lianen geschwungen hat und den Diagnoseschatz gefunden hat. Vom internistischen Dorftrottel ist dann nicht mehr die Rede.

Anders rum gehts auch. Tarzan kommt ins Dorf der Internisten. Dort fragen die Chirurgen erstmal „Wer hat denn den Konsilschein ausgefüllt?“ Ich suche immer noch nach der Antwort, warum das denn relevant ist. Wenn sie dann beim Patienten waren, gibt es zwei Varianten. Variante 1 „Das ist nichts chirurgisches.“. Variante 2 „Das muss ich erstmal mit dem Oberarzt besprechen. Ich melde mich.“ „Wann?“ „Sie werden von mir hören.“ In der Regel schreiben sie auch einen Text auf. Dieser wird von den internistischen Schwestern nicht auf einen Schrein gelegt sondern in die Ablage. Kommt der Internist vorbei, wird erstmal gemeinsam versucht, die Hiroglyphen zu entziffern. Manchmal kommen da auch Übersetzer aus Ägypten oder Archäologen zum Einsatz. Bei Variante 2 obliegt es einem internistischen Assistenten in den nächsten Tagen, dem Pilgerweg zu folgen, um an den heiligen Ort der Chirurgen zu gelangen und den zu finden, der die Botschaft verkündet. Andere Fachrichtungen sind da anders. Konsil durchführen, aufschreiben, drei nette Worte sagen und Tschüss. Einfach, pragmatisch, effizient.

Aber es gibt auch nette Chirurgen. Wirklich. Ich kenne sogar einige davon. Die sind nicht wie Tarzan. Naja, nur manchmal. Aber die haben tatsächlich schonmal was von Medizin gehört, erkennen ein Lungenödem und wissen wie man ein EKG richtig rum hält. Aber ich glaube, ich habe einfach nur Glück, dass ich nette Chirurgen kenne. Und manchmal freue ich mich sogar, wenn man mit diesen netten ein wenig herumschäkern kann im Dienst, auch wenn der Tarzan in jedem von ihnen steckt.





Wie bewege ich mich unter leitenden Ärzten?

31 01 2008

Nach der überaus erfolgreichen Patientenratgeber-Mini-Serie in diesem Blog, wollen wir uns nun den motivierten Jung-Ärzten zuwenden, die eine Karriere in der leitenden Ebene der Weißkittelhierarchie anstreben. Das Wichtigste sind die Verhaltensregeln dieses Standes. Also wie man trendy, „in“ oder was auch immer ist… wie man kurz gesagt ein gewisses Understatement repräsentiert.

Hier ein Crash-Kurs:

  • Die Kleidung. Immer zivil tragen und nur einen Kittel drüber ziehen. Egal wie saumäßig die Schlammschlacht an was auch immer abläuft, die Kleidung eines OA oder CA wird nie, ich betone NIE schmutzig, egal welche mistigen Wunden er mit einem Liter NaCl spült oder in was auch immer er mit einer 10 cm langen Nadel hineinbohrt.
  • Das Klinikhandy. Ein Piepser ist für das Fußvolk. Die leitenden tragen ein Handy der Klinik bei sich. Alles andere wäre  nicht standesgemäß. Aber wichtig ist, dass es auch immer klingelt. In jedem Meeting, jeder Stationsbesprechung, jedem Gespräch mit wem auch immer, in der Visite, in Weiterbildungen bei denen andere Vorträge halten. Nichts kommt so gut vor Patienten, wie „Ja, ich bin hier in der Visite. Geht es später oder ist es wichtig? Jaja, ich verstehe… Herr XY, entschuldigen Sie bitte, wir kommen gleich nochmal rein.“ und das anschließende Verlassen der Visite mit dem halbnackten Patienten an dem gerade Demonstrationsunterricht für die PJs abläuft. Hier begreift auch der Patient mit einem MMST-Wert unter 12, wer das Sagen hat.
  • Das Auto. Alles was unterhalb der oberen Mittelklasse ist, gehört nicht auf den Parkplatz. Außer es ist der Leihwagen des Autohauses, auf dem groß der Name des Herstellers prangt. Japaner sowieso nicht, erst recht keine Koreaner. Für die Geschiedenen kommen eigentlich nur Sportwagen in Frage, um gewissen Körperteilen prothetisch zu helfen, denn bei OA oder CA über 45 ist die Gruppe der U25 weiblich eher schwer kontaktfreudig, sofern dieser nicht den Kittel anhat, auf dem CHEFARZT oder OBERARZT steht. Für die Verheirateten sind derzeit die Geländewagen angesagt. Verheiratet mit Kindern und noch kein Wort von Scheidung fährt Kombi, mit Stern oder aus Bayern, die ärmeren aus Schweden (das klassische Oberlehrerauto nannte man es früher) oder alternativ einen familientauglichen Großgeländewagen a’la Seal und Heidi. Naja, dass man 5 Jahre Raten zahlt oder einen günstigen Leasing-Vertrag hat, braucht ja keiner zu wissen…
  • Die Unterkunft. Standesgemäß in bester Innenstadt- oder VIP-Viertel-Lage. Auf jeden Fall mit eigenem Stellplatz. Am besten eigenes Haus. Nicht zu klein. Aber pssst… Mieten geht auch, vor allem weiß man in den oberen Regionen ja nie so genau, wie lange man tatsächlich an einem Ort bleibt oder bleiben will…
  • Die Körperhaltung als Zuhörer auf einem Kongress. Definitiv ist das Beine übereinanderschlagen und das Kopf in die Hand stützen bei gespreitzter Daumen und Zeigefinger-Haltung standesgemäß. Es wirkt jederzeit akademisch, aristokratisch und zeugt von Kultierviertheit.
  • Der Stift. Auf keinen Fall ein simpler Kuli eines Pharmareferenten. Die sind für die Kinder und die Assistenzärzte. Wer wirklich was auf sich hält schreibt mit dem Füllfederhalter. Empfehlenswert sind die mit einer Drehkappe. Ansonsten gilt Punkt 1: Die OA- oder CA-Kleidung wird nie schmutzig.
  • Die Kindererziehung. Die eigenen Kinder einfach zum Fußball gehen zu lassen, also das geht schonmal gar nicht. Ein OA oder CA-Kind muss das gewisse Understatement lernen und das geht nur beim Tennis, Golf, Segeln, Ballett und / oder Klavierunterricht. Das wahre Leben wäre für so zarte Seelen eine zu harte Belastungsprobe. „Und Mutti zwingt Euch auch nicht dazu, oder?“ (sag jetzt ja nicht ja, sonst wirst du enterbt oder kommst aufs Internat zu den katholischen Schwestern…)
  • Die Namensgebung für den Nachwuchs. Vor einigen Jahren galt es in OA- und CA-Kreisen als angemessen, ausgefallene Namen für den Nachwuchs zu wählen. Seitdem aber jemand publiziert hat, dass ausgefallene Namen häufiger bei karrieremäßigen Überfliegern zu finden sind (ob das wohl eher was mit elterlicher Hilfe und Ausbildungsstand zu tun hat als mit Muttis Namenswahl?), seitdem hat sich die Zahl von Schantall, Shanize, Leon, Lara-Marie, Michelle, Auwen, Aragorn, Fynn, Noah, Aaron, Luca, Elias, Nele, Lili, Emily, Justin, Thore  etc. rasant erhöht, weil auch sehr einfache Menschen wollen, dass der Name bei ihrem Kind macht, dass es erfolgreich wird. Inzwischen ist man in den CA- und OA-Kreisen dazu übergegangen, sich der Mehrheit anzuschließen und Teil der deutschen Ranglisten zu sein oder aber einfach die alten deutschen Vornamen zu wählen. Wichtig ist, dass der 2. Vorname so ist wie der des Großvaters, damit die akademische Geschichte der Familie jedem unter die Nase gerieben werden kann, sobald die Frage nach der Namenswahl für den Sprößling kommt. Auf Verirrungen wie Angelina Julie Schmidt wird man in diesen Kreisen eher nicht stoßen.
  • Kultur. Man geht selten ins Kino, erzählt allen, man habe keine Zeit zum Fernsehen und trifft sich mit der High Society des gewählten Wohn oder Arbeitsortes im Theater. Dort hält man eisern durch, egal wie grottenschlecht die unterbezahlten Schauspieler sind oder wie neuzeitlich auch immer die Faust-Inszenierung sein mag. Es geht nicht um das sehen, sondern um das Gesehenwerden. Sekunderär Gewinn ist dabei die Tatsache, dass man in der nächsten Visite alle damit unterhalten kann, wie gut / schlecht  die Vorstellung war und wen man dort gesehen hat.

Das war jetzt sicherlich nicht vollständig, aber eben auch nur ein Crash-Kurs. Wer also in die höheren akademischen Sphären will, der sollte sich beizeiten informieren, wie er zu diesem gewissen Understatement kommt. Von Vorteil ist es dabei, von Beruf einfach Sohn eines Chefarztes zu sein. Der Rest ergibt sich von allein.

Auf Fragen wie „Wie halte ich als Oberarzt das Besteck im Restaurant?“ „Darf ich als Oberarzt auf Behindertenparkplätzen parken?“ „Kriegt man immer die besten Plätze im Kino / Restaurant / Theater, wenn man im Kittel kommt?“ gehe ich auf Wunsch gerne ein anderes Mal ein.





Berufliche Alternativen für Ärzte, die keine Ärzte mehr sein wollen oder Medizinstudenten, die keine Ärzte mehr werden wollen

28 01 2008

Töpfer*

Filmregisseur oder Filmproduzent*

Drehbuchautor*

Opernsängerin*

Musiker*

IT-Mensch in der Systemadministration

Auswanderer

Dr.Bob im Dschungelcamp

Tagesschau-Sprecherin*

Gesundheitssendungs-Moderator*

Comedian*

Buchautor*

Politiker*

Verwaltungsdirektor im Krankenhaus

LKW-Fahrer*

Tauchlehrer

Taxifahrer

Schauspieler**

Tulpenzüchter in Holland***

Weitere Vorschläge?

* gibts wirklich, kann ich durch Beispiele / Namen belegen

** Vorschlag von F.

*** Vorschlag von M.M.





Die Heckenschützenkreissägenantipathie

28 01 2008

Sie ist so falsch, dass sogar die dritten Zähne der Patienten echter sind. Sie ist so hinterhältig, dass ein Heckenschütze ein aufrechter Mann sein könnte. Wenn sie ihre Stimme benutzt, fallen woanders Glasscheiben zusammen. Ihr Lächeln macht mich aggressiv, denn ich weiß genau, welches Spiel sie spielt. Die PJler weinen, weil sie nicht wechseln im Tertial. Die Famulanten stehen verschüchtert in der Gegend umher. Sie hat das Superfahrrad erfunden. So toll kann keiner nach oben buckeln und nach unten treten. Großkotzig posaunt sie Dinge heraus, die andere geschaffen / herausgefunden / festgestellt haben und gibt sie als ihre Leistung aus. Natürlich wenn die anderen nicht dabei sind. Ihre Fehler schiebt sie anderen in die Schuhe und erfährt Rückendeckung wenn jemand anderes es aufdeckt. Sie ist unantastbar. Sie bekommt, was sie will, kriegt Urlaub, wann sie will. Ihr Gejammer über die vielen Dienste ist schlimmer als das von zweitausend italienischen Fußballern zusammen. Andere haben ein Drittel mehr Dienste als sie. Aber sie schafft es sogar, sich zu drücken, wenn jemand ausfällt, und niemand darf was sagen. Außer er ist scharf auf mehrere Tage Spießrutenlaufen, gestrichenen Urlaub etc. Sie ist nicht die Königin der Herzen, nein, sie ist die Kaiserin der Unkollegialität. Sie hat ein, zwei Kollegen, die mit ihr ein Herz und eine Seele sind. Sobald sie weg ist, tönt es anders. Aber keine Sorge, das schlägt sofort wieder um, wenn sie da ist. Wahre Freunde hat sie nicht. Sie sorgt dafür, dass Kollegen der Urlaub gestrichen wird. Sie sorgt dafür, dass aus einer Woche Urlaub 5 einzelne Urlaubstage in diversen verschiedenen Wochen werden. Sie geht pünktlich nach dem Dienst nach Hause. Wenn andere das tun, zerreißt sie sich ihr Schandmaul und sorgt dafür, dass diese angezählt werden dafür, dass sie nur 1 Stunde gegen das deutsche Arbeitszeitgesetz verstoßen haben. Sie benutzt PJler, um zu zeigen, wie überlegen sie ist.

Und die, die das alles merken und wissen und sich tatsächlich wagen, ihre unbedeutende Stimme zu erheben, die werden von ihren Gönnern gleichsam kaltgestellt. La familia hält zusammen…

Manchmal wenn ich Krimis sehe, krieg ich Fantasien. Auch das Dschungel-Camp ließ meine Ideen sprießen. Leider gibts in Deutschland weder gefährliche Skorpione noch Schlangen. Und 40000 Kakerlaken und ein Glassarg sind auch schwer zu bestellen bei amazon. Aber die Nummer mit dem Auto im See hatte was erfrischend reales.

Ja, ich kann sie einfach nicht leiden. Keine Balint-Gruppe der Welt wird daran was ändern.

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PS: Das Schlimme an dieser Welt ist: Es gibt überall eine Heckenschützenkreissäge. Jeder kennt so jemanden. Sie sind einfach da und man wird sie nicht los.





Die Alkoholintox-Gedächtnis-Liste

11 01 2008

So, ich hatte dann mal wieder die Faxen dicke, nachdem Mr. C2 um 3.30 Uhr lallend ins Waschbecken der Notaufnahme pinkelte. Es is mir auch nicht so ganz klar, warum die Ehefrau den KV-Dienst rief, wo sie das Phänomen „saufen bis man nicht mehr sprechen kann“ bereits kannte und er ständig unter Stoff stehen muss, weils ohne nicht mehr geht. Doch eigentlich ist es mir klar: sowas neben sich im Bett liegen zu haben, nein, das muss man echt nicht haben. Ja, da lag Mr. C2 dann auf der Trage, Gitter hoch, Ente (ich meine die Pinkelente) im Arm, in ruhigen Atemzügen schlafend, als Assistenzarzt wenigstens 3 Worte mit ihm wechseln musste. Fazit: Ansprechbar, antwortet, hat vor lauter Sorgen gesoffen, aber die sind gute Schwimmer und ließen sich nicht im Schnaps ertränken (er versuchts trotzdem jeden Tag), wollte schlafen, kardiopulmonal stabil, stinkt. Also lassen wir Mr. C2 schlafend stinken mit der Drohung ihn auf die nächste Parkbank zu verfrachten falls er nochmal die Sanitärkeramik zweckentfremdet. Eine Stunde später wollte er lallend und schlaftrunken Distraneurin haben. Gibbet nich bei 2,9 Promille und schlafen, aber ich kann gerne die Ehefrau anrufen zum abholen und zuhause weiterschlafen / – saufen? Nö, die Olle will er jez nich sehn.

Zu Ehren aller Mr.C2 dieser Welt – sponsored by Anheuser Busch, Becks und all den anderen cervisierenden Herstellern sowie den meisternden Jägern, Feiglingen, Kornen, Klaren und anderen spirituellen Geisterproduzenten – schlage ich vor, eine Alkoholintox-Gedächtnis-Liste zu beginnen, weil ich weiß, dass in etlichen Rettungswachen bereits eine Top-Scorer-Liste geführt wird. Maßgebend sind hier aber nicht nur die schnöden Zahlen sondern auch „Begleitumstände“.

Waschbeckenpinkeln plus 10 Zusatzpunkte,

aus der Blumenvase trinken 15 Zusatzpunkte,

alles vollkotzen macht 10 Punkte Abzug,

das Desinfektionsmittel aus dem Spender trinken wollen plus 5 Punkte,

rumheulen über den Weltschmerz minus 5 Punkte,

stinken nach Katzenpipi minus 10 Punkte,

stinken nach Katzenpipi und Kamelpups minus 20 Punkte,

das Personal um „nen kleinen Schnäppi“ anbetteln plus 10 Punkte,

unter 20 Jahren sein plus 10 Punkte,

sich von Mutti abholen lassen müssen plus 20 Punkte,

sich anschließend über die nasse Hose zwischen den Beinen beschweren minus 5 Punkte,

auf dem Flur an bestimmten Dingen südlich des Bauchnabels manipulieren minus 10 Punkte,

ständig dem Pfleger auf den Hintern langen wollen plus 10 Punkte,

staunend erkennen dass es gar keine Schwester ist plus 20 Punkte…

Somit hätten wir bei Mr. C2 des Tages 2,9 Promille plus 10 Zusatzpunkte. Durchschnitt würde ich sagen.

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14.01.08 – Ergänzung der Liste:

das Personal permanent versuchen anzufassen minus 5 Punkte,

das Personal konsequent duzen und mit Kumpel anreden plus 5 Punkte,

den Sicherheitsmann mit Boxeinlagen beglücken minus 10 Punkte,

überall leicht wankend umherlaufen und zu jedem sagen „Eh duhu, komma heher“ plus 5 Punkte

sich über jede Anweisung des Personals hinwegsetzen minus 15 Punkte

in den Aufenthaltsraum des Personals gehen minus 20 Punkte

auf Anregung von Hypnosekröte:

sich im Untersuchungszimmer eine Kippe anstecken minus 5 Punkte

sich im Untersuchungszimmer einen Joint anstecken minus 15 Punkte

Aufgrund zahlreicher weiterer Vorschläge von rettungsblogger.de und Hypnosekröte und eigener Erfahrungen erfolgt am 17.01.08 eine erneute Erweiterung der Liste:

mit offenen Verletzungen durch die Notaufnahme toben und alles vollbluten minus 20 Punkte

an den Reanimationswagen pinkeln minus 20 Punkte

IN den Reanimationswagen pinkeln minus 50 Punkte (und eine Defi-Entladung gratis)

dem PJ einen Underberg anbieten plus 1 Punkt

der Schwester einen Underberg anbieten plus 5 Punkte

dem Arzt / Ärztin einen Underberg anbieten plus 10 Punkte

dem zufällig reinschauenden Chefarzt einen Underberg anbieten plus 30 Punkte

die Welt jeden Tag neu entdecken, negatives einfach vergessen und Sympathien neu erobern dank Korsakow-Syndrom plus 20 Punkte

für die Entgiftung die exakt notwendige Dosis des Distraneurins vorhersagen plus 15 Punkte

den Pfleger anbetteln „och Süßer gib mir doch nen Kuss oder magst du mich nicht“ minus 10 Punkte

Gemeinschaftssinn entwickeln und zuhause nicht alleine saufen dank gleichgeartetem Lebenspartner plus 5 Punkte

sich vom Lebenspartner mit Nachschub versorgen lassen im Krankenhaus (spart Distraneurin, Halo und Haemiton) plus 15 Punkte

die leeren Piccolo-Flaschen im Treppenhaus stehen lassen minus 5 Punkte

Alkoholabusus in der Schwangerschaft minus 50 Punkte

stinken nach Aschenbecher und Köhlerhof minus 5 Punkte

stinken nach saurem Mageninhalt minus 30 Punkte

im Krankenhaus im Doppelzimmer auf der / dem C2-abhängigen Lebensgefährten/in liegen und Tätigkeiten zur Arterhaltung nachgehen minus 20 Punkte

nichtmal aufhören wenn das Personal reinkommt minus 30 Punkte

den Arzt warnen, dass im Entzug stets epileptische Anfälle auftreten plus 10 Punkte

den Leitsatz „Bier ist kein Alkohol“ zur Beantwortung der Frage „Sie haben also sehr viel Alkohol getrunken heute abend?“ wählen plus 2 Punkte

ein T-Shirt mit der Aufschrift „Bier formte diesen Körper“ tragen plus 20 Punkte